Ehe. Foto: Klaus Hansen

Wenn sich ein Cheflayouter und Fotograf einerseits sowie ein Hochschulprofessor und belletristischer Publizist andererseits zusammentun und beide auch noch Klaus Hansen heißen, dann sind, wie der Titel ihres gemeinsamen Buches schon besagt, „Scheinbar klare Verhältnisse“ vorprogrammiert.

Der hier diesmal auch nicht wissenschaftlich schreibende Professor mit Hang zur Satire und der motivsichere Fotograf mit dem gewissen Blick für eigentümliche Zufallsbegegnungen leisten ihren postfaktischen Anteil an einer uneindeutigen Weltsicht. Diese Sicht wird durch Fotos und Texte mit vor allem widersprüchlichen Details deutlich undeutlich vermittelt.

Zeitgeist. Foto: Klaus Hansen

Beide – sicherlich mit einem großen Bewegungsraum links von der gesellschaftspolitischen Mitte – schildern eine menschliche, aber durchaus nicht immer humane Welt, die Volker Hages Hinweis auf der hinteren Umschlagseite vollkommen entspricht:

„Was unwahrscheinlich klingt, hat sich wahrscheinlich so ereignet.
Was realistisch klingt, könnte erfunden sein.“

Klaus Hansen sorgt mit ausdruckstarken Fotos dafür, dass sich jeweils zu einem prägnanten und eher kurzen Text des anderen Klaus Hansen eine zugleich unabhängige und dennoch passende Bildgeschichte gesellt.

Mit Ausschnitten aus einer möglichen Wirklichkeit deuten beide ihre einzelnen zum Teil pikanten Geschichten keineswegs zweifellos und in groben und immer einmal wieder deutlichen Einzelheiten an. Damit können Leser und Bildbetrachter mit eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen fortsetzen, was vermutlich auch nicht wirklich klare Verhältnisse für sie schaffen wird.

Das Leben bleibt halt ein Abenteuer mit allzu offenem Ausgang, auch wenn immer wieder Angst und Sicherheitswünsche der Leser und Betrachter dem entgegenstehen mögen. Oder, wie Klaus, der eine fragt:

„Gibt es eigentlich das Wort leben noch? Im nächsten Duden wird stehen:
leben, veraltet für existing.“

Also, nicht einmal mehr auf die deutsche Sprache ist der scheinbar notwendige Verlass.

Ehe. Foto: Klaus Hansen

Und auf menschliche Beziehungen auch nur sehr bedingt, denn „Statistiker haben ausgerechnet, dass ein Ehebett doppelt so lange hält wie eine Ehe. Obwohl das Material“ (des Bettes) „nur noch aus furniertem Abfall besteht.“

Und das Kulturverständnis verliert offenbar auch immer mehr seine ewigen Werte. „Shoppen und koksen, das ist Kultur, und zwar, wie man in diesen Kreisen mit einem originellen Endreim zu sagen pflegt: „pur!“Dazu lässt sich dann nur noch das Foto eines leeren Kulturinfo-Schaukasten ohne jegliche papierene Reste von Veranstaltungsplakaten präsentieren.

Restlaufzeit. Foto: Klaus Hansen

Schon das Inhaltsverzeichnis regt den Appetit mit Titel wie: Für den kleinen Hunger nach Sinn. Flagge zeigen. Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Humanes Sterben. Altherrenerotik. Nutze deine Restlaufzeit.

Dieses Bilder-Lese-Buch für fantasiebegabte Erwachsene – nicht etwa wegen eines erotischen Inhalts, sondern wegen diverser Erfahrungen, die Text und Bild zum optischen und Lese-Vergnügen werden lassen.

Ein widerstandfähiger Umschlag und Seiten aus widerstandfähigem Papier machen es möglich, dieses Buch jeweils einmal Bild für Bild und Text für Text zu genießen. Ein schnelles Hintereinanderlesen würde den einzelnen Beiträgen und dem darin versteckten hintergründigen Humor in Bild und Text nicht gerecht werden.

Einladung zur Vernissage
Donnerstag, 29.12.2016, 18 Uhr
An der Flora 7, 51469 Bergisch Gladbach

Die Ausstellung ist geöffnet:
Sonntag, 8. und 15. Januar,
von 15 bis 18 Uhr

Scheinbar klare Verhältnisse, Geschichten und Fotos
Klaus Hansen und Klaus Hansen
Köln 2017, 148 Seiten, € 19,80 zzgl. € 3,00 Porto
zu bestellen bei klaus.hansen@koeln.de

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1943 in Lübeck geboren, wohnte lange in Frankenforst, lebt inzwischen in Wallefeld. Er arbeitet als selbständiger Supervisor und freier Autor, schreibt Gedichte, Geschichten, Kolumnen, Sachbeiträge, Rezensionen.

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