Fotos: RIF

In Gronau hat sich ein Theater für Kinder und Jugendliche etabliert, das mehr bietet, als Schule leisten kann. Die Heranwachsenden aus 15 Nationen lernen im Jugendzentrum Cross, mit Bewegungen eine Geschichte zu erzählen – und wachsen über sich hinaus. Dahinter steht seit zehn Jahren die erfahrenere Regisseurin und Theaterpädagogin Natalia Plechanov.

„Soll ich dir eine Geschichte in einer Bewegung erzählen“, fragt mein 10-jähriger Sohn. Ich schaue misstrauisch, denn seine Begeisterung für Geschichten oder gar Bewegungen, die über das Handy-aus-der-Tasche-holen hinausgehen, hielt sich bisher doch sehr in Grenzen.

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„Nein – im Ernst, Mama“ – er hat meine Skepsis gespürt – „das habe ich im Theater gelernt.“ Und schon verändert sich sein Blick, er geht in die Hocke und reckt mir die Hände entgegen, schaut großäugig. „Das ist Tiefstatus. Und das …“ – er streckt die Brust selbstbewusst raus und mustert mich überlegen – ..ist Hochstatus. So stehe ich ab jetzt auf dem Schulhof.“

Ich bin überrascht und noch nicht überzeugt: „Wo ist die Geschichte?“ frage ich freundlich. „Na das ist doch nur der Anfang, damit wir in das Gefühl kommen – über die Bewegung“, sagt er im Dozententon.

Dann spielt er tatsächlich wortlos drei verschiedenen Figuren und ich errate das Thema.

Mein Sohn geht seit kurzem stolz in den Theaterunterricht im Jugendzentrum Cross in Gronau, wo sich Kinder mit bunt gemischten Hintergründen als Schauspieler*innen und Bühnentechniker*innen üben.

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„Man fühlt sich total willkommen“

Das Cross in Gronau ist eins von sechs Jugendzentren in Bergisch Gladbach. Hier wird offene Kinder- und Jugendarbeit gemacht – das heißt in erster Linie: Raum und Zeit zur Verfügung gestellt, in denen die jungen Menschen einfach SEIN können, ohne etwas Bestimmtes tun zu müssen. Dabei lernen sie, ihre Interessen wahrzunehmen, sich einzubringen, Konflikte zu lösen und einiges mehr.

Ins Leben gerufen und geleitet wird das soziale und kostenfreie Angebot von der erfahreneren Regisseurin und Theaterpädagogin Natalia Plechanov. Unterstützt wird sie von der Schauspielerin und Theaterpädagogin Johanna Niesen. Die Theatergruppe besteht aus drei Altersgruppen, die – und das ist besonders – aus 15 verschiedenen Nationen kommen.

Natalia Plechanov bei der Probenarbeit. Foto: RIF

Theater bringt verborgenen Talente zum Vorschein

Das Besondere an Natalias und Johannas Arbeit ist das pädagogische Konzept, um mit Kindern zwischen 10 und 17 Jahren künstlerisch und kulturell zu arbeiten. Der Satz „Der Mensch ist nur Mensch, wenn er spielt“ nach Friedrich Schiller weist auf eine Grundannahme hin, dass der Mensch im Spiel seine Freiheit, Kreativität und Authentizität auslebt.

Prinzip der Kunst ist, Fragen gegenüber Ich und der Welt zu stellen. Schule dagegen hat eine starke Strukturierung und Leistungsorientierung. In der Theaterpädagogik können die Spielenden mitgestalten, falls sie sich auf den künstlerischen Prozess einlassen.

Das ist natürlich mit einer wilden Horde von 8-Jährigen und Jugendlichen in der Pubertät nicht immer immer einfach. Natalia und Johanna schaffen es. Denn die Kinder sehen in den Geschichten ihre eigenen Themen wie: Freundschaft, Schwächen haben, Konflikte, soziale Gerechtigkeit.

„Das Entdecken eigener Talente und die Fähigkeit im Team an etwas Großem und Schönem zu arbeiten stärkt ungemein“, meint Johanna. Und Natalia sagt: „Sie bekommen einen neuen Blick auf Ihren zukünftigen Lebensweg.“

RIF: Romantik, Interesse, Fantasie

Der Name ihrer Theatergruppe ist RIF (Romantik, Interesse, Fantasie). „Die Phantasie entfacht das Feuer der Seele“, sagt Natalia. Das lässt sich auch wissenschaftlich begründen: Gerald Hüther, populärer Professor für Neurobiologie sieht darin sogar die Möglichkeiten einer nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung.

Es werden die inneren Potenziale der Jugendlichen freigesetzt und Spiegelneuronen entwickelt. So gelänge Integration.

Auch deutsche Schüler*innen kommen begeistert zu ihrem Theaterunterricht. „Hier wird zurückintegriert“, lacht Natalia.

Zwei bis drei Aufführungen im Jahr werden zur Zeit im Cross produziert und finden jeweils ein gemischtes Publikum. Es gibt Klassiker wie Sommernachtstraum, Medienprojekte und interaktive Stücke, bei denen auch das Publikum mitmacht.

Foto: RIF

Spenden finanzieren Theater im Projektformat

Der Zutritt zum Theaterkurs muss bei vielen Kindern durch Spenden finanziert werden, da sie ihn sich nicht leisten können. Natalia und Johanna finden hierfür immer wieder neue Wege, um das Theater im Projektformat stattfinden zu lassen.

Und geboten werden nicht nur Kurse und Aufführung, sondern auch gemeinsame Fahrten zu Theatern und Ausstellungen. Sogar fünf internationale Austausche wurden schon umgesetzt.

Diese Jahr fährt die Theatergruppe in die Oper und ins Marionettentheater nach Düsseldorf, in die Comedia Köln. Und mehrere Museen stehen auch schon auf dem Programm, vielleicht klappt sogar ein Berlin-Besuch. Und wer weiß, was die Zukunft noch bringen wird – auf jeden Fall jede Menge Theater.

Die nächste Vorstellung „Die kleine Hexe“ findet am 23. März statt.

Kontakt
Jugendzentrum Cross
Mülheimer Str. 211 51469
Bergisch Gladbach  
theatertrupperif@gmail.com,

Website RIF, Website Cross

die Diplom-Betriebswirtin ist Journalistin und Theaterpädagogin.

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