Am Montag starten in NRW die Schulen neu in den Präsenzunterricht – zunächst die Primarstufe sowie die Abschlussklassen. Die konkrete Umsetzung haben die Schuleiter:innen in der Hand. Entsprechend variantenreich sind die Modelle, die in den Schulen in Bergisch Gladbach zum Zuge kommen. Gefordert ist einmal mehr ein hohes Maß an „Frustrationstoleranz“, bei Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen.

Pro Schule ein etwas anderes Öffnungsmodell: So lassen sich die Planungen zusammenfassen. Während einige Schule auf die komplette Präsenz der Schüler:innen der Abschlussklassen setzen plant die nächste mit wechselnden Klassen vor Ort. Eine weitere mischt Präsenz- und Distanzunterricht zu einer Hybridform. Eine Schule plant gar einen Mix aus Präsenz- und Wechselmodell.

Personelle Ressourcen, Infrastruktur, aber auch Erfahrungen von Lehrern und Schülern fließen in die Organisation der Schulöffnung ein, die ab dem 22. Februar zunächst die Primarstufe sowie Abschlussklassen umfasst.

Das Bürgerportal hat bei allen Schularten angefragt, bislang haben nur Berufsschulen und Gymnasien geantwortet. Die Antworten liefern dennoch einen guten ersten Eindruck, vor welchen Herausforderungen Schulen, Eltern und Schüler:innen in der Pandemie immer wieder stehen. Und mit welchen Problemem die Schuleiter:innen zu kämpfen haben: Noch immer, oder weil sie sich aus der scheibchenweisen Öffnung neu ergeben.

Grundschulen

Die angefragten Grundschulen haben sich auf die Anfrage des Bürgerportals nicht zum Stand der Planungen geäußert. Zumindest von der GGS Heidkamp berichten Eltern, dass dort ein Wechselmodell gefahren werden soll. Die Klassen sind halbiert, die erste Gruppe startet Montag mit dem Präsenztag, die zweite Dienstag. Gruppen, die keinen Präsenztag haben, erhalten Aufgaben für den Distanzunterricht zuhause.

Abschlussklassen

Am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium (DBG) wird Wechselunterricht angeboten: Eine Woche ist die Jahrgangsstufe 11 (Q1) vor Ort, in der darauffolgenden Woche die Stufe 12 (Q2). „Damit können wir mehr Räume nutzen, haben weniger Kolleg:innen in der Schule, können den Digitalunterricht weitgehend aufrecht halten”, erklärt Schulleiter Frank Bäcker.

Komplizierter gestaltet es sich am Berufskolleg Kaufmännische Schulen (BKSB). Die Abschlussklassen im dualen System werden dort auf je zwei feste Gruppen gesplittet und in verschiedene Räume aufgeteilt. Bei allen übrigen Klassen arbeitet man nach dem Wechselmodell. „Insgesamt haben wir somit 20 Klassen in der Schule. Im kompletten Distanzunterricht verbleiben 25 Klassen”, schildert Schulleiterin Nicole Schuffert.

Dabei unterrichtet die BKSB nach dem Stundenplan. Die Konzentration auf Prüfungsfächer sei organisatorisch nicht machbar und würde die entsprechenden Lehrer:innen noch weiter belasten, so Schuffert.

2o Klassen starten am 22. Februar am BKSB, 25 bleiben im Distanzunterricht

Am Albertus-Magnus-Gymnasium (AMG) in Bensberg beginnt der Montag für Schüler:innen von Q1 und Q2 im Präsenzunterricht. „Die Kurse werden je nach Größe der Lerngruppe und der verfügbaren Räume geteilt, so dass Abstände gehalten werden können”, sagt Schulleiter Rolf Faymonville. Da alle Fächer prüfungsrelevant seien, würde Unterricht nach Plan erfolgen.

Auch das Gymnasium Herkenrath werde den Präsenzunterricht für Q1 und Q2 in vollem Umfang anbieten, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Romina Matthes. Große Lerngruppen würden geteilt, personell sei man gut aufgestellt, zudem unterstütze die Realschule bei den Räumlichkeiten. So sei die optimale Vorbereitung der Abiturient:innen möglich.

