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Kreuze am Wegesrand sind in der Regel alt, ein Hauch von Denkmal weht um das verwitterte Holz oder die bemoosten Steine. Nicht so in der Reuterstraße im Stadtteil Hebborn. Dort wird am Sonntag ein ganz neues Wegekreuz eingeweiht. Es erinnert an die Betroffenen der Corona-Pandemie und zugleich an die Opfer eines Bombenangriffs in der Nachbarschaft.

Angehörige der Gemeinde St. Laurentius haben die Initiative zu dem neuen Wegekreuz ergriffen. Sie wollten während der Pandemie Gottesdienste an Wegekreuzen anbieten, im Freien zum Schutz vor Corona.

Flur- und Wegekreuze gab es in Hebborn aber nicht. „Also haben diese Leute einfach ein neues Kreuz errichtet. Wie unsere Vorfahren,“ berichtet Walter Jansen. Die hätten aus den verschiedensten Anlässen ja auch Gedenkkreuze errichtet, und damit Erinnerungsorte geschaffen.

Walter Jansen gehört zu dem „Team Wegekreuz“. Der Künstler hat bereits zuvor mehrere Objekte realisiert: Zum Beispiel die Dreikönigenstele in Hebborn vor der Kirche, das Missionskreuz in Altenberg, oder den Hexenbrunnen in Odenthal. Auch das Kreuz in Hebborn hat er gestaltet.

Das Team Wegekreuz von St. Laurentius
Angelika Bilo: Beratung bei der Standortfindung
Walter Jansen: Projektgestaltung, Bauleitung, Bildhauerarbeiten
Dieter Potyka: Projektkoordination und Finanzen
Pfarrvikar Artur Schmitt: theologischer und geistlicher Beirat
Norbert Zinzius: Ortsaufsicht, Baufortschritt, Fotodokumentation

Doppelkreuz

„Das neu geschaffene Wegekreuz ist ein Kalvarienberg mit Maria, der Mutter des Herrn und Johannes, seinem Freund und Jünger. Beide müssen das Sterben eines geliebten Menschen tatenlos mit ansehen und ertragen“, berichtet Jansen.

Damit wolle man an elf Menschen erinnern, die am 10. Februar 1945 bei einem Bombenangriff in der Nachbarschaft ums Leben kamen.

Die Opfer des Bombenangriffs vom 10. Februar 1945
Wilhelm Betzgen, 50 Jahre
Elisabeth Dick, geb. Haag, 31 Jahre
Anna Maria Dillenburg, geb. Freichem, 67 Jahre
Peter Geuß, 60 Jahre
Maria Goretzky, 23 Jahre
Albert Kohmann, 69 Jahre
Josef Klemens Ley, 64 Jahre
Katharina Ley, geb. Torringen, 63 Jahre
Maria Sybille Pütz, geb. Haag, 30 Jahre
Quelle: Walter Jansen, Team Wegekreuz

Die Tafeln würden natürlich alle Kriegstoten in der Stadt mit einschließen, ergänzt Jansen. Auch die Menschen, die Tage zuvor an der Flora durch Bomben starben oder bei einem Angriff auf den Güterbahnhof der Stadt ihr Leben verloren hatten.

Die zweite Seite des Kreuzes – es ist ein sogenanntes Doppelkreuz – verweist auf das Leid, das die Corona-Epidemie über die Menschen in der Stadt gebracht hat.

Vielfältige Unterstützung

Die Stadt stellte das Grundstück für das Vorhaben zur Verfügung und unterstützte bei der Auswahl des Standort. Der städtische Bauhof fertigte das Fundament nach den Plänen der Bauleitung an, setzte Ruhesteine und half, die Bodenstufe zu verlegen sowie die Betonstele zu setzen.

