Kriegsvertriebene mit einer eigenen Wohnung versorgen: Das gehört nach wie vor zu den drängenden Aufgaben in der Flüchtlingshilfe. Seit kurzem unterstützt die Organisation Habitat for Humanity Deutschland e.V. die Stadt Bergisch Gladbach bei der Vermittlung von eigenen vier Wänden. Was der Verein genau macht, und warum die Aufgabe nicht einfach ist, erklärt Koordinatorin Annette Klaas.

Annette Klaas, Koordinatorin Wohnungsvermittlung Overath und Bergisch Gladbach, Habitat for Humanity Deutschland e.V.

„Ziel des Hilfsprojektes für Geflüchtete des Vereins Habitat for Humanity ist es, diese in Wohnraum zu bekommen.“ Was Annette Klaas so einfach auf den Punkt bringt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als reichlich komplexe Aufgabe.

Seit Mitte Juli ist die Organisation, die in Köln ihren Haupsitz in Deutschland hat, in Bergisch Gladbach aktiv. Habitat for Humanity habe seine Dienste bei der Stadt vorgestellt, man sei ins Gespräch gekommen.

„Dass unser Verein seit April in Overath bereits 50 Wohnungen mit der Unterstützung der Stadt an Flüchtlinge vermitteln konnten, war sicher eine gute Referenz“, berichtet Klaas über das Pilotprojekt in der Nachbargemeinde.

Sie ist seit 20 Jahren in Overath als Immobilienmaklerin aktiv und unterstützt die Stadt seit 2016 bei der Unterbringung von Flüchtlingen, zuletzt auch über Habitat for Humanity. Nun dehnt der Verein seine Aktivitäten also nach Bergisch Gladbach aus.

Habitat for Humanity arbeitet in mehr als 70 Ländern und hat seit 1976 nach eigenen Angaben mehr als 39 Millionen Menschen geholfen, deren Lebensbedingungen zu verbessern. Ziel der Organisation ist es, Menschen ein schützendes und würdiges Zuhause zu ermöglichen. Damit sollen strukturelle Armut überwunden und eine Grundlage zur Verbesserung von Gesundheit, Bildung und Einkommen geschaffen werden.

Habitat for Humanity Deutschland ist seit 1998 ein eingetragener, gemeinnütziger und mildtätiger Verein mit Sitz in Köln und Teil des globalen Netzwerkes von Habitat for Humanity. Weitere Infos online

Bis zu 800 Betroffene

Hier in Bergisch Gladbach will die Organisation mit zwei hauptamtlichen Kräften aktiv werden. Annette Klaas erhält dazu bald Unterstützung, „der Auswahlprozess läuft.“ Und das Potential für die Arbeit scheint enorm.

1.206 ukrainische Flüchtlinge seien bislang in der Stadt angekommen, heißt es im Rathaus. Ein Drittel davon lebt in städtischen Unterkünften. Diese Menschen werden bei der Wohnungssuche von der Stadt betreut.

Zwei Drittel sind indes privat untergebracht. Und um diese kümmert sich künftig Habitat for Humanity: Die Flüchtlinge wohnten überwiegend noch bei Gastfamilien in Gästezimmern, inmitten der Privatsphäre der aufnehmenden Familien – da sei in den vergangenen Monaten der Druck gewachsen, auch wieder für sich zu sein, sagt Klaas. Bei Flüchtlingen und Gastfamilien gleichermaßen.

Diese wolle Habitat for Humanity nun in eigenen vier Wänden unterbringen, Flüchtlinge und Vermieter zusammenbringen.

Vermieter gefordert

„Wie viele ukrainische Flüchtlinge von den 1.206 wir im Detail vermitteln sollen ist uns nicht bekannt. Aus Datenschutzgründen erhalten wir keine Listen von der Stadt“, räumt Klaas ein. Muss die Koordinatorin aber auch nicht: „Das Angebot spricht sich bei den Geflüchteten schnell rum. Wenn bekannt wird, wo Wohnraum zu haben ist, geht die Info unter den Betroffenen rasch rund.“

Schwieriger sei es, an Informationen über freien Wohnraum zu gelangen. „Da sind wir auf proaktive Meldungen potentieller Vermieter angewiesen“, sagt Klaas.

