Am Volkstrauertag haben Bürgermeister Frank Stein und Subsidiar Monsignore Johannes Börsch mit einer stillen Kranzniederlegung des Endes des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren gedacht. Wir dokumentieren beide Reden als Text und als Video.

Frank Stein ist Vorsitzender des VDK-Ortsverbandes Bergisch Gladbach. Am Volkstrauertag wird traditionell der Millionen Toten der beiden Weltkriege und den Opfern von Gewaltherrschaft gedacht. Die Kranzniederlegung fand wegen der Corona-Pandemie unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Per Video können sich Interessierte informieren.

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In seiner Rede stellt der Bürgermeister die Historie des Gedenktages und seine Bedeutung bis heute dar. Er appellierte an die Stadtgesellschaft, sich weiterhin zu erinnern und aus dem Geschehenen zu lernen. „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden” lautet das Leitwort der Jugendarbeit des Volksbundes.

Frank Stein findet diese Arbeit sehr wichtig:

„In Workcamps beschäftigen sich Jugendliche aus verschiedenen Ländern an Kriegsgräberstätten gemeinsam mit der Geschichte und helfen mit, dass Erinnerung an die Geschichte bleibt. Wir brauchen solche Lernorte. Ein Lernort ist für mich heute dieser Ort, die große Ehrengrabanlage auf dem Friedhof in Bensberg. Ich sehe die vielen Gräber der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen und durch Gewalteinwirkung Verstorbenen. Volkstrauertag 2020 – das im 75. Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Pfarrer Andreas Süß als Vertreter des Katholischen Kirchengemeindeverbandes St. Nikolaus und St. Joseph hatte eine teilweise auch persönliche Rede verfasst, die von Monsignore Johannes Börsch vorgetragen wurde.

Die Bombennacht, in der seine Großmutter enge Angehörige verlor, prägte ihr Leben. Auch der Ehemann kehrte von der Front nicht zurück.

„Die Hoffnung, dass er vielleicht doch zurückkehren würde, bestimmt das Leben meiner Großmutter, aber auch der Glaube an einen Gott, der in dieser schrecklichen Zeit auch an ihrer Seite ist und alles zum Guten führt, gab ihr die Kraft, ihr Kind zu erziehen und ein zerbombtes Haus wieder aufzubauen”, so die Erinnerung, die bis heute fortwirkt:

„Mir ist nicht fremd, was es etwa für junge Frauen bedeutet, die schon früh ihren Mann verlieren und was es für Kinder heißt, den Vater nie kennen gelernt zu haben. Es wäre sicher nicht menschlich, all das, was da an Wunden und Narben noch in unserer älteren Generation vorhanden ist, mit einem Schulterzucken zu übergehen und ihr auf diese Weise die Solidarität zu entziehen. Daher ist es gut, dass wir heute hier der vielen Opfer gedenken“, so der Bensberger Pfarrer.

Dokumentation: Rede von Bürgermeister Frank Stein

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, meine sehr geehrten Damen und Herren,

Volkstrauertag 2020 – das 75. Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. In diesem Jahr gedenken wir der Vergangenheit ein wenig anders als sonst.  

Der Volkstrauertag, ein staatlicher Gedenktag in Deutschland, gehört zu den „stillen Tagen“. Er verhilft uns der Erinnerung an die Kriegstoten und die Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen.

Erstmals 1922 – auf Initiative des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge – wurde er als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges begangen. In der Zeit der Weimarer Republik war der Tag kein Feiertag. In der Nazizeit wurde er instrumentalisiert und in „Heldengedenktag“ umbenannt – sein Charakter änderte sich vollständig. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges entstand angesichts der vielen Kriegstoten und der Vermisstenschicksale das Bedürfnis für einen Volkstrauertag.

Im Laufe der Jahre rückten neben die gefallenen Soldaten immer mehr die Opfer des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt des Gedenkens. Seit über 30 Jahren wird in Deutschland ganz allgemein der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus gedacht.  Dazu zählen auch die bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen Soldaten, Flüchtlingsschicksale u.v.m. 

