Das Gewerbegebiet Obereschbach wird offenbar nur langsam voll

Albert Stodko ist mittelständischer Unternehmer in Bergisch Gladbach und verfolgt die Debatte über den neuen Flächennutzungplan sehr aufmerksam – mit einem besonderen Fokus auf die Gewerbeflächen. Mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes hat er jetzt die Herausgabe von Dokumenten erreicht, die alle Anfragen von Unternehmen nach Gewerbeflächen dokumentieren.

Bei der Analyse dieser Dokumente will er auf Widersprüche zu Aussagen von Bürgermeister Lutz Urbach, auf Ungereimtheiten und neue Fragen gestoßen sein. Seine Erkenntnisse, Kritik und Zweifel formuliert Stodko in einem weitreichenden Offenen Brief, in dem er eine Fülle von Details und Argumenten liefert –  und das Vorgehen der Stadtverwaltung hart kritisiert.

Einige der zentralen Aussagen:

  • Urbachs Aussagen zur Gewerbeflächennachfrage und die Fakten stimmten nicht überein.
  • In den vergangenen fünfeinhalb Jahren seien nur 38 konkrete Anfragen über 334.100 qm Gewerbefläche beim Stadtentwicklungsbetrieb eingegangen.
  • Die Anzahl der erwarteten Arbeitsplätze sei bisher noch nicht einmal zu 50 Prozent erfüllt.
  • Die Gewerbeflächenstrategie ignoriere fundamentale wirtschaftliche Trends.
  • Die Abwanderung zukunftsträchtiger Unternehmen aus Köln nach GL sei nicht erkennbar.
  • Die Verwaltung betreibe „bewusste Ignoranz der Entwicklungen um die digitale Revolution und bewusste Falschinformation der Bürgerschaft und der Kommunalpolitiker”.

Wir dokumentieren im folgenden den Offenen Brief im Wortlauf und haben die Stadtverwaltung um eine Stellungnahme gebeten.

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Sehr geehrter Herr Bürgermeister Lutz Urbach, 

mit meinem Schreiben vom 11. Januar 2017 „Auf die Fläche(n), fertig los“ habe ich als Bürger der Stadt Bergisch Gladbach auf Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes Nordrhein-Westfalen (IFG NRW) Einsichtnahme in die amtlichen Informationen, die im dienstlichen Zusammenhang für nachfolgend zitierte Aussagen erlangt wurden, beantragt. Diese Aussagen waren Bestandteil Ihres Vortrages anlässlich des Neujahresempfangs 2017.

Insbesondere sind mir dabei nachfolgende Aussagen aufgefallen, die sehr schnell einen postfaktischen Charakter annehmen können. Zitat:

  • [Z1] „Insgesamt wurden bisher bereits 500.000 qm Gewerbefläche angefragt – zehn Mal mehr als wir haben.
  • [Z2] Deshalb haben wir harte Kriterien für die Vergabe von Grundstücken angelegt, um verantwortungsvoll mit der Ressource „Fläche“ umzugehen.
  • [Z3] Zwingend erforderlich ist die Neuausweisung von Gewerbegebieten als eine Maßnahme der aktiven Bodenbevorratung.
  • [Z4] Zurzeit prüft der Stadtentwicklungsbetrieb, welche Unternehmen diese erfüllen. Insgesamt sollen in diesem Gewerbegebiet nach Endausbau mindestens 400 zukunftsfähige Arbeitsplätze entstehen.
  • [Z5] Die notwendig auszuweisende Fläche kann aber durch ein konsequentes Flächenrecycling, den sparsamen und nachhaltigen Umgang mit der Ressource „Fläche“ und der konsequenten Anwendung von Kriterien für den Verkauf von Gewerbegrundstücken verringert werden. Diese Möglichkeiten werden in Bergisch Gladbach aktiv genutzt.“

Nun wurde mir zwischenzeitlich durch den Stadtentwicklungsbetrieb Bergisch Gladbach (AöR) ein Listenausdruck mit allen seit November 2011 bis Mai 2017 dort eingegangenen Gewerbeflächenanfragen bereitgestellt. Dass dort aus datenschutztechnischen Gründen schutzbedürftige Dateninhalte zum Teil geschwärzt sind, ist von mir nachvollziehbar, zumal die Datenbasis für eine Auswertung und Korrelation dadurch nicht verfälscht wird.

Diese Informationszusammenstellung habe ich zur tiefer gehenden Analyse datentechnisch aufbereitet, statistisch ausgewertet und die Ergebnisse mit den Annahmen im FNP-Entwurf korreliert. Das Fazit ist doch ernüchternd.

Die Ergebnisse zwischen

  • den statistischen Annahmen im FNP-Entwurf, die als Soll die Grundlage für die Gewerbeflächeneinplanungen bis 2035 bilden sollen und
  • den amtlich dokumentierten Ist-Gewerbeflächenanfragen an die Stadt Bergisch Gladbach über den zurückliegenden Zeitraum von fast sechs (6) Kalenderjahren – in Hochkonjunktur –

sind nicht kongruent.

Vielmehr fallen Ihr Statement zur Gewerbeflächennachfrage in Ihrer Neujahrsansprache 2017 und die Wirklichkeit im Mai 2017, die auf Fakten gründet, doch weit auseinander.

So überschreitet die als Soll im FNP-Entwurf definierte Gewerbeflächenbedarfsannahme in Höhe von 50 ha zu gut 150 Prozent die in den letzten 5,5 Kalenderjahren amtlich dokumentierte Ist-Nachfrage vom Markt. Siehe hierzu nachfolgende Abbildung.

Gewerbeflächenbedarf: Vergleich FNP-2035 Annahme mit der amtlich dokumentierten Ist-Nachfrage über einen Zeitraum von 5,5 Jahren in Hochkonjunktur

Dieser aus der Nachfrage des Marktes resultierende Gewerbeflächenbedarf in Höhe von gut 33 ha für die Stadt Bergisch Gladbach stellt, im Gegensatz zu dem GIFPRO-Modell im FNP-Entwurf, einen durch Fakten abgesicherten Planungsfaktor für die im FNP-2035 zu berücksichtigende Gewerbeflächennutzung dar und nicht eine nach statistischen Annahmen gebildete Planungsannahme.