Die Firma Metten aus Overath produzierte kostenlos die beiden zentralen Bauelemente des Denkmals – Bodenstufe und Stele – und sorgte für die Anlieferung. Die Mitarbeiter des Pfarrbüros St. Laurentius halfen in der Projektverwaltung. Glasermeister Pedro Schröder aus Köln fertigte das gläserne Kreuz an.

Einweihung des Wegekreuzes Reuterstraße
Sonntag, 25. September, 16 Uhr
Reuterstraße, zwischen Nr. 110 und 112
Wer: Pfarrvikar Dr. Artur Schmitt

Alle Bronzeteile, die Figuren die Abdeckkappe sowie die Gedenktafeln entstanden in der Kunstgießerei Martin Schweitzer in Köln-Ossendorf. Und die Firma Pro Urbano aus Köln-Mülheim schützte das Denkmal unentgeltlich gegen Graffitischmierereien. Die Broschüre zum Projekt gestaltete die Grafikerin Elke Ratter.

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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19 Kommentare

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  1. Hallo,
    mal etwas jenseits der politischen Diskussion.
    Ich habe auf dem Heimweg angehalten und mir das Wegkreuz angesehen.
    Ich finde, das es sehr schön und würdig gemacht wurde.
    Deswegen möchte ich allen Unterstützern dieses Projektes einfach mal Danke sagen.

  2. Hallo, Christian-Andreas, ich danke Ihnen für Ihre detaillierte Stellungnahmen. Vieles stellt mich zufrieden, wie wir sicher sowieso die „Ferne zu dieser Ideologie“ alle teilen, die an dieser Diskussion teilnehmen. Da habe ich keine Zweifel. Einzelheiten sehe ich nach wir vor anders als Sie:
    „…so dass die Bevölkerung praktisch bis zum Kriegsende mitgezogen hat“ könnte man so auffassen, dass Sie meinen, die Bevölkerung sei für den Krieg gewesen.

    Dass „demokratische Parteien keine Mehrheit hatten“, wie Sie sagen, halte ich für falsch. SPD, KPD und Zentrum hatten zusammen sogar eine deutliche Mehrheit.

    Haffners Bemerkungen konnte ich tatsächlich finden. Ich halte sie für etwas holzschnittartig. Auch seine Bewertung der Wahlergebnisse im Jahre 1932 ist holzschnittartig. Obwohl ich ihn allgemein schätze.

    Ihr Ausdruck „andere Leute“ ist ein Schlüsselwort. Diese „anderen Leute“ sind nämlich die Leute hinter den Kulissen zwischen Herbst 32 und Ende Januar 33. Die sollte man sich genauer anschauen. Das geschieht leider in der Öffentlichkeit viel zu wenig. Das tun aber Volker Fest und Bernt Engelmann.

    Die Frag-Würdigkeit der Zusammenstellung der Toten in dem o.a. Denkmal kam mir natürlich auch gleich in den Sinn. Der Künstler hat sie mir aber eindrucksvoll und glaubwürdig erklärt. Ich habe schon Kontakt mit der Projektgruppe aufgenommen, und Dr. Schmitt von der Laurentiuskirche konnte ich von der Wichtigkeit einer Darstellung der Motivation in diesem Forum überzeugen. Ich warte auch auf den entsprechenden Kommentar.

    Lieber Herr Christian-Andreas, auch mit Ihnen würde ich gerne per Mail korrespondieren. Den Mail-Kontakt stellt das Bürgerportal bereit. Ich habe Sebastian schon eine lange Mail geschrieben und warte gespannt auf eine Antwort.