Wir sehen, der Volkstrauertag hat sich gewandelt, er ist mit der Zeit gegangen. Welche Rolle er für uns persönlich spielt, hängt davon ab, wie sehr wir uns mit der Geschichte, mit Erinnern beschäftigen wollen und können.

Trauer und Erinnerung sind untrennbar miteinander verbunden. 

Doch gibt es verschiedene Arten von Trauer. Die Trauer über einen Tod nach einem erfüllten Leben ist anders als die Trauer über einen gewaltsamen Tod. Der Tod nach einem erfüllten Leben gehört zur menschlichen Existenz dazu. Der Volkstrauertag aber nimmt Menschen in den Blick, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind und nicht auf ein erfülltes Leben zurückblicken konnten. Die Trauer über diesen Tod ist bitter und lässt ein Gefühl von Ohnmacht zurück. Die Frage nach dem Warum steht im Raum. Erinnern – GeschichteGeschichte mitteilen. Über Geschehenes sprechen. Nicht schweigen. Nicht verdrängen. Das wollen wir am Volkstrauertag. 

Es gibt Menschen, die nach einer schlimmer Verlusterfahrung, nach dem gewaltsamen Tod eines nahestehenden Menschen ihren Teil dazu tun, das Zusammenleben mit anderen Menschen wärmer und herzlicher zu machen. Sie konnten sich ihren Erinnerungen stellen, sie haben sich die Zusammenhänge und Hintergründe bewusst gemacht. Sie suchen Frieden und schaffen Frieden. Viele dieser Menschen gehören der ersten Nachkriegsgeneration an. Sie beeindrucken uns.

Wir Jüngeren – und dazu darf ich mich in diesem Kontext zählen – haben allermeist keine direkten Kriegs- und Verlusterfahrungen gemacht. Aber wir beschäftigen uns mit der Geschichte, natürlich vor allem mit der deutschen Geschichte, um Zusammenhänge zu verstehen. Dabei erfahren auch wir einen Auftrag: Frieden schaffen, für Versöhnung und Verständigung eintreten. 

„Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden” lautet das Leitwort der Jugendarbeit des Volksbundes. In Workcamps beschäftigen sich Jugendliche aus verschiedenen Ländern an Kriegsgräberstätten gemeinsam mit der Geschichte und helfen mit, dass Erinnerung an die Geschichte bleibt. Ich finde das sehr wichtig. 

Wir brauchen solche Lernorte. Ein Lernort ist für mich heute dieser Ort, die große Ehrengrabanlage auf dem Friedhof in Bensberg. Ich sehe die vielen Gräber der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen und durch Gewalteinwirkung Verstorbenen. Volkstrauertag 2020 – das im 75. Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. 

In unserem Land ist Frieden, in weiten Teilen Europas auch. Dafür bin ich dankbar. Aber ich weiß: Frieden kommt nicht ohne unser Zutun. Für Frieden muss man viel tun. Im Großen und im Kleinen. Möge dieser Tag in Bergisch Gladbach ein Friedenstag sein in dem Sinne, dass wir uns in die Pflicht nehmen lassen, am Frieden mitzuarbeiten.

Dokumentation: Rede von Pfarrer Andrea Süß

gehalten von Subsidiar Monsignore Johannes Börsch

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir haben uns hier am Volkstrauertag versammelt, um angesichts dieser Soldatengräber Totengedenken zu halten für die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft. 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges mag das manch einem aus der jüngeren Generation, der keine eigene Erinnerung an jene grauenvollen Ereignisse mehr in sich trägt, wie eine Pflichtübung vorkommen, die sich lang­sam überlebt hat. Ein Blick in unsere gegenwärtige Welt zeigt uns aber, dass nach wie vor zahllose Menschen zu Opfern von Kriegen und Gewaltherrschaft werden; und darum tun wir gut daran, der Mahnung nicht auszuweichen, die dieser Gedächtnistag an uns richtet.