Die ermittelte Bedarfsminderung von gut 40 Prozent bei vorherrschender wirtschaftlicher Hochkonjunktur in der Bundesrepublik Deutschland spricht in jedem Fall gegen den FNP-Ansatz nach immer mehr Gewerbeflächen.

Auch die ständige Beteuerung der Stadtverwaltung, dass die Festlegungen im FNP nur „Möglichkeitsmacher“ wären, spricht gegen deren Verankerung im FNP, weil auch bei „Möglichkeitsmachern“ klar ist, dass diese „auf kurz oder lang“ in Gewerbegebiete per Bebauungsplan umgesetzt werden sollen. Dabei bleibt aber unklar, wer „Möglichkeitsmacher“ dann betriebswirtschaftlich zum Erfolg führen soll.

Harald Flügge weist Kritik an Flächennutzungsplan ab

Die doch insgesamt „schleppende“ Vermarktung der Gewerbeflächen auf dem Gewerbegebiet Obereschbach ist dafür der beste Beweis. Als weitere Schwierigkeit für die im FNP-2035 verfolgte Gewerbeflächenstrategie gilt auch die unumkehrbare Tatsache, dass UNS in den nächsten 15 Jahren mit Industrie 4.0, Digitalisierung und E-Mobilität ein wirtschaftlicher Umbruch mit sehr langfristigen Auswirkungen auf Arbeitsmarkt, Wertschöpfung und Produktivität bevorsteht. Der Umgang mit dieser generellen Rahmenbedingung ist noch nicht einmal ansatzweise aus dem vorliegenden FNP-Entwurf erkennbar.

Für die Bürger wiederum schweben diese „Möglichkeitsmacher“ ständig wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen, weil damit Einflüsse auf die Umwelt, auf die Gesundheit, auf das Lebensumfeld, verbunden mit erhöhten Immissionen durch die exponentiell steigenden Verkehrsemissionen, aber auch mit Wertminderungen ihres Eigentums verbunden sind.

Auch wird durch den saloppen Umgang mit dem Schlagwort „das sind doch nur Möglichkeitsmacher“ den Bürgern, aber auch dem lokalen Stadtpolitiker verschwiegen, dass diese „Möglichkeitsmacher“ gerade die zwingende Voraussetzungen für die von Ihnen mit Vehemenz verfolgte aktive Bodenbevorratung sind. Zitat: „Zwingend erforderlich ist die Neuausweisung von Gewerbegebieten als eine Maßnahme der aktiven Bodenbevorratung.“ 

Sie Herr Bürgermeister und Ihre Verwaltung ignorieren die oben dargelegte, unumkehrbare Entwicklung und nehmen an keiner Stelle in Ihrer Flächennutzungsplanung hierzu Stellung. In keinem ihrer Planungsansätze sind Rückschlüsse auf die bereits begonnenen Umwälzungen in der Wirtschaft erkennbar. Trotz Parallelität findet diese epochale Veränderung im FNP-Entwurf keinerlei Berücksichtigung.

Meine Behauptungen möchte ich nachfolgend auf Basis der mir von Ihrem Stadtentwicklungsbetrieb bereitgestellten amtlichen Gewerbeflächenanfragen und anderen offiziellen Quellen belegen.

Sie tun in Ihrem Vortrag beim Neujahrsempfang u.a., Zitat „Insgesamt wurden bisher bereits 500.000 qm Gewerbefläche angefragt – zehn Mal mehr als wir haben.“ der Öffentlichkeit kund. Dieser strategischen Aussage muss ich in Teilen widersprechen.

Richtig ist, dass 500.000 qm zehn Mal mehr sind als das Flächenvolumen im Gewerbegebiet Obereschbach. Richtig ist aber auch, dass tatsächlich nur 38 konkrete Anfragen über insgesamt 334.100 qm Gewerbeflächen in den letzten 5,5 Kalenderjahr an Ihren Stadtentwicklungsbetrieb gestellt wurden.

Somit ist Ihre Aussage beim Neujahrsempfang 2017 der Kategorie „postfaktisch“ zuzuordnen. Eine Übersicht ist der nachfolgenden Abbildung zu entnehmen.

Eine konkrete Anfrage wird aus der Korrelation der Daten über die zu erwartenden Arbeitsplätze, einer definierten Nachfrage nach Gewerbefläche in qm und einem gewünschten Bereitstellungsjahr gebildet.

Übersicht Gewerbeflächenanfragen von Nov. 2011 bis Mai 2017 an die Stadt GL

Insgesamt wurden 108 Gewerbeflächenanfragen durch den Stadtentwicklungsbetrieb amtlich dokumentiert. Davon wurden 38 Anfragen als „konkret“ korreliert. Die Verteilung der Anfragen auf den Erfassungszeitraum von 5,5 Kalenderjahren ist in nachfolgender Abbildung zusammengefasst.

Verteilung der Gewerbeflächenanfragen von Nov. 2011 bis Mai 2017

Mit einem Anstieg des Gewerbeflächenbedarfs, wie bei den statistischen Annahmen zum FNP-2035-Entwurf getroffen, ist kaum zu rechnen; ein Absinken des Gewerbeflächenbedarfs ist eher wahrscheinlich.

Von diesen 38 konkreten Gewerbeflächenanfragen waren wiederum 17 konkrete Anfragen für Gewerbeflächen auf dem Gewerbegebiet Obereschbach, das die Stadt Bergisch Gladbach als „Gewerbeflächenangebot“ seit Nov. 2011 bis dato vermarktet.

Gewerbegebiet Obereschbach

Wie in nachfolgender Abbildung dargelegt, waren von dem Gewerbeflächenangebot Obereschbach mit 11 Teilflächen bis Mai 2017 erst sechs (6) Teilflächen verkauft. Nach aktuellem Stand hat sich der Verkaufsstand zwischenzeitlich auf acht (8) erhöht.

Dieser Sachverhalt spricht sicherlich nicht für eine große, äußerst dringende Nachfrage des Marktes, wie es ständig von Ihnen und der Stadtverwaltung, aber auch von der lokalen Industrielobby der Öffentlichkeit suggeriert wird.

