Mehl aus dem Supermarkt sorgte für die Verunreinigung des Trinkwassers

Eine ungewöhnlich gewöhnliche Substanz hat Hebborns Trinkwasser verschmutzt: Ein Kilo Mehl in einem neuen Rohr brachte Keime ins Netz und bot ihnen eine ideale Brutstätte. Die Belkaw hat das Rohr ausgetauscht, chlort und spült wie ein Weltmeister – aber für die Kunden ist die Sache noch nicht ausgestanden. 

Nach wochenlanger Suche hat die Belkaw der Ursache für die Verkeimung des Trinkwassers im Stadtteil Hebborn gefunden – in einem Rohrstück in der Odenthaler Straße. Beim Austausch hatten Bauarbeiter dort unter Zeitdruck Mehl eingesetzt, um beim Elektroschweißen Feuchtigkeit zu binden, teilte Belkaw-Geschäftsführer Klaus Kaiser jetzt mit.

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Ein klarer Fall von „menschlichem Fehlverhalten und ein Verstoß gegen alle Regeln”, sagte Kaiser. Das werde für die Monteure und den Projektleiter des beauftragten Unternehmens Konsequenzen haben.  

Das Mehl habe sich in Form einer klebrigen Masse im Rohr festgesetzt, die Keime ins Wassernetz eingetragen und ihnen darüber hinaus auch noch eine ideale Brutstätte geboten. Diese Keime seien dann in einem engen Radius um die Odenthaler Straße und die Jägerstraße im Wasser festgestellt worden. Davon seien wenige hundert Haushalte betroffen gewesen. 

Klaus Kaiser ist mit Klaus Henninger und Manfred Habrunner Geschäftsführer der Belkaw

Kaiser reagierte erleichtert auf die Tatsache, dass keine Fäkalien ins Trinkwassernetz gelangt waren – was zunächst vermutet worden war. Positiv sei zudem, dass diese Mal die Ursache gefunden werden konnte und dass die Spülung und die Chlorung rasch gewirkt hätten.

Gesundheitsamt: kein Grund für Kritik, keine Krankheitsfälle

Das Gesundheitsamt des Kreises bestätigt, dass sich die Belkaw korrekt verhalten habe. Die relativ lange Zeit zwischen dem ersten Keimbefund, dem Abkochgebot und der Information der Öffentlichkeit (Details siehe unten) gehe darauf zurück, dass erst durch die mehrfache Beprobung eindeutige Erkenntnisse erlangt wurden. Erkrankungen seien dem Gesundheitsamt in diesem Zusammenhang nicht gemeldet worden.

Die gesamte Wasserdruckzone 2 war betroffen, hier werden weiter Proben genommen

Die Chlorung geht weiter

Für die rund 3000 Haushalte in der Wasserzone 2, die zum Teil weit über Hebborn hinaus geht, ist die Sache aber immer noch nicht ausgestanden. Das Wasser wird vorerst weiter mit Chlor desinfiziert. Das kann zu Geruchs- und Geschmacksbeeinträchtigungen führen, ist aber gesundheitlich unbedenklich.  

Um absolut sicher zu gehen, dass keinerlei Keime mehr im Netz zurückgeblieben sind, wird die Belkaw in den nächsten Tagen im engeren Umfeld der Schadensstelle an der Odenthaler Straße und Jägerstraße in rund 100 Häusern die Feinfilter austauschen. Außerdem sollen die Rohre in dem Gebiet  ein zweites Mal mit einem neuen Spezialverfahren gereinigt werden.

Erst danach soll der Chlorgehalt im Wasser (derzeit 0,3 Milligramm je Liter) schrittweise herabgesetzt, das Wasser immer wieder untersucht werden. Daher wird die Chlorung noch einige Wochen anhalten; auf einen genauen Zeitraum legt sich die Belkaw derzeit nicht fest. 

Im benachbarten Supermarkt kauften die Monteure das Mehl, billiges stilles Wasser ist hier meistens ausverkauft

Belkaw bedauert Fehlverhalten – keine Wiedergutmachung

Kaiser betonte, dass die Belkaw außerordentlich bedauert, dass die Kunden durch das Fehlverhalten beeinträchtigt worden sind. Das Unternehmen plane aber keine – auch nur symbolische – Wiedergutmachenung. Der Geschäftsführer bot den Betroffenen aber an, mögliche Ansprüche zu prüfen. 

Wieviel Geld die ganze Aktion der Belkaw kostet hat das Unternehmen bislang noch nicht berechnet. Kaiser erwartet – nach den Erfahrungen der Verunreinigung vor gut einem Jahr – einen Betrag von bis zu 200.000 Euro, ohne den eigenen Personalaufwand. Die Belkaw gehört zu 50,1 Prozent der Kölner RheinEnergie, zu 49,9 Prozent der Stadt Bergisch Gladbach. 

Was genau geschah – und wann

Auf Nachfrage schilderte Kaiser den genauen Ablauf der Verkeimung und ihrer Bekämpfung. Dabei wird deutlich, wie viel Zeit zwischen Verunreinigung und Information der Bevölkerung verging. 

