Die neue Zanders Paper GmbH hat sich mit der Stadt auf einen langfristigen Pachtvertrag geeinigt und mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung geschlossen. Damit steht die Papierfabrik vorerst auf sicheren Füßen. Sie investiert einige Millionen Euro, um Teile der Produktion zu verlagern. So werden Flächen frei, die die Stadt neu nutzen kann. 

Das müssen Sie (wenigstens) wissen:

  • Pachtvertrag über 10 Jahre für Kernareal
  • Belegschaft verzichtet auf Gehalt
  • Investitionen in Millionenhöhe auf Kredit
  • Produktionsteile und Klärwerk werden verlegt
  • Einzelne Gebäude werden kurzfristig frei
  • Ende 2024 verfügt die Stadt über zusätzliche Flächen

Bürgermeister Lutz Urbach bringt es so auf den Punkt:

„In den letzten Monaten fühlten wir uns wie in einem dunklen Tunnel, dann tauchte eine Tür am Ende auf. Durch diese Tür sind wir jetzt durch – und finden uns plötzlich in der Sonne wieder, auf einem weiten Feld mit vielen Möglichkeiten.”

Zanders habe jetzt nicht nur kurz- und mittelfristig eine Überlebenschance, sondern auch langfristig die Perspektive, vom Ökotrend zu profitieren: Papier statt Plastik, zum Teil ohne Chemie oder sogar aus Gras.

Die Stadt erhalte jetzt eine Basis, große Teile des Zanders-Areals neu zu planen und die Industriebrache mitten im Zentrum neu zu nutzen.

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Bislang hatte die neue Zanders GmbH wenig konkrete Angaben zur Unternehmensstruktur gemacht, doch jetzt werden die Verhältnisse transparent.

Die Zanders Group gesteht aus vier Gesellschaften, der Zanders Paper GmbH, der Zanders Logistik GmbH, der Zanders Estate GmbH sowie einer Zanders Beteilungs GmbH.

Geschäftsführer der Gruppe und aller Töchter ist der Norweger Terje Haglund (Foto), der das Unternehmen 2018 aus der Insolvenz heraus gekauft hatte.

Aktuell gehören Haglund noch 25 Prozent der Anteile. 75 Prozent hatte er 2019 an die schwedische Firma Jool Invest mit Tom Olander an der Spitze abgegeben. Jool betreibt u.a. die Papierfabrik in Lessebo und kooperiert mit Haglund schon seit langem.

Bürgermeister Urbach lobt, dass mit dem Einstieg von Olander wieder ein hohes Maß an Verlässlichkeit in den Beziehungen der Stadt zu Zanders eingekehrt sei. Alle Beteiligten betonen, dass die Kontakte von Haglund und Olander in der Papierbranche sehr bei der Neuausrichtung geholfen haben.

„Unter (den Vorbesitzern) Metsa und Mutares ist vieles ausprobiert worden, ohne klare Strategie. Jetzt sitzen wieder die Papierexperten am Ruder, mit einem klaren Ziel”, skizziert Werksleiter Kaptain die neue Lage.

Der starke Mann vor Ort ist nach wie vor Geschäftsführer Haglund, auch wenn er immer nur temporär in Bergisch Gladbach ist und aus dem Hintergrund wirkt. Obwohl er am Dienstag im Unternehmen war, nahm er am Pressegespräch nicht teil, für ein Gespräch stand er bislang nicht zur Verfügung 

Werksleiter Markus Kaptain und Bürgermeister Lutz Urbach

Basis für diese neuen Perspektiven sind der Entwurf für einen langfristigen Pachtvertrag und eine Standortvereinbarung, die Bürgermeister Urbach, Werksleiter Markus Kaptain gemeinsam mit Betriebsratschef Taner Durdu jetzt in einem Pressegespräch vorstellten.

Der Pachtvertrag soll in einer Sondersitzung des zuständigen Ausschusses am 28. Januar vom Stadtrat abgesegnet werden. Er war über 15 Monate hinweg zwischen der Verwaltung und den skandinavischen Eigentümern der neuen Zanders Paper GmbH verhandelt worden. Die Stadt hatte während der Insolvenz der Papierfabrik Ende 2018 auch den Rest des insgesamt 36 Hektar großen Areal gekauft und an den Insolvenzverwalter verpachtet; zuletzt wurde die Nutzung durch Zanders nur geduldet.

