Kristina Menninghaus ist Therapeutin für Kinder und Jugendliche. Foto: Thomas Merkenich

Angst ist ein angeborenes Gefühl, das uns ein Leben lang begleitet. Je nach Alter gibt es normale, entwicklungstypische Ängste – von Trennungsangst beim Baby bis hin zur Angst vor Ablehnung durch Altersgenossen bei Jugendlichen. Kinder- und Jugendlichentherapeutin Kristina Menninghaus erklärt den richtigen Umgang damit. Seit einigen Jahren aber gehen Ängste bei Kindern immer mehr über das entwicklungstypische hinaus – womöglich, weil wir als Gesellschaft immer mehr Verunsicherung erleben. Auch dafür gibt es Hilfe.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ von Laura Geyer erschienen.

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Angst ist ein angeborener Affekt und mit Blick auf die Evolution des Menschen ein ganz wichtiges und sinnvolles Gefühl, um Gefahren abzuwenden und das Überleben zu sichern. Auch wenn wir heutzutage nicht mehr den Säbelzahntiger zu fürchten haben, kann uns Angst beschützen und in manch einer Situation ein gesundes Maß an Vorsicht mitgeben.

In diesem Sinne ist Angst ein ganz gesundes Gefühl, das uns ein Leben lang begleitet – von Geburt an.

In der Entwicklung des Kindes taucht in jeder Altersstufe eine andere entwicklungstypische Angst auf, mit der einige Zeit umgegangen werden darf und die dann in der Regel überwunden wird.

Alterstypische Ängste bei Kindern

In den ersten sechs Lebensmonaten ist der Säugling mit der Ausbildung seiner sensorischen Fähigkeiten und der Anpassung an seine neue Umgebung beschäftigt. Seine Ängste beziehen sich dementsprechend in erster Linie auf zu intensive sensorische Reize, den Verlust von Zuwendung oder/und laute Geräusche.

Im Alter von sechs bis 18 Monaten etabliert der Säugling die Bindung zu den wichtigen Bezugspersonen. Seine Angst bezieht sich in dieser Phase demnach auf die Trennung von diesen Personen.

Im Alter von zwei bis vier Jahren entwickelt das Kleinkind die Fähigkeit zu imaginieren, ist aber noch unfähig, Fantasie und Realität voneinander zu trennen. Wenn ein Kind in diesem Alter spielt, dass es ein kleiner Löwe sei, dann IST das Kind in dem Moment ein kleiner Löwe.

Dementsprechend drehen sich in diesem Alter die Ängste vielfach um Fantasiekreaturen, potenzielle Einbrecher und Dunkelheit. Auch das Verkleiden an Karneval erscheint Kindern in diesem Alter manchmal noch nicht geheuer und es ist gut, wenn die Erwachsenen darauf sensibel eingehen.

Im Alter von fünf bis sieben Jahren beginnt das Kind, konkret-logisch zu denken und kann nunmehr Fantasie und Realität voneinander trennen, in einen „als-ob-Modus“ wechseln. Die Ängste richten sich in diesem Alter in der Regel auf Naturkatastrophen (Feuer, Überschwemmung), Verletzungen und Tiere. 

Im Alter von acht bis elf Jahren hat das Kind in der Regel großes Interesse zu lernen und sich zu entwickeln. Der Selbstwert basiert in dieser Zeit stark auf den schulischen und sportlichen Leistungen. Angst besteht also am ehesten vor schlechten Leistungen.

Im Alter von 12 bis 18 Jahren wendet sich das Kind bzw. der Jugendliche vermehrt seiner Peergroup zu, und diese gewinnt eine immer größere Bedeutung für die Entwicklung des eigenen Selbstwertes. In dieser Zeit entstehen daher am ehesten Ängste vor Ablehnung durch Alterskameraden.

All diese Ängste sind alterstypisch und treten im Grunde genommen bei jedem Menschen unterschiedlich stark in der jeweiligen Entwicklungsphase auf. Als Eltern ist es wichtig, das Kind durch diese Phase zu begleiten, ihm zuzuhören und die Ängste ernst zu nehmen, das Kind zu beruhigen, ihm gut zuzureden und Zuversicht zu schenken.

Auch Ängste in Bezug auf Fantasiewesen sind ernst zu nehmen. Eine gute Möglichkeit, ihnen zu begegnen, ist selbst fantastisch zu werden und zum Beispiel ein „Monsterspray“ anzubieten. So holt man das Kind auf seiner Entwicklungsstufe ab, und es kann sich als selbstwirksam erleben.

Wenn die Ängste bleiben

In der Regel verschwinden die entwicklungstypischen Ängste nach einiger Zeit wieder. Bei manchen Kindern ist dies jedoch nicht der Fall. Einige Kinder entwickeln Trennungsangst, Schulangst, Panikstörungen oder Phobien, zum Beispiel vor bestimmten Tieren oder Blut.

In den letzten Jahren haben wir als Gesellschaft viele beängstigende Situationen miterlebt. Wir haben eine Pandemie bewältigt; der Krieg von Russland gegen die Ukraine hat unser Sicherheitsgefühl in Europa stark beeinträchtigt. Seit einigen Jahren gibt es eine politische Entwicklung, die unsere Demokratie auf den Prüfstand stellt und mit den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 eine neue erschütternde Dimension erreicht hat.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Mein Eindruck ist, dass sich diese Häufung von gesellschaftlich extrem belastenden und verunsichernden Ereignissen auch auf Kinder auswirkt. Mit wieviel Zuversicht können Eltern ihre Kinder noch beruhigen? Übertragen sich manchmal vielleicht reale Ängste der Eltern auch auf die Kinder, sodass diese vermehrt mit ängstlichen Symptomen reagieren?

Was ist, wenn dann noch ein einschneidendes Lebensereignis hinzukommt wie die Geburt eines Geschwisterkindes oder der Tod eines Familienmitglieds?

Was tun gegen die Angst

Das Widersprüchliche an Angst ist, dass sie dazu führt, die Angst auslösende Situation zu meiden. Dies verschlimmert allerdings die Angst weiter. Angst kann sich nur auflösen, wenn wir uns der Angst auslösenden Situation (in kleinen Schritten) nähern, um nach und nach festzustellen, dass es keine Gefahr gibt.

Wenn Sie also bei ihrem Kind ängstliche Symptome wahrnehmen und das Gefühl haben, dass Sie diese nicht gut genug beruhigen können, dass sie zu stark ausgeprägt sind oder schon zu lange anhalten, kann die Hilfe durch eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche angemessen sein.

Sie können auch überlegen, was Ihnen selbst Sicherheit und Halt gibt und dies in den Fokus rücken, um selber wieder mehr Zuversicht zu bekommen und die Familie insgesamt entlasten zu können.

Ich bin Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, psychoanalytisch und tiefenpsychologisch fundiert, im ersten Beruf bin ich Diplom-Kunsttherapeutin. Ich arbeite mit Säuglingen, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien im Alter von null bis 21 Jahren, habe eine Weiterbildung als Säuglings-, Kleinkind-,...

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