Xaver Hetzenegger, Seniorchef der Hetzenegger-Supermärkte, hat ein kleines Büchlein über seine Spanienreise vor mehr als 70 Jahren geschrieben. Er beschreibt die Reise so gut beobachtet und differenziert, dass man viel erfährt über das Land zu Beginn der 50er Jahre und dabei auch noch Spaß hat. Das Buch ist im Selbstverlag erschienen und im Geschäft in Sand zu kaufen. Wir haben es gelesen und verraten, was drin steckt.

So ein Glück! Der erste PKW an der Köln-Frankfurter Autobahn hält. Auch das Wetter ist uns Hold: Die Sonne scheint. Gegen Mittag wird es aber auch drückend. Freundliche Leute sind es durchweg, die uns mitnehmen.“

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Der erste Tag der Reise am 19. August 1951 bringt Xaver Hexenegger (damals 25 Jahre alt) und seinen Freund Hermann Focke (damals 27) per Anhalter bis nach Kehl. Der Grenzübertritt nach Straßburg war – anders als heute – nur nach strenger Passkontrolle möglich. Dann geht es über die Vogesen nach Besançon und weiter über Lyon bis ans Mittelmeer.

Die beiden übernachten in Jugendherbergen und Pfarrhäusern, manchmal bleibt ihnen allerdings auch nichts anderes übrig, als im Straßengraben zu schlafen. Sie fahren mal mit dem Zug oder gehen ein Stück zu Fuß, meistens nutzen sie aber Mitfahrgelegenheiten. Nach 10 Tagen erreichen sie Spanien.

Sie besichtigen Barcelona und machen einen Abstecher mit der Fähre auf die Inseln Mallorca und Ibiza. Mit einem Personenschiff geht es wieder zurück aufs spanische Festland. Von Valencia fahren wieder per Anhalter ins Landesinnere. Nach vier Wochen erreichen sie Madrid, das Ziel ihrer Reise.

Mancha-Bauern vor typischer Windmühle

1951, in dem Jahr, in dem Xaver und Hermann diese Reise unternehmen, ist Deutschland seit kurzem in zwei Staaten getrennt, die Deutschen suchen nach dem Untergang der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihren Platz in der Völkergemeinschaft.

Erst in diesem Jahr erklären die westlichen Siegermächte Großbritannien, Frankreich und die USA das Ende des Kriegszustandes mit Deutschland. Die Sowjetunion folgt erst 1955 – zehn Jahre nach Kriegsende. Im März 1951 bekommt die Bundesrepublik einen eigenen Außenminister.

Ein gewagtes Unternehmen

Einladungsbrief und Presseausweis

Der Plan von Xaver und Hermann, nach Spanien zu reisen, ist unter diesen Bedingungen ein durchaus gewagtes Vorhaben und zeugt von Pioniergeist. Zumal die finanziellen Mittel begrenzt sind: Für die Durchreise durch Frankreich hat jeder von Ihnen ein Budget von gerade einmal 5 DM zur Verfügung.

Erschwert wird die Unternehmung nicht zuletzt aber dadurch, dass beide in ein Land wollen, das mit Nazi-Deutschland gemeinsame Sache gemacht hatte und dessen Herrscher, der einstige Hitler-Verbündete Franco, mit diktatorischer Macht fest im Sattel sitzt. Spanien ist dadurch international stark isoliert und schottet sich selber nach außen weitgehend ab. Die zahlreichen bürokratischen Hürden, die Xaver und Hermann für Ihre Einreise ins Land überwinden müssen, zeugen hiervon.

Von Vorteil für sie ist, dass sie sich als aktive Katholiken auf eine Organisation stützen können, die über nationale Grenzen hinweg vernetzt ist und stabil im Land – auch innerhalb des Franco Regimes – verankert ist. Das Empfehlungsschreiben des Erzbistums Köln und auch Xavers Engagement in der in der katholischen Jugend öffnen den beiden unterwegs vielfach Türen – zu Einrichtungen, vor allem aber zu zahlreichen Menschen.

