Mein Kleinkind findet abends nicht in den Schlaf. Woran liegt das, und wie kann ich helfen? Eine Frage, die sich vielen Eltern stellt. Die Kinder- und Jugendlichentherapeutin Kristina Menninghaus kennt einige Stellschrauben, an denen Eltern drehen können. Von der Ermittlung des Schlafbedarfs – denn schon kleine Kinder benötigen ganz unterschiedlich viel Schlaf – bis hin zur kritischen Selbstreflektion: Nehme ich meinem Kind vielleicht unbewusst die Chance, sich selbst zu beruhigen? Am Ende steht eine beruhigende Erkenntnis …

Kristina Menninghaus ist Therapeutin für Kinder und Jugendliche

Auf die Frage, warum ein Kind nicht in den Schlaf findet, gibt es leider nicht die eine, einfache Antwort: Es kann viele Gründe haben, wenn ein Kleinkind nicht in den Schlaf findet.

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Eine Möglichkeit ist, dass Eltern den Schlafbedarf ihres Kind falsch einschätzen. Dieser kann schon bei Kleinkindern sehr unterschiedlich sein. Wie viel Schlaf das Kind tatsächlich braucht, können Eltern mithilfe eines 24-Stunden-Schlafprotokolls herausfinden, das sie eine Woche lang führen.

Der Schlafbedarf

Ein Beispiel: Das Kind wird gegen 19 Uhr hingelegt, schläft aber wiederholt erst um 21 Uhr ein und wird um 7 Uhr von alleine wieder wach. Das zeigt, dass der nächtliche Schlafbedarf des Kindes bei zehn Stunden liegt. 19 Uhr ist für dieses Kind schlicht zu früh. Es sei denn, man verschiebt den Rhythmus langfristig, dann wird das Kind aber auch um 5 Uhr morgens aufwachen.

Wenn ein Kind abends erst lange nach dem Hinlegen um 21 Uhr einschläft, morgens um 7 Uhr aber geweckt werden muss und eigentlich noch bis 8.30 Uhr oder 9 Uhr weiterschlafen möchte, war es abends vermutlich überreizt. Dieses Kind müsste dann vielleicht schon um 19 Uhr oder 19.30 Uhr ins Bett.

Grundsätzlich gilt die Regel: Ein Kleinkind schläft gut, wenn es genügend Schlaf bekommt!

Der Tagesablauf

Wenn das Schlafprotokoll nicht weiterhilft, kann sich ein Blick in den Tagesablauf lohnen: Der Tag eines Kleinkindes sollte möglichst strukturiert und mit erkennbaren Wiederholungen verlaufen. Das gibt ihm Sicherheit und Halt. Darüber hinaus ist ein ausgewogenes Verhältnis an Reizzufuhr und Ruhephasen wichtig.

So könnte ein strukturierter Tag aussehen: aufstehen, frühstücken, fertigmachen, eine Spieleinheit drinnen oder draußen, Zwischenmahlzeit, (kleine) Spazierfahrt zum Ausruhen, kleine Spielphase oder ein Buch vorlesen, Mittagessen (gegen 11.30, 12 Uhr), Mittagsschlaf, vielleicht nochmal ein Snack, erneut Spielplatz oder ähnliches, dann wieder eine kleine Spazierfahrt, kurze Spielphase, Abendessen, fertigmachen, ins Bett bringen.

Einschlafrituale

Am Abend können Einschlafrituale dem Kind helfen loszulassen. Diese sollten ebenfalls möglichst jeden Tag gleich sein – zum Beispiel vorlesen und kuscheln. Das fördert kurz vor dem Schlafen noch einmal das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, sodass es dem Kind leichter fällt, sich für die Nacht von den Eltern „zu trennen“.

