Monika Hiller. Fotos: Thomas Merkenich

Nicht nur Treppen sind Barrieren für Menschen mit Behinderung, viele Barrieren verbergen sich im Alltag und führen zu Diskriminierungen. Im 5. Teil unserer Serie greift Gastautorin Monika Hiller den ausgefallenen Karneval auf und gibt einen Denkanstoß: Wie ist das, auf Dinge verzichten zu müssen? Nicht aus eigenem Willen, sondern fremdbestimmt?

Von Monika Hiller

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Die besondere Karnevalssession 2020/2021 fand gestern, am Aschermittwoch, ihr Ende. Was für die Jecken normalerweise ein trauriger Tag ist, ist in diesem Jahr vielleicht doch nicht ganz so traurig.

Denn vorbei sind die tollen Tage, die in diesem Jahr keine waren. Vorbei die Wehmut, nicht ausgelassen auf den Straßen feiern zu dürfen, mit vielen lieben Menschen zu lachen, an Sitzungen teilzunehmen und einfach nur Spaß zu haben.

Vorbei die Tage, im Stillen „nur“ in der Familie ein Bierchen zu trinken und Gute-Laune- Musik hören zu können, vielleicht bei einem jecken Internetstream, jeder für sich. Kein Ersatz für einen echten Jecken!

„Un mir singe Alaaf, villeich e betzje stiller“ singen Brings und die Hoffnung „Un dat, wat do wor, kütt janz bestimmp baal widder“… im nächsten Jahr, vielleicht!

Kein Karneval: Was macht das mit den Jecken?

Ich stelle mir vor, was macht das mit den Menschen? Zu ihrem eigenen Wohle und zum Wohle eines ganzen Volkes wurde Karneval in diesem Jahr untersagt. Eine Momentaufnahme, die temporär ist.

Denjenigen, die nie ein Interesse an Karneval hatten, dürfte es egal sein, aber was ist mit denen, die es schmerzlich vermisst haben? Nicht das tun zu dürfen, was sie in diesem Tagen gerne getan hätten, genau dieses ausgelassen feiern?

Verzicht, aber nicht aus eigenem Willen heraus

Fremdbestimmt zu sein, nicht selber entscheiden zu dürfen, kein Verzicht aus eigenem Willen heraus. Angehalten werden, das Haus möglichst nicht zu verlassen, unter sich zu bleiben, nur mit der Familie. Keine neuen Leute kennenlernen, nicht gemeinsam fröhlich zu sein. Es macht sich eine gewisse Unzufriedenheit breit. 

Das Beispiel von Karneval zeigt mir, dass Menschen ohne Behinderung, um kurz auf mein Thema zu kommen, in diesen Zeiten erleben, wie es ist, wenn man nicht alles genau so machen kann, wie und wann man es möchte.

Nichts ist selbstverständlich

Viele Erfahrungen, die Menschen mit Behinderung ihr Leben lang machen müssen.

Nämlich die Einschränkung der Freiheit! Sie brauchen Geduld, weil Dinge erst angepasst oder genehmigt werden, sie müssen Verständnis aufbringen, weil es oft an Empathie fehlt, sie üben Verzicht, weil vieles einfach gar nicht geht bzw. nicht so verändert wird, dass es gehen könnte.

Sie müssen lernen damit umzugehen. Das gelingt, wenn man muss!

Dies als kleiner Denkanstoß, dass einfach gar nichts selbstverständlich ist. Oft bemerkt man erst dann, im welch glücklichen Lage man ist, wenn man sie gerade nicht hat.

Wir alle sollten aus diesen Erfahrungen lernen. Lernen wir auch im Hinblick auf die Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, deren Lebensmut trotz der Widrigkeiten nicht untergeht. 

Es wird gehen…

Alaaf! Im nächsten Jahr.

Monika Hiller

ist selbst kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach und als Inklusionsbeauftragte für Inklusion und Abbau von Barrieren im Stadtgebiet zuständig. Die Texte dieser Serie sind reale Geschichten und sollen auf humoristische Weise für das Thema „Barrieren“...

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