Jetzt bekommt Zanders einen Pachtvertrag über zehn Jahre mit einer Option über weitere fünf Jahre, allerdings nur für das Kernareal.

Das Foto zeigt links und rechts die Flächen, die die Stadt 2017 gekauft hatte, das Kernareal kam 2018 hinzu. Das große Klärwerk (die beiden großen Kreise links im Bild) und benachbarte Anlagen werden aufgegeben und im Kernbereich angesiedelt. Darüber hinaus will die Stadt relativ rasch das Kantinengebäude und das „Museum” rechts vom Officebereich übernehmen. 

Für die Flächen jenseits des Kernareals, die derzeit von der Alubedampfungsanlage, der Farbmaschinenanlage sowie den beiden Becken des Klärwerks „Bio 3″ genutzt werden, läuft der Pachtvertrag nur auf maximal vier Jahre. Innerhalb dieser Zeit werden diese Anlagen abgebaut und in das Kernareal integriert.

Darüber hinaus konnte Zanders der Stadtverwaltung gegenüber glaubhaft machen, über ein Konzept und die Mittel zu verfügen, das Unternehmen wenigstens mittelfristig erfolgreich weiter zu führen. Und auch die Betriebsvereinbarung gehört zu den Bedingungen der Stadt, die jetzt erfüllt sind.

Urbach und Durdu betonten, dass sich seit der Insolvenz viel getan hat. „Der Runde Tisch mit Dr. Ingo Wolff als Mediator hat in der Sache viel bewegt“, erläuterte Durdu. Wichtig sei zudem gewesen, Kosten zu reduzieren. So konnte die Begrenzung der EEG-Umlage für 2020 durch das Intervenieren der Gewerkschaftler mit politischer Unterstützung erreicht werden.

„Zum 1. Februar ist noch nicht alles fertig, aber wir sehen, dass sich Zanders auf dem richtigen Weg befindet”, sagte Urbach. Das gelte zum Beispiel auch für ein neues Brandschutzkonzept. „Über Zanders steigt weißer Rauch auf, Gottseidank”, so der Bürgermeister.

Taner Durdu an einem Steuerpult der Papiermaschine PM3

Die Standortvereinbarung zwischen Betriebsrat und Zanders, stellte Betriebsratschef Taner Durdu nur in Grundzügen vor – weil die Belegschaft über die Details noch gar nicht informiert ist. Das soll in einer Betriebsversammlung zum Monatsende geschehen.

Diese Vereinbarung gelte für fünf Jahre, so Durdu, und schreibe vier Phasen fest. Zunächst sorgen die Belegschaft (durch Gehaltsverzicht) und die Eigentümer dafür, dass dem Unternehmen Geld für Investitionen zur Verfügung steht. In der zweiten Phase läuft die Restrukturierung. Die dritte Phase nennt Durdu „Zukunftsmannschaft”: die Belegschaft soll durch die Förderung der Mitarbeiter und des Nachwuchses fit gemacht werden. Viertens gehe es um eine Zukunftsstrategie, mit der das Unternehmen wenigstens die nächsten 30 Jahre bestehen könne.

In einer sogenannten Patronatserklärung wurde festgelegt, dass die Zanderseigentümer bei einem Scheitern wenigstens einen Teil der Gelder zurückzahlen, auf die die Belegschaft jetzt verzichtet. Die Belegschaft habe während der Insolvenz insgesamt 20 Millionen Euro verloren, sagt Durdu, das werde man nicht noch einmal zulassen.

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In den 70er Jahren des vergangenen Jahres arbeiteten fast 4000 Personen bei Zanders, seither ging es in großen Schritten bergab. Zu Beginn der Insolvenz 2018 waren es noch 500 Leute, die neue Zanders GmbH startet nach weiteren Entlassungen mit einer Belegschaft von 320 Mitarbeitern.

Heute sind es allerdings bereits wieder 377, berichtet Werksleiter Kaptain. 30 davon kamen durch die Integration der Logistiktochter dazu, sind also nicht wirklich neue Mitarbeiter.

27 Personen wurden jedoch tatsächlich neu eingestellt. Unter anderem wurde die Werksfeuerwehr, die zwischenzeitlich ganz eingestampft worden war, wieder mit fünf Stellen besetzt. Zu den Beschäftigten gehören 20 Auszubildende in unterschiedlichen Berufen

Markus Kaptain in der Halle der PM3

Pachtvertrag und Standortvereinbarung zusammen, sagt Werksleiter Kaptain, seien jetzt eine solide Basis für den Fortbestand des Unternehmens. Ohne sie wäre nichts gegangen: Nur mit diesen beiden Dokumenten kann die Zanders GmbH bei den Banken vorstellig werden und neue Kredite beantragen. Und die braucht das Unternehmen dringend.

