Knapp 100 Jahre nach seinem Tod bietet Max Bruchs Arbeit in Bergisch Gladbach immer noch Rätsel. Wie die Zusammenarbeit mit Auguste Kolter, die 1859 einen Text für seinen Hymnus Opus 13 verfasste. Ihre Familie hatte hohe Ämter in der Stadt inne, war aber nicht unumstritten. Wir werfen erstmals einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Hymnus.

Komponiert und Fräulein Auguste Kolter gewidmet“ steht auf der Partitur des „Hymnus für eine Singstimme – mit Begleitung des Pianoforte“ von Max Bruch. Erst auf Seite eins taucht dann auch die Schöpferin der Zeilen auf: „Dichtung von Auguste Kolter“.

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So viel Abstand zum Maestro musste wohl sein. Schließlich trat Auguste Kolter danach nicht wieder als Textdichterin in Erscheinung.

Hymnus Op. 13 von Max Bruch ist ein eindringliches kammermusikalisches Frühwerk. Es überzeugt durch eine kluge Dramaturgie, eine kantabile Klavierbegleitung, eine ästhetisch anspruchsvolle Synergie von Text und Musik.

Kooperation für ein einziges Werk

Und die Zeilen stammen von einer hiesigen Frau, die zuvor und auch danach nach aktuellem Stand nicht wieder mit Lyrik in Verbindung gebracht werden kann. Mithin ist der „Hymnus“ wohl eine kurze, auf ein einziges Werk begrenzte Zusammenarbeit der Auguste Kolter mit Maestro Bruch.

Nur: Wie kam sie zustande? War es eine Laune des Schicksals? Eine Gefälligkeit des Altmeisters gegenüber Freunden auf der Igel? Eines ist klar: Lyrik schreiben konnte Auguste Kolter.

„Dem, der von allen Nächten der Stern,
dem König meines Herzens, dem Herrn,
dem singe meine Seele ein Lied,
das über alle, alle Lieder erblüht.“

So lauten die Textzeilen der ersten 15 Takte des Hymnus. „Würde und innere Erhebung“ verlangt die Vortragsbezeichnung der Partitur. Kein Problem angesichts solcher Zeilen.

Und die Musik Bruchs tut ihr übriges. Überzeugen Sie sich selbst:

Die Kolters

Um das Zusammentreffen von Auguste und Max zu verstehen, muss man ein wenig in jene Zeit zurückblicken. Augustes Verwandtschaft war von kommunalpolitischer Prominenz. Denn 27 Jahre bestimmten die Kolters mehr oder weniger erfolgreich die Geschicke der Stadt:

Johann Anton Kolter, Augustes Großvater, war von 1820 bis 1842 Bürgermeister in Gladbach (so hieß die Stadt noch in dieser Zeit). Sein Sohn Heinrich August folgte für fünf Jahre von 1842 bis 1847. Freunde haben sich die Kolters dabei nicht unbedingt gemacht.

Von „vielen bitteren Tagen“ ist die Rede. Die Volksvertreter baten beim Oberpräsidenten in Koblenz „ergebenst und gehorsamst um einen achtungswerten Bürgermeister“ (Bergisch Gladbacher Stadtgeschichte, Stadtarchiv Bergisch Gladbach 2006, S. 229). Hintergrund war ein Streit um den Straßenbau.

Am 28. April 1842, in der Amtsperiode der Kolters, erschien nach aktuellem Stand das erste Mal ein Poststempel BERGISCH Gladbach. Offiziell wurde der Doppelname dann 1863 (Reproduktion nach Brenner, Hans Leonhard: Der erste Poststempel von Bergisch Gladbach, in: Heimat zwischen Sülz und Dhünn 3, 1996, 74)

Wie traf Auguste auf Max?

Der Igeler Hof befand sich seit 1846 im Besitz von Philipp August Neissen.  Ein Advokat aus Belgien. Anteile am Hof hielt von 1846 bis 1849 Jahre u.a. sein Schwager Heinrich August Kolter, wie erwähnt Bürgermeister, und zudem Ehemann von Neissens Schwester Antoinette.

Die Tochter von Heinrich August und Antoinette – besagte Auguste – erblickte am 8. Dezember 1837 das Licht der Welt. Vier Wochen vor Bruch.

Neissens Schwester Therese, eine Lehrerin und Verwalterin des Igeler Hofes, nahm wiederum Gesangsstunden bei Max Bruchs Mutter in Köln. Man freundete sich an, die Bruchs kamen regelmäßig zur Sommerfrische auf „die Igel.“

Ein Hymnus zu Ostern

Dabei müssen sich Auguste und Max kennengelernt haben. Unsympathisch schien man sich nicht, soviel darf unterstellt werden. Sonst wäre es wohl kaum zur Zusammenarbeit gekommen.

Der Hymnus entstand daraufhin an Ostern 1859 auf dem Igeler Hof. So ist es in einer Liste seiner Werke verzeichnet, die Bruchs Biograf Christopher Fifield veröffentlicht hat.

Igeler Hof um 1870. Foto: Stiftung Zanders

Das Lied war in der Welt. Und Bruch arbeitete weiter an seiner Karriere. Auguste Kolter verließ indes die Bergische Bühne und zog nach Brüssel. Dort umsorgte sie ihren Onkel Philipp August bis zu dessen Tod. Sie soll auch in Brüssel begraben sein. 

„Wenn drohend böse Mächte sich nah´n,
sich drängen an die Seele heran,
und wollen in das Dunkel sie ziehn,
und lassen nimmer Frieden dem Sinn,
so sprech ich:
Du alleine hast Ruh`
So gieb mir Herr die Gnade dazu.“

Düster klingen Augustes Zeilen im Mittelteil des Hymnus. Und im Dunklen bleiben die Umstände, unter denen Auguste Kolter und Max Bruch den Hymnus geschaffen haben. So bleibt Opus 13 ein wenig bekanntes Werk, das Bruchs Liebe zum Bergischen eine weitere, mysteriöse Facette hinzufügt.

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Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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