  3. Hallo, Christian-Andreas, ein paar Anmerkungen und Fragen zu Ihrem Kommentar:
    1. Die Novemberwahlen kann man nicht ernsthaft als „Schritt auf dem Weg in den Abgrund“ bezeichnen, da sie mit „nur“ knapp 33% einen Rückschritt für die NSDAP bedeuteteten, der Göbbels ganz verzweifelt hinterließ.
    2. Wie bewerten Sie die Tatsache, dass mehr als zwei Drittel bei dieser Wahl Hitler nicht wählten?
    3. Wo genau spricht Sebastian Haffner, den ich im Allgemeinen schätze, von den „guten Jahren des Nationalsozialismus“? Das „Gute“ hatte es nie gegeben, und das wurde spätestens nach der Machtübernahme Januar 33 deutlich.
    4. Im Gegensatz zum 1. Weltkrieg gab es für den 2. Weltkrieg nie eine Begeisterung in der Bevölkerung.

    1. Lieber Herr Müller,

      ich glaube, Sie verengen zu sehr auf die Zeit vor der Machtübertragung und auch zu sehr auf den Beginn des Krieges. Zur zeitgenössischen Zustimmung zum Regime habe ich ja bereits geschrieben, nur kurz zum Krieg: Auch hier stimmt es, dass unmittelbar vor und nach dem Überfall auf Polen Angst und Unsicherheit in größeren Teilen der Bevölkerung zu finden war. Aber auch hier stimmt es ebenso, dass sich an den militärischen Erfolgen berauscht wurde und der Westfeldzug und der Überfall auf die Sowjetunion breite Zustimmung und Siegesgewissheit mit sich brachten.

      Aber letztlich geht es doch eher allgemein um die Frage, die durch das Wegekreuz aufgeworfen wird. Lassen sich die Bombenangriffe der Alliierten zur Niederschlagung des Nationalsozialismus irgendwie sinnvoll in Beziehung setzen zu den Opfern der Coronapandemie? Hier sehe ich nur die Deutung, die bereits angesprochen wurde und dich als problematisch einschätzen würde. Was ist denn ihre Meinung dazu? Ihren Ausführungen nach würde ich vermuten, dass Sie das anders sehen?

    2. Lieber Herr Müller,

      um eines klarzustellen, ich habe überhaupt keine Einwände gegen Denkmäler für Weltkriegstote. Ich habe auch keine Probleme damit, wenn diese Denkmäler „exklusiv“ nur für deutsche Gefallene oder deutsche getötete Zivilisten oder „exklusiv“ für Weltkriegstote eines bestimmten Herkunftsortes aufgestellt wurden. Diese Denkmäler sollten wir (möglichst unaufgeregt) pflegen. Unser Diskussionsteilnehmer Sebastian scheint dies möglicherweise anders zu sehen. Ich habe auch kein Problem damit, bei passenden Anlässen neue Denkmäler für Weltkriegstote oder Pandemietote aufzustellen.
      Ich halte aber es für eher unklug, ein gemeinsames Denkmal für Weltkriegstote und Pandemietote einzurichten. Das wirft Fragen auf, weil diese Dinge für den unbeteiligten Betrachter einfach nicht zusammenpassen. Der Künstler hat Ihnen ja offenbar die Motivation hierzu erklärt. Es wäre interessant, diese zu erfahren.

      Ihre Anmerkungen/Fragen sind auch interessant, führen aber vom eigentlichen Thema weg. Ich gehe deswegen nur ganz kurz darauf ein:

      1. Vielleicht dick aufgetragen, ich wollte wohl meine Ferne zu dieser Ideologie klarstellen. Göbbels war wohl wirklich kurzzeitig verzweifelt, andere Leute haben die Machtergreifung aber umso entschlossener angestrebt. Wir selbst können im Nachhinein die Geschichte als Ganzes betrachten und müssen uns bei der Bewertung nicht auf Einzelereignisse beschränken.
      2. Deutschland war an einer Weggabelung mit offenem Ausgang. Die Tatsache, dass bei anhaltender Krise eindeutig demokratische Parteien keine Mehrheit hatten, machte den Weiterbestand der Demokratie eher unwahrscheinlich.
      3. Im Kapitel „Leistungen“ von „Anmerkungen zu Hitler“.
      4. Im Großen und Ganzen zutreffend. Ich habe auch nichts Gegenteiliges behauptet.

