Schon früh stellt Samuel fest, dass er sich nicht als Junge fühlt, am liebsten Kleider trägt und mit Mädchen spielt. Mit fünf Jahren wird er offiziell zu Sammy – und im Sommer als Mädchen eingeschult. Ich habe die Familie aus Bergisch Gladbach auf dem Weg zu dieser Entscheidung begleitet und mit Expert:innen über das Thema Transgender bei Kinder gesprochen.
Sammy liebt es, im Sommer Flatterkleider zu tragen und barfuß durch das Gras zu laufen. Die Haare sind zu einem lockeren Zopf geflochten, der rote Nagellack an den Fingernägeln ist an einigen Stellen abgeblättert. Wie es bei wilden Fünfjährigen eben so ist.
Nach dem Sommer kommt Sammy in die Schule. Was die Mitschüler:innen nicht wissen: Sammy hat den Körper eines Jungen und hieß bis vor kurzem Samuel. Seit einigen Wochen ist Sammy nun offiziell ein Mädchen. Beim Standesamt Bergisch Gladbach haben ihre Eltern das Geschlecht und den Namen ändern lassen.
Diese Entscheidung ist bei Sammy und ihrer Familie allerdings nicht von heute auf morgen gefallen – und sie haben sich auf dem Weg dorthin von Expert:innen beraten lassen.
Hinweis der Autorin: Samuel und Sammy sind nicht die echten Namen des Kindes. Um Sammy und ihre Familie zu schützen, habe ich für diesen Artikel alle Namen geändert. Die Fotos hat Sammys Mutter Nina gemacht, mit der ich befreundet bin. Ninas und meine Kinder kennen sich ebenfalls und ich habe die Entwicklung von Samuel zu Sammy in den vergangenen Jahren begleitet.
Die Verwendung des fiktiven Ursprungsnamen ist mit der Familie abgesprochen, trans-Personen lehnen es in der Regel aber ab, dass dieser „Deadname“ benutzt wird oder danach gefragt wird.
Kindheit mit Barbie und Actionhelden
Sammys erste Lebensjahre verlaufen „unauffällig“, wie Nina rückblickend sagt. Sammy wird in einem Jungenkörper geboren und zieht die Klamotten des größeren Bruders Tim an. Die Brüder spielen sowohl mit Autos als auch mit Barbies, lieben Actionfiguren und Rollenspiele, wachsen möglichst geschlechtsneutral auf.
In der Kita, mit etwa drei Jahren, fällt Eltern und Erzieher:innen auf, dass Sammy am liebsten mit Mädchen spielt und mit Jungs eher aneckt. „Die haben alle so coole Kleider an, das hätte ich auch gern“, sagt Sammy immer wieder.
Die Eltern halten es für eine Phase, wie sie viele Kinder haben. Sie leihen Kleider von Freunden aus, die Sammy glücklich anzieht.
Zum vierten Geburtstag wünscht Sammy sich nichts sehnlicher als ein Kleid der Eisköniging Elsa. Die Eltern erfüllen ihrem Kind diesen Wunsch. Als Sammy das blau-glitzernde Kleid auspackt, strahlen ihre Augen. Sie zieht es sofort an und geht verkleidet in die Kita.

Vorliebe für Kleider
Sammy möchte am liebsten nur noch Kleider, Röcke oder Leggings tragen. Mit der Zeit haben die Eltern das Gefühl, dass es mehr ist als nur eine Phase. Sie machen sich Gedanken und lassen sich von einer Kinder- und Jugendtherapeutin beraten.
„Wir hatten Redebedarf, waren verunsichert“, erinnert sich Nina. „Sollen wir Sammy Kleider kaufen oder befeuern wir das Thema dadurch?“ Die Therapeutin, die nach eigener Aussage keine Expertin für das Thema ist, bestärkt die Eltern darin, Sammys Kleiderwunsch ernst zu nehmen und zu erfüllen und das Thema erst einmal „laufen zu lassen“.
