Unser Autor Engelbert M. Müller stellt den sechsten kleinen Bruder der Strunde vor, den Selbach. Dabei erinnerte er daran, dass Quellen in der Antike ein Ort der Heilung und Opfergaben waren. Es ist nicht bekannt, ob dem Selbach jemals eine solche Bedeutung zukam. Aber auch so lädt die reizvolle bergische Landschaft zum Wandern ein.

Was hat der Selbach mit den griechischen Göttern zu tun? Schauen wir uns zuerst einmal das Quellgebiet an! Dann komme ich darauf zurück.

Ich kannte den Selbach und hatte einen Teil seines Verlaufs in „Emailhimmel über Wüstenherscheid“ dargestellt. Ungefähr meinte ich zu wissen, wo in Oberselbach, im nordöstlichsten Zipfel von Bergisch Gladbach sich die Quelle befinden musste. Nun wollte ich es aber genau wissen. Und was fand ich?

Bemooste Baumstämme auf dem herbstlichen Blätterboden, abgestorbene Stämme mit steinharten Zunderschwämmen, die wie Treppenstufen wirkten, Brücken über steile Schluchten, über die nie jemand gehen würde.

Auch hier sah man auf der Karte (Geoportal Bergisch Gladbach) wieder ein „Delta rückwärts“ oder eine Hand, deren Finger hier nach links zeigen. In welchem Finger sich die Quelle oder die Quellen befinden, kann man nicht wissen. Vielleicht ändern die Quellen ja auch ihren Ursprungsort.

An einer Stelle hatte ein menschlicher Eingriff in Form eines Kanalrohrs eine Regelung versucht. Mittlerweile war aber alles von der Natur, wahrscheinlich durch heftige Regenfälle, wieder rückgängig gemacht worden.

Nach einer sumpfigen Stelle mit viel Grün erblickte ich schließlich die ersten Zeichen des Wasserlaufs.

Oberhalb und unterhalb eine stille, urige Landschaft, an der sogar ein Wanderweg mit der Nummer 7, vorbeiführt.

Und nun zu den griechischen Göttern: Vor ein paar Jahren unternahmen meine Frau und ich eine Wanderung ins Gebirge an der kretischen Südküste. Wir gelangten zu einem uralten Heiligtum neben einer Quelle. Aktuell wanderten dort immer noch Wallfahrer zum Heiligtum des Heiligen Johannes.

Neben der Kapelle sahen wir zu unserem Erstaunen eine Menge von Krücken und Votivgaben. Sie sollten von wunderbaren Heilungen der Gläubigen zeugen. Neben der gefassten Quelle erinnerte eine Tafel an Funde aus der griechischen Antike. Von vor 3000 Jahren! Schon damals wurden hier in der Wildnis Götter verehrt. Zum Beispiel Hermes, der manchmal auch als Quellgott gesehen wurde.

Egal, wie man zu Religion, Göttern, Heiligen und Wunderheilungen steht, eins zeigte uns dieser Ort: Die Verehrung von Quellen, Ehrfurcht vor der Natur und die Überzeugung, dass dies mit der Gesundheit der Menschen etwas zu tun hat.

Und vielleicht ist das die Lehre für uns heute. Wir sollten aufhören mit der Zerstörung von Natur, versuchen, etwas von der Zerstörung rückgängig zu machen und so damit aufhören, den Ast abzusägen, auf dem wir selber sitzen. Die Folgen dieses Verhaltens werden uns durch Trockenheit, Sterben der Wälder und ungewohnte Überschwemmungen drastisch vorgeführt. Zusätzlich ist da auch noch die Schönheit, die von solchen Orten ausstrahlt!

Nun könnte man das alles für utopische romantische Fantasien des Autors halten. Ein Blick in den „Quelltypenatlas von Rheinland-Pfalz“ (aus dem Jahre 2002) zeigt uns jedoch, dass hier durchaus Verbindungen zu Gedanken von modernen Wissenschaftlern auszumachen sind. Dort heißt es nämlich:

„ …. finden Quellen erst seit etwa einem Jahrzehnt größeres Interesse. Die Quellen gehören mittlerweile zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen Deutschlands. Eine in den letzten Jahren in Rheinland-Pfalz durchgeführte Kartierung hat ergeben, dass sich nur noch ca. 15 Prozent in einem naturnahen Zustand befinden. Wie bei den Gewässerläufen ist es das Ziel, dass die Quellen wieder möglichst umfangreich ihre Funktionen im Naturhaushalt erfüllen können. Dies erfordert – wie bei den Bächen und Flüssen – eine Wiederherstellung natürlicher Strukturen. Da die Nutzung von Quellen als Trinkwasserlieferanten mehr und mehr zurückgeht, bietet sich heute die Chance, viele Quellen in einen naturnäheren Zustand zu versetzen“.

Wir können uns also freuen, wenn sich auf Gladbacher Boden noch solche naturnahen Landschaftsteile finden und sollten sie schützen und ausbauen.

Ein Stück weiter auf dem Weg nach Oberselbach kommt man an Anglerteichen vorbei, neben denen manchmal Rehe zu sehen sind.

Dann muss man eine kurze Wegstrecke auf die Straße ausweichen und sieht neben dem Bach diese zottigen Hochlandrinder. Sie stammen zwar nicht von hier, sind aber problemlos an unsere hiesigen Wiesen angepasst.

Anders ist es mit den Pflanzen, die die Mündung des Selbachs in den Dürschbach verdecken, dem schön blühenden Drüsigen Springkraut. Es wird als „invasiver Neophyt“ bezeichnet, da diese Spezies nicht von hier, sondern aus Indien stammt und den anderen Pflanzen bei uns große Probleme bereitet, indem es sie verdrängt.

Schönheit alleine muss also noch keine Berechtigung sein. Damit ich nicht falsch verstanden werde, es handelt sich um eine andere Art, aus einem anderen biologischen Zusammenhang. Nicht um Menschen, die bekanntlich alle zu einer einzigen Art gehören und deshalb auf der ganzen Welt zu Hause sein können.

Der Selbach mündet bei Oberselbach also in den Dürschbach, der wiederum in die Sülz. Auch der Selbach ist also kein kleiner Bruder der Strunde, sondern ein Vetter, wenn man so will.

Oberselbach ist ein winziger Ort, der an der Stadtgrenze von Bergisch Gladbach liegt. Er wurde schon 1392 urkundlich erwähnt, mit dem Namen „Seylbach“, östlich von Wüstenherscheid. Die indogermanische Silbe „Sel“ weist auf eine wasser- und sumpfreiche Landschaft hin. So entnahm ich es einer Tafel der „Dorfgemeinschaft Oberselbach“, die am Ortseingang aufgestellt ist.

2017 erschien im Stadtanzeiger dieser Artikel über das Jubiläum des alten Ortes.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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3 Kommentare

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  1. Wieder ein sehr stimmungsvoller und informativer Beitrag! Herzlichen Dank dafür!

  2. Selbach gibt’s auch in Odenthal nördlich vom Friedhof.Hier gibt’s aber keinen Bach,da am Hang gelegen…

  3. Die indogermanische Silbe „Sel“ weist auf eine wasser- und sumpfreiche Landschaft hin. So entnahm ich es einer Tafel der „Dorfgemeinschaft Oberselbach“, die am Ortseingang aufgestellt ist.
    Das wusste ich nicht. Aber es scheint so zu sein. Schließlich heißt der Ort ,wo die Nahe entspringt, die bei Bingen in den Rhein mündet auch Selbach. Dieses Selbach liegt im nördlichen Saarland im Kreis St. Wendel.