Das AOK-Gebäude würde unter den neuen Arbeitsbedingungen voraussichtlich ausreichen Platz bieten.

Mit dem Umzug großer Teile der Stadtverwaltung aus den maroden Stadthäusern in neue Räume müssen und dürfen die Mitarbeitenden mit einem modernen und mobilen Bürokonzept arbeiten. Das machten Verwaltungsspitze und Politik im Stadthaus-Ausschuss deutlich. Darin liege ein sehr großes Potenzial – weil damit sehr viel weniger Platz als unter den alten Bedingungen benötigt wird.

Im künftigen „Stadthaus“ sollen gut 500 Angestellte der Stadt unter den Bedingungen der „Mobilen Arbeitswelt“ arbeiten. Dafür sprachen sich gestern die Verwaltungsspitze und Vertreter aller Fraktionen in der Sitzung des Stadthausausschusses vehement aus. Das gelte ganz unabhängig davon, welche Immobilie es am Ende werde.

Basis für die Debatte waren eine extern erstellte Tätigkeitserfassung und eine Home-Office-Befragung, die Frank Werker vom Internationalen Institut für Facility Management ausführlich vorstellte.

An den beiden Befragungen hatten zwar nur knapp bzw. etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen teilgenommen, die Ergebnisse deckten sich jedoch mit allgemeinen Erfahrungen und gäben einen sehr guten Trend wieder. Darauf ließen sich weitere Entscheidungen aufbauen, argumentierte Werke.

Für die Beschäftigten bedeutet das auf der einen Seite eine umfassende Home-Office-Freiheit, aber auch der Verlust des festen eigenen Schreibtisches. Sie könnten frei wählen, wo sie arbeiten wollen – müssten beim Wechsel vom Einzel- oder Gruppenbüro in einen Besprechungsraum oder ins Home-Office immer einen völlig freien Arbeitsplatz hinterlassen, ohne Lieblingstasse und Minikaktus.

Die Einführung der papierlosen Akte sei dafür jedoch keine Voraussetzung, sagte Werker – die Akten würden dann zentral gelagert.

Unter diesen Bedingungen, so das vorläufige, um Effekte der Corona-Zeit bereinigte Ergebnis der Studie, wären selbst unter großzügigen Annahmen nur 225 Schreibtische im Backoffice plus Besprechungs- und Beratungsräume auf 4892 Quadratmeter erforderlich.

Hinzu kämen allerdings Flächen für ein offenes Bürgerbüro sowie für Toiletten, Treppenhäuser, Keller, Technikräume und andere sonstige Flächen.

An der Tätigkeitserfassung hatte nur ein Drittel der Betroffenen teilgenommen, was im Ausschuss als deutlicher Ausdruck der Skepsis gegenüber einer neuen Arbeitswelt gewertet wurde. Daher müsse schon jetzt begonnen werden, die Mitarbeitenden und auch die Führungskräfte vom notwendigen Kulturwandel zu überzeugen, forderte die CDU – und wurde dabei von Vertreter:innen der anderen Fraktionen bestätigt.

Genau das sei auch der Plan, bekräftigten Bürgermeister Frank Stein und Kämmerer Thore Eggert. Sie ließen keinen Zweifel daran, dass der Weg zur modernen, mobilen Arbeitswelt eingeschlagen werden müsse. Die derzeitigen Beschäftigten hätten zwar zum Teil Vorbehalte, von den dringend gesuchten neuen Kräfte gerade im IT-Bereich würden die flexiblen Arbeitsbedingungen aber gefordert.

Der Personalrat und auch die Inklusionsbeauftragte würden bei allen Überlegungen eng eingebunden, betonte der Bürgermeister.

Die Anmietung des AOK-Gebäudes als Ersatz für die alten Stadthäuser wurde im Stadthausausschuss in nichtöffentlicher Sitzung debattiert. Aber auch im öffentlichen Teil ließ Stein durchblicken, dass dieses Gebäude aufgrund von Lage und Größe sehr gut geeignet sei und eine reale Perspektive für einen schnellen Umzug verspreche.

