Das Thema Klima und Nachhaltigkeit in unserem eigenen lokalen Lebensumfeld wollen wir in der nächsten Zeit noch stärker in den Fokus rücken. Der Frage nachgehen, welchen Beitrag die Stadtverwaltung, die Lokalpolitik und vor allem wir Bürger:innen leisten können, um den Klimawandel zu bremsen. Darum kümmert sich vor allem unsere Klimareporterin Laura Geyer, aber als Querschnittsthema beschäftigt das Klima die ganze Redaktion, dafür leisten wir einen hohen Arbeitsaufwand.

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Im Forsthaus Steinhaus versteckt sich einer der großen Akteure im Bereich Wald- und Klimaschutz: Der Verein Primaklima gehört zu den Top 3 der Anbieter freiwilliger CO2-Kompensationen. Von GL aus unterstützt er Aufforstung- und Waldschutz-Projekte in der ganzen Welt. Im Interview erklärt die Vorstandsvorsitzende Henriette Lachenit, wie das mit der Kompensation funktioniert – und was Unternehmen, die Lokalpolitik und jede:r einzelne tun kann, um den eigenen „Fußabdruck“ kleiner zu machen.

Das alte Forsthaus Steinhaus: eine idyllische Hofanlage am Eingang zum Königsforst. Hier sitzen das Besucherportal des Landesbetriebs Wald und Holz NRW, das Waldcafé und seit 2014 auch der gemeinnützige Verein Primaklima.

Noch nie gehört? Das ist einerseits kein Wunder – und andererseits erstaunlich. Primaklima gehört nämlich zu den großen deutschen „Playern“ im Wald- und Klimaschutz. 2018 wurde die Organisation von der Stiftung Warentest in die Top 3 der Anbieter freiwilliger CO2-Kompensationen gewählt.

Dennoch war man bisher zurückhaltend mit der Öffentlichkeitsarbeit. Dabei gibt es viel zu erzählen: Seit 30 Jahren engagiert sich Primaklima für Waldschutz und Aufforstung, um CO2-Emissionen einzubinden. Damit war der Verein Vorreiter beim Thema Kompensation – und bei der Verbindung von Klimaschutz und Wald. Primaklima unterstützt Projekte auf der ganzen Welt, aktuell zum Beispiel in Deutschland, Nicaragua, Indonesien und Uganda.

Wir haben uns mit Dr. Henriette Lachenit aus dem Geschäftsführungs-Team zum Gespräch getroffen.

Henriette Lachenit ist promovierte Forstwissenschaftlerin und Vorstandvorsitzende von Primaklima. Foto: Laura Geyer

Die anderen großen Klimaschutz-Organisationen sitzen in Berlin, Hamburg oder München – Primaklima in Bergisch Gladbach. Warum?
Dr. Henriette Lachenit: Ich habe 2012 die Geschäftsführung von Primaklima übernommen. Zu dem Zeitpunkt saß der Verein noch in Düsseldorf, und wir hatten eigentlich vor, Richtung Köln zu ziehen. Aber dann haben wir bei einer Mitgliederversammlung hier im Forsthaus erfahren, dass die Räume im ersten Stock zur Miete frei sind. Da haben wir alle anderen Pläne über Bord geworfen, weil es hier so schön ist.

Primaklima ist in den letzten zwei Jahren enorm gewachsen. Habt ihr von den zunehmenden Naturkatastrophen profitiert?
Jein. Die heißen Sommer, Starkregenfälle und Hochwasser haben viele Menschen wachgerüttelt. Hier im Bergischen ist das Fichtensterben seit mehreren Jahren besonders schlimm. Aber Katastrophen werden schnell wieder vergessen. Erst durch die Kombination mit den Bewegungen Fridays for Future, Extinction Rebellion und so weiter ist das Thema in den Medien explodiert – und das haben wir natürlich in unserer Vereinsarbeit bemerkt.

Im Forsthaus Steinhaus residiert Primaklima . Foto: Wald & Holz NRW

Sie haben es gerade angesprochen: Wie steht es um den Wald im Bergischen
Nicht gut. Das Fichtensterben ist dramatisch, damit gehen wichtige Kohlenstoffspeicher verloren. Man könnte aber sagen: Die Fichte war hier im Bergischen ohnehin nicht heimisch. Jetzt haben wir die Chance, einen widerstandsfähigeren Wald wachsen zu lassen.

Aber dafür müsste man die toten Bäume stehen lassen und auf die Kraft der Natur setzen. Die Fläche würde sich erholen – nach und nach würden sich neue Bäume ansiedeln. Stattdessen werden die Flächen oft kahlgeschlagen.

Warum?
Die klassische Forstwissenschaft lehrt, dass nur der Mensch einen guten Wald anlegen kann. Es ist ja in Ordnung, dass man Baumarten pflanzt, die wirtschaftlich verwertbar sind. Aber nur solange man nicht großteils gegen die Natur arbeitet. Das hat man mit den großflächigen Anpflanzungen von Fichten getan und ist auf die Nase gefallen.  