Ihre Erfahrungen in Overath hätten gezeigt: Trotz angespannter Lage auf dem Immobilienmarkt seien Wohnungen für Flüchtlinge vorhanden: „Dabei handelt es sich aber kaum um Wohnungen, die auf dem freien Markt angeboten werden. Das macht gerade einmal zehn Prozent der Flüchtlingswohnungen aus.“

Vielmehr werde Wohnraum an Flüchtlinge vermittelt, den die Vermieter zum Beispiel für die eigenen Kinder freihalten würden. „Es sind aber auch Ferienwohnungen dabei. Oder Wohnungen die eigentlich zur Renovierung anstehen, was dann aber verschoben wird,“ berichtet Klaas von ihren Erfahrungen.

Habitat for Humanity Deutschland e.V. Bergisch Gladbach
Koordinatorin: Annette Klaas
Mobil: 0157 – 30 02 25 07
Email: annetteklaas@habitatforhumanity.de
Kontakt durch Vermieter: Bitte per Email unter Angabe einer Rückrufnummer, nach Möglichkeit auch erste Eckdaten über Größe und Lage der Wohnung, Ausstattung sowie freier Bezugstermin mitsenden. Gesucht werden abgeschlossene Wohnungen mit Bad und Küche, die mindestens ein Jahr vermietbar sind.
Betroffene Flüchtlinge melden sich aufgrund der Sprachbarriere im Idealfall über ihre Gastfamilie per Email mit Angabe der unterzubringenden Personenzahl und dem aktuellen Aufenthaltsort.
Wichtig: Habitat für Humanity unterstützt bei der Wohnraumvermittlung, nicht jedoch bei der Organisation von Umzügen oder der Beschaffung von Mobiliar.

Wohnraum ist also da. Woran scheitert dann der Bezug durch Flüchtlinge?

„Bürokratische Hürden halten die Vermieter oft davon ab, an Flüchtlinge zu vermieten. Wenn die Verwaltung ins Spiel kommt, schrecken viele Anbieter zurück.“ Genau da setzt Habitat for Humanity an und übernimmt „den Papierkram“.

Vermittlung und Unterstützung

Klaas nennt ein Beispiel: „Damit die Miete von der Kommune übernommen werden kann, muss eine Prüfung beim Sozialamt stattfinden: Die schaut, ob Mietzins und Größe der Wohnung für den Betroffenen angemessen sind.“ Falle die Prüfung positiv aus und das Sozialamt übernimmt die Kosten, dann könne ein Mietvertrag zwischen Flüchtlingen und Vermietern geschlossen werden.

Habitat for Humanity ist also nicht nur Vermittler, sondern auch Unterstützer: Bei der Bürokratie, beim Ausfüllen von Formularen, aber auch beim Aufsetzen von Mietverträgen. Und das hilft sowohl Vermietern als auch Flüchtlingen.

Erste Vermittlungen laufen an

„Die Arbeit in Bergisch Gladbach läuft an. Wir bauen gerade ein Netzwerk an ehrenamtlichen Unterstützern in den Stadtteilen auf. Diese kommen in der Regel besser an Infos über vorhandenen Wohnraum,“ sagt die Koordinatorin.

Gesucht werde zudem ein Raum für die Organisation, um einmal wöchentlich eine Sprechstunde für Ratsuchende anzubieten.

Auch wenn man in Bergisch Gladbach noch am Anfang stehe: Auf die Unterstützung durch Habitat for Humanity scheinen die Menschen gewartet zu haben. Die Anfragen nähmen zu, so Klaas.

Natürlich auch von Flüchtlingen aus anderen Regionen, die man gleichfalls unterstützen wolle. Die Spendenmittel, aus denen sich Habitat for Humanity finanziert, seien im konkreten Fall für die Kriegsvertriebenen aus Osteuropa gedacht. Aber letztlich würde jede Vermittlung von Wohnraum für eine Entlastung sorgen.

Erste Vermittlungen sind bereits im Gange. „Zwei Besichtigungen fanden bereits statt, ich warte gerade auf Rückmeldung“, freut sich Annette Klaas über den Start ihrer Organisation hier in Bergisch Gladbach.

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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