Ich bin zwar ein Junge, aber ich fühle mich nicht soSammy
Einige Monate später, als Sammy sich bettfertig macht, fällt ein entscheidender Satz: „Mama, ich möchte ein Mädchen sein. Ich bin zwar ein Junge, aber ich fühle mich nicht so.“ Nina nimmt Sammy in den Arm. „Das ist okay und darf so sein. Wir merken das und sind bei dir“, sagt die Mutter und versucht, ihre eigene Überforderung in dem Moment zu verbergen.
Ab diesem Tag öffnet sich immer mal wieder für kurze Zeit ein Fenster, wie Nina es nennt: Sammy spricht häufiger über das Gefühl, ein Mädchen sein zu wollen, stellt Fragen zu körperlichen Dingen. „Wenn ich erwachsen bin, werde ich ja ein Mann“, stellt Sammy einmal erschrocken fest. „Du bist damit nicht allein. Es gibt viele andere Menschen, die sich auch so fühlen“, erklärt die Mutter.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ von Laura Geyer erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.
Das Umfeld von Sammys Familie und die Kita gehen entspannt mit der Situation um und akzeptieren, dass Samuel nur noch Sammy genannt werden möchte und gern Kleider trägt. „Wir hatten die Sorge, dass sich das mit der Einschulung ändern könnte und hatten dazu Redebedarf“, begründet die Mutter den Schritt, sich an Expert:innen zu wenden.
Beratung vor der Einschulung
In Bergisch Gladbach wird Nina auf ihrer Suche nach Beratungsstellen, die sich mit dem Thema transgender bei Kindern auskennen, nicht fündig. In Bonn entdeckt die Mutter einen Kinderpsychologen, der sich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert hat, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Bei ihm lassen sich Sammys Eltern im Hinblick auf die Einschulung beraten.
Außerdem nimmt sie Kontakt zu Rubicon e.V. in Köln auf: Der Verein ist Anlaufstelle für queere Menschen und deren Familien. Er berät zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt und Selbstbestimmung. Rubicon bietet unter anderem eine eigene Gruppe für transgender Kinder und -Jugendliche unter 14 Jahren an sowie eine Gruppe für deren Eltern.
Anlaufstellen für Familien mit transgender Kindern
An wen können sich Eltern wenden, wenn ihr Kind sich dem zugewiesenen Geschlecht nicht zugehörig fühlt? Wo bekommen transgeschlechtliche Kinder und Jugendliche Hilfe und Unterstützung, wenn sie nicht wissen, welche Geschlechtsidentität passend für sie ist? Wir haben einige Anlaufstellen zusammengestellt.
Bedrohung und Anfeindungen
Die Menschen, die bei Rubicon arbeiten, haben allesamt selbst Erfahrung mit lesbisch, schwulem oder queerem Leben. Für diesen Artikel habe ich mit einem Teammitglied der Transgender-Beratung gesprochen, das sich selbst als geschlechtsneutral bezeichnet. Aufgrund einer zunehmenden Bedrohungslage möchte es nicht mit Namen in der Öffentlichkeit erscheinen.
„Wir erleben leider häufig Anfeindungen, unsere Namen und Fotos tauchen in rechtsextremen Foren auf“, sagt das Teammitglied. Die Gesellschaft habe sich einerseits liberalisiert, „gleichzeitig erleben wir einen Rechtsruck und vermehrt Bedrohungen gegen queere Menschen“.
Ängste und Sorgen der Eltern
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass auch viele Eltern befürchten, ihr Kind könne Opfer von Mobbing oder Diskriminierung werden, wenn es sich als transgender outet. Dazu komme die Sorge, das Kind bei einer Entscheidung zu unterstützen, die es nicht abschätzen kann oder sich als falsch herausstellt, berichtet das Team-Mitglied.
