Gerd J. Pohl, Kaspar und die Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach Credit: photo © philipp j. bösel

Es gibt wenigstens zwei Gründe, warum Gerd J. Pohl die Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach nicht erhalten sollte. Doch nun hat der Puppenspieler, Schauspieler, Rezitator und Grundpfeiler der freien Kulturszene der Stadt diese Auszeichnung dennoch erhalten. Weil es dafür deutlich mehr Argumente gibt als dagegen.

Bürgermeister Frank Stein hatte eigentlich gedacht, dass er Gerd Josef Pohl, mit dem er nicht nur einige „sonderliche“literarische Vorlieben teile, sehr gut kenne. Die Laudatio zur Verleihung der Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach an den stimmgewaltigen Intendanten des Bensberger Puppenpavillons, erzählte Stein dann in eben dieser Laudatio, sollte also eigentlich eine einfache Sache sein. Doch auch er habe bei der Vorbereitung gelernt, dass er nur einen Teil der Vita des sehr vielseitige Künstlers kenne.

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Bürgermeister Frank Stein würdigt die Vita von Gerd J. Pohl. Foto: Philipp J. Bösel Credit: photo © philipp j. bösel

Gerd J. Pohl selbst führte in seiner Entgegnung dann gleich zwei Gründe an, warum er diese Ehrung nicht hätte bekommen sollen. Denn erstens sei diese Auszeichnung ja für außerordentliches ehrenamtliches Engagement gedacht, als freier Künstler arbeitet er dagegen (vor allem) für Geld.

Zweitens aber, so Pohl, sei er grundsätzlich wenig geneigt, Orden und andere Auszeichnungen anzunehmen.  Als Künstler sei es ja gerade nicht seine Aufgabe, der Obrigkeit zu gefallen. Ganz im Gegenteil: „Unsere Aufgabe ist es, die Stimme zu erheben und Sand ins politische Getriebe zu streuen, wenn wir es für nötig halten, selbst auf die Gefahr hin, uns unbeliebt zu machen.“ Seine Stimme muss er in der Regel gar nicht erheben, sie ist auch so bis in die letzte Reihe unüberhörbar.

Ein Bundesverdienstkreuz hätte er daher ausgeschlagen, sagt Pohl. Aber mit der Ehrennadel verhalte es sich anders: Sie werde vom Stadtrat verliehen, „dessen Mitglieder ich zum großen Teil persönlich kenne und über fast alle Parteigrenzen hinweg schätze“. Zudem werde sie auf Vorschlag aus der Bürgerschaft hin verliehen.

Und sie komme von einer Stadt, „deren Menschen ich unheimlich viel zu verdanken habe“. Vor allem aber nehme er die Ehrung stellvertretend an: „für alle, die hinter mir stehen, mir auf vielfältige Art den Rücken stützen und mir meine künstlerische Arbeit überhaupt erst möglich machen“.

Im Wortlauf: Die offizielle Würdigung

„Gerd-Josef Pohl, ein vielseitiger Künstler, führt seit Januar 2009 den Puppenpavillon Bensberg, der in einem Pavillon auf dem Gelände der Bergisch Gladbacher Johannes-Gutenberg-Realschule beheimatet ist. Vor dieser Aufgabe leitete er das Tourneetheater Piccolo Puppenspiele.

Sein Theater zieht jährlich etwa 9.000 Zuschauerinnen und Zuschauer an und bietet ein breites Spektrum an Vorstellungen für Kinder und Erwachsene sowie Fortbildungsveranstaltungen für Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrern. Neben seiner Bühnenarbeit engagiert sich Pohl auch mobil an Schulen, wo er Schülern Verkehrsregeln und andere relevante Themen näherbringt.

Als Schauspieler wirkte Pohl in zahlreichen Theaterinszenierungen mit, darunter auch bekannte Stücke wie Bertolt Brechts “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny”. Seine Puppenspielarbeit führte ihn nicht nur deutschlandweit, sondern auch nach Kanada und Italien.

