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„Aber wenigstens brav konnte sie sein, und wenn sie nur brav genug war, würde der Himmel schon einen Weg finden, alles wieder in Einklang zu bringen.“

Vor hundert Jahren starb Henry James. Trotz seiner Bedeutung und Popularität in der englischsprachigen Literatur ist er in Deutschland ein wenig in Vergessenheit geraten. In den letzten Jahren werden seine Romane hierzulande wieder entdeckt, nicht zuletzt wegen einiger sehr guter Neuübersetzungen wie „Washington Square“. Dieses Buch gilt als einer der zugänglichsten Romane von Henry James und ist eine schöne Möglichkeit, in die bunte Welt der Klassiker hineinzuschnuppern.

Henry James war ein amerikanischer Schriftsteller, der sich in seiner zweiten Lebenshälfte primär in Europa aufhielt und in England lebte. Seine psychologisch-realistischen Romane und Erzählungen thematisieren oft Begegnungen von traditionell geprägten Europäern mit ungezwungenen, aber auch moralisierenden Amerikanern.

„Washington Square“ spielt in der New Yorker Oberschicht um 1840 und hat einen sowohl personell als auch lokal eng begrenzten Handlungsrahmen. Im Zentrum des Romans steht das Werben des nicht standesgemäßen Morris Townsend um die etwa zwanzigjährige Arzttochter Catherine Sloper. Auf der Verlobungsfeier von Catherines Cousine und Morris‘ Cousin lernen sie sich kennen.

Morris, ein gut aussehender Lebemann aus bescheidenen Verhältnissen, bringt durch seine direkte Art Catherine ziemlich schnell in Verlegenheit. Konversation fällt ihr schwer. Zurückhaltend und unauffällig, ist sie nicht gewohnt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie erfährt von ihrem Vater wenig emotionale Zuwendung. So ist sie entsprechend beeindruckt, als der attraktive Morris sich ausgerechnet für sie zu interessieren scheint. Seinem Werben kann sie nicht viel entgegensetzen.

Pia Patt und Birgit Jongebloed führen die Buchhandlung Funk in Bensberg

Leider verlangt aber genau dies ihr Vater, Dr. Sloper. Er ist ein durch und durch rationaler Mann der Wissenschaft und verfällt nicht gerade ins Schwärmen, wenn er über seine Tochter spricht. Sie sei nicht intelligent, nicht interessant, dafür aber schwach und nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Auch Catherines Verehrer hat er schnell charakterisiert: Dieser sei ein Taugenichts. Faul und genusssüchtig, selbstsüchtig und andere ausnutzend, würde er Catherine schnell ruinieren und ihr Erbe leichtfertig ausgeben.

Zunächst bleibt für den Leser wie für Catherine unklar, welche Pläne Morris tatsächlich verfolgt. Fest steht, ohne Vermögen und ohne Broterwerb hat man es schwer in dem leistungsorientierten und materialistischen Milieu, in das Morris gern aufsteigen würde. Umzingelt von lauter Egoisten, manipuliert von deren entgegenlaufenden Interessen, muss Catherine lernen, sich zu behaupten und eine wichtige Entscheidung treffen.

Henry James Erzählstil in diesem Roman zeigt bereits, was ihn später einmal berühmt machen wird. Mit einem stilistisch ausdifferenzierten Instrumentarium werden die Figuren sehr unterschiedlich beschrieben: mal sarkastisch, mal ironisch, mal mitfühlend, mal in der Außenperspektive, mal sehr unvermittelt, als ob man in die Seele der Figur hineinblickt. Ihr Innenleben wird mit unterschiedlichen erzählerischen Herangehensweisen und unterschiedlicher Intensität beschrieben. In der Darstellung Catherines nutzt Henry James viele sehr moderne Mittel, um das Innenleben einer Figur fühlbar zu machen.

Leicht und flüssig zu lesen ist der Roman durch seine einfache, aber auch schöne und elegante Sprache und durch viele Dialoge. Mit dem 19. Jahrhundert muss man sich nicht schon zuvor beschäftigt haben, um dem Roman etwas abgewinnen zu können, denn die Geschichte besteht fast durchgängig aus Interaktionen der vier Hauptfiguren.

Der zeitgeschichtliche Hintergrund wird in dem Roman gar nicht beschrieben. Das ist einerseits schade, anderseits aber auch Ausdruck dessen, was ihn für heutige Leser so leicht zugänglich macht: Dies ist ein Psychogramm, und wer solchen Geschichten etwas abgewinnen kann, dem bietet „Washington Square“ einen schönen Einstieg in die Welt der klassischen Literatur.

Wir haben diesen Roman so gern gelesen, dass wir ihm am 1. Juni 2016 einen Literaturabend in unserer Buchhandlung widmen wollen. In lockerer Atmosphäre möchten wir ihn mit Ihnen gemeinsam besprechen und verschiedene Aspekte des Textes diskutieren. Am schönsten wäre es, wenn Sie den Roman bereits vorher gelesen haben. Es lohnt sich!

Näheres zu unserem Literaturabend finden Sie hier.

Viel Spaß beim Lesen, bis bald, Ihre Birgit Jongebloed

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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