Demnach hatte der Bautrupp eines Subunternehmers am 2. Dezember auf der Odenthaler Straße (zwischen Jäger- und Gertrudenstraße) ein 1,5 Meter langes Rohrstück ausgebaut und durch ein T-Stück ersetzt. Das war nötig, um neue Häuser anzuschließen. 

Es war Samstag, die Monteure standen unter Zeitdruck. Beim Elektroschweißen müssen die Rohre völlig trocken sein, doch durch ein Gefälle tröpfelte immer wieder Wasser nach. Offenbar ist dann ein Monteur zu Rewe gegangen und hat ein Kilo Mehl gekauft. Das wurde ins Rohr geschüttet, wo es das Wasser auffing. Erst durch Nachforschungen bei altgedienten Mitarbeitern fand die Belkaw heraus, dass dies vor vielen Jahrzehnten ein übliches Verfahren war. Seit langem ist es strengstens verboten, irgendeine Substanz in die Rohre einzubringen. 

Schlimmer noch, die Monteure ließen das Mehl im Rohr. Da zunächst kein Wasser durch dieses Teilstück floß wurde es nicht weg gespült, sondern verklumpte und bildete eine hartnäckige klebrige Masse. Hier vermehrten sich die Enterokokken – Milchsäurebakterien, die ohnehin im Mehl und anderen Lebensmitteln vorhanden sind – und verkeimten das Wasser. 

Am 8. Dezember meldeten Bewohner eines Hauses in der Jägerstraße, dass es im Bereich ihres Hausanschlusses stinkt. Beim Eintreffen von Mitarbeitern der Belkaw hatte sich der Geruch wieder verzogen, aber bei Proben im direkten Umfeld wurden zum ersten Mal Keime gefunden. An einem einzelnen Hydranten, mit nicht eindeutigen Werten.

Damit setzte eine Serie von Beprobungen ein, die den ersten Verdacht erhärteten. Dafür gebe es genau vorgeschriebene Regeln, erläuterte Carsten Schmidt, Leiter des Wasserlabors der Belkaw/RheinEnergie. Diese Arbeiten, in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt des Kreises, forderten ihre Zeit.

Am 15. Dezember sprach das Gesundheitsamt das Abkochgebot aus, die Belkaw begann die Chlorung. Am Vormittag dieses Freitags wurden zunächst die Kindergärten und anderen sensibln Einrichtungen informiert, am Nachmittag erst wurde die Öffentlichkeit mit einer Pressemitteilung in Kenntniss gesetzt, noch später wurden Handzettel verteilt.

Viele Anwohner hatten diese Art der Kommunikation kritisiert, dem schloss sich Bürgermeister Lutz Urbach in der Ratssitzung Ende Dezember öffentlich an. 

Die Chlorung des Trinkwassers schlug rasch an und tötete die Keime ab. Schon nach wenigen Tagen wurden keine Keime mehr festgestellt, am 21. Dezember wurde das Abkochgebot aufgehoben.

Das Verschwinden der Keime erschwerte die Ursachenforschung. Die Belkaw untersuchte zahlreiche Hausanschlüsse auf mögliche Defekte, durch die womöglich Spuren von Fäkalien ins Netz hätten gelangen können. Außerdem wurden zahlreiche Stellen, an denen das Netz in der Vergangenheit repariert oder erweitert worden war, wieder geöffnet.

Ohne Erfolg – bis man vor wenigen Tagen auf den klebrigen Klumpen in der Odenthaler Straße stieß. Chemische Untersuchungen wiesen nach, dass es sich um die Rest von Mehl handelt. Mikrobiologische Analysen belegten zudem, dass die Keime, die früher im Trinkwasser und jetzt in der Mehlmasse gefunden wurden, identisch sind. 

In der vergangenen Woche wurde das Rohr ausgetauscht, die angrenzenden Leitungsabschnitte am Wochenende noch einmal intensive gespült. Heute wurde die Öffentlichkeit informiert. 

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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8 Kommentare

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  1. Die Erklärung der Belkaw, dass Mehl für die kürzlich aufgetretene Verkeimung des Trinkwassers die Ursache war, befriedigt nur vordergründig. Die Verschmutzung in 2016 wird nur beiläufig erwähnt; sie betraf das gleiche Gebiet. Was war denn damals die Ursache? Es drängt sich doch die Vermutung auf, dass ein Zusammenhang bestehen könnte. Ich erwarte diesbezüglich weitere Informationen seitens Belkaw und auch Gesundheitsamt.

  2. Das erschreckende an der Tatsache ist ja nicht nur die Verkeimung an sich.
    Vielmehr bekam das die Belkav immer erst mit wenn ihr das von extern gemeldet wurde.
    Da frage ich mich schon ob überhaupt keine regelmäßige Qualitätskontrolle des Trinkwassers in den einzelnen Stadtbereiche stadtfindet!
    So etwas würde sich wohl kein privater Betreiber irgendeiner solch offener Lieferkette erlauben können.
    Vielleicht denkt man jetzt auch mal bei der Belkav über solch „äßerst seltene“ Ereignisse nach und baut für die Zukunft vor.