  4. Guten Tag,
    ich will den Sinn eines solchen Kreuzes garnicht in Abrede stellen.
    Ich stelle mir jedoch die Frage ob es nicht einen Platz gegeben hätte, an dem das Aufstellen des Kreuzes leichter und damit kostengeringer gewesen wäre. Die Mitarbeiter des Bauhofs waren Tage damit beschäftigt, den Platz herzurichten.

  5. Welche (vorerst gedanklichen) Stürme ein schlichtes Wegekreuz auslösen kann.
    Man darf wohl gespannt sein, ob besagtes Kreuz selber diese „Stürme” heil übersteht (rein materiell sozusagen).
    Eine im Übrigen interessante, aber gerade angesichts der gegenwärtigen Lage doch erstaunliche Diskussion, die, symbolisch genommen, zugleich auch Manches erklärt, was die teils überspannte, teils verwundete, teils narkotische, teils panische Mentalität (je nach Anlass wirr oder disproportional gemischt) in diesem Land betrifft …

      1. Das „Raunen” ist, glaube ich, mittlerweile ja hochverdächtig, und wenn Sie das eben als „Raunen” empfinden oder verstehen (wollen), wundert das nicht unbedingt …
        Mir ist, wie „geraunt”, eine solche Erregung über besagtes Wegekreuz eher befremdlich, gleichwohl aus der skizzierten Weltsicht (und die reicht ja immerhin und gar nicht so „unraunend“ bis zu Johannes dem Täufer) heraus nicht unverständlich (aber das muss man ja nicht teilen).
        Das für mich Berührenste an dem Beitrag bzw. dem Wegekreuz übrigens ist die Aufzählung der Namen mit Altersangabe jener, die an genanntem Tag durch den Bombenangriff um‘s Leben kamen;
        etwa zwei Monate vor hiesigem Kriegsende und wahrscheinlich durch einen jener eher zufälligen Lastabwürfe auf dem Rückflug einer Bomberstaffel von Köln …
        Eines jener unzählbaren Kriegsschicksal-Ereignisse also, wo sich „Geschichte” im Großen mit der namentlichen Tragödie einzelner Menschen verbindet ..,
        Jedenfalls regt das durchaus an, dem lokalhistorisch noch ‘mal nachzuspüren …

  6. Lieber Sebastian, ich würde gerne mit Ihnen persönlich korrespondieren, wie ich Ihnen schon geschrieben habe. Sie spüren ja vielleicht schon, wie nahe unsere Meinungen beieinander liegen. Aber es gibt auch Punkte, die uns unterscheiden. Das ist aber so diffizil, dass ich fürchte, weitere Auseinandersetzungen in diesem Forum führen nur zu Missverständnissen.

    Ich habe übrigens gerade mit Walter Jansen telefoniert, dem Künstler des Wegekreuzes und mit ihm über die Frage gesprochen, warum Corona-Tote und Weltkriegstote hier in einem Atemzug genannt werden. Sein Motiv hat mich sehr bewegt. Nun ist er schon 84 und nicht wie ich erst 82 und fühlt sich deshalb nicht in der Lage, hier seine Motivation darzustellen. Wie gesagt, eine Fortführung unseres Dialogs per Mail würde ich sehr begrüßen. Ich bin sowieso in „erinnerungskulturellen“ Dingen unterwegs und sehr an Dialogen mit Jüngeren interessiert. Siehe die Diskussion um den „Deutschen Platz“, den „Hindenburgplatz“ und die Diskussion um die Erinnerung an Patricia Wright.

    1. Lieber Herr Müller,

      ich bin gerne bereit, mich auch privat mit Ihnen austauschen. Es war mir aber auch noch einmal wichtig, hier am öffentlichen Ort eine Erwiderung zu schreiben, da der Diskurs ja hier auch weitergeht und ich mich nicht direkt wieder daraus zurückziehen wollte.