Die Mahnung heißt: das Geschehene nicht zu verdrängen, sondern es zu verstehen und aus diesem Verständnis die Motivation zu schöpfen, sich mit allen Kräften dafür einzusetzen, dass die tief in uns Menschen steckenden Wurzeln von Krieg und Gewaltherrschaft nicht immer wieder neue giftige Blüten treiben können.

Wir trauern um die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft angesichts dieser Soldatengräber und der Gräber der vielen zivilen Toten, die stellvertretend stehen für zahllose Gräber in aller Welt. Diese Gräber haben, wie mir scheint, eine doppelte Botschaft: einmal rufen sie dazu auf, nicht zu vergessen, welche Wunden der Krieg durch den Tod zahlloser Menschen in unserem Volk, aber auch in anderen Völkern gerissen hat; wie viele hoffnungsvolle Lebensentwürfe einfach ausgelöscht, wie viele Beziehungen zerrissen, wie viel Leid und Trostlosigkeit angehäuft wurde.

Meine Großmutter, die mit 96 Jahre kurz vor meiner Ernennung als Pfarrer von Bensberg und Moitzfeld gestorben ist, war Kriegerwitwe des 2. Weltkrieges, in einer Bombennacht hat sie im gleichen Keller, selbst in Todesangst ihre Eltern und ihre Schwester verloren: Allein ihr Sohn, mein Vater, überlebte mit ihr, mein Großvater blieb an der Front vermisst, die Hoffnung, dass er vielleicht doch zurückkehren würde, bestimmt das Leben meiner Großmutter, aber auch der Glaube an einen Gott, der in dieser schrecklichen Zeit auch an ihrer Seite ist und alles zum Guten führt, gab ihr die Kraft, ihr Kind zu erziehen und ein zerbombten Haus wieder aufzubauen.

Mir ist nicht fremd, was es etwa für junge Frauen bedeutet, die schon früh ihren Mann verlieren und was es für Kinder heißt, den Vater nie kennen gelernt zu haben. Es wäre sicher nicht menschlich, all das, was da an Wunden und Narben noch in unserer älteren Generation vorhanden ist, mit einem Schulterzucken zu übergehen und ihr auf diese Weise die Solidarität zu entziehen. Daher ist es gut, dass wir heute hier der vielen Opfer gedenken.

Trauer angesichts dieser Soldatengräber und auch der unendlich großen Not in der Zivilbevölkerung bedeutet aber auch: mit Betroffenheit wahrzunehmen, wie verführbar wir Menschen sind, wie beeindruckbar durch Ideologien, die unser angeschlagenes Selbstwertgefühl zu stärken versprechen. Damals waren es nationalistische, rassistische und hegemoniale Ideologien; neben diesen fortdauernden Bedrohungen begegnen wir heute u. a. der religiösen Verbrämung terroristischer Aktionen unter der Überschrift „Heiliger Krieg“, die gerade junge, noch ungefestigte Menschen verführt und sie dazu verleitet, etwa als Dschihadisten für einen Islamischen Staat zu kämpfen. Wir erleben aber auch eine Kreuzzugsmentalität, die nicht nach den tieferen Ursachen von Konflikten fragt, sondern sich mit großer Selbstgewissheit und Brachialgewalt dem Kampf der angeblich Guten gegen die Bösen verschrieben hat.

Wie schnell bemächtigen sich solche Ideologien der öffentlichen Meinung, vernebeln unser Urteils­vermögen, lähmen die Entschlossenheit, den Anfängen zu widerstehen – und sorgen so dafür, dass die Grenze zwischen Opfern und Tätern unscharf wird. Die schmerzlichen Erfahrungen unserer eigenen jüngeren Geschichte im Zeichen einer nationalsozialistischen oder kommunistischen Dikta­tur lehren uns, an einem Volkstrauertag nicht nur der Opfer dieser Regime zu gedenken, sondern uns auch voller Trauer der zum Teil tragischen zum Teil schuldhaften Mitverantwortung unseres Volkes für jene politischen Verhältnisse zu stellen, unter denen Menschen zu Opfern wurden. Nur wenn wir diese schmerzliche Erinnerung nicht verdrängen, sondern wachhalten und auch den nachwachsenden Generationen nicht vorenthalten, werden wir die Kraft für ein ernsthaftes aufrüttelndes „So nicht wieder“ finden.