Eltern rät es daher, „erst einmal tief durchzuatmen“. Denn: „Es passiert so schnell überhaupt nichts.“ Erst recht nicht, wenn es – wie in Sammys Fall – um ein Kind im Kita- oder Grundschulalter geht.
Rubicon unterstützt die Selbstbestimmung des Kindes und rät Eltern, das Kind erst einmal ausprobieren zu lassen und ihm das Gefühl zu vermitteln: „Sei so, wie du bist und wie du dich fühlst. Ich unterstütze dich dabei.“
Tipps für Eltern von transgender Jugendlichen
Wenn Kinder oder Jugendliche sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde, kann das nicht nur bei den Betroffenen selbst, sondern auch bei deren Familien zu Unsicherheiten und Ängsten führen. Die Beratungsstelle Rubicon möchte Eltern Ängste nehmen und zwischen den Generationen vermitteln.
Geschlechtsidentität von Kindern
Wichtig sei es, das Kind ernstzunehmen. „Schon in der Kita lernen Kinder Kategorien von männlich und weiblich, und können schon früh ihre Geschlechtsidentität wahrnehmen“ – und eben auch schon spüren, dass das durch Geburt zugewiesene und gefühlte Geschlecht nicht zusammenpassen. Die neuen medizinischen Leitlinien zur sogenannten Geschlechtsinkongruenz bei Kindern und Jugendlichen richten sich daher nicht mehr nach Altersgrenzen, sondern nach der individuellen Entwicklung der Personen.
Sammys Eltern befassen sich ausführlicher mit dem Transgender-Thema und der Rechtslage, tauschen sich mit anderen Eltern aus. „Wir hatten die Sorge, dass das Selbstbestimmungsgesetz mit einem Regierungswechsel wieder rückgängig gemacht wird“, sagt Nina.
Auf kindliche Art sprechen sie mit Sammy über die Möglichkeit, Namen und Geschlecht zu ändern und als Mädchen eingeschult zu werden. „Wir können das regeln, wenn du das möchtest.“ Das Funkeln in Sammys Augen wird Nina nicht vergessen.

Aus Samuel wird Sammy
Und so meldet die Familie beim Standesamt Bergisch Gladbach die Änderung des Geschlechtseintrags und des Vornamens an. Drei Monate später ist es soweit. Aus dem Jungen Samuel wird das Mädchen Sammy.
„Für Sammy war der Termin langweilig“, sagt Nina und lacht. Damit sie es trotzdem mit etwas Besonderem verbindet, lässt sie sich danach Ohrlöcher stechen.
Das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG), das am 1. November 2024 in Kraft getreten ist, erleichtert es transgeschlechtlichen, intergeschlechtlichen und nichtbinären Menschen, ihren Vornamen und ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister ändern zu lassen.
Das SBGG löst das Transsexuellengesetzes (TSG) von 1980 ab. Betroffene mussten bislang zwei Gutachten von Sachverständigen vorlegen, bevor ein Gericht über den Antrag entschied. Das Verfahren war langwierig und teuer.
Durch das SBGG entfallen die Gutachten und eine gerichtliche Entscheidung. Es beinhaltet keine Regelungen zu geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen.
Für die Änderung muss eine persönliche Erklärung beim Standesamt abgegeben werden. Diese muss drei Monate vorher dort angemeldet werden. Die dreimonatige Wartefrist hat unter anderem den Zweck, der Person eine Bedenkzeit zu geben.
Bei Minderjährigen geben die Eltern oder Sorgeberechtigten die Änderungserklärung ab. Kinder ab fünf Jahren müssen bei der Änderung persönlich anwesend sein und ihr Einverständnis abgeben.
Ab 14 Jahren können Jugendliche die Änderungserklärung selbst abgeben, benötigen aber die Zustimmung der Sorgeberechtigten. Es gibt keine Beratungspflicht für Menschen, die Namen und Geschlecht ändern lassen.
Viele trans Menschen wollen nicht, dass man ihren Geburtsnamen nennt, weil dieser oft mit Leiden verbunden ist. Sie bezeichnen ihn als „deadname“.