Pohl ist auch als Moderator tätig und moderiert seit 2021 das Magazin “Wort(e) zum Montag” auf dem Portal Massengeschmack TV. Zudem kehrte er 2022 als Schauspieler auf die Bühne zurück und spielt in Gisbert Frankens Theaterstück “Nosferatu – ein Menuett der Schatten -” eine Doppelrolle.

Besonders hervorzuheben ist Pohls Engagement für den Erhalt seines Puppenpavillons, insbesondere während der Corona-Pandemie, sowie sein Beitrag zur Kulturlandschaft von Bergisch Gladbach. Er ist gut vernetzt und pflegt zahlreiche Mitgliedschaften in kulturellen Organisationen.

Sein Einsatz für die Kultur seiner Heimatstadt und Region ist von großer Bedeutung und trägt zum Ansehen und Wohl der Stadt Bergisch Gladbach bei. Obwohl sein Theaterbetrieb eine kommerzielle Tätigkeit ist, ist sein Engagement vor allem durch seine künstlerische Leidenschaft und seinen Beitrag zur Gemeinschaft motiviert.“

Rund 100 dieser Personen bilden bei dieser Ehrung da Publikum, jede und jeder bedeute ihm viel, sagte Pohl. Gerade die vergangenen schweren Jahre (mit dem Auftrittsverbot in der Pandemie und einer schweren Schulterverletzung) hätten ihm bewiesen, wie wichtig und gut dieses Netz sei. Die Ehrung findet im Bergischen Löwen statt. Aber nicht im Theatersaal, sondern im Foyer, auf der Empore – vor den Vitrinen, die Pohls große Sammlung an historischen Puppen-Figuren präsentieren.

Credit: photo © philipp j. bösel

Eine der Puppen, der Kaspar, nimmt Pohl zum Ausgangspunkt für ein Thema, das ihm sehr am Herzen liegt. Er besitzt diese Puppe in einer wertvollen Ausführung des belgischen Meisterschnitzers Till de Kock für die Bühne – und noch einmal, sehr viel kleiner, für ein Kinderzimmer. Aber beide Puppen, so Pohl, seien mit der gleichen Präzision, der gleichen Hingabe gestaltet. Denn, so sein Credo, „für die Kinder nur das Beste“. Wer ihm, dem Puppenspieler andeute, für das Kinderpublikum keinen großen Aufwand betreiben zu müssen, der ist bei ihm gleich unten durch.

Pohl nutzt die Chance, ein weiteres ihm wichtiges Thema anzusprechen – seinen Traum und die Hoffnung, „dass unsere Stadtgesellschaft immer mehr zu einer Stadtfamilie zusammenwächst, in der jeder auf jeden aufpasst und darauf achtet, dass niemand durch die Maschen fällt“. Unabhängig von Alter, Hautfarbe, Religion, Bildung oder Weltanschauung. Diese Unterschiede dürften keine Rolle spielen, wenn es mal hart auf hart kommt. Und dafür könne jeder etwas tun, mit seinen Talenten, Ideen und Möglichkeiten.

Fotos: Helga Niekammer

Die Künstler zum Beispiel trügen Mitverantwortung dafür, dass niemand von der kulturellen Teilhabe ausgeschlossen wird. Mit seiner mobilen Puppenbühne könne er das Theater auch zu jenen bringen, die aus Alters-, Gesundheits- oder finanziellen Gründen nicht mehr ins Theater gehen können, beispielsweise zu den Menschen in den Senioren- und Pflegeheimen.

Sein Appell: „Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass niemand zu kurz kommt in unserer Stadt. Ich glaube, wir sind hier in Bergisch Gladbach auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel.“ Daher fordere er seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf, sich als Narren zu verstehen – und zusammenzuhalten.

Gerd J. Pohl: Narren

(Jo Micovich gewidmet)

Zu viele woll‘n die Gesellschaft spalten,
da müssen wir Narren zusammenhalten.