Konkrete Anfragen für Gewerbeflächen in Obereschbach von Nov. 2011 bis Mai 2017

In einem Zeitraum von 5,5 Kalenderjahren wurden so im neuen Gewerbegebiet Obereschbach 55 Prozent des Gewerbeflächenangebots, nach neuestem Stand im Juli 2017 80 Prozent verkauft. Heute sind noch 20 Prozent mit 11 ha als Angebot für den Markt verfügbar.

Ebene gesamt in qm davon bebaubar in qm 
Ebene 13.4061.807
Ebene 34.4102.088
Ebene 3.13.8112.020
Gesamt un-verkauft 11.627 5.915 

Tabelle 1: Übersicht bisher nicht verkaufter Gewerbeflächen im Gewerbegebiet Obereschbach im Stand Juli 2017

Leider ist Ihre eigene Zielsetzung, d.h. Zitat „Zurzeit prüft der Stadtentwicklungsbetrieb, welche Unternehmen diese erfüllen. Insgesamt sollen in diesem Gewerbegebiet nach Endausbau mindestens 400 zukunftsfähige Arbeitsplätze entstehen.“ erst zu 50 Prozent erfüllt. Dabei gilt zu berücksichtigen, dass mindestens ein jetzt im Gewerbegebiet Obereschbach ansässiger Betrieb seine Betriebsstätte innerhalb von Bergisch Gladbach mit gut 95 Arbeitsplätzen verlegt hat.

Somit stellt sich die bisherige Zwischenbilanz „mindestens 400 zukunftsfähige Arbeitsplätze neu entstehen lassen“ faktisch noch schlechter dar. Siehe nachfolgende Auswertung:

Status TeilflächenAnzahl TeilflächenSumme versprochene ArbeitsplätzeSumme erwartete ArbeitsplätzeArbeitsplätze Wechsel der Betriebsstätte innerhalb von BGL
verkauft6204400mindestens 1 Betrieb
Gesamtergebnis6204400– 95

Tabelle 2: Status Arbeitsplätze auf neuen Gewerbegebiet in Obereschbach nach 5,5 Kalenderjahren

Gegen Ihre Forderung, Zitat „Zwingend erforderlich ist die Neuausweisung von Gewerbegebieten als eine Maßnahme der aktiven Bodenbevorratung.“ spricht der bisher dargelegt und der nachfolgend ergänzte Sachverhalt.

Hierzu ist in nachfolgender Abbildung die Abwicklung der Angebotsnachfrage durch den Stadtentwicklungsbetrieb Bergisch Gladbach über die letzten 5,5 Kalenderjahre statistisch dargelegt.

Fazit:

  • 108 Anfragen in gut 5,5 Kalenderjahren sind nicht gerade Indizien für einen dringend neu zu erschließenden Gewerbeflächenbedarf von 50 ha in unserer Gemeinde.
  • Davon interessant sind die 42 Anfragen, d.h. gut 40 Prozent der Gesamtanfragen, für die kein Bereitstellungsjahr für die mögliche Gewerbefläche vom Interessenten angegeben ist. Diese 40 Prozent müssen somit als nicht „konkret“ eingestuft werden und scheiden auch für „Möglichkeitsmacher“ aus.
  • Mit dem Bearbeitungsmerkmal „offen“ ist nur eine (1) Anfrage aus 2017 vermerkt. Zwei (2) weitere offene Anfragen scheiden wegen fehlendem Bereitstellungsjahr aus.
  • Die Anzahl der erwarteten Arbeitsplätze ist bisher noch nicht einmal zu 50 Prozent erfüllt.

Das ist die Realität des Marktes.

Übersicht über dBearbeitung der Nachfrage über Gewerbeflächen zwischen Nov. 2011 und Mai 2017

Die Verteilung der insgesamt 108 Gewerbeflächenanfragen an den Stadtentwicklungsbetrieb im Bewertungszeitraum Nov. 2011 bis Mai 2017 auf die unterschiedlichen Branchen ist nachfolgend dargestellt.

Übersicht Gewerbeflächenanfragen Nov. 2011 bis Mai 2017, verteilt auf Branchen

Auch hier sind schon die Veränderungen aus der Umgestaltung auf „Industrie 4.0“, aus der Vertiefung der Digitalisierung, aus der Roboterisierung usw., wie später noch dargelegt, zu erkennen.

Keine Abwanderungen zukunftsträchtiger Firmen aus Köln nach GL

Von Abwanderungen zukunftsträchtiger Unternehmen aus Köln nach Bergisch Gladbach, wie so gerne von Ihnen und der lokalen Industrielobby geschwärmt aber auch darauf mit Nachdruck verwiesen wird, ist aus diesem amtlichen Datenmaterial – trotz des in Köln angespannten Marktes (KStA „Kölner Gewerbeprojekte“ vom 14.07.2017) – nichts erkennbar. Ein unmittelbarer noch mittelfristiger Handlungsbedarf ist somit nicht ableitbar.

Das vom „Runden Tisch Kölner Gewerbeprojekte“ in Köln mit wachsender Bedeutung bereits erkannte Problemthema „Nahverkehr“, das nach dessen Beurteilung „in Köln historisch verschlafen worden ist“, spielt auch für Gewerbegebietsanfragen hier bei uns in Bergisch Gladbach eine entscheidende Rolle.

Mit einer eingleisiger Anbindung an den regionalen öffentlichen Nahverkehrsverbund (ÖPNV) und das Bahnfernnetz, ergänzt um einen zweigleisigen Stadtbahn-Anschluss der KVB an die Großstadt Köln kann unsere (kleine) Großstadt mit fast 115.000 Einwohnern für attraktive Arbeitgeber nicht gerade als „agil und zukunftsfähig“ überzeugen.

Wenn dann diese zwei externen zukunftssicheren und umweltfreundlichen Mobilitäts-Anbindungen auch noch nicht einmal per Schiene direkt im Verbund stehen und auch nicht bis zu den Gewerbezentralpunkten und zu den Wohnschwerpunkten verlängert sind, scheidet Bergisch Gladbach sehr schnell als Gewerbestandort für zukunftsträchtige Branchen aus. Da gilt auch nicht der gern zitierte Hinweis auf die besondere Topographie in Bergisch Gladbach als Entschuldigung.

