Peter Baeumle-Courth

Peter Baeumle-Courth wägt Entscheidungen systematisch ab. Davon merkt man im Gespräch mit dem Mathematiker allerdings wenig, denn die meisten Fragen hat er längst durchdacht. Sekundenschnell beantwortet der Stadtrat der Grünen alle Fragen am Stammtisch des Bürgerportals. Seine Vorstellungen erläutert er mit viel Understatement, manchmal etwas umständlich, aber genau. Kein Wunder, seit Jahrzehnten hat der IT-Fachmann seinen Stil als Dozent an der FHDW erprobt.

In diesem Beruf fühle er sich sehr wohl, berichtet Baeumle-Courth. Und dennoch strebt er am 25. Mai einen ganz anderen Job an. Auf die Frage, ob er das mit dem Bürgermeisteramt in Bergisch Gladbach wirklich ernst meine, antwortet er ganz typisch mit zwei Unterpunkten und einigen Spiegelstrichen:

Erstens trete er an, weil es ihm wichtig sei, im Wettstreit zur Kommunalwahl grüne Positionen öffentlich zu vertreten. Und zweitens „bin ich nicht überzeugt, dass ich in einer Stichwahl gegen Lutz Urbach (und die wird es geben), verlieren werde”, meldet der Grünen selbstbewusst einen Amtsanspruch an. Sein Äußeres hat er schon sanft angepasst: der Rauschebart ist getrimmt, das graue Haar jetzt kurz.

„Urbach gegen alle, die keine CDU mehr wollen“

Seine Chancen seien in den letzten Tagen weiter gestiegen, erläutert Baeumle-Courth. Die SPD mache gerade sehr viel Murks und sei dabei, in der Stadtwerke-Debatte ihren eigenen Kandidaten Michael Schubek zu demontieren, aus dem „zweiten Platzhirsch ist ein Reh geworden“. Gleichzeitig ist er fest überzeugt, dass der eigentliche Platzhirsch, CDU-Kandidat Lutz Urbach, im ersten Wahlgang keine absolute Mehrheit erreicht und es damit am 15. Juni zur Stichwahl kommt.

Und dann würde es heißen: „Urbach gegen alle, die keine weiteren fünf Jahre CDU wollen“. Zwar könne er die Chancen nicht berechnenen, eine Glaskugel besitze er auch nicht – aber „dann wird es wirklich spannend“, verspricht der Kandidat.

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Zuvor ist jetzt jedoch Wahlkampf angesagt, und in den zieht Baeumle-Courth (über die klassischen grünen Themen hinaus) mit drei großen Blöcken: Eine dezidierte Kritik am amtierenden Bürgermeister, einer Vision für Bergisch Gladbach im Jahr 2025 und seinen persönlichen Zielen für das Bürgermeisteramt.

Ein neuer Führungsstil in der Lokalpolitik

Baeumle-Courth dutzt Lutz Urbach zwar, aber über den politischen Stil des CDU-Manns kann er sich richtig aufregen. Zum Beispiel über dessen Neujahrsrede, in der er erst über seine Kritiker gemeckert und dann Strafen für Bürger angekündigt habe, die die schöne neue Fußgängerzone mit Kaugummis verschmutzten. „Diese Rede war kein politisches Format, das geht gar nicht.” Zudem betreibe Urbach eine „absolute Parteibuchpolitik” bei der Besetzung sämtlicher relevanter Positionen in der Verwaltung. Gegen alle anderen Fraktionen habe er Personen durchgedrückt, denen zum Teil die Qualifikation gefehlt habe.

Vision 2025: Gewerbepolitik mit langem Atem

Seine Vision 2025 baue auf der Erkenntnis auf, dass Bergisch Gladbach nur dann eine Zukunft habe, wenn die Stadt ihre in Ansätzen vorhandenen Stärken gemeinsam pflege und die Gegensätze zueinander bringe. Bergisch Gladbach, so Baeumle-Courth, sei eben nicht nur zum Arbeiten oder nur zum Schlafen gut – sondern biete beides.

Kommunalwahl-Programm der Grünen Bergisch Gladbach zum Download
Debatte zum Programm der Grünen in der Facebook-Gruppe „Politik in BGL“

Konkret werde das zum Beispiel in der Gewerbepolitik. Dabei reiche es nicht, sauber zu definieren, wo und in welchem Umfang klassisches Gewerbe angesiedelt sein soll – man müsse sich auch langfristig daran halten. Statt dessen fahre die Stadt hier eine Politik des Hü und Hott, wie man etwa am Fall des Porsche-Zentrums in Bensberg gut nachvollziehen könne. Wichtiger aber sei es, neues zukunftsfähiges Gewerbe und bereits vorhandene forschungsstarke Unternehmen zu fördern.

Angebote für die Jugend – und Schulen schließen

Zusammenführen will der Grüne auch die Interessen von Jung und Alt. Als Vater von zwei Töchtern habe er gemerkt, dass für die Jugend in vielen Bereichen das Angbot der Stadt viel zu dünn sei – was durchaus auch als Kritik an den örtlichen Handel gemeint ist. Das Kino in Bensberg sei ein Anfang, aber spätestens wenn die neue Marktgalerie gebaut sei, müsse auch dort wieder eine echte Fußgängerzone geschaffen werden.