Denn die skandinavischen Eigentümer, das bestätigt Kaptain, hatten von Anfang an klar gemacht, dass die Restrukturierung von Zanders aus dem Unternehmen heraus finanziert werden muss. Also durch Gewinne, durch Zugeständnisse der Beschäftigten und durch Kredite. Haglund und Olander hätten zwischendurch nur kleinere Beträge zugeschossen, um den Betrieb zu sichern.

Alleine für die Verlagerung der Betriebsteile, die der neue Pachtvertrag fordert, kostet Zanders einige Millionen Euro. Der Umzug der Alubedampfung und der Farbmaschinenanlage werde rund drei Millionen Euro kosten, die Reaktivierung der alten Kläranlagen im Kernbereich (Bio 1 und 2) und die Stilllegung der Bio 3 wird mit weiteren zwei Millionen Euro veranschlagt.

Durch diese Investitionen werde aber auch das Unternehmen gestärkt, betonen Kaptain und Durdu – weil die Betriebsabläufe damit straffer und die Anlagen moderner werden.

Mittel- und langfristig habe das Unternehmen sehr gute Perspektiven, sagt Betriebsratschef Durdu, unterstützt von Urbach und Kaptain. Denn der Papierhersteller, der lange unter dem Rückgang der Nachfrage litt und sich auf kleine Menge von Spezialpapieren konzentrierte, liege nun wieder voll im Trend, Plastik durch Papier zu ersetzen.

Erst gestern hatte Zanders ein verbessertes Produkt vorgestellt, das bei der Verpackung von fettigen Lebensmitteln eingesetzt werden kann. Auch eine Kooperation mit Unternehmen sei möglich, die auf Papier auf der Basis von Gras herstellen und daraus Strohhalme oder Pappbecher produzieren.

„Diese großen Chancen müssen wir jetzt auch ergreifen”, appelliert Durdu an Unternehmensführung und Belegschaft, „wir dürfen uns jetzt nicht zurücklehnen.”

Spielraum für Stadtplanung

Mit der Einigung auf den Pachtvertrag gewinnt die Stadtverwaltung jetzt auch den gewünschten Spielraum, größere Teile des Zandersareals zu entwickeln und das bislang geschlossene Gelände näher an die Innenstadt heranführen. Wenn sich das Unternehmen bis spätestens Ende 2024 auf den Kern des Geländes zurückzieht, stehen große Zusammenhängende Flächen für eine neue Nutzung zur Verfügung.

Die Planung hat dafür – auch mit Blick auf die Regionale 2025 – längst begonnen, dafür gibt es nun eine Grundlage. Eine Vollkonversion – nach einer möglichen Schließung der Papierfabrik – steht nun nicht mehr im Mittelpunkt, wird aber immer mitgedacht.

Schon kurzfristig soll das sogenannte Museum (Foto oben) frei geräumt und der Stadt übergeben werden: Dabei handelt es sich um eine riesige Backsteinhalle, die unmittelbar hinter den Verwaltungsgebäuden liegt, die bereits von der Stadt genutzt bzw. vermietet werden. „Ein wunderbares Gebäude, bei dem man sich sehr viel vorstellen kann”, schwärmt Urbach.

Hier musste geklärt werden, wo künftig der Zaun des Betriebsgeländes verläuft und wie die LKW-Zufahrt zu den dahinter liegenden Betriebsteilen gesichert wird.

Darüber hinaus will Zanders auch das große Kantinengebäude (Foto unten) an die Stadt übergeben, das ebenfalls seit einiger Zeit nicht mehr genutzt wird. Hier ist die Stadtverwaltung für Angebote eines Betreibers offen, der die Kantine womöglich wieder öffnen möchte.

Und auch ein weiteres großes Gebäude, in dem derzeit noch die Abteilung Forschung & Entwicklung untergebracht ist, könnte bald frei gemacht werden.

Auch im Kernareal verfügt Zanders noch über große, nicht mehr genutzte Flächen. Hinzu kommt das Zentrallager an der Senefelder Straße, dessen Aufgabe zwar erwogen, dann aber wieder verworfen worden war.