  3. Das war noch nicht Alles! Da wird noch was durch die BELKAW verheimlicht!
    (Auszüge aus meiner Mail vom 07.01.2018 an den Kreisdirektor, mit einem Vorschlag zur Auffindung der Kontaminationsstelle.
    Zur Chronologie: Die erste Verkeimung des Trinkwassers in Bergisch Gladbach mit coliformen Keimen, wurde im September des Jahres 2016 publiziert.
    Die zweite Verkeimung des Trinkwassers in Bergisch Gladbach mit coliformen Keimen im Jahr 2017, wurde im Dezember 2018 der Öffentlichkeit bekannt gegeben.
    In den verkeimten Trinkwasserversorgungsbereichen sind Risikoeinrichtungen mit prädisponierten oder immunsupprimierten Patienten (z.B. Intensivtherapiestationen, Endoskopie, Neu- und Frühgeborenenstationen) medizinische Behandlungs- und Betreuungsbereiche vorhanden, die als Risikoeinrichtungen besonders zu berücksichtigen sind.
    Auch in Dialyseeinrichtungen und Haushalte, in denen Risikopersonen leben und/oder medizinisch versorgt werden, ist das Vorkommen von coliformen Bakterien im Trinkwasser nicht nur unerwünscht, sondern gefährdet u.U. die Gesundheit der genannten Risikopersonen.
    Es stellt sich die Frage, wie lang die Trinkwasserversorgung, in dem betroffenen öffentlichem Versorgungsnetz bereits verkeimt war, bevor die Verkeimung entweder durch eine planmäßige Trinkwasseruntersuchung der BELKAW oder des MKH festgestellt wurde. Gemäß der Zeitungsberichte war es die BELKAW zuerst, welche die Verkeimung feststellte.
    Daraus ist zu schließen, dass die Verkeimung des öffentlichen Versorgungsnetzes und auch der davon betroffenen Risikopersonen mit verkeimten Trinkwasser lange Zeit stattfand. Lediglich das MKH wurde vorab informiert u.U. evtl. durch Umstellung auf den 2. Hauswasseranschluss, aus der Risikokette heraus genommen.
    Erst nach der Information des Krankenhauses erfolgte die Information der Bevölkerung in dem Versorgungsbereichen der Bevölkerung über die Verkeimung der öffentlichen Trinkwasserleitung durch die Presse.
    Daraus ist zu schließen, dass die Verkeimung des öffentlichen Trinkwasserleitung im Bereich Bergisch Gladbach Herborn, auch die davon betroffenen Risikopersonen in den normalen Wohngebäuden, mit verkeimten Trinkwasser, noch eine lange Zeit, nach der Kenntnis der BELKAW und dem Gesundheitsamt über die Verkeimung, stattfand.
    u.s.w. mit technischen Details

  4. Da will man sich gar nicht ausmalen, was letztes Jahr getrieben wurde. Mehl in den Leitungen – dazu hat meine Phantasie wirklich nicht ausgereicht. Aber toll, dass die BELKAW darüber nachdenkt, den Verursachen ihre Kosten in Rechnung zu stellen. Die wirklich betroffenen (beider Verunreinigungen, 2016 & 2017) Personen gehen bestimmt wieder leer aus. In anderen Ländern wäre das undenkbar.

  5. Im Text heißt wird nicht behauptet, es seien keine Erkrankungen aufgetreten. Statt dessen steht dort: „Erkrankungen seien dem Gesundheitsamt in diesem Zusammenhang nicht gemeldet worden.“ Die Quelle ist das Gesundheitsamt.

  6. Eine Frechheit zu behaupten, es seien keine Erkrankungen in Zusammenhang mit der Verunreinigung und Chlorung aufgetreten. Nicht nur meine Kinder litten unter Durchfall und Bauchschmerzen, auch von Nachbarn und betroffenen Bekannten erfährt man gleiches. Abgesehen davon dass das Chlorwasser die Haut angreift, muss zum Schutz stilles Wasser in Mengen zugekauft werden, um Kaffee, Tee usw zuzubereiten und sich die Zähne zu putzen. Ein tolles Geschäft für die Belkaw: Schlechtes Wasser liefern und noch zusätzlich die für das Abkochen – wenn stilles Wasser ausverkauft und zu Beginn der Misere – anfallenden Stromkosten kassieren. So macht man im wahrsten Sinne aus Scheisse Geld auf Kosten der Kinder und Verbraucher.

  7. Über derartige offensichtlich geduldete Inkompetenz und Rücksichtlosigkeit gegenüber etwa 3000 Haushalten bzw den Menschen kann ich nur völlig sprach- und fassungslos sein !
    Eine Schande ist das .

  8. Ich wohne in der Reuterstr. und habe leider keinen Informatonsnsflyer bekommen. Der Chlorgeruch hat mich aufmerksam werden lassen und ich habe mich über die Presse selbst informiert. Die Informationspolitik müsste unbedingt verbessert werden. Mit freundlichen Grüßen Barbara Röhrig