Der stellvertretende Bürgermeisters Josef Willnecker übergibt die Ehrennadel an Frank Beer.

Berichte aus erster Hand über die Gräueltaten des Naziregimes sind nach wie vor unverzichtbare Zeugnisse für die nachfolgenden Generationen. Der Refrather Chemiker Frank Beer hat dafür gesorgt, dass solche Berichte aus den ersten Monaten nach Kriegsende übersetzt und veröffentlicht wurden. Für sein Engagement wurde er jetzt mit der Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach ausgezeichnet.

Dr. Frank Beer aus Bergisch Gladbach-Refrath hat jahrzehntelang unmittelbare und ganz ursprüngliche Berichte von Menschen geborgen, die der Vernichtung entkommen konnten und die sehr detailreich und unmittelbar die Grausamkeit der organisierten Verfolgung des Dritten Reiches beschrieben haben.  Er veranlasste außerdem die Übersetzung und sorgte für die Veröffentlichung in Deutschland. 

Für dieses Engagement gegen das Vergessen erhielt er nun aus den Händen des stellvertretenden Bürgermeisters Josef Willnecker die Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach.

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Den Rahmen dafür bildete eine Lesung im Ratssaal des Rathauses Stadtmitte, die von den Erfahrungen einer Mutter im Konzentrationslager Auschwitz berichtete. Mit unvorstellbarer Präzision erinnert sich die Jüdin Ester Weiss aus Lodz an ihre Zeit mit ihren beiden Kindern im Vernichtungslager Birkenau, wie sie immer wieder haarscharf dem Tod im Gas entkam, wie sie ihr Kleinkind trotz schwerster Krankheiten retten konnte, und wie die Familie letztendlich nach der Befreiung wieder zusammenfand.

Musikalisch begleitet wurde die Lesung vom Klezmer-Ensemble „Die Zitrönchen“ der Max-Bruch-Musikschule. Der Abend wurde veranstaltet vom Partnerschaftsverein Ganey Tikva – Bergisch Gladbach, dessen Vorsitzender Lutz Urbach in das Thema einführte.

Berichte der Überlebenden

Der Großteil der Berichte, die Dr. Beer herausgegeben hat, wurde ganz früh nach Kriegsende gesammelt und dokumentiert. Überlebende der Ghettos und Lager auf polnischem Boden fanden sich 1944 in Lublin zur „zentralen Jüdisch-Historischen Kommission“ zusammen, die ab 1945 in Lodz und ab 1947 in Warschau arbeitete – die später im „Jüdisch-Historischen Institut“ aufging.

Die Historiker sicherten die Zeugenaussagen und anderen Beweise der Verbrechen und veröffentlichten sie. Es gab in den ersten drei Jahren über 7000 Interviews mit Überlebenden der Vernichtungsaktionen. Bis 1947 wurden 39 Bücher und Broschüren teils in polnischer, teils in jiddischer Sprache veröffentlicht. 

Dass wenigstens ein kleiner Ausschnitt dieser einzigartigen Textsammlung den deutschen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht wurde, ist Dr. Frank Beer zu verdanken. Er veröffentlichte als Co-Editor eine Auswahl von zwölf Texten in deutscher Sprache: „Nach dem Untergang. Die ersten Zeugnisse der Shoa in Polen 1944-1947. Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission“ erschienen im Metropol Verlag und im Verlag Dachauer Hefte. 

Die publizistische Tätigkeit Dr. Beers zu Zeitzeugenberichten über den Holocaust begann 2011 mit der Veröffentlichung des Augenzeugenberichtes von Rudolf Reder über das Vernichtungslager in Belzec. Ursprünglich suchte er genau über dieses Lager Informationen – aus rein persönlichem Interesse am Thema des Holocaust. Eine Opfer- oder Tätergeschichte in seiner Familie gibt es nicht. 

Forschungsarbeit geht weiter

Im Laufe seiner nunmehr fast 10-jährigen Forschungsarbeit hat Dr. Frank Beer ein beachtliches Werk zusammengetragen. Die Herausgabe neuer Bücher dauert weiter an: So gewann der literarische Bericht von Mordechai Strigler (Autor), „In den Fabriken des Todes. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Arbeitslager“, Springe, 2017, herausgegeben von Dr. Frank Beer, den 3. Platz in der Kategorie „Autobiographisches“ beim DAMALS-Bücherwettbewerb „Das historische Buch des Jahres 2017“. 

Die ergreifenden und authentischen Aussagen der Zeitzeugen des NS-Regimes stellt Beer dem interessierten Publikum auch im Rahmen von Vorträgen vor – bisher in Berlin, München, Frankfurt, Hamm und Bergisch Gladbach – so auch am Tag seiner Ehrung im Rathaus Stadtmitte.

Dem Geehrten ist die wissenschaftliche Arbeit alles andere als fremd: Er ist nach Chemiestudium mit Promotion an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und Auslandsaufenthalt in Großbritannien als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesanstalt für Straßen in Bergisch Gladbach tätig. 

Als Bürger von Bergisch Gladbach hat sich Dr. Frank Beer um das Ansehen der Stadt in außergewöhnlicher Weise verdient gemacht; dafür wurde er nun mit der Ehrennadel der Stadt Bergisch Gladbach ausgezeichnet.

Pressestelle Stadt BGL

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