Von Köln nach Madrid – Tagebuch einer abenteuerlichen Reise
Xaver Hetzenegger, Sommer 1951
78 Seiten, gebunden, Abbildungen aus dem Archiv des Autors.
Erhältlich zum Preis von 15 Euro bei EDEKA-Hetzenegger in Sand.

Die beiden jungen Männer treffen auf Gastfreundschaft, aber auch auf Hass auf „die Deutschen“. Sie feiern mit Künstlern und tanzen zu Dudelsackmusik. Sie besuchen den Bischof von Ibiza und lernen Schmuggler kennen. Sie besichtigen Museen, Markthallen und Kirchen, besuchen aber auch Gottesdienste.

Beitrag zur Völkerverständigung

Ohne Zweifel: Für Xaver und Hermann ist die Spanienfahrt ein großes Abenteuer. Doch es geht Ihnen um mehr. Sie verstehen ihre Reise auch politisch – als Auftrag, eine Vernetzung zu spanischen Jugendlichen herzustellen. Insofern ist die Tour von Anfang an als Beitrag zur Völkerverständigung angelegt und entsprechend sorgfältig vorbereitet.

Die Empfehlungsschreiben des Erzbischöflichen Jugendamtes und des Jugendamtes des Rheinisch-Bergischen-Kreises dienen ausdrücklich dem Zweck der Jugendverbindung. Auch die journalistische Komponente der Reise – Xaver hat einen offiziellen Presseausweis der Bergischen Landeszeitung – zeigt, dass es um mehr geht als nur um touristische Interessen. Die Menschen zu Hause sollen im Rahmen des Möglichen an der Reise teilhaben.

Wertvolles Zeitdokument

Das Tagebuch „Von Köln nach Madrid“ von Xaver Hexenegger ist ein wertvolles Zeitdokument. Es bekommt durch die Unmittelbarkeit, mit der die Erlebnisse und Eindrücke geschildert werden, seine Bedeutung für später Geborene.

Darüber hinaus bietet es aber auch einfach ein spannendes Leseerlebnis. Denn Xaver schreibt mit großer Lebendigkeit und Anschaulichkeit. So nimmt er in Barcelona den Leser mit zum baskischen Schlagballspiel Pelota. Er führt ihn in die Stierkampfarena von Valladolid und lässt in teilhaben an dem fragwürdigem Blut-Spektakel. Er verschweigt aber keineswegs, wie dieses grausame Schauspiel auf ihn wirkt und was er davon hält.

Der Autor

Originalmanuskript in Kurzschrift

Xaver Hetzenegger hat sein Tagebuch in Stenografie, der Kurzschrift der Kaufleute, geschrieben. Nach 70 Jahren ist die Tinte auf dem Papier merklich verblasst und die Entzifferung war selbst für ihn mit einigen Mühen verbunden. Die Anstrengung hat sich aber gelohnt, bietet das Tagebuch doch eine ebenso spannende wie interessante und zudem lebendig geschriebene Zeitreise.

Es macht Spaß, Xaver Hetzenegger auf dieser Reise zu begleiten.

Dieser Text stammt aus Nachwort von Heribert Böller, zusammengestellt und ergänzt von Friederike Naroska.

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2 Kommentare

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  1. Sr. Xaver Herzenegger, revisando documentos de mi padre, Pedro Palliser, que en 1951 era maestro en Arenys de Mar, Barcelona, he visto que Ud, y su amigo Hermann Focke, visitaron ese pueblo en su viaje por España, como quedó explicado en un articulo que mi padre escribió en la Hoja Parroquial de setiembre del 51.
    Me ha hecho ilusión encontrar referencias a su libro y a su amigo escultor, ya fallecifi.
    Un saludo
    Amadeo Palliser