Ein solches „So nicht wieder“ reicht aber für sich alleine nicht aus. Ein Tag wie der heutige, fragt auch nach Perspektiven für eine menschenwürdigere und friedlichere Zukunft.

Die bitteren Erfahrungen unserer Vergangenheit, die gezeigt haben, wie schnell jugendlicher Idealismus missbraucht werden kann, wie verhängnisvoll sich nationalistische, sozialistische aber auch fundamentalistisch-religiöse Wertgebäude auf das menschliche Zusammenleben auswirken und wie rasch sie auf der Müllhalde der Geschichte landen, diese bitteren Erfahrungen haben bei vielen Menschen zu einer nachhaltigen Ernüchterung geführt und zu einer tiefwurzelnden Skepsis gegenüber Idealen, für die es sich zu leben und zu sterben lohnen würde. Ohne Ideale, ohne eine motivierende Vision ist eine menschenwürdigere und friedlichere Zukunft aber nicht zu gestalten, denn dann bleibt schließlich nur der Kampf aller gegen alle um die Sicherung der je eigenen Interessen, dann leben wir in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren den Sieg davonträgt. Und damit sind wir wieder genau bei den tief in uns liegenden Wurzeln kriegerischer und despotischer Gewalt.

Was wir also brauchen, ist eine Vision, die sich nicht für politische Machtinteressen missbrauchen lässt und sich jeder ideologischen Fanatisierung widersetzt. Unsere christliche Tradition bietet uns eine solche Vision an in der Idee einer universalen menschlichen Solidarität. Sie meint damit eine Solidarität, die sich nicht eingrenzt auf den Bereich der eigenen Familie oder Sippe, des eigenen Volkes oder der eigenen Rasse, sondern alle Menschen, alle Völker einbezieht. Eine solche umfassende Solidarität ergibt sich für christliches Denken aus der Einsicht, dass alle Menschen ihr Dasein dem einen Schöpfergott verdanken und von ihm in eine wechselseitige Verantwortung gerufen sind. Unsere modernen Medien haben durch ihre globale und hautnahe Berichterstattung mit dazu beige­tragen, dass sich bei mehr und mehr Menschen das Bewusstsein im Sinne dieser universalen Solidarität zu verändern beginnt.

Miterlebter Völkermord, miterlebte Kriegswirren, miterlebtes Elend wecken eine neue Betroffenheit. Das lässt hoffen.

Andererseits sehen wir aber auch, dass nach wie vor die alten Reflexe unter uns lebendig sind: ausgrenzende Klischees und Vorurteile, die etwa zu Fremdenfeindlichkeit führen und zu Polarisierungen innerhalb unserer Gesellschaft und auch zwischen den Nationen. Und wir erleben auch, dass in der internationalen Politik die Erfordernisse umfassender Solidarität nach wie vor den Belangen wirtschaftlicher und nationaler Machtinteressen untergeordnet werden, denken wir nur an das Thema “Menschenrechte” oder auch an die aktuelle Flüchtlingsproblematik.

Wenn der Volkstrauertag uns immer neu die Augen öffnet für die verheerenden Auswirkungen verweigerter Solidarität und uns in Bewegung bringt, je in unseren Wirkungskreisen mit Engagement und Zivilcourage für eine umfassende menschliche Solidarität einzutreten, dann hat er nichts von seiner Aktualität verloren und dann ist unser Totengedenken alles andere als eine nostalgische Pflichtübung. Dann nehmen wir alle Menschen in den Blick, die Leiden in unrechten Situationen und die unserer Solidarität bedürften und das braucht unsere Welt auch in unserer Zeit und in Zukunft.

Pressestelle Stadt BGL

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