Die großen Hallen, die bislang die Papiermaschinen beherbergten, könnten zu einem Bildungscampus umgebaut werden. Foto: Stefan Krill (panomedia360)

Die Schülerzahlen an den beiden Berufsschulen in Bergisch Gladbach sinken, Fachpersonal wird immer dringender gesucht. Dem will die lokale Politik durch eine Umstrukturierung der Bildungslandschaft begegnen: Die Berufskollegs sollen künftig vom Kreis getragen werden. Und möglichst eine neue Heimat auf dem Zanders-Areal finden. Das ist jedoch noch Zukunftsmusik.

„Die Baby-Boomer gehen bald in Rente, die Mission der Berufskollegs ist schwieriger geworden“, sagt Bürgermeister Frank Stein bei der Vorstellung der neuen Pläne. Der von den Kommunen getragene Berufsschulverband könne schon seit ein bis zwei Jahren nicht mehr das leisten, was die Berufskollegs nun am dringendsten benötigen: In Abstimmung mit Betrieben, den Handels- und Handwerkskammern und den Fachhochschulen neue Angebote entwickeln und die Vernetzung stärken.

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Bislang ist der „Berufsschulverband Bergisch Gladbach, Rösrath, Overath, Odenthal und Kürten“ (BSV) Träger der beiden in Bergisch Gladbach-Heidkamp angesiedelten Schulen: Dem Berufskolleg Kaufmännische Schulen und dem Berufskolleg Bergisch Gladbach. Die Trägerschaft soll künftig der Rheinisch-Bergische Kreis übernehmen. Darauf hatten sich die fünf Bürgermeister und der Landrats in Abstimmung mit den Schulleitungen geeinigt.

Kreis und Städte wollen die notwendigen politischen Entscheidungen bis Jahresende treffen, der Schulausschuss der Stadt Bergisch Gladbach befasst sich bereit am 9.11. mit dem Thema. Der Übergang der Trägerschaft soll zum 1. Januar 2024 erfolgen. Auch die Bezirksregierung unterstützt das Vorhaben.

Sophia Tiemann, Amtsleiterin Bildung und Integration Rhein-Berg, Nicole Schuffert, Schulleiterin Berufskolleg Kaufmännische Schulen; Wolfgang Saupp, Bezirksregierung Köln,; Katharina Blum, Schulleiterin Berufskolleg Bergisch Gladbach; Bürgermeister Frank Stein; Landrat Stephan Santelmann; Dettlef Rockenberg, Fachbereichsleiter.

Schwindende Schülerzahlen

Der Anlass des Manövers: Die Schülerzahlen an den Berufskollegs schwinden. „Neun Azubis haben sich zuletzt für den Bereich Industriekaufleute angemeldet“, rechnet Nicole Schuffert, Leiterin des Berufskollegs Kaufmännische Schulen an einem Beispiel vor. Benötigt würden 16, um die Fachklasse bei der Bezirksregierung genehmigt zu bekommen.

Fehlen die Fachklassen, springen die auszubildenden Betriebe ab und schicken ihre Azubis in umliegende Kollegs. Die Wahl der Berufsschule steht jedem frei. Hinzu kommen fehlende Fachausbildungen: Die Betriebe wollen SAP for school, Cambridge-English, Prozessmanagement und ähnliches, heißt es.

Hintergrund: Von insgesamt 324 staatlich anerkannten Ausbildungsberufen werden an den Berufskollegs des BSV nur 20 angeboten. Verglichen mit dem Oberbergischen Kreis gibt es vor allem einen deutlichen Mangel im Bereich IT-Ausbildungen und in mehreren kaufmännischen Disziplinen. 

Um diese Bildungsqualität in Rhein-Berg zu halten und auszubauen soll nun der Kreis aktiv werden. „Der kann das“, sagt Bürgermeister Stein. Im Fokus steht das Amt für Bildung und Integration. Dort sollen die Kompetenzen angesiedelt und ausgebaut werden.

Das Berufskolleg Kaufmännische Schule in Heidkamp; die zweite Berufsschule liegt gegenüber auf der anderen Seite der Bensberger Straße. Foto: Thomas Merkenich

Sonderkreisumlage zur Finanzierung

Mit ersten Aktivitäten habe man versucht die Misere zu bekämpfen, erklärt Amtschefin Sophia Tiemann. Zum Beispiel mit der Umstellung von Block- auf Teilzeitunterricht. Künftig wolle man aber auch IT-Fachklassen an die Kollegs holen. Das soll u.a. im Dialog mit den Betrieben geschehen.