      Meine Mail-Adresse möchte ich ungerne hier veröffentlichen, die Redaktion darf diese aber gerne an Sie herausgeben.

  7. Die Veränderung durch die Öffnung des Weges hat dem Ort gut getan. Ebenfalls positiv gefällt mir die Zusammenarbeit der verschiedenen Gewerke und Beteiligten.

    Inhaltlich ist es jedoch „schwierig“, die beiden Ereignisse gegenüber zu stellen. Ebenso die historische Ausdrucksweise eines Ereignisses, in dem wir uns noch befinden.

    Für mich überwiegt jedoch das Positive und immerhin ist es Anlass für – möglicherweise erkenntisbringenden- Diskussionen.

  8. Lieber Sebastian, die historische Wahrheit besteht darin, dass bei den Novemberwahlen 32 die NSDAP knapp 33 % erreichte. Von einer Übereinstimmung zwischen „Führer“ und „Volksgemeinschaft“ kann damals also überhaupt keine Rede sein. Hitler kam dann erst durch die Vorgänge hinter den Kulissen Ende Januar 33 an die Macht. Und diese Vorgänge lohnt es sich sehr, genauer anzuschauen. Dann ist Hitler sofort gegen die Gegner (u.a. SPD und KPD) mit Gefängnis und Verbot vorgegangen. Die angebliche Übereinstimmung wurde erst danach durch massive Propaganda- und repressive Maßnahmen erreicht.

    Die sogenannte „kollektive Unschuldschulserzählung“, wenn es sie denn gibt, kommt m.E. erst durch die kollektive Schuldzuweisung zustande, die immer wieder instrumentalisiert wird. Natürlich steht die Kriegsschuld Deutschlands außer Frage. Aber das ist doch nicht die Schuld z.B. meiner Großeltern, die schwerste „Schäden“ durch den Krieg erlitten, und schon gar nicht meine!

    Lieber Sebastian, du meinst es sicher gut, solltest aber doch genauer hinschauen, auch was deine Wortwahl und deine Quellen angeht. Du kannst dir gerne von der Redaktion meine E-Mail-Adresse geben lassen. Dann würde ich gerne mit dir weiter korrespondieren.

    1. Lieber Herr Müller,

      die Novemberwahlen 1932 sind waren ja nur ein Schritt auf der Leiter in den Abgrund der Unmenschlichkeit. In seinen Anmerkungen zu Hitler weist Sebastian Haffner darauf hin, dass nach den sog. „guten Jahren des Nationalsozialismus (35 und 36)“ die Zustimmung zum Regime bei etwa 90% lag. Danach wurden die Unmenschlichkeit und die Zumutungen schrittweise und nicht ruckartig gesteigert, so dass die Bevölkerung praktisch bis zum Kriegsende mitgezogen hat. Zusätzlich wurden die Zumutungen durch verschiedene Maßnahmen gedämpft. Harald Welzer nennt dies „shifting baselines“, auf Deutsch vielleicht „Verschiebung des Referenzrahmens“.

      Grundsätzlich halte ich es auch im Jahr 2022 für zumindest ungeschickt, die Themen Zweiter Weltkrieg und NS-Zeit mit vollkommen anderen Dingen durcheinanderzuwerfen. Ein Bezug wird hier durch den gemeinsamen Standort und das ähnliche Design der Denkmäler hergestellt, obwohl es inhaltlich garkeinen Bezug gibt.

      Man sollte auch noch darauf hinweisen, dass die Corona-Pandemie möglicherweise noch nicht vorbei ist. Für stationäre Denkmäler ist es meiner Meinung nach noch zu früh.

    2. Lieber Herr Müller,

      vielen Dank für Ihre Antwort. Die Übereinstimmung, die sie angeblich nennen, entstand sicherlich in einem Prozess, nicht von heute auf morgen, soweit gebe ich Ihnen gerne recht.

