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Die Pandemie lässt nicht locker. Das hinterlässt tiefe Spuren bei den Menschen, Angst und Verunsicherung nehmen zu. Welche Rolle spielen dabei die Berichte in den Medien? Und wie bleibt man zuversichtlich? Der Psychiater Fritz-Georg Lehnhardt und Pastor Rainer Fischer berichten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

„Es gibt drei vulnerable (verwundbare, betroffene) Gruppen, die von psychischen Problemen in der Pandemie besonders betroffen sind“, erklärt Dr. Lehnhardt. Er ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach.

„Es sind die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die mit schwer erkrankten Patienten zu tun haben.“Ärzte und Pfleger hätten mit Schlafstörungen, Depression und Störungen des Substanzkonsums zu kämpfen.

Zudem litten Kinder unter der Pandemie: „Wechselunterricht, der Verlust von Strukturen und der Peer Group, schwierige Verhältnisse zuhause mit Eltern im Home-Office: Studien zeigen dass dies in Rückzugverhalten, Depression oder Ängsten münden kann,“ berichtet Lehnhardt.

Psychiater Priv.-Doz. Dr. med. Fritz-Georg Lehnhardt, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach

Studie belegt Einfluss auf Psyche

Drittens seien Menschen mit psychischen Vorerkrankungen gefährdet. Lockdown, Quarantäne, Berichte mit katastrophisierenden Szenarien, das könne in dieser Gruppe auch zu einer Verstärkung von Ängsten und Depression führen, so Dr. Lehnhardt.

Das lässt sich belegen: Eine Studie der Universität Dresden habe Menschen nach einer Corona-Erkrankung mit Menschen ohne Infektion verglichen. „Nach drei Monaten zeigten jene die sich infiziert hatten eine deutlich höhere Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen als jene ohne Covid 19-Infekt.“ Neben Symptomen wie Husten oder Schmerzen sei es dabei auch um psychische Beschwerden gegangen.

Interessant: Bei älteren Menschen, die durch das Risiko für schwere Verläufe im Falle einer Covid-Infektion mehr Ängste haben könnten, würden Probleme mit der psychischen Gesundheit deutlich weniger auftreten, so der Psychater.

Zwei Arten von Angst

Angst sei bei den psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie ein zentraler Faktor. Allerdings müsse man unterscheiden: „Es gibt auch die positive Angst, die uns zu Wachsamkeit und Vorsicht gemahnt“, erklärt der Facharzt.

Ungesund werde sie dann, wenn sie in katastrophisierendem Denken ausarte, der Rückzug nicht nur im Kopf, sondern im Alltag stattfinde. Symptome seien das Auftreten körperlicher Beschwerden, Ängste vor körperlichem Leid, ein verstärktes Hineinhören in den Körper, Schlaflosigkeit.

Was tun gegen die Angst vor Corona?

  • Angst als Grundemotion akzeptieren
  • Angst nicht wegdrücken sondern darüber mit Familie und Freunden sprechen
  • Zwischen gesunder und ungesunder Angst unterscheiden
  • Seriöse Informationsquellen zur Beruhigung nutzen

Quelle: Priv.-Doz. Dr. med. Fritz-Georg Lehnhardt

„Bei ungefähr jedem zweiten unserer Patienten ist die psychische Belastung durch die Corona-Pandemie ein Thema. Inhaltlich hat dabei vor allem das Thema Angst im letzten Jahr massiv zugenommen“, berichtet Dr. Lehnhardt.

Die Menschen hätten sich zu Beginn der Pandemie noch zusammengerissen. Er erklärt dies mit dem Pulling together-Phänomen. Nun werde Corona quasi zur Dauer-Welle, es trete ein Erschöpfungseffekt ein. „Da fragen sich die Menschen irgendwann: Hey, wo bleibe ich mit meinen Bedürfnissen?“

Wo fängt die Negativnachricht an? Bilder von Schlangen vor den Impfzentren gehören zur Berichterstattung über Corona

Irrationale Wahrnehmung

Dr. Lehnhardt erwähnt eine Studie, wonach Menschen, die sich überwiegend und häufig in Social Media informieren, häufiger psychische Reaktion zeigen würden. Auch die anhaltende Serie an Negativnachrichten könnten entsprechende Reaktionen auslösen.

„Die Menschen agieren manchmal irrational: Die Pandemie wird als starke persönliche Bedrohung wahrgenommen, zugleich fahren sie mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn, und dies angesichts unverändert hoher Todeszahlen im Straßenverkehr.“

Wie kann man sich schützen? „Es hilft sich auf wenige aber seriöse Quellen zu stützen, wie z.B. den Podcast des Virologen Christian Drosten, öffentlichen Medien wie tagesschau.de oder sueddeutsche.de, oder auch die Webseite des Robert Koch Instituts.“

Wirkung der Medien nutzen

Klar: Das Informationsbedürfnis bestehe, die Gesellschaft benötige Informationen wo sie in der Pandemie gerade stehe, man könne nicht nur von den Gesunden berichten. Gleichwohl könnten die Medien auch positive Nachrichten vermitteln: „Welches Impfzentrum hat gerade gute Zahlen, wo gibt es hilfreiche Beratungsinitiativen“, nennt Dr. Lehnhardt als Beispiele.