Rund 15 Millionen Bäume
hat Primaklima bereits gepflanzt.

Die Natur mehr mit einzubeziehen, ist  eher eine junge Disziplin in der Forstwissenschaft. Hier in der Region hat sich aber zum Beispiel der Oberbergische Kreis auf den Weg gemacht. Mit denen haben wir uns bereits getroffen, um eine mögliche Kooperation auszuloten.

Und hier?
Im Rheinisch-Bergischen Kreis haben wir bisher noch niemanden gefunden, der für unser Wiederbewaldungskonzept von ehemaligen Fichtenflächen aufgeschlossen ist. Aber wir haben hier die Aufforstung von neuen Waldflächen finanziert – zum Beispiel in Kürten. Generell muss man sagen, dass die Flächen für zusätzlichen Wald – im Gegensatz zu Flächen mit geschädigtem Wald – in Nordrhein-Westfalen dünn gesät sind.

Fürs Klima ist es ja egal, ob Wälder in Deutschland oder in Uganda entstehen – jeder Baum hilft. Wie kann ich Sie als Privatperson dabei unterstützen?
Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten: Am meisten freuen wir uns über eine allgemeine Spende. Dann können wir entscheiden, welches unserer Projekte wir mit den Geldern unterstützen. Wir wünschen uns aber auch, dass sich die Menschen klar darüber werden wollen, welchen CO2-Fußabdruck sie haben. Dafür können Sie den CO2-Rechner auf unserer Webseite benutzen.

Besonders schön ist es, wenn Sie den errechneten Fußabdruck dann auch noch kompensieren wollen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, den Lieben zum nächsten Geburtstag oder zu Weihnachten einen Baum zu schenken.

Wo produziere ich als „Normalverbraucherin“ CO2-Emissionen?
Direkte Emissionen verursachen wir vor allem durchs Heizen und bei der Mobilität.  Fernreisen sind leider besonders klimaschädlich: Eine einzige Reise verursacht so viel CO2  wie eine Person ansonsten in einem ganzen Jahr.

893.000 Tonnen CO2 wurden bislang durch die Projekte von Primaklima eingebunden. Alleine 2020 waren es – trotz Corona – 305.949 Tonnen.

Wenn wir das Klima für kommende Generationen schützen wollen, müssen wir bei einem Ausstoß von unter zwei Tonnen CO2 pro Person pro Jahr landen. Aktuell liegt der Durchschnittswert bei über elf Tonnen. Wir müssen anerkennen, dass wir weit über unsere Verhältnisse leben – und gleichzeitig was dagegen tun.

Ist Kompensieren nicht eine sehr gute Ausrede dafür, einfach weiterzumachen wie bisher?
Eine Studie belegt, dass Menschen, die kompensieren, in der Regel ohnehin umweltbewusst sind und durch die Kompensation zusätzlich CO2  ausgleichen wollen. Im Unternehmenssektor muss man natürlich hinterfragen, wie ernsthaft das Bemühen um Klimaschutz ist. Firmenanfragen prüfen wir deshalb ganz genau.

Was prüfen Sie da?
Wir haben ein eigenes Team für Unternehmenskooperationen. Dieses prüft erst einmal, ob eine Zusammenarbeit für uns grundsätzlich infrage kommt. Wir haben in unserer Corporate Fundraising Policy einige Branchen definiert, mit denen wir keine Kooperation eingehen würden: etwa Energieversorger, die vor allem mit konventionellen Energien arbeiten, Motorsport und Rüstung.

Dann schaut sich das Team die Motivation und die Maßnahmen an, die im Unternehmen bereits für den Klimaschutz ergriffen werden. Außerdem fordert es einen aktuellen CO2-Fußabdruck an.

Im letzten Jahr erhielt der Verein Privatspenden in Höhe von 1 Million Euro. Die Einnahmen durch Unternehmen beliefen sich auf 3 Millionen Euro.

Jahresbericht Primaklima

Eine kleine Kanzlei oder ein Friseursalon kann den mit dem von uns entwickelten Berechnungstool selbst ermitteln, bei großen Firmen helfen meistens unsere externen Berater:innen bei der Berechnung. Diese prüfen die Bilanz am Ende auch noch einmal auf Richtigkeit und Vollständigkeit. Und dann entscheiden wir, ob wir mit einer Zusammenarbeit tatsächlich klimafreundliches Handeln befördern oder nur ein grünes Deckmäntelchen liefern.

Kooperieren Sie mit Unternehmen aus GL?
Es gab einige Kontaktaufnahmen von Firmen aus Bergisch Gladbach und Umgebung, aber wenige Kooperationen. Tatsächlich haben wir einem größeren Unternehmen aus Bergisch Gladbach zunächst nicht zugesagt, weil das Unternehmen in seiner Nachhaltigkeitsstrategie noch nicht so weit war, wie wir es uns gewünscht hätten.