Finanziert werde die Stärkung des Amts über eine Sonderkreisumlage, die den im BSV organisierten Städten in Rechnung gestellt werde. „Das wird nicht billiger, aber darum geht es auch nicht“, so Stein. Man wolle den Standort stärken.

Bildungscampus auf Zanders?

Parallel zum Wechsel der Trägerschaft denkt die Politik über einen Umzug der beiden Kollegs nach, da die Schulgebäude marode sind. Denkbar sei ein „Campus für berufliche Bildung“ auf dem Zanders-Areal, sagt Stein. Aber diese Ideen seien im Moment noch Visionen.

Anfang 2023 würden die Planungen für die Flächennutzung auf Zanders beginnen, da könne man schauen, ob sich solch ein Campus realisieren lasse. Stein spricht von einem „Pionierprojekt mit Leuchtturmcharakter“.

Wie das Zanders-Gelände genutzt werden soll ist derzeit noch heiß umstritten, neben Wohn- und Gewerbeflächen genießt die Bildung aber bei allen Beteiligten hohe Priorität. Konkret will Stein den Fraktionen vorgeschlagen, den Vorschlag zum Umzug der Berufskollegs in den anstehenden Ausschusssitzungen nur zur Kenntnis zu nehmen erst im Frühjahr 2023 zu entscheiden.

Entdecken Sie das Zanders-Areal aus der Luft

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Über die Ansiedlung eines Zentrums mit dem Schwerpunkt berufliche Bildung auf Zanders wird bereits seit vielen Monaten diskutiert. Die Berufskollegs könnten dort an einer ebenfalls geplanten überregionale Bildungsstätte der Kreishandwerkerschaft im Sinne einer Handwerksakademie andocken.

Ein solches „Innovationszentrum Digitale Bildung“ könne die Innovationskraft der Region fördern, hofft Landrat Stephan Santelmann. Unternehmen und junge Gründer:innen aus der Region können ihre Technologien und Ideen erproben und den Austausch mit Nachwuchskräften eröffnen.

Das Innovationszentrum Digitale Bildung sollte zunächst ebenfalls in Heidkamp angesiedelt werden, ist jetzt aber als Projekt des Förderprogramms Regionale 2025 für das Zanders-Areal geplant.

„Es muss nicht immer Wohnraum sein“

Was mit den alten Schulgebäuden in Heidkamp geschehe, sollte der Campus Realität werden, ist vollkommen offen. Dienstleistung, Wertschöpfung, Interimsschulen fallen als Schlagworte – konkrete Planungen gibt es nicht. „Es muss nicht immer Wohnraum sein“, macht Stein aber klar.

Kommt der Campus nicht, bleiben die Kollegs in ihren alten Gebäuden. Und kämpfen weiter gegen den Sanierungsstau.

Der Bildungscampus auf Zanders ist jedoch keine Voraussetzung für den Trägerwechsel, stellt Stein klar. Der komme so oder so, sofern die politischen Gremien dem zustimmen würden. Wovon er aber ausgehe.

Und: Ein wie auch immer gearteter Campus würde auch nicht zu einer Fusion der beiden Berufskollegs führen.


Mitarbeit: Georg Watzlawek

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Die Berufskollegs wandern zum Kreis – das wird nicht nur „nicht billiger“, wie BM Stein erwähnt, sondern erheblich teurer. Der Kreis wird sich nicht (wie die Stadt) mit einer Stelle für die Betreuung der Schulen zufriedengeben, sondern weiteres Personal dafür einsetzen. Überdies soll der Standort gestärkt werden – mithin weitere Kosten entstehen, zusätzlich zur Sanierung und digitalen Entwicklung der Berufskollegs sowie dem beabsichtigten Umzug auf das Zanders-Gelände. Die zu diesem Zweck geplante „Sonderkreisumlage“ wird für die beteiligten Kommunen eine weitere Belastung darstellen und einen Ausgleich ihrer Haushalte zusätzlich erschweren – mit der Folge, dass gemeindliche Steuern und Gebühren steigen werden.