Daher befürchtet Werksleiter Kaptain nicht, dass sich das Unternehmen mit der Abgabe von Flächen und Gebäuden die Chance nimmt, in Zukunft wieder zu wachsen: „Wir haben genug Platz, unsere Pläne und die  der Stadt kollidieren nicht.”

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Zanders stellt ein


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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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4 Kommentare

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  1. Man sollte sich darüber freuen,nur wieviel Abstriche sollen die Beschäftigten noch machen????
    Die haben schon jahrelang auf Lohn verzichtet und Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld, und was hat es gebracht,??
    Gar nichts
    Durch die Insolvenz sind private Gelder die man eingezahlt hat, wie Sterbekasse verloren gegangen wo man über 30 Jahre für eingezahlt hat alles weg
    Und noch von den seelischen Schäden mancher Mitarbeiter die jetzt auf der Straße stehen und sich kaputt gemacht haben.

    Aber all das zählt nicht.
    Wenn die Jetzt Millionen aufnehmen müssen steht die nächste Insolvenz vor der Tür und den verbleibenden Mitarbeitern wird es genauso sehen

  2. Die Sondersitzung ist wie immer zweigeteilt. In der öffentlichen Sitzung stehen (wie immer) Mitteilungen des Bürgermeisters und des Ausschussvorsitzenden auf der Tagesordnung, Anfragen der Mitglieder sind möglich. Im nicht-öffentlichen Teil geht es dann um die Vermietung einer Liegenschaft. Alle Themen, bei denen es um wirtschaftliche Details von Unternehmen geht, werden nicht-öffentlich behandelt.

    Die Öffentlichkeit ist ja gerade über die Presse informiert worden. Beim Pachtvertrag ging es dabei nur um allgemeine Dinge, nicht um wirtschaftliche Details.

    Aktualisierung: Die Stadtverwaltung hat gerade eine Pressemitteilung zum Thema verschickt. Darin heißt es:

    „Über den Abschluss dieses Pachtvertrags wird der Ausschuss für Umwelt, Klima, Infrastruktur und Verkehr in nicht-öffentlicher Sitzung am Dienstag, den 28. Januar 2020 im Ratssaal in Bensberg beraten. Diskussionen über Grundstücksangelegenheiten sind nach der Geschäftsordnung des Rates grundsätzlich nichtöffentlich zu führen, so auch in der kommenden Sondersitzung des Ausschusses, dessen einziger inhaltlicher Tagesordnungspunkt der Zanders-Pachtvertrag ist. Der gefasste Beschluss hingegen wird selbstverständlich anschließend öffentlich kommuniziert.”

  3. Man muss sich freuen, dass Zanders und seiner Belegschaft eine erfolgreiche Fortführung des Unternehmens gelingen kann. Zwei Dinge hinterlassen aber ein merkwürdiges Gefühl:

    Einmal sind die betroffenen Mitarbeiter noch gar nicht über die gerade sie betreffenden Details informiert worden, zum anderen wird die Öffentlichkeit von der Sitzung des AUKIV ausgeschlossen, der den Pachtvertrag „absegnen“ soll. Gemeindeordnung und Geschäftsordnung der Stadt sehen einen solchen Ausschluss tatsächlich in bestimmten Fällen vor. Bei Zanders geht es um den Pachtvertrag, der auch ausdrücklich als einer der Ausschlussgründe genannt wird. Es bleibt aber die Frage, inwieweit das „öffentliche Wohl“ gefährdet ist, wenn in der bedeutenden Zanders-Angelegenheit alles unter Verschluss gehalten wird. Eine Erklärung dazu wäre hilfreich.

    Darüber hinaus: Wenn der Öffentlichkeit kein Zugang gewährt wird, fragt man sich, warum die Stadt in einer Pressekonferenz noch vor den Ausschussberatungen, anscheinend sehr ausführlich, über den Pachtvertrag informiert hat. Unter diesem Gesichtspunkt wäre zumindest eine Teilöffnung der Sitzung des AUKIV für die Öffentlichkeit angebracht.

  4. Ganz neue Perspektiven:
    Dann hätte die Stadt ja jetzt auf dem Zanders Gelände einen Bauplatz bzw. Baufläche um das neue Stadthaus mittig in Alt-Bergisch Gladbach zu bauen.
    Das würde dann auch die obere Hälfte von Bergisch Gladbach die obere Hauptstraße bzw. das Laurentiusviertel wieder beleben.