Anfang Oktober begann mein Praktikum beim Bürgerportal, und zu diesem Datum stand auch der neue Smart City Index an. Ein wichtiges Thema, weil Bergisch Gladbach dort chronisch schlecht abschneidet. Ich bekam den Auftrag, die Historie und den Hintergrund zu recherchieren. Schnell stellte sich heraus, dass das unscheinbare Thema sehr viel tiefer reicht. Dann legten auch noch Hacker die IT von Stadt und Kreis weitgehend lahm – und ich war plötzlich mitten drin im Journalismus.

Wie Journalismus funktioniert, das wollte ich bei meinem Praktikum herausfinden. Das ging dann auch ziemlich schnell, weil ich gleich selbst ran musste. Ich wertete den Smart City Index aus, stellte Anfragen bei den Verantwortlichen in der Stadtverwaltung, fragte noch einmal nach und testete die digitalen Angebot der Stadt. Soweit, so gut. Aber just an dem Tag, an dem mein Bericht veröffentlicht wurde, brach die IT von mehr als 70 Kommunen unter einer Cyber-Attacke zusammen. Auch Bergisch Gladbach war stark betroffen und das Thema plötzlich groß.

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So etwas ist keine Seltenheit, Journalismus besteht oft aus Überraschungen. Die Redaktion plant zwar voraus, über welche Themen in naher Zukunft berichtet werden soll, aber dann entwickelt es sich anders und die Journalist:innen müssen flexibel reagieren.

Auch der Hacker-Angriff erschien zunächst als kurzfristiges Problem. Die dürftige Informationslage erweckte den Anschein, dass es sich um einen kleinen Ausfall der Systeme handelte. Dass die Stadtverwaltung mittlerweile seit knapp sechs Wochen stark eingeschränkt arbeitet, hatte damals kaum jemand erwartet. Aus dem scheinbar unbedeutenden Thema ergaben sich bis jetzt 16 Artikel.

Wir berichten zum Beispiel über die Probleme bei der Zulassungsstelle des Kreises. Dort konnten über Wochen keine Fahrzeuge an- oder umgemeldet werden. Für Privatpersonen bitter, aber die Autohäuser konnten nur noch sehr begrenzt arbeiten. Um die Lage besser zu erfassen habe ich bei den lokalen Betrieben recherchiert und Beschäftige befragt.

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Seit drei Wochen ist auch der Rheinisch-Bergische Kreises von den Folgen des Cyberangriffs auf die Südwestfalen IT betroffen. Auch im Kreishaus sind Abläufe und Dienstleistungen stark beeinträchtigt, einige fallen ganz aus. Das gilt auch für die KfZ-Zulassungen, mit Auswirkungen auf die Bürger:innen und vor allem auf die Autohäuser. Zwar ist ein gewisse Entlastung absehbar, aber nur für besonders dringende Fälle.

Zum Praktikum gehörte es aber auch, das Team des Bürgerportals zu begleiten und die vielen Aspekte des Berufs kennenzulernen. Eine besondere Herausforderung waren dabei die Sitzungen des Hauptausschusses und des Stadtrats zum Klimaschutzkonzept. Ich hatte mit ruhigen Debatten gerechnet, sie wurden aber in kürzester Zeit zu einem wilden Hin und Her. Hier den Durchblick zu behalten war nicht leicht.

Erst nach einer Unterbrechung von zehn Minuten konnte das Konzept dann doch noch verabschiedet werden. Bürgermeister Frank Stein brachte es auf den Punkt: „Das ist echte Demokratie, was Sie gerade hier gesehen haben.“

Eine große Mehrheit im Stadtrat Bergisch Gladbach stimmt dem Klimaschutzkonzept zu. Nach heftigen Debatten.. Foto: Thomas Merkenich

Ob also im Stadtrat, in etlichen Pressekonferenzen, bei einer neuen Kunstausstellung in der Villa Zanders oder die Vorstellung der DRK-Zukunftswerkstatt: An neuen Eindrücken mangelte es nie. Das jeweilige Thema wirklich zu durchdringen und anschließend richtig wiederzugeben war immer wieder eine Herausforderung.

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Ganz nach dem Motto „Trial-and-Error“ durfte ich meine eigenen Interessen, Stärken sowie Schwächen herausfinden. Dies ging weit über das Schreiben von Texten hinaus. So lernte ich, wie ich an ein Interview herangehe und es am besten gestalte. Wie formuliere ich eine gute und konkrete Frage oder wann schreibe ich mit bzw. höre einfach nur zu.

Ich lernte somit das hohe journalistische Niveau kennen, auf dem das Bürgerportal Tag für Tag arbeitet. Ein Beispiel hierfür war für mich die Einbringung des für mich undurchsichtigen und komplexen städtischen Haushalts. Ein Thema, das Georg Watzlawek in seinem täglichen Newsletter kurz und knapp zusammenfasste.

Wie relevant die lokalen Themen im Alltag sind, das erfuhr ich ganz direkt. Die Nachricht, dass die S11 plötzlich nur noch zwei Mal in der Stunde fährt, wurde am S-Bahnhof bei einem schnellen Vor-Ort-Termin sichtbar: Rund 40 Leute warteten vergeblich auf einen Zug.

Als Abiturient, der zwar viele Medien konsumiert, aber selten lokale, war es für mich daher spannend zu sehen, welche Breite an Themen es alleine in Bergisch Gladbach gibt und wie sehr sie mich selbst betreffen.

Themen die unter die Haut gehen

Mich überraschte aber nicht nur die Breite, sondern auch die Tiefe der Themen. Da war zum Beispiel der Termin mit der Bürgermeisterin der Partnerstadt Ganey Tikva in Israel. Wir hatten mit einer oberflächlichen Pressekonferenz mit Videoschalte nach Ganey Tikva gerechnet, es gestaltete sich aber ganz anders.

Angehörige von Opfern aus der Stadt erzählten ihre Geschichten und konnten somit den Horror, den sie erlebt hatten, deutlich machen. Das hochemotionale Thema musste mit viel Respekt behandelt werden. Wie wichtig das war bewies sich, als bereits am Abend der Veröffentlichung Nachrichten von Menschen in Ganey Tikva zurückkamen, die froh über die Berichterstattung waren.

Das Praktikum war für mich also definitiv eine Bereicherung. Nicht nur, weil ich viel lernen konnte, sondern auch weil ich die Redaktion des Bürgerportals von innen kennengelernt habe. Hier ist mir klargeworden, wie wichtig lokale Berichterstattung ist – und was alles zu tun ist damit die Leser:innen Tag für Tag zuverlässig informiert werden.

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  1. Ja – Lokaljournalismus ist spannend und die Themen betreffen uns alle ganz unmittelbar. Umso wichtiger und wertvoller, dass das Bürgerportal täglich fundiert, ausgewogen und unvoreingenommen berichtet. Toll, dass dies auch Praktikanten bei in-gl so erleben können und dies als Bereicherung emfinden.