Besonders hart trifft die Pandemie die Chöre. Die Gesangskultur kämpft auch in Bergisch Gladbach mit kreativen Lösungen um’s Überleben – mit unterschiedlichem Erfolg.

Chöre haben es in Corona-Zeiten besonders schwer: sie müssen beim Proben extra großen Abstand halten, da das Singen die Ausbreitung des Virus begünstigt. Singen unter freiem Himmel und mit Abstand zueinander ist alles andere als einfach. Zudem stehen den Chören oft keine Räume zur Verfügung, die groß genug sind, sodass sie die Corona-Regeln einhalten können.

Deshalb müssen sie kreativ werden. Wir haben in Schulen, Kirchen und beim Konzertchor nachgeschaut, wie die Sänger:innen damit zurecht kommen.

Kirchenchor St. Nikolaus, Bensberg

Ludwig Goßner leitet den Bensberger Kirchenchor mit vier verschiedenen Chören: dem Spatzenchor, der ,,Gruppe 2“, dem Jugendchor und dem Erwachsenenchor.

Im Mai hat Ludwig Goßner die Arbeit mit dem Erwachsenenchor wieder aufgenommen. Natürlich war das gemeinsame Proben mit den 80 Sängern nicht möglich, berichtet er im Gespräch. Aber der Dirigent hat eine kreative Lösung gefunden: jeweils ein Chormitglied aus jeder Stimme hat die Stücke eingesungen, die dann den anderen zugeschickt wurden – zum Üben für zu Hause.

Den nächsten Schritt machten Stimmproben, die Sänger singen in kleinen Gruppen wieder zusammen. Allerdings bringen die Stimmproben die Arbeit langfristig auch nicht weiter; die Mehrstimmigkeit ist jetzt gefragt.

Nach den Sommerferien hat Ludwig Goßner deshalb Proben mit jeweils 4 oder 8 Sängern ins Leben gerufen. Es tat den Mitgliedern gut, sich wiederzusehen – ein Chor ist schließlich für soziale Bedürfnisse sehr wertvoll.

Auch in Gottesdiensten ist der Erwachsenenchor von Zeit zu Zeit wieder präsent und darf einen Teil seines Repertoires vorstellen. Jedoch kommen von den 80 Chormitgliedern momentan wegen des Virus nur etwa 50 zu den Proben.

Obwohl die Proben gut laufen, bleibt trotzdem eine Unsicherheit: ,,Das Blöde ist: du probst und probst und hast keine Ahnung, ob du es auch irgendwann aufführen kannst”, erklärt Ludwig Goßner. Es ist kein konkretes Ziel, keinen Konzerttermin in Sicht.

Den Jugendchor hat Ludwig Goßner für die Proben in zwei Gruppen aufgeteilt, die jede Woche neu besetzt sind und im Treffpunkt in Bensberg zusammenkommen.

Am letzten Wochenende hat Ludwig den Jugendchor zu einem Probenwochenende mitgenomen. Der Probenraum des Hotels bot genug Platz, um mit dem notwendigen Abstand mit allen 26 Teilnehmern zu singen.

Die Gruppe 2 ist in eine Jungs- und eine Mädchengruppe aufgeteilt. Die beiden Gruppen können bisher – natürlich mit deutlich mehr Abstand, ansonsten aber wie gewohnt proben.

Allein mit dem Spatzenchor hat der Dirigent die Proben noch nicht wieder aufgenommen.

DBG und NCG

Schwierig ist auch die Chorarbeit in den weiterführenden Schulen – in vielen von ihnen ruht sie seit Monaten.

Im Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium kann man normalerweise in der 11. Klasse (Q1) einen Vokalpraktischen Kurs wählen. Im Chor zu singen wird somit zu einem Fach, zwei Konzerte soll dieser Kurs mitgestalten. Aber dieses Jahr gibt es auch den vokalpraktischen Kurs – und damit den Oberstufenchor – nicht.

Auch die Unter- und Mittelstufenchöre finden mindestens in diesem Halbjahr am DBG nicht statt.

,,An Aufführungen ist sowieso nicht zu denken”, sagt Musiklehrerin Elisabeth Schenke, die schon oft die Chöre geleitet hat. ,,Wir dürfen ja noch nicht einmal im Unterricht das ein oder andere Lied singen. Das ist wirklich ein doofer Musikunterricht.”

Ähnlich ist das Bild im Nicolaus-Cusanus-Gymnasium; wenigstens bis zu den Herbstferien ruhe der Chorbetrieb komplett, berichtet der stellvertretende Schulleiter Jörg Schmitter.