In einem Mischmodell geht man am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium (NCG) vor. Zwar wollte man hier zunächst alle Schüler:innen von Q1 und Q2 zurück in den Präsenzunterricht holen. „Nach intensiver Diskussion auf allen Ebenen der Schulgemeinschaft haben wir unser Modell dann aber angepasst. Ab der kommenden Woche nehmen alle Schüler:innen der beiden Jahrgänge zunächst nur in den Doppelstunden der Oberstufenkurse am Präsenzunterricht teil“, schildert Jörg Schmitter, stellvertretender Schulleiter am NCG.

Einzelstunden würden darüber hinaus per Distanzunterricht realisiert. Dies würde auch einen gestaffelten Unterrichtsbeginn ermöglichen. Zudem sei der Distanzunterricht in den anderen Jahrgangsstufen so einfacher möglich, heißt es am NCG. Da Nicht-Abiturfächer auch in die Abiturnote einfließen würden, sei Unterricht nach Plan vorgesehen.

Auch am Otto-Hahn-Gymnaisum (OHG) in Bensberg startet man im Präsenzunterricht für Q1 und Q2. Beide Jahrgangsstufen würden jedoch strikt voneinander getrennt. Für jeden Kurs stünden dazu zwei Räume zur Verfügung, erklärt Schulleiter Karl Josef Sulski. Sollten mehr Schüler:innen an die Schule kommen, müsse man in den Wechselunterricht übergehen.

Aber: „Die inhaltliche Bearbeitung des Unterrichtsstoffs ist nicht das einzige Ziel von Schule. Es geht in hohem Maße auch um das Miteinander und das gesellschaftliche Zusammenwachsen. Dies funktioniert im Distanzunterricht nicht”, macht Sulski klar. Leider erreiche man durch diese Form des Unterrichts nicht alle Schüler in gleichem Maße. Die Präsenz sei also dringend notwendig, sobald es die Pandemie-Situation erlaube.

Sonstige Klassen an weiterführenden Schulen

Der Distanzunterricht für Klassen, die noch nicht für den Präsenzunterricht geöffnet wurde, läuft an allen Schulen weiter wie bisher. Das AMG berichtet von einer Umfrage, die eine hohe Zufriedenheit von Schüler:innen, Lehrer:innen und Eltern mit dem Distanzunterricht zeigt. Mindestens drei Videokonferenzen täglich würden den Tag für die Schüler:innen strukturieren.

Am BKSB bietet man Videokonferenz sowie Aufgaben zum Selbststudium an. Da WLAN für alle in der Schule nicht vorhanden sei, müssten die Lehrer:innen nach dem Präsenzunterricht nach Hause fahren, um von dort mit dem Distanzunterricht weiterzumachen.

Das NCG hat einige Räume für den gleichzeitigen Präsenz- und Distanzunterricht ausgestattet. Gleichwohl sieht die Schule die Notwendigkeit, dass Schüler:innen im Distanzunterricht endlich eine Perspektive bekommen

„Der Distanzunterricht läuft nach gewohntem und gut funktionierendem Modus über Teams mit Stellen von Aufgaben und mindestens einer Videokonferenz pro Woche und Lerngruppe”, sagt Jörg Schmitter vom NCG. Dennoch benötige man wegen Versetzung oder Bewertung eine Perspektive für diese Schüler:innen. Aufgrund der Virusvarianten werde dies aber noch schwierig, so die Einschätzung.

Am Gymnasium Herkenrath würden die Lehrer:innen den Distanzunterricht entweder über neue WLAN-Inseln in der Schule oder aus dem Home-Office stemmen. Stundenplan und knappe Internetressourcen habe man aufeinander abstimmen müssen, um alle Schüler:innen mitzunehmen. „Das Kollegium in Herkenrath trägt diese Mehrbelastung im Interesse unserer Schüler mit”, freut sich Schulleiterin Romina Matthes.

Auch am OHG gibt es einen Wechsel aus Videokonferenzen und Selbststudium. Karl Josef Sulski begrüßt ausdrücklich, dass mittlere Jahrgangsstufen noch nicht zum Präsenzunterricht zugelassen sind. So entstehe kein Öffnungswettbewerb zwischen den Schulen, der angesichts der Infektionslage kontraproduktiv wäre. Aber: „Aus rein pädagogischer Sicht bedauern wir sehr, dass gerade die Kleinen nicht in die Schule kommen können. Kinder benötigen sowohl für das Lernen als auch für ihre individuelle Entwicklung eine soziale Umgebung mit anderen Kindern.“

Lob und Tadel

Fehlende Breitbandanschlüsse sind nach wie vor ein Hemnis im Schulalltag. Das macht gerade die Fortsetzung des Distanzunterrichts bei den Jahrgängen deutlich, die noch nicht zum Präsenzunterricht zugelassen sind. Mittelfristig wird es hier durch den Glasfaseranschluss fast aller Schulen Besserung geben. Schnelles Internet wird indes schon jetzt benötigt.