Die Antworten zu den Fragen

  • Hat da Bergisch Gladbach, so wie Köln, auch das Thema Nahverkehr historisch verschlafen?
  • Setzt eine, wenn auch kleine Großstadt wie Bergisch Gladbach immer noch überwiegend auf Auto-Mobilität mit all ihren schädlichen Nebenwirkungen?
  • Wo sind die Planungen im FNP-2035 für die Hotspots an denen der öffentliche Nahverkehr auf emissionsarme Antriebe umstellen kann (Aussage des CDU-Verkehrsministers Hendrik Wüst im KStA vom 17.07.2017)?“

sprechen im Grundsatz gegen eine Standortentscheidung zugunsten von Bergisch Gladbach, denn „Eine gute ÖPNV-Anbindung ist für alle Büro- und Gewerbeflächen von wachsender Bedeutung.“, so Markus Neuhausen, Geschäftsführer von Veinen Immobilien als Teilnehmer im „Runden Tisch Kölner Gewerbeprojekte“.

Standortentscheidungen werden somit immer mehr durch die Ergebnisse zu den Fragen über die Soft-Skills maßgeblich beeinflusst. D.h. die Ergebnisse zu den Fragen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber wie z.B. „Passt das Angebot von Kitas und Schulen, gibt es kurze Wege zum Einkauf und zum Arzt und natürlich existiert eine gute Anbindung an den ÖNPV, stimmt die Ökologie im Umfeld, ist Natur erlebbar, wie sehen die Freizeitmöglichkeiten aus?“. Dies gilt insbesondere für die Randlagesituation Bergisch Gladbachs zu Köln.

Bei den Soft-Skills punkten?

Wenn Bergisch Gladbach bei zukunftsträchtigen Arbeitgebern für eine Ansiedlung punkten möchte, dann müssen die Soft-Skills bei der vorhandenen Infrastruktur überzeugend stimmen. Von dieser Zielvorstellung entfernt sich Bergisch Gladbach nach meiner Beurteilung aber immer weiter.

Das beste Beispiel dafür ist die Flächennutzungsentscheidung über das Köttgen-Gelände. Mitten in der Kommune gelegen, mit allen Soft-Skills in direkter Umgebung ausgestattet, wäre hier ein urbanes Wohnen der Zukunft mit mehreren Hundert Wohnungen, wie von dem „Bündnis der Bürgerinitiativen BBI-GL” Ihnen vorgeschlagen, entwickelbar.

Nein, die Stadt forciert es geradewegs, dass sich dort ein Gewerbebetrieb mit gerade mal 30 Mitarbeitern ansiedelt. Mitten im Stadtgebiet, weil doch für die erfolgreichen lokalen Unternehmen „Luft zum Atmen” hilfreich wäre, so ein Lobbyvertreter. Welch ein Zynismus.

Zugleich holt sich die Stadt damit weiteren gewerbeorientierten Verkehr in ihr Zentrum, auch wenn sie den Zu- und Abfluss bis heute nicht gelöst hat. Und das Ganze wird dann noch von der lokalen Industrielobby als „ein schönes Beispiel für Flächenrecycling und Innenverdichtung” hervorgehoben.

Wenn das ein Beispiel für Ihrer Strategie „[Z3] Zwingend erforderlich ist die Neuausweisung von Gewerbegebieten als eine Maßnahme der aktiven Bodenbevorratung.“ ist, sehe ich die Lebensqualität in Bergisch Gladbach auf das Äußerste bedroht, dann wird das Stadtzentrum von Bergisch Gladbach doch noch ein Museum für Industriebrachen, dann kann der heutige Stadtverband wieder in eigenständige Stadtteile zurück organisiert werden.

Die Digitalisierung dürfte diese Maßnahme sogar kostenneutral, wenn nicht sogar kostengünstiger gestalten. Spätestens jetzt fallen doch Ihr Anspruch in Ihrer Neujahrsansprache und die Wirklichkeit, die auf Fakten gründet, weit auseinander

Als Einleitung zu meiner späteren Einlassungen zu dem Thema „Industrie 4.0, Digitalisierung und Roboterisierung“ möchte ich nachfolgend eine drastische Prognose, veröffentlicht in „Die Presse” Verlags-Gesellschaft m.b.H. Co KG“ Hainburger Straße 33, 1030 Wien, auszugsweise zitieren:

Durch Industrie 4.0, Digitalisierung und Roboterisierung werden bis 2020 zwei Millionen neue Arbeitsplätze entstehen, aber sieben Millionen verloren gehen. Unter dem Strich 

Auch eine im Rahmen des letzten Weltwirtschaftsforums in Davos durchgeführte Umfragen kündigt den Wegfall von fünf Millionen Jobs bis 2020 (die meisten davon wie gesagt im White-Collar-Bereich an.

Dieses Ergebnis beschreibt nur die erwarteten Auswirkungen der Digitalisierung auf die unmittelbare Zukunft. Auf mittlere Sicht von 20 Jahren und somit quasi parallel zum FNP-2035 dürfte das Job-Sterben viel stärker ausfallen.

Deloitte-Studien über das Automatisierungspotenzial aus 2016, u.a. „HR-Robotics – Die Maschinen kommen“ nebst Presse-Veröffentlichungen wie im Handelsblatt von 28.06.2016 „Jobkiller Automatisierung: Die Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit?“ kommen zu dem Schluss, dass auf Sicht von 20 Jahren jeder zweite Arbeitsplatz gefährdet sei. Sie decken sich damit mit Aussagen deutscher Industriemanager, die in ihren Unternehmen (etwa bei VW) den Wegfall von 50 Prozent der Produktionsarbeitsplätze vorhersagen.

Halbwegs in Sicherheit wiegen können sich nur jene, deren Tätigkeit auf Fähigkeiten wie etwa Verhandlungsgeschick oder Durchsetzungsfähigkeit beruhen – solche Eigenschaften lassen sich zumindest derzeit noch nicht digitalisieren.

Diese unumkehrbare Entwicklung hat natürlich auch eklatante Auswirkungen auf den Arbeitsflächen-, auf den Produktions- und insbesondere auch auf den Handelsflächenbedarf, den Sie als insgesamt als Gewerbeflächenbedarf definieren. So könnten in naher Zukunft heutige Verkaufsflächen im lokalen Handel durch den fortschreitenden Aufwuchs des Internet-Handels, mit Zuwachsraten im zweistelligen Bereich, sehr schnell in Teilen überflüssig werden oder zu lokalen logistischen Verteilpunkten für den Online-Handel migrieren oder „degradiert“ werden.

