200 Corona-Ausbrüche in Kitas und Schulen muss das Lagezentrum des Rheinisch-Bergischen Kreis im Blick behalten, tägliche einige hundert neuer Infektionen erfassen, ständig auf neue Ausfälle aller Art reagieren. Das Krisenmanagement ist überlastet, wo Rhein-Berg in der Pandemie steht und wohin die Reise geht, kann der Kreis zur Zeit nicht beantworten.

Bislang hatte die Entwicklung der realen Inzidenz immerhin einen Anhaltspunkt gegeben, wie sich die Infektionslage im Rheinisch-Bergischen Kreis entwickelt. Doch diese Daten kann das überlastete Lagezentrum der Kreisverwaltung allenfalls mit fünf oder sechs Tagen Verzug liefern. Die offizielle Inzidenz ist derzeit ohne jede Aussagekraft.

Der Blick in die Krankenhäuser hilft ebenfalls nur wenig weiter, hier melden die Kliniken die Zahlen nur unregelmäßig, die Gesamtzahl geht rauf und runter. In der vergangenen Woche war die Zahl der Hospitalisierten auf 19 Personen im ganzen Kreis gefallen, gestern wieder auf 34 gestiegen, vier Corona-Patienten müssen auf einer Intensivstation versorgt werden.

Birgit Bär, die Sprecherin des Krisenstabs, bestätigt auf Nachfrage, dass der Kreis im Moment keine Einschätzung zur aktuellen Infektionslage oder gar zur weiteren Entwicklung liefern kann. Nur soviel: von einer Beruhigung könne im Moment keine Rede sein. Tatsächlich zeigen einige Indikatoren eher das Gegenteil an.

Gesundheitsdezernent Markus Fischer, Krisenstab-Leiter Erik Werdel und Landrat Stephan Santelmann wollen sich im Moment nicht äußern.

Was das Lagezentrum noch schafft

Nach wie vor muss das Lagezentrum jeden Tage viele hundert Fälle erfassen, inklusive der Nachmeldungen aus den Labors kamen in der vergangenen Woche nach und nach alleine für den Mittwoch (26.1.) weit mehr als 800 Fälle zusammen (siehe Grafik oben).

Die reale Inzidenz stieg an jedem Mittwoch auf 1400. Für die Folgetage zeigt die Statistik zwar eine sehr viel niedrigere Inzidenz an – aber nur, weil sich die Fälle im Posteingang des Lagezentrums stauen und noch nicht berücksichtigt wurden.

Immerhin sei die Kreisverwaltung nach wie vor fähig, die essentiellen Aufgaben der „Prio 1" zu erfüllen, betont Bär: Der Schutz besonders gefährdeter Personengruppen sowie die Kontrolle der sogenannten Sonderlagen.

Aufgaben, auf die sich die Gesundheitsämter jetzt auch laut Beschluss der Gesundheitsminister konzentrieren sollen, wenn sonst nichts mehr geht, und was Rhein-Berg schon seit Wochen praktiziert.

Warnbojen: Sonderlagen und Positivquote

Gerade die „Sonderlagen" sind es allerdings, die im Moment Sorgen bereiten. Hinter dem bürokratischen Begriff stehen Kitas, Schulen und Pflegeeinrichtungen, in denen die Infektionen in großer Zahl bei den Tests festgestellt werden. Nicht so viele Fälle, dass ganze Einrichtungen unter Quarantäne gestellt werden müssen. Aber immerhin so viele, dass eine genauere Beobachtung nötig ist.

Die Zahl dieser Sonderlagen war in den vergangenen zwei Wochen rapide von einstelligen Werten auf 130 nach oben geschossen; gestern hatte das Lagezentrum 200 offene Sonderlagen zu bearbeiten, berichtete Sprecherin Bär. Und das bei derzeit rund 100 Mitarbeiter, die (zum Teil im Schichtbetrieb) im Lagezentrum arbeiten.

Ein weiteres Signal, dass die Omikron-Welle in Rhein-Berg noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat, ist die Positivrate bei den Schnelltests. Nach wie vor werden extrem viele dieser Bürgertests durchgeführt, alleine am Montag wurden 17.422 gemeldet, davon fielen 886 positiv aus.