Der Stammtisch fand vor dem Redaktionsgebäude statt: Peter Baeumle-Courth in der Diskussion

Allerdings, auf die ganz konkrete Frage, wie er denn zum Beispiel rund um das Alte Freibad in Herrenstrunden die Interessen der Jugend mit denen der lärmempfindlichen älteren Generation versöhnen will, hat auch Baeumle-Courth keine Antwort. Zunächst müsse man prüfen, ob das Alte Freibad tatsächlich ein zukunftsfähiges Projekt ist. Wenn man zu dem Schluss komme, müsse man Investieren: in die Kommunikation mit den Anwohnern, vielleicht aber auch in Lärmschutzmaßnahmen.

Eines der ganz großen Projekte, dass die Stadt in diesem Zusammenhang angehen müsse, sei es, die Infrastruktur an den demographischen Wandel anzupassen. Vor der Wahl wolle darüber zwar keiner reden, aber es sei völlig klar, dass es zum Beispiel in Refrath viel zu viele Grundschulen geben. Nur dürfe man das heikle Thema „nicht so tolpatschig angehen wie beim NCG”. Die Schule an der Reuterstraße hatte Urbach ins Schulzentrum im Kleefeld verlegen wollen, war aber am Widerstand der Betroffenen gescheitert.

Teamarbeit statt „Ich weiß alles besser“

Bei seinem dritten Themenblock geht es Baeumle-Courth vor allem um den Stil des Bürgermeisters. Er würde auf eine konsequente Teamarbeit setzen und nicht „dem klassischen Fehler der Personalführung verfallen, zu glauben, alles besser zu können als jeder Mitarbeiter“. Allerdings würde er auch ein Controlling-System im Rathaus einführen, um das Beharrungsvermögen der Verwaltung zu überwinden, die manches politisch gewollte Projekt ausbremsen könne.

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Teamarbeit gelte aber auch in der Politik, in der Zusammenarbeit mit den anderen Fraktionen. In der Frage der Teamarbeit mit den Bürgern in Form von Bürgerbeteiligung vertritt der Kandidat eine differenzierte Haltung. Man könne die Leute nicht für jede Frage an die Wahlurne holen. Aber wenn es um strategische Fragen mit langer Laufzeit gehe oder um Projekte, die zu einer hohen Verschuldung führe, sei eine Beteiligung zwingend. Daher sei er auch bei der Entscheidung über die Stadtwerke, deren Auswirkungen weit über den Zeitraum von 20 Jahren hinaus gingen, grundsätzlich für einen Bürgerentscheid.

Klüngel-Politik: Vom Pflasterstein bis zur Belkaw

Unverblümt hält Baeumle-Courth den großen Ratsfraktionen Klüngel-Politik vor, bei der Auswahl der Pflastersteine für die Fußgängerzone und ganz aktuell bei der Präferenz von CDU und SPD für die Belkaw bei der Stadtwerkeentscheidung. Er sei zwar an die Vertraulichkeit der Daten gebunden, aber als Stadtrat habe er „sehr merkwürdige Dinge gesehen, die mir nicht gefallen”. Schon daher könne er dem Kauf eines Minderheitsanteils an der Belkaw nicht zustimmen.

Nicht zu akzeptieren sei zum Beispiel, dass die RheinEnergie den Wert der eigenen Tochter selbst bewerten dürfe und die sogenannte Selbsteinschätzungskorrektur wiederum auf einer Selbsteinschätzung der Belkaw beruhe. „Beim Gebrauchtauto kann man ja auch einiges aufhübschen, aber wenn man den Kilometerzähler manipuliert, dann wird es kriminell“, vergleicht Baeumle-Courth.

Für Mehrheiten arbeiten – ganz pragmatisch

Kritik, gerade die Grünen hätten in den letzten Jahren häufig den Mehrheitsbeschaffer für die CDU im Stadtrat gespielt, weist Baeumle-Courth gelassen zurück. Grundsätzlich halte er es für normal, mit allen demokratischen Kräfte im Stadtrat zu reden und für die eigenen Position pragmatisch am meisten herauszuholen.

Er räumt aber ein, dass manche Abstimmungen komisch aussahen – wie zum Beispiel bei der Verabschiedung des letzten Etats, dem sein damaliger Fraktionschef Günter Ziffus zugestimmt habe, den er selbst aber „in der moderaten Form der Enthaltung“ ablehnt. Auch hier hätten die Grünen versucht, eigene Ziele durchzusetzen. In diesem Fall die Zustimmung der CDU zur Radstation am S-Bahnhof. Damit sei Ziffus zufrieden gewesen, er selbst wäre „etwas anspruchsvoller“ gewesen.

Gespräch dieser Art seien kein anrüchiger Kuhhandel, solange sie transparent verliefen –  und nicht wie beim Deal von SPD und CDU (Kämmerer gegen Belkaw) im Hinterzimmer getroffen würden.

Daher geht Baeumle-Courth ziemlich gelassen in den anstehenden Wahlkampf. Auch im Nachhinein fallen im auf Anhieb keine Punkte ein, bei denen die Grünen in den letzten Jahren Fehler gemacht hätten. Ok, bei der Gestaltung der Fußgängerzone und dem Schutz der Bäume, da hätte man mehr auf den Putz hauen können!

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Die Besuche der Bürgermeisterkandidaten am politischen Stammtisch des Bürgerportals werden fortgesetzt. Nach Lutz Urbach, Michael Schubek und Peter Baeumle-Courth ist in der kommenden Woche (9.4., 19 Uhr) FDP-Kandidat Jörg Krell an der Reihe. Alle Beiträge über unsere Stammtische.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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