Trennungsängste von den primären Bezugspersonen kommen bei fast allen Kleinkindern vor. Gerade beim Einschlafen brauchen sie das Gefühl eines unsichtbaren Bandes zwischen sich und der Bezugsperson. Das darf mal länger sein, und die Eltern können sich weiter entfernen, mal muss es kürzer sein, und die Eltern müssen nah bei den Kindern bleiben. Einigen hilft in dieser Phase ein sogenanntes „Übergangsobjekt“, also zum Beispiel ein Kuscheltier, um die Trennungsängste zu überwinden und irgendwann auch ohne die Eltern einzuschlafen.

Vorübergehende Belastungen

Eine weitere mögliche Ursache für Einschlafprobleme sind besondere Ereignisse im Leben des Kleinkindes: die Geburt eines Geschwisterkindes, die Trennung der Eltern, der Eintritt in den Kindergarten. Bei einigen Kindern führt das zu erhöhter Anspannung – und schlechterem Schlaf. In solchen Phasen ist es wichtig, dass Eltern das Einschlafproblem als vorübergehend anerkennen und dem Kleinkind mit Geduld und Einfühlungsvermögen begegnen. In der Regel löst sich die Situation auf, sobald das belastende Ereignis verarbeitet wurde.

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Ängste der Eltern

Darüber hinaus kann es hilfreich sein, wenn Eltern ihre eigenen Erfahrungen zum Thema (Ein-)Schlafen als Kleinkind reflektieren. Viele haben tatsächlich noch die Nachwirkungen der Kriegs- und Nachkriegserziehung erlebt. Damals wurde behauptet, dass schon Säuglinge „verwöhnt“ werden könnten – was nicht stimmt –, sodass etliche heute Erwachsene als Kinder zu früh und zu viel alleine gelassen wurden. Mittlerweile ist diese Erziehungsmethode widerlegt und man distanziert sich davon.

Möglicherweise projizieren aber Eltern, die als Kinder selbst Angst beim Einschlafen hatten, diese Angst jetzt auf ihr eigenes Kind, indem sie es geradezu überbehüten. Wenn sie auf jede Regung des Kindes reagieren, kann das bei diesem anstatt zu mehr Sicherheit zu einem ängstlichen und unsicheren Gefühl führen. Zudem kann es nicht lernen, sich selbst zu beruhigen. In der Folge kann das Kind sich nicht von der Bindungsperson trennen und findet nicht in den Schlaf.

Es gibt aktuelle Studien, die zeigen, dass bei Säuglingen und Kleinkindern eher eine unsichere Bindung entsteht, wenn die Bezugspersonen auf jede Kleinigkeit reagieren. Man sollte sehr wohl prompt, intuitiv und einfühlsam auf sein Kind eingehen – aber unsere Intuition ist eben auch nicht immer direkt richtig.

Diese kleinen „Fehler“ führen dazu, dass das Kind seine Selbstberuhigungsfähigkeit aktivieren kann und damit auch Selbstwirksamkeit erlebt. Der Psychoanalytiker Donald Winnicott prägte dafür den Begriff der „good enough mother“ (der sich natürlich auch auf den Vater übertragen lässt). Es kann einem Kleinkind also helfen, wenn man nicht bei jedem Mucks zu ihm geht, sondern einen Moment abwartet, ob es sich selbst regulieren kann. Schreien lassen würde ich ein (Klein-)Kind aber keinesfalls.

Wenn das Projizieren eigener Ängste eine Rolle spielen könnte, ist es wichtig, dass das Elternteil diese bearbeitet und dadurch auflöst. So kann sich die Beziehung zwischen Bindungsperson und Kleinkind schnell entspannen und das Einschlafen (wieder) gelingen.

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Kristina Menninghaus

Ich bin Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, psychoanalytisch und tiefenpsychologisch fundiert, im ersten Beruf bin ich Diplom-Kunsttherapeutin. Ich arbeite mit Säuglingen, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien im Alter von null bis 21 Jahren, habe eine Weiterbildung als Säuglings-, Kleinkind-,...

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