Foto: Holger Crump

Holger Faust-Peters leitet den Fachbereich Streicher an der Max-Bruch Musikschule. Und ist Experte für Neue Musik. Welch enorme Bandbreite an Musik alleine in den letzten 100 Jahren für Cello und Gambe komponiert wurde, demonstriert er bei seinem Solo-Abend im Partout Kunstkabinett. Und zeigt, warum zeitgenössische Kompositionen für alte Instrumente so wichtig sind. 

Vom Neutöner Paul Hindemith bis zur Jazz-Cellistin Susanne Paul. Von unbekannter Gambenmusik einer Tamae Okatsu bis zu einem Klassiker der Moderne von Mauricio Kagel. Eigenkompositionen, Musik seines Vorgängers an der Musikschule Manuel Gerstner:

Holger Faust-Peters hatte für seinen Solo-Abend vergangenen Freitag ein enormes Programm aufgelegt. Und meisterte die 90-minütige Reise durch die letzten 100 Jahre Cello- und Gambenmusik mit Bravour.

Faible für Uraufführungen

Das Konzert: Ein Geschenk an die Sponsorin Margit Backhaus und an die Galeristin Ursula Clemens-Schierbaum. Die der Neuen Musik immer wieder eine Bühne bietet. Wie mit diesem Konzert, inmitten der aktuellen Ausstellung von Friedrich Förder.

„Es sind allesamt Lieblingsstücke, die ich spiele. Ich habe mich schon im Studium immer mit neuer Musik befasst. Wenn Kompositionsstudenten etwas schrieben war ich offen für Uraufführungen“, sagt Faust-Peters. So wurde er zum Experten: Nicht nur für Alte Musik, sondern eben auch für zeitgenössische Werke, eigens komponiert für Cello und Gambe.

Was geschieht mit dem Ton

Diese Musik weist ein enormes Spektrum auf. Da geht es nicht nur um die Weiterentwicklung der Harmonik, die ein Hindemith vorantrieb. Sondern auch und vor allem um das Hinterfragen und das Erforschen des Klangs.

„Was geschieht mit dem Ton, vom Einschwingen bis zum Ausklingen – das ist für mich das Spannende an dieser Musik“, macht Faust-Peters deutlich.

Foto: Dieter Zehner

Holger Faust-Peters – Violoncello und Viola da Gamba
Erstes bring-a-chair-Konzert im Partout Kunstkabinett Herkenrath
Programm zum 13. Mai 2022
Manuel Gerstner: Für Christoph (Cello)
Holger Faust-Peters: Modulationen II (Gambe und Zuspielbänder)
Paul Hindemith: Cellosonate (5 Sätze Cello solo, 1922)
Tamae Okatsu: Wiegenlied (Gambe)
Bernd Alois Zimmermann: 4 kurze Studien (Cello)
Mauricio Kagel: General Bass – Video (div. Instrumente)
Roman Turovsky-Savchuk: Passacaglia Ucraina (Gambe)
Susanne Paul: Just Doodling (Cello)
Eine Spendenaktion am Abend ergab 720,- Euro zugunsten der ukrainischen Stadt Butscha.
www.faust-peters.de

Neue Wege der Komposition

Das Erforschen des Klangs – es klingt theoretisch, erschließt sich musikhistorisch aber nahezu zwangsläufig. Nach Hindemith, nach Schönberg, ist Harmonisch vieles in der Musik gesagt. Wer in der Komposition Neues erschaffen will, muss seinerzeit andere Wege gehen.

Insofern ist das Konzertprogramm des Abends auch als Reise durch Konzepte und Stile des vergangenen Musikjahrhunderts zu verstehen. Das durch die globalen Traumata zweier Kriege geprägt ist, an deren Ende Kultur und Kreative vor dem Nichts stehen.

Adornos berühmter Satz von der Unmöglichkeit, ein Gedicht nach Ausschwitz zu schreiben, beschreibt die Lage treffend.

Klangerzeugung und Klangerfahrung

Der Drang hin zur Klangforschung, die Holger Faust-Peters mit der Auswahl der Stücke untersucht, wird zum Beispiel in den vier kurzen Studien von Bernd Alois Zimmermann deutlich. Auf engstem Raum lotet das Werk Klangtechniken des Cellos aus. Gleich einem Maler, der auf der Leinwand den Duktus seiner Malutensilien erprobt.

