Jeanette Kämpchen mit ihren zwei Kindern. Foto: Laura Neu

Immer wieder hört man Geschichten von Frauen, die nach der Geburt ihrer Kinder einen anderen Karriereweg einschlagen, oft irgendetwas im Familien-Universum. So wie Jeanette Kämpchen. Sie arbeitete als Business Managerin bei großen Unternehmen und liebte ihren Job. Heute ist sie bindungsorientierte Familienbegleiterin. Was das bedeutet und wie sie dazu kam.

„Was habe ich falsch gemacht?“ Das fragte sich Jeanette Kämpchen, als ihre Tochter mit eineinhalb Jahren abends nicht in den Schlaf fand und nachts regelmäßig zwei, drei Stunden wach war. Das fragen sich viele Eltern, wenn ihre Kinder nicht so schlafen, stillen, essen oder sich verhalten, wie sie das in ihrem Alter sollten.

+ Anzeige +

Was sie in welchem Alter wie sollten, darüber sind online viele Informationen zu finden. Viele davon sind, wenig überraschend, falsch oder bilden einfach nur eine Norm ab, der viele Kinder einfach nicht entsprechen, denn: „Jedes Kind, jeder Mensch ist individuell“, sagt Jeanette.

Als sie 2020 mit ihrer Tochter schwanger wurde, arbeitete sie bei einem großen Unternehmen als Business Managerin. Sie hatte International Business Management studiert, war bei L’Oréal und Butlers angestellt gewesen. Heute ist die 36-Jährige zertifizierte Bindungsorientierte Familienbegleiterin, bietet Schlaf-, Still- und Beikostberatung.

Geschichten wie die von Jeanette hört man immer wieder. Geschichten von Frauen, die nach der Geburt ihrer Kinder einen ganz anderen Karriereweg einschlagen, oft irgendetwas im Kinderuniversum. Ich möchte wissen, was Jeanette dazu bewogen hat.

Blanke Panik vor der Geburt

Sie empfängt mich zum Gespräch in ihrem Zuhause in Refrath. Es ist ein warmer Tag, wir setzen uns in den Garten, und Jeanette fängt an zu erzählen.

Alles begann damit, dass sie „blanke Panik“ vor der Geburt ihrer Tochter empfand. Wo das herkam, verstand sie erst im Geburtsvorbereitungskurs, bei dem sie, wie sie sagt, erstmals echtes Wissen über die Geburt vermittelt bekam: „Wir hören sonst nur Horrorgeschichten“, sagt sie. So würden wir lernen und glauben, dass Geburten furchtbar und schmerzhaft und überhaupt nur mit einer PDA zu überstehen seien.

Ihre Tochter bekam sie letztendlich, nicht ganz geplant, aber glücklich, zu Hause.

Doch das nächste Problem folgte sofort: Ihr Baby wollte nicht stillen. Im Krankenhaus, sagt Jeanette, hätte sie wohl umgehend Stillhütchen bekommen, wäre schnell zum Zufüttern gedrängt worden. „Man ist ausgeliefert“, findet sie, denn die meisten wissen es nicht besser und wollen selbstverständlich das Beste für ihr Kind.

Stillschwierigkeiten

Das „natürliche Wissen“ über Geburten, über Stillen sei in unserer Gesellschaft nicht mehr verbreitet. Man sehe auch kaum Frauen beim Stillen, schon gar nicht über das Babyalter hinaus, von denen man sich etwas abgucken und lernen könne.

Jeanette hatte das Glück, nach der Geburt nicht im Krankenhaus zu sein, sondern zu Hause, und dort Unterstützung von ihrer Hebamme zu bekommen. Nach einer Woche klappte es mit dem Stillen. Darüber ist sie sehr glücklich: „Das hat meine Stillbeziehung zu meiner Tochter gerettet, die ich lange genossen habe.“

Gleichzeitig lernte sie von derselben Hebamme, dass sie Stillabstände von zwei Stunden einhalten sollte, weil das Baby sonst Bauchschmerzen bekommen könnte. Sie erzählt: „Meine Tochter hat vor Hunger gebrüllt, die Milch ist mir fast aus den Brüsten geplatzt, und ich habe im Bett gelegen und die Minuten gezählt, bis ich wieder stillen durfte. Das Schreien klirrt mir heute noch in den Ohren.“

Inzwischen weiß sie: „Wir müssen Babys nicht in die Welt setzen und takten.“ Damals wusste sie das nicht, vertraute der Information der Hebamme, hatte Angst, ihrer Tochter Bauchschmerzen zu verursachen. Wieder eine Art des Ausgeliefertseins.

Schlafprobleme

Als ihre Tochter eineinhalb war, kamen die Schlafprobleme auf, die Jeanette (wieder einmal) zu der Frage führten, was sie falsch gemacht hätte. Wenn sie das Internet konsultierte, stieß sie auf Tabellen, die den Schlafbedarf von Kindern in den unterschiedlichen Altersstufen zeigten. Wenn sie durch Social Media scrollte, sah sie Familien, deren Kinder von 19 bis 7 Uhr durchschliefen.