Für ihn sei zudem wichtig, dass zentrale angstmindernde Aussagen immer wieder in den Medien erscheinen würden: „Schwere Covid-Verläufe unter Impfung extrem selten – es ist wichtig, dass die Medien ihren Nutzern solche Fakten immer wieder präsentieren. Dies liefert Identifikationsmöglichkeiten, es zeigt den Menschen auf wie sie sich schützen können.“ Hier könnten Medien eine besondere Wirkung entfalten.

Corona hat Ängste potenziert

Dr. Rainer Fischer ist Pastor und Seelsorger am Evangelischen Krankenhaus in Bergisch Gladbach. Angst vor Corona sei natürlich ein Thema in seiner täglichen Arbeit. „Bei Patienten, aber genauso bei den Mitarbeitern des Krankenhauses und den Angehörigen.“

Dr. Rainer Fischer, Pastor und Seelsorger am EVK

Die Flutkatastrophe, die Klimakatastrophe, all dies habe gezeigt: „Nichts ist sicher.“ Corona habe diese Ängste potenziert.

Patienten würden von Ängsten vor schweren Krankheitsverläufen berichten, von der Furcht vor Beatmung auf der Intensivstation. Berichte aus dem privaten Umfeld würden zudem Angst vor Long Covid-Folgen schüren. Mitarbeiter erzählten von der Angst vor der Ansteckung.

Das treibe auch die Angehörigen um, die zudem soziale Ängste oder Existenzsorgen hätten. Gerade Selbständige wüssten manchmal nicht, wie es weitergehe, ob es noch finanzielle Förderungen gebe oder nicht.

Keine Panikmache!

„Im Grunde geht es um die Angst vor Lebensverlust in jeglicher Form“, fasst Dr. Fischer zusammen. Die existentielle Bedrohung werde massiver empfunden. „Diese Wucht erlebe ich sonst nur bei Tumorpatienten, mit denen ich in Kontakt bin.“

Die Rolle der Medien beurteilt er unterschiedlich. „Journalisten können nichts für die Realität, wie sie sich gerade darstellt“, sagt Fischer. In Summe sei die Nachrichtenlage aktuell nicht erquicklich, Negativnachrichten nicht zu vermeiden.

Eine Grenze sehe er jedoch überschritten, wenn mit Schilderungen von drohender Atemnot und qualvollen Schmerzen der Impfwille angeregt werden soll. „Das geht über Information und Vorsorge hinaus und ist Panikmache!“

Die Crux sei: Nicht jede Information lasse sich zu einer Nachricht verarbeiten. „Wie viele Menschen sind durch eine Impfung von einer Infektion verschont geblieben? Die Fakten sind leider schwer zu fassen.“ So blieben manchmal positive Nachrichten auf der Strecke.

Er würde sich mehr Berichte zum Beispiel über die individuelle Therapie von Long Covid-Patienten wünschen. „Dies zeigt letztlich, dass eine Ansteckung nicht das Ende sein muss, dass es Auswege gibt!“

So funktionieren auch Selbsthilfegruppen, merkt Fischer an, sie unterstützen in ähnlicher Weise zum Beispiel auch Menschen mit einer Krebserkrankung.

Kirchen fällt eine tragende Rolle in der Pandemie zu: Das Vertrauen der Menschen hilft beim Abbau von Ängsten. Kirchen können aber auch aktiv an der Bekämpfung der Pandemie mitwirken. Wie die Gnadenkirche (Bild), die am 19. Dezember eine Impfung durchführte

Vertrauen aufbauen

„In einer Krise kann man nur schwerlich nach vorne trösten, die Perspektive fehlt einfach“, sagt Dr. Fischer. Er habe manchmal das Gefühl, dass bei den Corona-Varianten noch das gesamte griechische Alphabet herangezogen werden müsse.

Er versuche daher Vertrauen aufzubauen, für die Menschen da zu sein. Die Anwesenheit anderer Menschen lasse die Angst schwinden.

„Vertrauen, das ist für uns als Theologen doch das Kernthema!“ Ihm sei aber auch klar, dass die Skandale der Kirche letztlich ein großer Vertrauensverlust seien und zur Verunsicherung beitragen würden.

Er selbst sehe sich im Krankenhaus durch die Impfungen und Hygiene-Regeln gut geschützt. „Aber es nervt schon, an Heilig Abend alleine in der Krankenhauskapelle vor der Kamera zu stehen, weil die Patienten auf den Zimmern bleiben müssen.“

Seine Glaubenseinstellung helfe ihm da sehr. „Nach Dir, Herr Jesus“ sage er oft, wenn er wieder einmal ängstlich vor einer offenen Tür stehe.

Er habe Vertrauen, dass er da gut durchkomme, was nicht heißt, dass ihm nichts passieren könne. Und ja, Angst habe er auch: „Meine größte Angst ist, dass ich die Krankheit unbemerkt weitertrage.“

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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