Oder in Kagels General Bass, den Faust-Peters in einer exzellenten Videoproduktion vorführt, entstanden vor Ort in der Galerie. „Gegensätzliche, denaturierte Klangfarben“ verlangt der Komponist, für eine „dialogreiche Monotonie.“

Foto: Dieter Zehner

Kagel gehört zu den Musikern, die Faust-Peters besonders prägten. Ebenso wie John Cage, der mit präparierten Instrumenten zu den Begründern der musikalischen Avantgarde im 20. Jahrhundert zählt.

Faust-Peters Werk „Modulation II“ steht in diesem Zusammenhang. Er versieht die Gambe mit Klammern und Zahnstochern, nutzt Saiten und Korpus als Schlagwerk, interagiert mit zugespielter Musik, die durch den Raum wandert.

Nicht nur die Klangerzeugung wird da hinterfragt, sondern auch die Klangerfahrung des Zuhörers.

Neue Musik für alte Instrumente

Eine echte Entdeckung: Das Wiegenlied von Tamae Okatsu für Gambe. Die Komposition spielt mit einem minimalen Motiv, entwickelt es in Nuancen weiter, auf Basis kleinster Variationen. Es klingt nach Improvisation, ist aber doch Note für Note gesetzt.

Das fordert enormes Gespür: Für Mikrodynamik, Agogik (leichte Tempovariationen im Vortrag), Orchestrierung. Fordert Gespür für den Spannungsbogen, den es trotz kleinster Entwicklungen im musikalischen Material zu halten gilt.

Faust-Peters mit dieser Komposition – aber auch seiner eigenen Arbeit – zeitgenössische Werke für Gambe ins Programm genommen. Ein rares, aber dennoch existentes Sujet, das es wert ist weiter verfolgt zu werden: „Je älter Instrumente sind, desto individueller ist deren Klang. Diese Klangfarbe wieder neu zu entdecken, das ist eine tolle Aufgabe für Komponisten“, verdeutlicht Faust-Peters.

Und plädiert dafür, sich kompositorisch diesen Nebengeräuschen zu widmen. Ein weiterer Aspekt in punkto Klangforschung.

Galeristin Ursula Clemens-Schierbaum (rechts) im Gespräch mit Holger Faust-Peters (Mitte) und dem ehemaligen Leiter der Max-Bruch Musikschule, Friedrich Herweg (links), Foto: Holger Crump

Rückkehr zum Tonalen

Gleichwohl: Die Musik des 20. Jahrhunderts findet auch zum Tonalen zurück. Roman Turovsky-Savchuk thematisiert in seiner „Passacaglia“ ein Volkslied aus der Ukraine.

„Just doodling“ von Susanne Paul macht das Cello zur Gitarre, kommt wie eine bekannte Jazz-Weise daher, leichtfüßig dahingezupft auf der Veranda einer Südstaaten-Villa.

Lässig, mit Spielfreude: Faust-Peters braucht kein rasantes Kabinettstückchen, um seine Klasse zu demonstrieren und den Abend zu beschließen.

Foto: Holger Crump

Kulturtipp: Die Kabinett-Sonderausstellung „Verlust“ der Künstlerin Bettina Mauel ist am Konzertabend eröffnet worden. Zu sehen bis 3. Juni sind Malereien über den abrupten Wandel, den Menschen in Europa durch den Krieg in Europa erfahren. Bettina Mauel widmet sich Frauen und Mädchen am Wendepunkt ihres Lebens. Ein Teil des Verkaufserlöses von „Verlust I“ kommt Menschen in Butsche zugute. Weitere Infos zur Sonderausstellung auf den Webseiten der Galerie.

Virtuosität im Dienste der Musik

So kriegt der Abend die Kurve, raus aus der rein akademischen Ecke. Das Konzertprogramm bringt Kopf und Bauch zusammen. Die Kompositionen bilden einen Soundtrack des 20. Jahrhunderts. Schwanken zwischen Dystopie und Utopie.

Klar wird auch: Die Erforschung des Klangs scheint endlich, mündet letztlich in Cages Stück 4,33: Wo Stille zum Klang wird. Neue Musik kann, muss aber nicht (mehr) rein experimentell sein. Tonalität und Atonalität leben in friedlicher Koexistenz.

Holger Faust-Peters hat dies mit einem sicheren Gespür für die ausgewählte Literatur und mit hohem musikalischen Können aufgezeigt. Mit transparenten Interpretationen, gut durchhörbar, fein orchestriert. Die das Epizentrum des Abends, Hindemiths Ceollosonate Op. 25 Nr. 3, zu einem Genuss für das fachkundige Punlikum werden ließen. All dies mit einer Virtuosität, die nie Selbstzweck ist sondern stets im Dienste der Musik steht.

Da kann man auch mal eine Sarabande von Bach über Cages durchkomponierte Stille legen (muss man aber nicht).

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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