Der Ausschussvorsitzende Friedrich Bacmeister sprach von einem Einzug in 2024. Einen direkten Bezug zwischen der Studie zur neuen Arbeitswelt und der neuen Option AOK-Gebäude gebe es nicht, betonte Stein. Bei einer Nutzfläche von 5.500 Quadratmetern würde es aber offenbar ausreichen.

Dokumentation

Die Ergebnisse der beiden Befragungen sind komplex und ohne Erläuterungen zum Teil nicht direkt zu verstehen, warnte Frank Werker bei der Präsentation im öffentlichen Teil der Stadthausausschuss-Sitzung. Wir dokumentieren sie dennoch, weil sie Grundlage der weiteren Debatte ist.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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1 Kommentar

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  1. Aus meiner Sicht sind die Ergebnisse der Ausschusssitzung ein wenig deutlicher als sie im Beitrag erläutert werden:

    1. Zum Einen wurde klar, dass das Projekt „Zukunftsorientierte Verwaltung“ auch weiterhin ohne greifbare Zielsetzung und Zeitplan auskommen muss. Dies geschieht inzwischen mit weitestgehender Zustimmung der Ausschussmitglieder und des Bürgermeisters. Damit bleibt ein Projekterfolg in weiter Ferne – und wird vom Stadtrat in der Mehrheit offenbar auch nicht (mehr) verlangt.

    Zur Erinnerung: In diesem Projekt will (oder besser: wollte?) die Verwaltung nichts weniger als ihre Arbeitsabläufe und -strukturen optimieren, E-Government-Services für die Bürgerschaft einführen und ihre veränderten Arbeitsabläufe in Form von IT-Lösungen digitalisieren. Und: Sie plant eine neue Service-Kultur u.a. mit „One Face to the Customer“, wie den Unterlagen (von März d.J.) zu entnehmen ist. Das ist (wäre) ein Umkrempeln der gesamten Verwaltung. Keine Kleinigkeit…

    2. Darüber hinaus wurde deutlich, dass die Belegschaft einer Modernisierung der Verwaltung, die zum Verlust eines fest zugeordneten Schreibtisches führt (also zu einer Optimierung durch mobiles Arbeiten), nicht zustimmen wird. Das war eines der greifbaren Ergebnisse der Tätigkeitsanalyse.

    3. Es bleibt es dabei: Unabhängig davon, welche Standorte die heutigen Stadthäuser ablösen werden, sie werden grundsätzlich nach dem althergebrachten Bürokonzept gestaltet sein, nicht zukunftsorientiert. Damit werden sie viel Platz benötigen, plus Home-Office-Arbeitsplätze. Die Überschrift des Beitrags führt hier m.E. in die falsche Richtung.

    4. Die klarsten Worte an diesem Tag hatte Herr Stein zur derzeitigen Veränderungsfähigkeit „seiner“ Verwaltung: Er äußerte die Hoffnung, dass sich die Motivationslage (der Belegschaft gegenüber Veränderungen) mit dem Umzug in ein neues Gebäude verändern werde. Und er forderte ein „neues Führungsverständnis“.

    Mein Fazit:

    Die Modernisierung der Arbeitswelt der Verwaltung (die sog. „Zukunftsorientierte Verwaltung“) wird in Bergisch Gladbach zwar z.T. gewünscht, ist aber nicht zu erwarten. Wie weit der Weg dahin ist, wird – neben dem Mangel an Zielsetzung und Zeitplan – ansatzweise deutlich in den Aussagen auf den Seiten 3 und 50 bis 52 der Tätigkeitsanalyse. Da mal hineinzugucken, lohnt sich.

    Damit wird die Schlagkraft und die Attraktivität der Arbeitsplätze in der Verwaltung in den nächsten Jahre wohl nicht zunehmen. Der Ausschuss „Stadthausneubau“ droht zu einer „Never-Ending-Projektbegleitung“ zu mutieren. Und die in der Haushaltsplanung avisierte „Digitalisierungsrendite“ (=Einsparungen) wird wohl auch ein frommer Wunsch bleiben.

    Zumindest die Schaffung technisch einwandfreier, attraktiver Büros sollte aber gelingen, egal wo.