Der Anteil der positiven Tests hatte zu Jahresbeginn noch bei 0,47 Prozent gelegen, war kontinuierlich angestiegen, bis auf 2,89 Prozent in der vergangenen Woche - und erreicht gestern einen Wert von 5.09. Das spricht dafür, dass das Infektionsgeschehen sehr intensiv ist.

Wo die Infektionen stattfinden

Wie eigentlich immer hat das Lagezentrum nur wenige Anhaltspunkte, wo die Infektionen passieren. Nach wie vor berichtete Kreis-Sprecherin Bär von einem „diffusen Infektionsgeschehen", ohne besondere Hotspots oder wilde Partys.

Offensichtlich ist nur, dass die meisten Infektionen seit einigen Wochen in Kindergärten und Schulen entdeckt werden- dafür spricht die Vielzahl von Sonderlagen, die sehr hohe Inzidenz in den entsprechenden Altersgruppen und die vielfältigen Berichte der Betroffenen. Von woher die Infektionen in die Einrichtungen eingeschleppt werden, ist jedoch unklar.

Wie der Kreis versucht, Defizite aufzuarbeiten

Seit Wochen stockt der Kreis das Personal im Lagezentrum weiter auf, alleine in der vergangenen Woche seien 15 Beschäftigte aus der allgemeinen Verwaltung abgeordnet worden, drei neue Stellen wurden ausgeschrieben, berichtet Bär.

Zudem hatte die Bundeswehr dem Antrag zugestimmt, die bislang 15 abgesandten Soldatinnen auf 20 aufzustocken.

Allerdings erinnern diese Versuche an das Schicksal von Sisyhus, der einen Steinbrocken einen Berg hinauswälzen musste - und der auf halber Strecke immer wieder herabrollte.

Das neue Personal muss zunächst eingearbeitet werden, und reicht dann meistens nicht aus, um die gerade neu erkrankten zu ersetzen. Fährt eine neue Kraft den PC hoch, fehlt ihr unter Umständen eine notwendige Software-Lizenz, weil die personalisiert ist. Der neue Bundeswehrtrupp reiste in einem Bus an, unter ihnen war ein Infizierter, die ganze Abteilung ging in Quarantäne. Gestern gab es ein ganz neues Problem: der Breitbandanschluss der Telekom ging in die Knie, und bremste die Arbeit aus.

Daher ist es kein Wunder, dass sich die Verantwortlichen nicht festlegen wollen, wie lange es dauern kann, bis die aktuellen Rückstände abgebaut werden. „Das ist bislang noch nicht in Sicht", sagt Bär.

Niemand geht von Bord

Allerdings stehen das Lagezentrum und das Gesundheitsamt mit dieser Situationsbeschreibung nicht alleine da, sehr viel größere Einheiten wie zum Beispiel die Stadt Düsseldorf hatte schon sehr viel früher kapituliert, in vielen Kommunen Deutschlands sieht es nicht besser aus.

Von einer Kapitulation will die Kreissprecherin ohnehin nichts wissen: „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, mit einer großartigen Unterstützung der gesamten Verwaltung“, sagt Bär: „Das wichtigste, die Aufgaben in der Prio ein, schaffen wir!"

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. es ist leider offensichtlich, das niemand mehr die Lage unter Kontrolle hat. Und alleine Zahlen sagen nicht aus, das etwas unter kontrolle ist. Das Kontrollsystem hat sich selbst überrollt. Leider ist auch keiner bereit, diesen Zustand zuzugeben. Der „reine Wein“ wird nicht mehr ausgeschenkt.
    Obwohl die Lösung eigentlich mit den AHAL-Regeln sooo.. einfach sein könnte. Aber auch diese Regeln werden nach eigener Erfahrung von manchem schon als Hysterie abgetan…
    Der Rheinisch Bergische Kreis ist auf der NRW-Karte mittlerweile der hellste Fleck. Anscheinend setzt Frau Bär als einzige des Landes die Pioritätenregel um…