Zu diesen Tendenzen finde ich weder im FNP-Entwurf noch im Einzelhandels- und Nahversorgungskonzept der Stadt Bergisch Gladbach Einlassungen, Visionen. Die Begriffe Digitalisierung, Online-Handel sind dort Fremdworte.

Da sind Gemeinden in unserer unmittelbaren Nachbarschaft doch schon weiter im Problembewusstsein. Gerne verweise ich auf die Aktion „Wird Hoffnungsthal zur Geisterstadt? – „schwarzes Fenster“ gegen Internet-Handel“ am vorletzten Juli-Wochenende. Siehe hierzu Schlagzeile im Bergischen Handelsblatt vom 12.07.2017.

Bei der Digitalisierung schreitet die Bürgerschaft voran

Aber auch hier bei uns in Bergisch Gladbach ist die Bürgerschaft schon etwas weiter als das Einzelhandels- und Nahversorgungskonzept der Stadt Bergisch Gladbach. So hat das Bürgerportal gemeinsam mit einem Optiker aus Bad Orb die Kampagne „kaufnah” gestartet. Dahinter steht ein Online-Ausschreibungsportal, das den direkten Weg zum lokalen Einzelhändler weist: „Online suchen, lokal kaufen.“ Da ist eine mögliche Antwort auf Ergebnisse aus der Digitalisierung im Handel, von dem auch dieser profitieren kann.

Als Ergebnis hiesiger Aktivitäten zeigt es sich an, dass nicht nur der Prozess einer Umgestaltung auf „Industrie 4.0“, sondern auch die Produktion in Zukunftsfabriken erhebliche Veränderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben werden. “Am Ende könnte eine Fabrik der Zukunft ohne den klassischen Fabrikarbeiter stehen“, schreibt die DZ Bank am 16.02.2016 in ihrem Papier “Industrie 4.0 – Folgen für die deutsche Volkswirtschaft”.

Auch Bergisch Gladbach ist hiervon betroffen. Diese Realität wird gleichermaßen durch Studienergebnisse der unterschiedlichsten Institute aus Wissenschaft, Wirtschaft und Industrie, der Bundesregierung, der Parteien (insbesondere aus der SPD, aber jetzt auch sogar auch aus der CDU), der Sozialpartner untermauert. Zu den wesentlichen Ergebnisse, wie z.B. des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB zählen insbesondere:

  • bis zum Jahr 2025 werden die Produktivitätssteigerungen im Rahmen der Digitalisierung und der Transition zu Industrie 4.0 zu einem Verlust von 490.000 Arbeitsplätzen führen. Gleichzeitig dürfte eine neu generierte Nachfrage nach Produkten zu 430.000 neuen Stellen führen.
  • bis 2025 wird die demographische Entwicklung in Deutschland einen deutlichen Rückgang der Einwohnerzahl im Erwerbsalter nach sich ziehen, so dass ein Saldo von -60.000 Stellen keine großen Auswirkungen haben dürfte.
  • von 2015 bis 2025 schrumpft die Gruppe der 20-bis 65-Jährigen nach der 13. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Bundesamts um rund 2,8 Mio. Menschen.
  • bis zum Jahr 2025 beträgt der Rückgang in der Gruppe der 20-bis 65-Jährigen immer noch fast 2 Mio. , auch wenn man ein langfristig höheren Einwanderungssaldo von 200.000 Personen je Jahr annimmt.
  • langfristig nimmt die Erwerbsbevölkerung sogar noch wesentlich stärker ab.

Die nachfolgenden Übersichten fassen die demographischen Veränderungen zusammen.

Bevölkerungsentwicklung für Deutschland 2015 versus 2025

Nun positionieren Sie mit Ihrer Verwaltung verschiedene Verlautbarungen über einen möglichen Gewerbeflächenbedarf in unserer Heimatstadt Bergisch Gladbach. Diese Verlautbarungen werden den Veränderungen bei der Demographie, in der Industrie, Wirtschaft und im Dienstleistungsbereich in keiner Weise gerecht.

Beispiel, Zitat wie „Wenn wir zu wenig einplanen, können wir nicht nachlegen und die Firmen sind weg.“ „Jedem werthaltigem Arbeitsplatz im produzierenden Gewerbe folgen zwei bis vier Arbeitsplätze in Handel, Dienstleistung und Handwerk. Zwingend erforderlich ist die Neuausweisung von Gewerbegebieten als eine Maßnahme der aktiven Bodenbevorratung.“

Mit solchen Verlautbarungen verschweigen Sie und Ihre Stadtverwaltung wesentliche Untersuchungsergebnisse über den Arbeitsplatzbedarf der Zukunft, wie z.B. die des Mannheimer Forschungsinstitut ZEW.

Das ZEW hat errechnet hat, dass in Deutschland gut fünf Millionen Jobs leicht automatisierbar wären. Auch tun Sie nach außen nicht kund, dass auf dem jüngsten Weltwirtschaftsforum in Davos in der Schweiz eine Studie vorgestellt wurde, die in den nächsten fünf Jahren den Wegfall von fünf Millionen Arbeitsplätzen in den Industrieländern voraussagt.

Sie setzen einfach Ihre Behauptungen „Wenn wir zu wenig einplanen, können wir nicht nachlegen und die Firmen sind weg.“ als Lösungsstrategie für den Arbeitsplatzbedarf in unserer Kommune in den nächsten 15 Jahren „in die Welt“.

Bewusste Ignoranz und bewusste Falschinformation

Das ist bewusste Ignoranz der Entwicklungen um die digitale Revolution und bewusste Falschinformation der Bürgerschaft und der Kommunalpolitiker über die uns auch hier zu erwartenden Veränderungen. Und nun soll das Ganze auch noch in einem neuen Flächennutzungsplan bis 2035 ohne Bezug auf Industrie 4.0, Digitalisierung, Roboterisierung, ÖPNV und E-Mobilität fest verankert werden.

