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Auf dem Dach des Bergischen Löwen hat Gerd J. Pohl das 25-jährige Jubiläum seiner eigenen Faust-Fassung gefeiert. Vor ausgebuchtem Haus, einem begeisterten Publikum, im Rahmen des Kultursommers. Mit Spiel- und Sprachwitz entfaltete er einen wunderbaren Sog hinein in den Fauststoff, der schon seit Jahrhunderten die Gemüter erregt.

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Die Geburtstags-Inszenierung von Pohls Faust erfolgt mit einem Jahr Verspätung. Mitten in der Pandemie war nicht an eine Aufführung zu denken. Nun konnte Gerd J. Pohl das Stück endlich wieder zeigen. Im Rahmen des Kultursommers, der das von der Pandemie geschwächte kulturelle Herz Bergisch Gladbachs wieder schlagen lässt.

Geschlagen hat an diesem Mittwochabend nicht nur das kulturelle Herz, sondern auch und vor allem Kasper. Der haute nach alter Manier im Puppentheater kräftig um sich.

Ja, der Faust in Pohls Fassung basiert auf dem Volksstück Dr. Faust. Und die ist, im Gegensatz zur Goethe´schen Adaption des Stoffes, wesentlich derber, humorvoller, bietet den Fauststoff auf ihre eigene Weise dar, aus dem prallen vollen Leben gegriffen.

Faust, Kasper und das Böse

Worum geht´s? Grob gesagt will der alte Theologe Dr. Faust am Lebensende nochmals aus dem Vollen schöpfen. Er schließt einen Pakt mit dem Teufel bzw. Mephisto, um eine Nacht mit der hübschen Prinzessin von Parma zu verbringen. Das Fisternöllche kommt zustande, wird publik und sorgt mithin für allerlei Chaos.

Dafür gibt Faust seine Seele her, die sich der Teufel nach Ablauf des „Kontrakts“ auch schnurstracks holt. Der von Reue geplagte Faust fährt in die Hölle ein.

Parallel dazu geht Kaspar einen ähnlichen Deal mit den Mächten der Finsternis ein und jagt Faust hinterher. Auch seine Uhr tickt, der Vertrag läuft ab, doch am Ende behält er die Oberhand. Kasper erschlägt das Böse.

Ein Stück für den Jahrmarkt

Es ist ein Stück für das Wirtshaus oder den Jahrmarkt, erklärt Pohl, kein akademischer Faust. Dennoch, der Fauststoff findet sich auch in diesem Stück wieder: Der Wettstreit der Theologie gegen die Wissenschaft, der Wunsch nach Erkenntnis und das Streben nach Macht, Magie und Teufelspakt sowie erotische Ambitionen.

Pohls Faust lehnt sich an die Fassung des Puppenspielers Karl Simrock von 1846 an. „Ich nutze den Handlungsstrang, spiele aber nicht den Text“, erklärt Pohl. Sein Faust sei ein Kasperspiel für Erwachsene, es lebe vom Hin und Her mit dem Publikum: „Die Versform würde mich zu sehr einengen, daher habe ich Prosa gewählt, das lässt Freiraum für Improvisationen.“

Sprachwitz

Und diesen Freiraum nutzt Pohl ausgiebig. Zum Beispiel gleich zu Beginn, wenn er den Kasper für einleitende Worte von der Leine lässt. Natürlich erscheint die Puppe mit OP-Maske. Man versteht kein Wort außer „Hmpf, hmmm, hmpf.“ Dann ist die Rede von frustrierten Theologen, „das kennt man im Erzbistum Köln.“

Hier geht die Improvisation mit Pohls Sprachwitz einher, der fulminant ist und seine Inszenierungen stets so herzerfrischend macht. Wenn Kaspars Mephisto in Gestalt eines Auerhahns dessen Seele einfordert und Kaspar antwortet: „Kannste gerne haben, ist nur Holz und Stoff“, hält das Stück wunderbar inne – und ruft sich kurz als Puppenspiel in Erinnerung.

