Monika Hiller. Fotos: Thomas Merkenich

Nicht nur Treppen sind Barrieren für Menschen mit Behinderung, viele Barrieren verbergen sich in unserem Alltag und führen zu Diskriminierungen. Im 4. Teil unserer Serie berichtet Gastautorin Monika Hiller, wie eigentlich sinnvolle Automaten zu Instrumenten der Ausgrenzung werden.

Von Monika Hiller

Meine ersten Erfahrungen mit Automaten machte ich als Kind. Wer kennt sie nicht mehr, die Kaugummiautomaten, die an Häusern im Ort hingen? Zehn- Pfennig-Stück einsteckt, am Rad gedreht, Klappe hoch und schon bekam man einen Kaugummi. Diese Automaten waren lediglich für Kinder, sie hingen tief, es gab nie Probleme.

Lang ist es her…. Die meisten dieser Kaugummiautomaten gibt es nicht mehr.

Heute bestimmen andere Automaten immer häufiger unser Leben, sie beschleunigen, vereinfachen Abläufe und sparen vor allem Personalkosten. 

Zur Definition von Automaten (lat. automatus – aus eigenem Antrieb handelnd) führt Wikipedia wie folgt aus:

„Ein Automat ist eine Maschine, die vorbestimmte Abläufe selbsttätig ausführt. Der Begriff Automatik steht für eine Vorrichtung, die einen Vorgang steuert und regelt. Automatisierung ist dementsprechend der selbsttätige Ablauf technischer Vorgänge nach einem festgelegten Plan oder in Bezug auf festgelegte Zustände“.

Wenn man, so wie ich, nur ca. 1,25 m groß ist oder wenn jemand im Rollstuhl sitzt, werden Vorrichtungen oder Automaten schon mal zur Herausforderung. Ich habe sie für mich in drei Kategorien eingeteilt:

Kategorie I – diejenigen, deren sämtliche Bedienelemente in max. einen Meter Höhe angebracht wurden. Sie vermitteln dem Nutzer ein unsagbar erfrischendes Gefühl von selbstbestimmtem Handeln, wenn man diesen so ganz ohne Hilfe in seiner vollen Funktion nutzen kann. Tolle Sache! Aber vernachlässigen wir die Kategorie I, sie kommt ohnehin so gut wie nie vor.

Kategorie II – die diejenigen, deren Bedienelemente ab einem Meter Höhe angebracht wurden. Deren Nutzung ist mitunter machbar, aber lediglich unter erschwerten Bedingungen. Wenn man um diese erschwerten Bedingungen weiß, ist man stets mit diversen Hilfsmitteln ausgestattet. Nicht praktisch, aber zweckmäßig! Diese sind im Wesentlichen ein Lineal oder ein Stock.

Die Kategorie II zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Tasten mechanisch zu bedienen, sind, weshalb das Lineal oder der Stock zum Freund und Helfer wird. Sie ermöglichen das Drücken von Tasten quasi als verlängerter Arm. Um gegebenenfalls den Münzschlitz zu erreichen, hilft ein kleiner Hocker, ein weiteres Hilfsmittel. 

Kategorie III – diejenigen, deren Bedienelemente ab 1,50 m angebracht wurden. Deren Nutzung ist selbst mit den Hilfsmitteln der Kategorie II kaum oder gar nicht möglich. 

Mir scheint, Kategorie III ist bei den Herstellern die beliebteste Kategorie, sie wird nahezu überall verwendet: Zigarettenautomat, Ticketautomat, Getränkeautomat, Desinfektionsspender, Wartenummernvergabe, Parkautomaten, Zahlautomaten, Zeiterfassungsgeräte, Einmalhandtuchspender, ältere Aufzüge……

Vollkommene Ausgrenzung

Und so werden aus den Automaten oder Vorrichtungen, die vom Grundsatz her, Abläufe erleichtern sollen, echte Barrieren für Menschen mit Behinderung.

Die Höhe mag nachvollziehbar aus der Perspektive eines normal gewachsenen Menschen sein, ist aber technisch nicht zwingend notwendig. Sie grenzen Menschen mit Behinderung in vielen Bereichen vollkommen aus und berauben sie des selbständigen Handelns.

Als noch Menschen statt der Automaten hinter den Schaltern saßen, gab es diese Barrieren nicht. Jeder musste gleichermaßen dorthin. So aber ist kaum ein eigenständiger Besuch im Parkhaus, im Schwimmbad oder in einer KFZ-Zulassungsstelle möglich. Immer jemanden ansprechen zu müssen, hat wenig mit Inklusion zu tun. Und möchte ich wirklich jemand Fremden mein Geld anvertrauen oder meine PIN für den Geldautomaten nennen?

Und übrigens: Ich nehme gerne Hinweise entgegen, wie ich Automaten der Kategorie II und III gepaart mit einem hochmodernen Touchscreen bedienen könnte.

In diesem Sinne: Achten Sie demnächst automatisch oder bewusst darauf! 

Diese Serie wird fortgeführt, mit Themen aus unterschiedlichen Lebensbereichen.

Monika Hiller

ist selbst kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach und als Inklusionsbeauftragte für Inklusion und Abbau von Barrieren im Stadtgebiet zuständig. Die Texte dieser Serie sind reale Geschichten und sollen auf humoristische Weise für das Thema „Barrieren“...

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