Denn Narrsein – Ihr werdet es nie bereuen –
heißt, den Herrschenden Sand ins Getriebe zu streuen
und denen, die so gerne herrschen würden,
denn sie schmieden Ketten, bau’n Mauern und Hürden. 

Denen geht’s nicht ums Brot in unserer Hand – 
sie wollen nur eines: das Sagen im Land.

Und haben sie dann die Macht in den Händen,
machen sie Euch den Nachbarn zum Fremden. 

Man darf es sich nicht gefallen lassen,
wenn plötzlich es heißt: Den musst Du hassen,
den sollst Du verfolgen und jenen missachten,
denn so fängt’s stets an, das Menschenschlachten.

Vom bösen Wort und vom kleinen Verrat
ist es nicht weit bis zur blutigen Tat!

Dagegen lasst uns zu Felde ziehen:
aufrecht, nicht buckelnd und nicht auf den Knien,
und macht ihnen unmissverständlich klar,
den Schreiern in Uniform, Robe, Talar,
in Blue-Jeans ganz volksnah, in Hemd und Krawatte,
in Schule und Kirche und Stadtratsdebatte,
dass gegen ihr Ewig-im-Gestern-Verharren
eine Waffe es gibt: das Lachen der Narren.

Lacht ihnen offen und laut ins Gesicht,
denn ein offenes Lachen vertragen sie nicht.
Überrennt sie mit Späßen und lustigen Sachen – 
man kann sie in Grund und Boden lachen!

Scheucht lachend zurück sie in ihre Höhlen
lasst nicht irritieren Euch von ihrem Grölen.

Und hockt er am Tresen, im Bus, in der Bahn,
der kleine Adolf in all seinem Wahn,
und fordert: „Marschieren in Reih und Glied!“ – 
lacht, bis er aus Eurer Mitte entflieht.

Und nennt er sich „Freund“, so geht lachend stiften:
Solche „Freunde“ können den Geist Euch vergiften.

Lasst solches Gesindel nie an die Macht – 
verhindert’s, indem Ihr es lauthals verlacht!
Und lasst Euch nicht auseinandertreiben – 
denn Narren müssen in Rufweite bleiben!

Damit schloss Pohl seine Ausführungen, griff sich die Ehrennadel und kündigte an, sich nun dem nächsten Lebensziel zu widmen: Sich ein Ehrengrab zu sichern.


Impressionen aus unserem Pohl-Archiv:


In der Corona-Zeit hatte sich Gerd J. Pohl auch am Kulturkurier des Bürgerportals beteiligt:

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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  1. Guten Tag, Herr Pohl
    Mit grossem Interesse habe ich den Artikel über Sie im Kölner Stadtanzeiger gelesen.
    Im Jahr 1985, am 25. Dezember, gastierte das Rheinisch-Bergische-Marionettentheater in Saragossa/ Spanien. Meine damals 5jährige Tochter Helena war von den Puppen, die nur wenig kleiner als sie selbst war, begeistert und ich ging mit ihr nach der Aufführung hinter die Bühne, um die Puppen ganz aus der Nähe zu betrachten. Es wurde “Das tapfere Schneiderlein” gespielt und das Schneiderlein trug auch einen Gurt mit der spanischen Aufschrift “7 de un golpe” (7 auf einen Streich)! Ich würde von diesem fast 40 Jahre zurückliegenden Ereignis gerne 2 Fotos anfügen aber weiss nicht wie das zu bewerkstelligen ist.
    Herzliche Grüsse aus Madrid

    1. Hallo Herr Schultz, ich habe Ihren Kommentar gelesen, finde Ihr Vorhaben wunderbar und würde gerne helfen. Sie können Herrn Pohl unter der Email-Adresse mail@theater-im-puppenpavillon.de erreichen. Ihrer Email können Sie dann die Fotos beifügen. Herzliche Grüße Christian Buchen