      Dennoch: Der ganz überwiegende Teil der damaligen Bevölkerung berauschte sich an der Herrenrasse-Erzählung und am Antisemitismus. Beides fand natürlich auch fruchtbaren Boden, der der Zeit des NS voranging, sonst hätte die Bewegung ja nicht so erfolgreich sein können.

      Die Toten, denen hier gedacht wird, kamen infolge eines von Deutschland begonnenen Weltkrieges, der als Vernichtungskrieg geführt und von der Bevölkerung unterstützt wurde, ums Leben. Natürlich hatten diese Toten auch Familien und Freunde, die um sie trauern.

      Es geht ja auch nicht um die einzelnen Personen, sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich nicht zu denen recherchiere. Sie mögen Widerständlerinnen, Mitläuferinnen oder Täterinnen verschiedener Abstufungen gewesen sein, das spielt erstmal keine Rolle. Hier geht nämlich um einen Akt öffentlicher, kollektiver Erinnerung. Das ist etwas ganz anderes.

      Und was mich daran stört, habe ich bereits ausgeführt. Durch den Kommentar des Nutzers Drucker wurde ja auch deutlich, welcher Eindruck hier erweckt werden kann: Hier die Toten der Pandemie, einer von außen hereinbrechenden Katastrophe, für die niemand etwas kann. Dort die Toten der Angriffe am Ende des Krieges. „Die einen wie die anderen sind ohne eigenes Verschulden durch äußere Umstände zu Tode gekommen.“ schreibt der Nutzer.

      Sie sprechen von einer „kollektiven Schuldzuweisung“. Von wem an wen? Woran machen Sie das in der Nachkriegsgeschichte fest? Es gab ein paar Prozesse gegen hochrangige Nazis, ansonsten eine weitgehende Entlastung von Täterinnen und Profiteurinnen des NS, einen reibungslosen Übergang in die neue Ordnung für die Allermeisten und die rasche Wiedereingliederung Deutschlands in die internationale Ordnung. Es gab sogar Hilfe beim Wiederaufbau.

      Aber das wissen Sie ja alles. Mir ist nur nicht klar, worin Sie eine „kollektive Schuldzuweisung“ sehen.

      Im Gegenteil, all das konnte das Verdrängen und Beschweigen erst ermöglichen, die Grundlage für die alle gleichmachende Opfererzählung waren, die hier fortgesetzt wird: „Die einen wie die anderen sind ohne eigenes Verschulden durch äußere Umstände zu Tode gekommen.“

  9. In welcher Beziehung stehen denn die Coronatoten mit den Toten durch die Bombardierung Bergisch Gladbachs in Folge eines von Deutschland ausgegangen verbrecherischen Krieges? Wird irgendwo in Hebborn den tatsächlichen Opfern dieses Krieges gedacht oder gilt das Gedenken exklusiv der Volksgemeinschaft?

    1. Die einen wie die anderen sind ohne eigenes Verschulden durch äußere Umstände zu Tode gekommen. Damit sind sie Opfer – einmal des Krieges, einmal der Krankheit. Wodurch Opfer sich noch speziell qualifizieren müssten, um zu „tatsächlichen Opfern“ zu werden, erschließt sich nicht.

      1. Genau das ist das Problem. Hier wird eine kollektive Unschuldserzählung bedient, die der historischen Wahrheit widerspricht. Der Nationalsozialismus war keine von außen hereinbrechende Katastrophe, sondern es gab bis zum Untergang eine weitgehende Übereinstimmung, gar Identifikation zwischen „Volksgemeinschaft“ und Führer.

        Wenn dies der Stand der vielbeschworen „Erinnerungskultur“ im Jahr 2022 ist, ist das sehr irritierend. Mindestens so irritierend wie die Tatsache, dass dann hier ausgerechnet auch noch Johannes dargestellt wird, dessen Evangelium zentral für den christlichen Antisemitismus ist.