Es dauerte, bis sie verstand, dass jedes Kind anders ist – und dass ihres einfach einen geringeren Schlafbedarf hatte als die meisten anderen.

Zu der Zeit war sie bereits wieder in ihren alten Beruf zurückgekehrt, 20 Stunden pro Woche. Sie habe das Modell nicht hinterfragt, das die meisten Familien leben: zwölf Monate Elternzeit, danach Teilzeit zurück in den Job.

Nur: Dort wurde die gleiche Leistung von ihr erwartet wie früher, ebenso wie die Überstunden, die sie früher gerne geleistet hatte. Gleichzeitig war es das erste Kita-Jahr ihrer Tochter, sie war ständig krank. Zudem war Jeanette im ersten Monat zurück im Beruf überraschend wieder schwanger geworden.

„Ich habe meinen Job geliebt“, sagt sie. Aber er passte nicht mehr mit ihrer Lebenssituation zusammen.

Die Ausbildung

Genau in dieser Zeit sah sie, dass zwei Familienberaterinnen, die sie aus den sozialen Medien kannte, ein neues Institut gegründet hatten: das BFB Institut für bindungsorientierte Familienbegleitung. An diesem Institut wird das evidenzbasierte und wissenschaftliche Wissen, das zu den Themen Stillen, Schlaf und Beikost existiert, miteinander verzahnt.

Bei renommierten Dozent:innen wie Nora Imlau oder Herbert Renz-Polster lernen die Auszubildenden, dieses Wissen weiterzugeben und Familien bestärkend zu begleiten.


Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.


Jeanette dachte: Das könnte etwas für sie sein. Sie wollte sich das richtige Wissen aneignen und andere Familien dabei unterstützen, sich zurechtzufinden in einem „Dschungel an Falschinformationen“. Sie wollte anderen Familien, deren Kinder auch nicht den kursierenden Normen entsprechen, zeigen, dass es nicht sie sind, bei denen etwas falsch ist, sondern die Normen. Dass die Gesellschaft für das ganze Spektrum rund um die Norm keinen Platz vorgesehen hat.

Sie bewarb sich, bekam den Platz und absolvierte die halbjährige, berufsbegleitende Ausbildung in der Elternzeit mit ihrem zweiten Kind.

Die Beratung

Dann startete sie in die Selbstständigkeit und stellte schnell fest: Ihre Expertise war gefragt. Schon im Rückbildungskurs zeigten die Teilnehmerinnen Interesse; als Jeanette mit der Ausbildung fertig war, buchten drei von zehn Frauen aus dem Kurs eine Beratung bei ihr. „Es läuft viel über Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Jeanette, ein bisschen auch über Instagram.

Infos: Die Beratung kostet 20 Euro pro 15 Minuten oder 80 Euro die Stunde. Kontakt: hallo@rheinland-kind.de, Webseite: rheinland-kind.de

Inzwischen ist sie seit zwei Jahren dabei und gibt durchschnittlich zwei bis drei Beratungen pro Tag. Online und in Präsenz. Oft wird sie spontan angefragt und fährt dann auch am Wochenende oder abends los. Sogar am Abend des ersten Geburtstags ihres Sohnes fuhr sie kurzfristig zu einer Klientin. „Bei Stillstartschwierigkeiten muss man schnell sein“, sagt sie.

Jeanettes Mann unterstützt sie in ihrer Selbstständigkeit. Foto: privat

Wenn ihr Mann einmal nicht zu Hause die Stellung halten kann, springt ihre Mutter ein, die um die Ecke wohnt.

Die meisten Anfragen sind Einzelberatungen, die mal eine, mal eineinhalb Stunden dauern. Dann ist das Problem meistens gelöst. Oft kommen die Familien Monate später noch einmal zu ihr, wenn es vom Stillen zur Beikost geht, oder/und wenn noch Schlafprobleme auftreten.

Apropos: 80 Prozent ihrer Beratungen drehen sich um das Thema Schlafen, 15 Prozent ums Stillen und die restlichen fünf um Beikost. „Das verursacht am wenigsten Probleme“, sagt Jeanette und lacht.

Mehr zum Thema

„Viele Eltern verlieren sich selbst“

Eigentlich wollten wir mit Familienbegleiterin Jeanette Kämpchen nur darüber sprechen, was bindungsorientierte Schlafberatung bedeutet – und warum sie ein Ausweg für müde Eltern sein kann, die kein „Schlaftraining“ machen wollen. Was das mit einer weit verbreiteten Missinterpretation des bedürfnisorientierten Ansatzes zu tun hat, mit „Momfluencerinnen“ und dem Gender Pay Gap, lest ihr im Interview.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.