Speziell am BKSB habe man Lösungen mit mobilen WLAN-Modulen gefunden. Der Träger hätte diese auch zur Verfügung gestellt. Jedoch beharre der Anbieter auf seinem Geschäftsmodell mit 24-Monatsverträgen, so dass die technisch attraktive Lösung aus Kostengründen nicht infrage gekommen ist.

Kein Verständnis gibt es für Stimmen aus der Politik, die aktuell eine Konzentration auf Kernfächer fordern: In jedem Kurs seien Schüler:innen, die dort ihr Abitur schreiben, daher müssten alle Fächer angeboten werden, heißt es am AMG. „Das wird leider von nicht ganz so kundigen Politikern oft anders dargestellt und wohlfeile Forderungen nach Erleichterungen aufgestellt, die dem Anspruch und Wunsch unserer Schüler, ein vollwertiges Abitur zu machen, diametral entgegenstehen”, macht Rolf Faymonville vom AMG deutlich. Von einem falschen Signal spricht in diesem Zusammenhang auf Karl Josef Sulski vom OHG.

Quadratur des Kreises

Frank Bäcker vom DBG stellt die Rückkehr zum Präsenzunterricht in der aktuellen Form grundsätzlich infrage: „Nur Präsenz oder nur Digital ist einfach und funktioniert gut, gemischt wird es zu einer Quadratur des Kreises: Der Digitalunterricht der Stufen 5 bis 10 muss qualitativ hochwertig und strukturiert laufen, gleichzeitig müssen Kolleg:innen in der Schule vor Ort unterrichten, nach dem Präsenzunterricht eigentlich aber wieder pünktlich in der nächsten Videokonferenz sitzen und das geht nicht aus der Schule heraus, da wir noch immer nicht über ein leistungsfähiges Internet verfügen.”

Immerhin: Die FFP2-Masken sind in den Schulen angekommen

Die stete Neuorganisation des Unterrichts in der Pandemie ist vor allem für Schulen mit vielen Klassen und stark differenzierten Klassen/Abschlussmodellen eine Herausforderung. „Die Vorlaufzeit ist immer sehr kurz. Meist erhalten wir freitags die Vorgaben für eine Umsetzung in der kommenden Woche”, sagt Nicole Schuffert vom BKSB. Die Leitung sei stark gefordert, sie sei stolz auf die Leistung des Kollegiums. Die soziale Ansprache der Schüler:innen sei indes schwierig, einige würden einfach fehlen.

Fehlende personelle Ressourcen sowie die starke psychische Belastung werden immer wieder bei den Schulen als Problem genannt. Gute Konzepte würden durch widerstreitende Vorgaben oft in der Tonne landen, erklärt Rolf Faymonville vom AMG. Lehrer:innen würden eine hohe „Frustrationstoleranz” benötigen.

„Wünschenswert wäre, wenn man die Schulen mal eine ganze Zeit lang nach den bewährten Modellen arbeiten ließe, statt den Eindruck zu vermitteln, dass nach Meinungsumfragen immer wieder in Aktionismus oder Wahlkampfmodus verfallen wird”, sagt Faymonville.

Lob für die Zusammenarbeit vor Ort

Lobend erwähnt wird in der Regel die gute Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung als Schulträger sowie dem Gesundheitsamt. Die FFP2-Masken seien angekommen, die regelmäßigen Schnelltests würden gut laufen und durchgehend angenommen.

Die Kommunikation mit anderen Schulen, aber auch untereinander zwischen Schüler:innen, Lehrer:innen und mit den Eltern würde Kraft geben, um „nicht den Kopf in den Sand zu stecken”, formuliert es Jörg Schmitter vom NCG.

Der (Re)Start der Schulen läuft. Die Stimmen zeigen aber auch, wie komplex und fordernd die Anpassung der Beschulung an die laufende Pandemie ist. Gleiches gilt für die Eltern. Wer mehrere Kinder auf verschiedenen Schulen hat, steht ab Montag wieder vor einer logistischen Herausforderung.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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