Als Unternehmer (KMU) in Bergisch Gladbach (einer unter rund 1.200) unterstütze ich grundsätzlich die Forderung des Wirtschaftsgremium Bergisch Gladbach, aber auch der vielen Bürgerinitiativen, die sich zwischenzeitlich hier gebildet haben, nach Überarbeitung des Vorentwurfs für den neuen Flächennutzungsplans.

In diesem Kontext folge ich aber nicht Ihrer Forderung, dass an der Autobahn A4 weitere „größere und zusammenhängende” Flächen als neue Gewerbegebiete ausgewiesen werden müssen. Dort sind die bereits dargelegten Soft-Skills infrastrukturell in keiner Weise erfüllt noch durch die Stadt Bergisch erfüllbar.

Ihre Bedenken, dass Betriebe wegen fehlender Flächen in andere Gemeinden abwandern, kann ich nur soweit nachvollziehen, als dass diese Möglichkeit grundsätzlich immer besteht, aber doch in der heutigen Wirtschaftslage eher unwahrscheinlich ist.

Wenn dies dann doch erfolgen sollte, sind die epochalen Umwälzungen in unserer Industrie und Wirtschaft, die durch die Digitalisierung, Automation und Industrie 4.0 ausgelöst werden, die höchstwahrscheinlichen Ursachen.

Gerne verweise ich in diesem Zusammenhang auf das Thema „Arbeiten weiter denken“, veröffentlicht im „Weissbuch zu Arbeiten 4.0“ im Stand Januar 2017 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Dort können Sie und Ihr Stadtentwicklungsbetrieb auch nachlesen, wie in der Unternehmensorganisation die Strukturen im Wandel sind, welche Gestaltungsaufgaben notwendig sind, wie Trends erkannt, wie Innovationen erprobt und wie Sozialpartnerschaft gestärkt werden können.

Als Ausblick auf den Arbeitsmarkt im Zeitrahmen der Umsetzung des FNP-2035 habe ich auf den Fakten im „Weissbuch zu Arbeiten 4.0“ die Beschäftigungsentwicklung in nachfolgender Abbildung schematisch aufbereitet.

Arbeitsmarktprognose “Beschäftigte 2030 gegenüber 2014” Quelle: BMAS, Weißbuch Arbeiten 4.0, Basis-Szenario

Diese Arbeitsmarktprognose gilt grundsätzlich auch für unseren Wohn- und Wirtschaftsstandort Bergisch Gladbach. Daraus können Sie nun Rahmenbedingungen für die Bedarfsentwicklung von Gewerbeflächen treffen.

Auch ist hieraus ableitbar, um welche Arbeitgeber sich Bergisch Gladbach zur Absicherung des Wirtschaftsstandortes im Grundsatz „kümmern“ sollte. Und genau diese zukunftssicheren Branchen, zu denen auch das Handwerk als sonstige Unternehmensdienste zählt, werden sich gewiss nicht in direkter Nähe zur Autobahn ansiedeln, wo doch Ihre Stadtverwaltung in genau diesen neuen Gewerbeflächen die Lärmquellen bündeln will.

Weniger Wohnflächen, neue Gewerbegebiete, Bahndamm

Und dann das Ganze ohne Rücksicht auf die dort seit fast 30 Jahren ansässigen Bürger. Eine Autobahn, die auch noch auf sechs (6) Fahrspuren parallel zum FNP-2035 bautechnisch erweitert werden soll, dann die vierspurig verlegte Brüderstraße als Teil der neuen Autobahnanbindung (L286) in unmittelbarer Nähe zu den neuen Gewerbeflächen schrecken doch jeden Arbeitsgeber in einer zukunftsträchtigen Branche ab.

Diese Lärmbündelungen in den neuen Gewerbegebieten an der BASt und der Brüderstraße werden auch mit zusätzlichen, logarithmisch steigenden Luft- und Lärmimmissionen verbunden sein und das nicht nur für die Mitarbeiter der neu anzusiedelnden Betriebe, sondern auch der Anwohner im unmittelbaren Gewerbeumfeld.

Was für Zukunftsaussichten. Was für eine Ignoranz darüber, dass für zukunftsfähige Dienstleistungsbranchen Büroflächen in einem urbanen Stadtumfeld mit einer Infrastruktur, in der die Soft-Skills soziales Umfeld im Fokus stehen.

Diese beeinflussen die Standortauswahl für die Zukunft entscheidend. Also, für welche Branchen soll, Ihrer Meinung nach, unsere Kommune Bergisch Gladbach „größere und zusammenhängende” Flächen als Gewerbegebiete ausweisen? Für die mit Zukunftschancen oder die, die durch Digitalisierung, Automation und Industrie 4.0 zu den „Verlierern“ zählen werden?

Wo kann ich oder können andere Interessierte adäquate Forderungen aus Ihrer Stadtverwaltung konkret, d.h. durch Fakten belegt, nachlesen? D.h. faktisch so, dass die Informationsquelle einer Überprüfung im Sinne des (Informationsfreiheitsgesetz Nordrhein-Westfalen – IFG NRW) standhält.

Dies gilt insbesondere durch die Tatsache, dass Sie Ihren Strategievortrag anlässlich des Neujahresempfangs 2017 unter der ständigen Präsens des Damoklesschwertes „Am Ende zählt das Allgemeinwohl“ präsentiert und dabei mit Ihrem Planungsstab gerade die Aktiven Ihrer Bürgerschaft viel zu schnell mal als Ego-Shooter, als Kritiker, als Skeptiker, als „Ich-Ich-Ich“ öffentlich hingestellt haben.

BürgerportalTV: „Am Ende zählt das Allgemeinwohl”

So wurde wiederum in Richtung Bürgerschaft nur „viel Porzellan zerbrochen“, Tatsachen wurden verschleiert und die geltende Meinung in der Bürgerschaft, d.h. „Alea iacta est!“ über den FNP-2035 untermauert.

Visionen darüber, wie Sie als Bürgermeister mit Ihrer Verwaltung die Folgen aus dem epochalen Umwälzprozess in unserer Arbeitswelt (Digitalisierung, Automation, Industrie 4.0) in Bergisch Gladbach mit den quasi zeitgleich verlaufenden Umsetzungen aus der Planung des FNP-2035 in Einklang bringen wollen, sind für mich als Unternehmer trotz Ihres Neujahrsempfangs-Vortrages und der zwischenzeitlich doch sehr umfangreichen Behandlung des Themas „Flächennutzungsplanung bis 2035“ durch die Verwaltung und in der Öffentlichkeit nicht erkennbar.