Oha, welches Unternehmen war das?
Diese Information behalten wir für uns. Das ist aber kein Einzelfall, wir haben schon  eine Reihe von Anfragen abgelehnt.

Na gut… Wenn ich es nun als Firmeninhaberin in GL ernst meine und mit Ihnen zusammenarbeiten will, wie mache ich das?
Wenn Sie ein größeres Unternehmen haben, melden Sie sich bei unserem Team für Unternehmenskooperationen. Die Kolleginnen helfen bei den weiteren Schritten. Für kleine Unternehmen ist es einfacher und sinnvoller, dass sie ihren Fußabdruck selbst ermitteln und mit einer Spende kompensieren.

Wie kriegt man denn genau die, die sich bislang nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben – seien es Unternehmen oder Privatpersonen?
Da sehe ich vor allem die Klimademos als zentrales Mittel, die Leute wachzurütteln. Die Demos setzen außerdem die Politik unter Zugzwang, und ohne die wird es nicht gehen.

Wo sehen Sie die Rolle der Lokalpolitik?
Lokalpolitik hat direkte Auswirkungen auf die Menschen vor Ort. Ich wünsche mir, dass Bergisch Gladbach beispielsweise im Beschaffungswesen einen realistischen Schattenpreis für CO2-Emissionen einführt. Auf Bundesebene ist zu Beginn dieses Jahres die CO2-Bepreisung mit gerade einmal 25 Euro pro Tonne gestartet, bis 2025 soll der Preis auf 55 Euro hochgehen.

Das ist immer noch viel zu niedrig. In England rechnet man mit fast 300 Euro pro Tonne. Wenn man jeder Maßnahme einen anständigen CO2-Preis entgegenstellt, fallen politische Entscheidungen anders aus.

Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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5 Kommentare

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  1. Herr Kleinert. Als SPD könnten Sie sich ja dafür einsetzen, dass zumindest die 6 verbleibenden KKW am Netz bleiben, um somit die Verstromung von Gas und Kohle zu reduzieren

  2. Danke für das Interview – wieder was Interessantes über GL gelernt!
    Gut auch, dass das Thema „Greenwashing“ zur Sprache kommt und der Verein sich Gedanken darüber macht, wie sich dieses zumindest eindämmen lässt. Das ist wohl das Kernproblem jeder CO2-Kompensation, ob freiwillig oder „erzwungen“ (Offsets via Emissionshandel): Es verleitet dazu, auf reale CO2-Einsparungen zu verzichten und sich trotzdem „klimafreundlich“ zu geben.

    Dabei sollte klar sein, dass es nicht entweder-oder braucht, sondern beides: Schnelle Minderung von Emissionen *und* Aufforstung/ andere Formen der Kohlenstoffbindung. Ob in Kürten oder Uganda: Aufgeforstet werden muss ohnehin, unabhängig von Kompensationen. Wie lässt sich mit Sicherheit sagen, dass Bäume „zusätzlich“ gepflanzt werden? Und was passiert eigentlich, wenn ein so gepflanzter Wald nach einigen Jahren abbrennt oder abgeholzt wird – müsste dann nicht die Anrechnung von CO2-Einsparungen rückgängig gemacht werden?

    Fragen über Fragen – die (mir) deutlich zeigen, dass unsere Emissionen in allen Bereichen drastisch sinken müssen, Kompensation hin oder her. Dennoch wünsche ich dem Verein weiter viel Erfolg und freue mich über jeden (dem Standort angemessenen) gepflanzten Baum!

  3. Die BONO-Direkthilfe / http://www.bono-direkthilfe.org / mit Sitz in Bergisch Gladbach ist seit September 2021 klimaneutral. Neben unserem Engagement gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution ist für uns Um-welt-, Ressourcen und Klimaschutz ganz wichtig und so versuchen wir, wo immer möglich, CO2 einzusparen. Leider lassen sich gewisse CO2-Emissionen durch unsere Arbeit nicht vermeiden und diese kompensieren wir seit diesem Jahr mit Unterstützung von PRIMAKLIMA.

    Entscheidend bei der Auswahl war für uns, dass es sich um eine gemeinnützige Organisation und NICHT um ein Unternehmen handelt sowie die Tatsache, dass PRIMAKLIMA von der Stiftung Warentest mit der Gesamtnote „sehr gut“ bewertet wurde (Finanztest, März 2018). Wir haben PRIMAKLIMA als sehr kompetent, kooperativ, freundlich und überzeugend kennengelernt und können die Organisation mit bestem Wissen weiterempfehlen.

  4. Sehr geehrter Herr Schreiner, wir hatten nicht über „diese Unternehmen“ berichtet, sondern über einen konkreten gemeinnützigen Verein.