Der Konzertchor bei einem Auftritt in der Kirche zum Heilsbrunnen Anfang 2020

Konzertchor Bergisch Gladbach

Knapp 50 der 65 Mitglieder des Konzertchors Bergisch Gladbach proben im Moment für ihr nächstes Konzert am 3. Oktober. Unter der Leitung von Tanja Heesen möchten die Sänger zum Anlass des 100-jährigen Todestages von Max Bruch Stücke von diesem Komponisten aufführen.

Statt Aufnahmen zu verschicken, hatte der Chor nach ein paar Wochen Probenstopp am Anfang der Corona-Zeit angefangen, über Zoom zu proben.

,,Natürlich ist das kein Ersatz für Live-Proben – eher ein Am-Leben-Erhalten”, erklärte Sonja Condon, die Vorstandsvorsitzende des Konzertchors. Außerdem seien die Zoom-Proben auf Dauer für die Stimme nicht gesund. Niemand könne die Sänger korrigieren, die zur Chaosvermeidung alle ihr Mikrofon stumm geschaltet hatten und ungehört übten.

Seit die Corona-Auflagen es zulassen, probt der Chor wieder ,,live”. In Zehnergruppen trafen sich die Sänger mit viel Abstand in einem privaten Garten.

Nach einem erneuten Probenstopp in den Sommerferien treffen sich die Sänger jetzt im Freien in zwei Gruppen mit jeweils maximal 25 Mitgliedern, damit alle wöchentlich proben können.

Für die kalte Jahreszeit hofft der Chor, in einer Kirche proben zu dürfen, denn die Schulen stellen ihre Räumlichkeiten für externe Gruppen nicht zur Verfügung. Auch der Probenraum auf dem Zanders-Werksgelände, den der Chor vor der Pandemie genutzt hat, bleibt verschlossen.

Sonja Condon ruft die Stadt auf, die Kultur nicht zu vergessen. Die Chöre seien schon superkreativ, die Situation zu lösen – aber es wäre super, wieder in Schulhallen proben zu können.

Das Konzert am 3. Oktober soll an der frischen Luft, entlang des Max-Bruch-Wanderwegs, stattfinden. Zwei Wandergruppen sollen zu verschiedenen Stationen geführt werden, an denen jeweils eine Chorgruppe Stücke von Max Bruch präsentiert. Auf dem Weg sollen die Konzertbesucher verschiedene Stationen im Leben des Komponisten kennenlernen.

Dieses Konzert werde eine besondere Herausforderung für den Laienchor, der normalerweise mit 65 Leuten auf engem Raum in der Kirche singt, sich jetzt aber an das Singen im Freien und mit sehr viel Abstand gewöhnen müsse. Akustisch sei das etwas ganz Anderes, sagte Sonja Condon.

Ein Auftritt der QuirlSingers in der Kirche zum Frieden Gottes 2016

QuirlSingers

Auch bei den QuirlSingers der Evangelischen Kirchengemeinde proben von ca. 40 Chormitgliedern im Moment nur 15 bis 20. Ende Mai startete Chorleiterin Susanne Rohland-Stahlke Proben im Freien mit corona-konformer Dokumentation.

Problematisch ist wie für den Konzertchor, dass das gegenseitige Hören erschwert wird und man nicht wirklich an den Feinheiten arbeiten kann. Doch daraus ergibt sich auch ein Vorteil: die Sänger werden souveräner dadurch, dass sie auf sich allein gestellt sind.

Konzerttermine gibt es noch nicht, aber ein Weihnachtskonzert soll stattfinden. Auch die Veranstaltungen zum 25. Geburtstag des Chores mussten abgesagtg werden.

Langfristige Planung sei in dieser Situation nicht möglich, sagte Susanne Rohland-Stahlke. Aktuell wirkt der Chor wieder viel in Gottesdiensten mit – viele finden im Freien statt.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

1 Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Wir im Kreachor in Refrath singen auch wieder – natürlich auch mit gebührendem Abstand und auch ich empfinde das als gewöhnungsbedürftig.

    Aber wir singen wieder! Und das mit neuer Motivation! Da wir zudem eine neue, nette und kompetente Chorleiterin haben, für die ich wieder mit gutem Gewissen werben kann.

    Was auch nötig ist, denn wir würden uns über neue MitsängerInnen freuen – ganz besonders auch über Männerstimmen. Da wir im Laufe mehrer vorhergegangener Chorleiterwechsel zahlreiche und vor Allem alle unsere Männerstimmen – bis auf eine – verloren haben.

    Wir singen zur Zeit im Bürgerhaus in der Steinbreche – statt in der Krea – sicher wäre eine ähnliche Lösung auch für den ein oder anderen anderen Chor eine Lösung, da es ja in vielen Räumen für größere Veranstaltungen zur Zeit zu Lehrstand kommen dürfte.