In der Mitteilungsvorlage Drucksachen-Nr. 0061/2017 für die Gemeinsame Sitzung des Flächennutzungsplanausschusses und des Stadtentwicklungs- und Planungsausschusses sind die Schlagwörter „Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet-Handel“ nicht aufzufinden. Damit finden „Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet-Handel“ wie im Einzelhandels- und Nahversorgungskonzept, so auch im FNP-2035 für die in die Zukunft gerichtete Flächennutzungsplanung nicht statt.

Irgendwie wird mir als Bürger Ihre wirkliche Absicht in der Abwicklung des doch komplexen FNP-Themas bisher nicht klar. Wenn immer wieder Prognosen, unumkehrbare Entwicklungen als gespenstisches Agieren der mündigen Bürger hingestellt werden, wie soll ich als Demokrat und langjähriger Einwohner von Bergisch Gladbach damit umgehen?

Oder existiert neben der mir als amtlich bestätigten Informationszusammenstellung zur Gewerbeflächennachfrage in den letzten 5,5 Kalenderjahren doch noch eine „rote Geheim-Liste“ in Ihrer Schreibtischschublade, in der bereits feste Gewerbeflächenzusagen von Ihnen oder Ihrer Stadtverwaltung gegenüber potentiellen Interessenten vermerkt sind?

Ein hartnäckiger Verdacht

Diesen Verdacht werde ich einfach nicht los, auch wenn mir gegenüber der CDU-Fraktionsvorsitzende Dr. Metten mit E-Mail vom 13.12.2016 schriftlich bestätigt hat, dass es für das Gewerbegebiet Brüderstraße keine(n) „Preferred Bidder“ gibt.

Aber warum wird jetzt, ½ Jahr später, auf einmal die ursprüngliche Gewerbeflächeneinplanung gerade für die Brüderstraße ohne jegliche sachliche Begründung verdoppelt? Auch wenn,

  1. topographisch eine doch insgesamt für die Bebauung mit Industriegebäuden sehr ungünstige Flächenform in Form eines langen, sehr schmalen Rechtecks entsteht?
  2. sich für den möglichen Bebauungsplan fast unlösbare Abstandsprobleme zwischen Verkehrswegen, Gewerbe und dem sehr nahen Wohnen ergeben?
  3. gegen die in unmittelbarer Nähe planerisch konzentrierten Lärmemissionsquellen, d.h. BAB A4 und der (neue) Autobahnzubringer, Gewerbebetriebe, ökologisch und ökonomisch vertretbare Lösungen für die Anwohner und die dort zukünftig beschäftigten Menschen mit ihren Arbeitsplätzen infrastrukturell fast unmöglich umsetzbar sind?
  4. durch die planerisch konzentrierten Lärmemissionsquellen die Immissionsgrenzwerte (Schwefeldioxid, Feinstaub Partikel, Stickstoffdioxid, Lärm) zum Gesundheitsschutz erheblich verletzt werden?
  5. wegen der planerisch konzentrierten Verkehrsemissionsquellen die zulässigen Immissionsgrenzwerte überschritten werden und wegen den fast nicht lösbaren Abstandsproblemen zwischen Verkehrswegen, Gewerbebetrieben und sehr dem nahem Wohnen jahrelange Rechtsstreitigkeiten vorgezeichnet sind?

Findet hierfür eine Kontrolle durch die Kommunalpolitik noch statt? Für mich drängt sich da eine Ahnung in Anlehnung an Ulbrichts Aussage Zitat “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!” auf. 

Wohnflächen: Haushaltsgrößen machen stutzig

Hiervon unabhängig habe ich zur Kenntnis genommen, dass sich die Wohnflächenbedarfseinplanung im jetzt vorliegenden FNP-Entwurf – irgendwie – um die Hälfte reduziert hat. Gut für die Ressource „Fläche“ und den grünen Charakter unserer Stadt.

Stutzig macht mich aber in diesem Zusammenhang der Umgang mit dem Key Performance Indicator (KPI) „Haushaltsgröße“ zur Berechnung des Flächenbedarfs für das Wohnen in Bergisch Gladbach. So habe ich dem KStA vom 17.07.2017 unter der Schlagzeile „Wachstum in Rösrath: In vier Baugebieten könnten 300 Wohnungen entstehen“ entnommen, dass die dortige Stadtplanung in Rösrath mit einer Haushaltsgröße von 2,4 bis 2,5 Personen pro Wohnung, d.h. durchschnittlich 2,45 Personen plant.

Ihre Stadtverwaltung im FNP-Entwurf aber für den KPI „Haushaltsgröße“ nur 2,22 Personen zugrunde legt. Durch diese unterschiedlichen KPI-Werte für die Haushaltsgröße müssen zur Lösung des akuten Wohnungsproblems bei 1.000 neuen Einwohnern in Rösrath 408 Wohnungen, in Bergisch Gladbach jedoch 450 Wohnungen eingeplant werden.

Dabei steigt die Einwohnerzahl Rösraths lt. dortiger Stadtverwaltung auch ohne neue Baugebiete; in Bergisch Gladbach müssen aber neue Baugebiete über den FNP-2035 erschlossen werden.

Nachdenklich macht mich als Bürger und Steuerzahler aber das Gesamtergebnis, denn in Bergisch Gladbach liegt die Flächenressourceneinplanung zur Wohnraumbereitstellung für 1.000 neue Einwohner um 42 Wohnungen und damit gut 11 Prozent über der Flächenressourceneinplanung in der Nachbargemeinde Rösrath.

Ist dieser Umgang mit niedrigeren Planwerten des KPI „Haushaltsgröße“ Teil Ihrer aktiven Bodenbevorratung? Sind diese doch nicht unerheblichen Wertabweichungen den Planungsinstanzen im Kreis und im Regierungsbezirk bekannt? Wenn ja, wie passen die Abweichungen im Gesamtbild dann zusammen?

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich diesen Brief „offen“ schreibe und die Stadtratsfraktionen und die lokale Presse als Adressaten einbeziehe.