In Bergisch Gladbach haben seit dem 1. November 2024 bislang 51 Menschen ihr Geschlecht geändert. Davon waren 5 jünger als 18 Jahre.
Es gibt die Möglichkeit weiblich, männlich oder divers zu wählen oder den Geschlechtseintrag streichen zu lassen. 6 Personen wählten divers, 5 ließen den Geschlechtseintrag streichen.
Wenn sich Angaben wie der Name ändern, sind Dokumente wie Ausweis oder Pass ungültig und müssen neu beantragt werden. Die Person kann ihren Namen auch in Zeugnissen ändern lassen.
Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite des Bundesfamilienministeriums.
Hintergrund: Das Selbstbestimmungsgesetz
Änderung des Geschlechtseintrags
Der alte Name
Zahlen aus Bergisch Gladbach
Die Eltern besprechen mit Expert:innen, welche problematischen Situationen auftreten können, etwa auf der Toilette, in der Umkleide oder beim Schwimmunterricht. Und es geht um die Frage, ob sie Sammy als trans Kind outen oder nicht.
„Das kommt auf das Kind und seinen Wunsch an“, sagt das Rubicon-Mitglied. Das Trans-Thema publik zu machen, berge das Risiko als „andersartig“ wahrgenommen und stigmatisiert zu werden. Andererseits könne es Stress auslösen, ein solches Geheimnis zu haben.
Einschulung als Mädchen
Sammy wünscht sich, als ganz normales Mädchen gesehen zu werden. „Daher haben wir uns dazu entschieden, nur die Lehrkräfte, Schulleitung und das OGS-Team darüber zu informieren“, erklärt Nina. In einem Gespräch versichern alle Beteiligten den Eltern, dass sie Sammy auf ihrem Weg begleiten und die Eltern sich keine Sorgen machen müssten.
Weil Sammy sich in der restlichen Kita-Zeit nicht verstellen möchte, informieren die Erzieher:innen die Kinder und Eltern darüber, dass Samuel jetzt Sammy heißt und sich als Mädchen fühlt. Alle reagieren sehr entspannt. „Ich habe schon immer gedacht, dass Sammy eigentlich ein Mädchen ist“, sagt eine Erzieherin.





Gleichaltrige gehen häufig unbefangener mit dem Transgender-Thema um als Erwachsene, zeigen die Erfahrungen des Kinderpsychologen und von Rubicon. So erlebe ich es auch.
„Samuel heißt jetzt Sammy“, verkündet meine Tochter beim Abendbrot. „Weißt du warum?“, frage ich. „Er wurde im Körper eines Jungen geboren, möchte aber lieber ein Mädchen sein.“ Damit ist das Thema für sie erledigt. Sie hat sich – im Unterschied zu mir – auch viel schneller daran gewöhnt, „sie“ zu sagen.
Trauer-Prozess der Eltern
Eltern und Angehörige hingegen durchleben oft auch einen Prozess der Trauer. „Sie müssen sich von bisherigen Vorstellungen über ihr Kind verabschieden“, weiß das Rubicon-Teammitglied.
Bei Sammy war es vor allem für den achtjährigen Bruder schmerzhaft: „Jetzt habe ich keinen Bruder mehr“, lautet seine Reaktion, als er erfährt, dass Samuel ein Mädchen sein möchte. Inzwischen hat er Sammy als seine Schwester akzeptiert.
Für Nina und ihren Mann waren die eigenen Gedanken und Gefühle zweitrangig, wie sie sagt. „Uns geht es nur darum, dass Sammy glücklich ist.“ Und dafür möchten die Eltern den Weg mitgehen, für den Sammy sich einmal entscheidet. Auch wenn sie sich irgendwann eine Geschlechtsangleichung wünscht.
Oder wenn sie irgendwann wieder ein Junge sein möchte. „Es gibt auch einen Weg zurück.“
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