Hinzu kommt das geniale Gespür für Timing und Tempo, das Pohl geradezu perfektioniert hat. So beschwört Kaspar mithilfe eines Zauberbuches (Clavis Astartis Magica) seinen Mephisto. Er treibt ihn mit Zaubersprüchen nicht nur in Windeseile auf der Bühne umher, sondern auch an den Rand des Wahnsinns. Da blitzt schon früh die Moral von der Geschichte auf.

Hintergrund: Mehr zum Fauststoff und der Historie des Fausts von Gerd-Josef Pohl finden Sie in diesem Beitrag.

Zuweilen sind es winzige Details, die den Zuschauer fordern. Die das Dechiffrieren seiner Inszenierungen so lustvoll und erfüllend machen. Eine Stunde vor Fausts mitternächtlicher Einfuhr in die Hölle schlägt die Glocke elf mal. Das bekommt zumindest derjenige Zuschauer mit, der die Schläge zählt.

Kurze Zeit später – um Mitternacht – schlägt die Glocke erneut. Elf – nein, doch zwölf Schläge! Pohl scheint es eine diebische Freude zu bereiten, wie er das Publikum mit dem Glockenschlagen foppt – mehr sei nicht verraten.

Vollendete Puppenführung

Pohl, der mit alten historischen Puppen spielt, die er um wenige neue ergänzen ließ, ist ein Meister seines Faches. Die Führung der Puppen ist vollendet, wird den Charakteren gerecht, ist nie plakativ, offenbart sich in subtilen Details.

Hinzu kommt die Stimme. Pohls Bandbreite reicht von Pianissimo bis zum Fortissimo, sie entfacht furiose Teufel genauso wie sie schutzlose Wesen hilflos säuseln lässt.

Auch wenn die Bühne, auf der Pohl jetzt den Faust gegeben hat, eigentlich zu klein gewesen ist: Sie gibt den nötigen Rahmen, der textile Hintergrund verweist dezent auf den Ort der Handlung. Mehr muss nicht sein.

Im Spiel beweist Puppenspieler Pohl ein gutes Gespür für Bilder. So deutet Pohl das Schwert, durch das der Herzog von Parma stirbt, flugs zu einem Grabeskreuz um.

Dröhnende Orgelmusik beim Erscheinen des Höllenfürsten und weitere akustische Einspielungen überzeichnen die Handlung bisweilen grotesk und tragen in dicken Farben auf. Das ist aber stets sinnvoll platziert und trägt dazu bei, Spanungsbögen zu entwickeln und wieder zurückzunehmen.

Verständnis für Faust

„Trotz aller Fehler die er macht, ich habe Verständnis für diesen Faust“, sagt Pohl über die titelgebende Figur seines Puppenspiels. „Das Studium der Theologie beantwortet eben nicht die existentiellen Fragen.“ Pohl selbst hat drei Jahre im Priesterseminar verbracht.

Er sieht in Faust nicht nur den Kampf von Theologie gegen die Wissenschaft, sondern ganz Grundlegend zentrale Probleme des Menschen. „Es ist doch eine Torschlussreaktion, eine Panik ganz am Ende des Lebens“, beschreibt er Fausts Lage.

Statt Hoffnung, Treue und Glaube zu bewahren will Faust ganz zum Schluss noch etwas abgreifen – dies sei zutiefst menschlich.

Ihn strenge es kolossal an, dieses Stück zu spielen, fügt Pohl ergänzend hinzu. Warum das so ist könne er nicht beschreiben, es ergehe Kollegen ähnlich. „Der Stoff ist über 500 Jahre alt, etwas lastet da auf der Geschichte.“

Und so verwebt er in seinem Faust, der seit einem Vierteljahrhundert gespielt wird, den tragischen Faust mit dem komischen Kasper. Am Ende bleiben der Narr und Mephisto, doch das letzte Wort hat der finstere Fürst:

„Ihr Menschen aus Fleisch und Blut, es wäre Zeit Lebewohl zu sagen, doch das tue ich nicht. Ihr verlasst zwar diese Welt von uns Holzköpfen, aber seid sicher: Ich bin immer in Eurer Nähe.“

Vorhang.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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