Wer schon einmal von Gladbach nach Herrenstrunden unterwegs war, der kennt das Gefühl: irgendwann kommt man aus dem Wald heraus, das Tal der Strunde öffnet sich, es wird hell. Genau hier liegt Gut Schiff. Unser Fotograf Thomas Merkenich hat das schon als Kind erlebt. Inzwischen weiß er auch, wie wichtig dieser Ort für die Industrie-Geschichte Bergisch Gladbachs ist.

Als kleiner Junge war Gut Schiff für mich so etwas wie eine Landmarke. Wenn wir im Sommer schwimmen gehen wollten, war das immer mit einem langen Spaziergang verbunden. Von der Hauptstraße in Gronau ging es zu Fuß bis nach Herrenstrunden.

Spätestens ab der Igeler Mühle wurden die Beine schwer und die Ungeduld groß. Nach einem schier endlosen Marsch durch den dunklen Wald sah man irgendwann eine helle Lichtung – vor einem lag Gut Schiff. In diesem Moment war klar, dass man in wenigen Minuten im kühlen Nass des Freibads Herrenstrunden plantschen könnte.

Als Erwachsener gehe ich hier oft mit dem Hund spazieren, unzählige Fotos sind entstanden – und nach und nach auch ein Verständnis, welche Rolle dieser Ort für Bergisch Gladbachs Geschichte spielt.

Fast jeder weiß, dass die kleine, unscheinbare und dennoch so fleißige Strunde Gladbachs Papierindustrie den Wohlstand gebracht hatte. Aber hier, auf dem Gelände von Gut Schiff, stampften einmal Mühlen, die nicht der Produktion von Papier, sondern von Schießpulver dienten.

Auf dem Weg zur Quelle der Strunde

Nur wenige hundert Meter weiter liegt die Quelle der Strunde im Wald, nahe der Herrenstrundener Kirche. Schon kurz danach speist sie gleich zwei Mühlteiche. Der erste befindet sich neben der Malteser Komturei, der zweite hinter Burg Zweiffel.

Nachdem der Bach das ehemalige Freibad passiert hat, fließt er leise rauschend vorbei an Kuhweiden und einem Hang mit idyllischen Fachwerkhäusern, ehe er im Wald verschwindet.

Auf dem etwa 800 Meter langen Areal zwischen dem alten Freibad und Wald, arbeiteten anno dazumal gleich vier Pulvermühlen. Wo heute bäuerliche Idylle herrscht, wurde bis 1910 Schießpulver hergestellt.

Das Areal ist etwa 800 Meter lang und erstreckt sich von der Straße bis weit in den Hang hinein. Foto: Thomas Merkenich

Von der Tuchwalkmühle zur Pulverfabrik

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die spätmittelalterliche Siedlungsgründung um 1400 n. Chr. In den frühen Aufzeichnungen ist von „Scheef“ die Rede. Offenbar geht das Wort auf das Schilf zurück, welches in den Auen der Strunde wuchs.

Ab dem 16. Jahrhundert sollen hier drei Mühlen gestanden haben: Eine Schleif-, eine Öl- und eine Tuchwalkmühle. Möglicherweise ist die Walkmühle ein erster Hinweis auf die Papierherstellung, denn der Grundstoff dafür waren Lumpenfasern.

Im Jahre 1761 erwarb der Kölner Pulverfabrikant Josef Wecus das Areal. Er beabsichtigte die bestehende Ölmühle zu einer Pulvermühle umzubauen. Die Pläne scheiterten, weil die Nachbarn Einspruch erhoben. Sie befürchteten die „Gefahr eines unverhofften Unglücks und Zerspringen der Mühle“.

Erst als Wecus einen langen Umbach baute um die Mühle weiter am Hang zu errichten, bekam er die Konzession. Im Laufe der Jahre entstand eine weitere Pulvermühle und das Gelände avanciere zur „Pulverfabrikation“.

Teils dicht bebaut, teils sehr weitläufig. Gut Schiff in Herrenstrunden. Foto: Thomas Merkenich

Nach der Expansion folgt der Umbau

Den Namen Eyberg bringt man ab 1850 mit dem Gut in Verbindung. Theodor Eyberg pachtete das Gelände mitsamt der beiden Pulvermühlen. In den folgenden Jahren wuchs die Fabrikation auf stattliche vier Mühlen an, ehe 1910 die Pulverherstellung eingestellt wurde.

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Im gleichen Jahr kaufte die Firma Zanders das Gut, um sich die Wasserrechte entlang der Strunde zu sichern. Nach dem Ersten Weltkrieg machten es Auflagen des Versailler Vertrages notwendig, die ehemalige Pulverfabrik zu schleifen. Das Areal wandelte sich zum landwirtschaftlichen Betrieb. Magazine und Mühlen wurden bereits vorher aus Sicherheitsgründen teilweise abgerissen.

Da Zanders im Jahre 1932 mit Liquiditätsproblemen kämpfte, konnte Hermann Eyberg, ein Verwandter des bisherigen Pächters, das Gut endgültig erwerben.

Ritterfest auf Gut Schiff, Foto: Marcus Ruhkiek

Regionaler Landwirtschaftsbetrieb und überregionale Eventlocation

Mittlerweile bewirtschaftet die Familie Eyberg das Gut in der sechsten Generation. Dabei handelt es sich um keinen gewöhnlichen Bauernhof. Vielmehr ist es eine Symbiose aus nachhaltiger, regionaler Landwirtschaft und Eventlocation mit besonderem Flair.

Neben Hofführungen, Kindergeburtstagen und dem Markt der schönen Dinge kennt man das Bauerngut auch über die Grenzen des Bergischen Landes als Lokation für ein großes Mittelalter-Festival – dem Ritterfest auf Gut Schiff.

Noch heute fahre ich täglich die Strecke zwischen Bergisch Gladbach und Herrenstrunden. Und noch immer eröffnet sich mir am Ende des Waldes dieser wunderbare Blick auf das weitläufige und helle Terrain. Man hat das Gefühl, frei durchatmen zu können. Darum ist Gut Schiff mein #Lieblingsort in GL – im Sommer, wie im Winter.

Thomas Merkenich

ist der Fotograf des Bürgerportals. Mittlerweile wohnt er „im schönen Kürten" und liebt das Bergische Land. Aber das sieht man seinen Fotos ja auch an. Mehr Infos auf seiner Website www.thomasmerkenich-fotografie.de, mehr Foto im Bildershop: https://www.pictrs.com/thomasmerkenich-fotografie

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7 Kommentare

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  1. Gut Schiff ist und bleibt eine Augenweide. Der Hof wie auch das gesamte landwirtschaftliche Umfeld sollte für immer erhalten bleiben. Ein Dankeschön an die Besitzer und Pfleger des Hofes , deren Arbeit sicherlich nicht immer leicht ist, für die schönen und erlebnisreichen Tage welche sie den Menschen von Nah und Fern bieten.

  2. Sehr interessant Ihr Artikel , habe es mit Freude gelesen.

    Ich hoffe das es mir gelingt um das auch mal zu besuchen .

    Tolle Fotos.

  3. Aber lieber kein Gänseküken, da wäre nämlich St. Martin oder spätestens vor Weihnachten der Kopf ab.