Mit freundlichem Gruß, Albert Stodko

Bürger der Stadt Bergisch Gladbach
Unternehmer (KMU) in der Stadt Bergisch Gladbach

Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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3 Kommentare

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  1. Sehr geehrter Herr Stodko,
    vielen Dank für die enorme Zeit und Arbeit, die Sie in die Überprüfung der von unserem Bürgermeister Lutz Urbach und der Stadtplanung angegebenen Zahlen investiert haben. Als Sozialwissenschaftlerin muss ich Ihnen in diesem Punkt voll zustimmen. Beherrscht die Stadtverwaltung die gängigen Kriterien der statistischen Auswertung nicht oder publiziert sie bewusst irreführende Zahlen? Dies fragt man sich auch bei der Bevölkerungsentwicklung.

     Landesprognose 2013: Stagnation bis 2035
    Am 6. Juli 2017 hat das Bürgerportal die neuen Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung in seiner Presseschau veröffentlicht. Darin heißt es, dass das Land NRW für das Jahr 2035 für Bergisch Gladbach 112.700 Einwohner vorhersagt. Genau so viele wie heute! Das Land NRW geht also davon aus, dass die Zahl stagnieren wird: Zuzüge, Umzüge in andere Städte, Sterbefälle, Geburten, Flüchtlinge, die ebenfalls kommen und gehen – unterm Strich wird die Einwohnerzahl im Jahr 2035 so sein wie heute.

     Zur Prognose hiesiger Stadtplaner: Es ist in der empirischen Sozialforschung nicht erlaubt, nur die letzten Jahre für eine Prognose heranzuziehen. Ebenfalls ist es inkorrekt, die Spitzenwerte (wie Flüchtlingswelle) zu bewerten. Für eine Prognose werden die extremen Werte (nach oben oder unten) gestrichen und von einem sehr langen Zeitraum wird der Mittelwert berechnet.
    Eine Verzerrung der Werte durch ein im Sinne der empirischen Sozialforschung ‚eigentümliches Rechnen‘ wird gern durchgeführt, wenn man Unterstützung für politische Vorhaben haben will. Das ist jedoch hochgradig unseriös! Hat die Stadtverwaltung sich dieses Tricks bedient, um den FNP verabschieden zu können?

     Landesdatenbank 2017: Rückgang um 1000 bis 2025
    Zur Zeit geht die Landesdatenbank sogar davon aus, dass Bergisch Gladbach im Jahr 2025 nur 111.500 Einwohner haben wird. Man geht also davon aus, dass die Bevölkerung hier um 1000 Menschen schrumpfen wird. Und zwar schon in den nächsten 8 Jahren!

     Kein Wunder also, dass die Stadtverwaltung mit der Verabschiedung eines neuen FNPs „auf die Tube drückt“, sich beeilen will. In einigen Jahren wird es immer weniger Gladbacher geben. Das liegt am demographischen Wandel. Selbst hohe Flüchtlingszahlen, die schon miteingerechnet sind, können diesen langfristigen Trend nicht aufhalten.

    Deshalb regen sich ja alle Bürger so über den FNP auf. Weshalb sollte zum Beispiel die Nußbaumer Wiese zerstört werden, wenn sich zigtausende Gladbacher genau auf dieser einen Wiese erholen möchten? Für was? Ohne Sinn und Verstand hat die Stadtverwaltung hier konzipiert. Das sieht kein Bürger ein. Diese Wiese ist viel zu schön für eine Bebauung! Es gibt genügend Baulücken, zum Abriss bereitstehende Altgebäude und auch weniger schützenswerte Flächen und Wiesen.Die von unseren Steuern bezahlten externen Experten sollten sich mal intelligentere Lösungen einfallen lassen.

     DWI: Wohnbedarf zu 114% gedeckt
    Auch das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hat vor einigen Wochen die Ergebnisse einer langen Studie veröffentlicht. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass der Wohnraum im Rheinisch-Bergischen Kreis zu 114 Prozent gedeckt ist. Kurz: Wir haben schon jetzt genügend Wohnraum für alle! Natürlich schwanken die Zahlen in den einzelnen Städten und Stadtteilen immer hin und her: Zur Zeit gibt es ein Überangebot an großen und kleinen Wohnungen. Wohnungen mit 2-3 Zimmern sind momentan etwas zu wenige vorhanden. Insgesamt warnt das Institut aber die Kommunen eindringlich davor, neue Wohnbaugebiete auszuweisen. Die Warnung ist aber bei der hiesigen Stadtverwaltung noch nicht angekommen.
    Beste Grüße

    Nachtrag: Dies sind die Links zu den Quellen:

    http://www.focus.de/immobilien/bauen/viel-zu-viele-haeuser-auf-dem-land-fast-zwei-millionen-wohnungen-stehen-leer-haeuslebauern-droht-immenser-preisverfall_id_7256546.html

    https://in-gl.de/2017/07/06/bergisch-gladbach-presseschau-414/

  2. Die Verwaltung muss sich die Frage stellen lassen, warum die Stadtentwicklungsgesellschaft SEB für den Standort auf Messen und Veranstaltungen Werbung macht und damit neues Gewerbe anziehen will? So zumindest tut es die Stadtentwicklungsgesellschaft SEB für das Gewerbegebiet Obereschbach. Wieso ist solche Werbung eigentlich notwendig, wenn es doch angeblich primär um die Befriedigung der Binnennachfrage von den hier schon ansässigen Unternehmen ginge, damit diese nicht abwandern???
    Und wenn es so eine große Nachfrage nach Gewerbeflächen gibt, warum muss man überhaupt solche Werbemassnahmen dafür machen, da wir ja angeblich von Unternehmen überrannt würden?

  3. Ein bemerkenswertes Werk, dass allen Bürgerinitiativen aus der Seele spricht. Hat schon mal jemand dem Bürgermeister und seinen Erfüllungsgehilfen derart den Spiegel vorgehalten? Man kann nur hoffen, dass dieser Brief von sehr vielen Bergisch Gladbachern gelesen wird und damit auch das Unheil des FNP-E. erkennen. Bürgermeister Urbach meinte schon mehrfach “Wir schaffen das”. Man darf gespannt sein, ob und wie er jetzt reagiert und ob er erkennt, dass diese seine Aussage mittlerweile wie das Pfeifen im dunklen Keller wirkt.