Der Sitz der Belkaw an der Hermann-Löns-Sraße. Foto (Archiv): Thomas Merkenich

Die Energiekosten haben sich seit Russlands Krieg gegen die Ukraine mehr als verdoppelt, was hart genug ist. Einige Kund:innen der Belkaw berichten jedoch, dass sie das Drei- oder sogar Vierfache der bisherigen Beträge vorauszahlen sollen. In einigen Fällen durchaus möglich, bestätigt die Belkaw. Sie erläutert, wie das zustande kommt und was man dagegen machen kann.

Die Redaktion hatte Leserinnen und Leser gefragt, ob und wie die gestiegenen Energiekosten bei ihnen angekommen sind. Das sind sie – und in einigen Fällen in drastischem Ausmaß.

Da ist der Alleinstehende in einer kleinen Wohnung, der bislang 32 Euro im Monat für Strom gezahlt hatte. Eigentlich ausreichend, da die Zimmer energieeffizient ausgestattet sind, doch zur Sicherheit bat dieser Kunde die Belkaw im Sommer, den Abschlag auf 70 Euro zu erhöhen. 60 Euro hielt das lokale Versorgungsunternehmen da für ausreichend. Jetzt kam der neue Vorauszahlungsbescheid: 120 Euro, pro Monat, nur für Strom. Also eine Vervierfachung gegenüber dem ursprünglichen Stand. „Vollkommen absurd für einen Ein-Personen-Haushalt“, urteilt der Betroffene.

Ein anderer kleiner Haushalt berichtet, dass die Belkaw für Strom und Gas statt wie bisher 135 Euro künftig 410 Euro als Abschlag haben will.

Zwar gibt es auch andere Beispiele – wie das Rentnerehepaar, das seit einem Jahr eine Solaranlage auf dem Dach hat, damit auch Wasser erwärmt, einen deutlich reduzierten Abschlag leistet und die Energiehilfen des Staates an die Obdachlosenhilfe spenden will.

Belkaw bestätigt Plus von bis zu 300 Prozent

Die Regel sieht aber anders aus – mit Erhöhungen der Abschläge um 100 und in der Spitze sogar um 300 Prozent. Das ist durchaus möglich, bestätigt ein Sprecher der Belkaw auf Anfrage. Und erläutert die Details.

Exkurs: Ökostrom ist genauso teuer wie Strom aus Gasturbinen, weil der Preis am Strommarkt immer vom jeweils teuersten Erzeuger bestimmt wird (Merit Order Prinzip). Da Wind, Wasser und Solar nicht ausreichen sind fast immer auch Gaskraftwerke am Netz, sie setzen den Preis für alle.

Damit machen die Erzeuger von erneuerbarer Energie zur Zeit große Gewinne; eine Abschöpfung wird diskutiert, bislang aber nicht umgesetzt. Die Belkaw produziert selbst keinen (Öko-)Strom im nennenswerten Umfang.

Die Stuttgarter Zeitung hat eine gute Erklärung zum Thema, einen umfassenden Überblick über den Strommarkt hat auch das Handelsblatt.

Die Vermutung, dass der Versorger bei der Neuberechnung einen einfachen Weg gehe, hohe Verbrauchswerte von Musterhaushalten zugrunde lege und es damit zu überhöhten Vorauszahlungen komme, sei falsch.

Statt dessen sei jeder Abschlag ein individueller Betrag, der von drei Faktoren abhänge, betont die Belkaw:

  • gewählter Tarif (mit Arbeitspreis und Grundpreis),
  • aktueller Preis,
  • bisheriger Verbrauch.

Beim Faktor „aktueller Preis“ setzt die Belkaw denselben durchschnittlichen Erhöhungswert für alle Haushalte ein: beim Strom 98 Prozent (zum 1.1.2023), beim Gas 138 Prozent (seit 1.10.22.).

Das passt weitgehend zu den Preiserhöhungen für Gas und Strom, die bereits umgesetzt wurden oder angekündigt sind. Nur bei einigen wenigen Kunden könne es zu „Unschärfen“ bei der Berechnung des Abschlags kommen, räumt die Belkaw ein.

So kommen die drastischen Abschläge zustande

Demnach sollte sich der Abschlag für Strom aber in der Regeln „nur“ verdoppeln. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Mögliche Reduzierungen der Rechnungen, durch Einsparleistungen der Verbraucher:innen oder die Gas- bzw. Strompreisbremse, berücksichtigt die Belkaw bislang nicht.

Hintergrund: Diese Hilfe leistet die Bundesregierung

Aber wie kommt dann, auch beim Strom, eine Vervierfachung der Abschläge zustande?

Dafür hat die Belkaw eine Erklärung, die nicht beim Multiplikator, sondern an der Basis ansetzt: „Es kann z.B. sein, dass der vorherige Abschlag zu niedrig angesetzt war. Mit der Preiserhöhung wurde er nun angepasst“, erläutert der Sprecher.

Konkret: Wer 2022 deutlich mehr Strom verbraucht hat als 2021, muss nachzahlen und erhält eine erhöhte Abschlagsforderung. Das war ja schon immer so. Auf diese Erhöhung kommt aber nun noch mal die aktuelle Preissteigerung um 98 Prozent oben drauf.

Im ersten oben geschilderten Fall ist der Betroffene dagegen offenbar Opfer seiner Voraussicht geworden: die Belkaw hat nicht die 32 Euro, sondern die 60 Euro als Ausgangsbasis genommen und verdoppelt. Und verlangt in der Summe nun 300 Prozent mehr für den Strom.

Grundsätzlich Aussage, das betont der Unternehmenssprecher immer wieder, ließen sich nicht machen – man müsse jeden Fall einzeln anschauen.

Vorsicht beim Nachsteuern

Allerdings muss man exorbitante Erhöhungen nicht hinnehmen. Jede Kundin oder Kunde habe die Möglichkeit, die Höhe des Abschlags individuell anzupassen, am besten im Online-Service über die Webseite (weil der Telefondienst völlig überlastet ist).

Auf jeden Fall, so die Belkaw, werden die Abschläge spätestens bei der nächsten Abrechnung verrechnet und im Zweifel zurückgezahlt. Angesichts der unsicheren Preisentwicklung auf den Energiemärkten empfiehlt die Belkaw aber in den meisten Fällen, die Abschläge nicht zu senken – um hohe Nachzahlungen mit der nächsten Rechnung zu vermeiden.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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11 Kommentare

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  1. Belkaw sind Betrüger! Ich wurde bereits zwei Mal betuppt und könnte zumindest beim zweiten Mal beweisen das eine Nachforderung durch ein Anbieterwechsel um mehrere hundert Euro zu hoch lag! Erklären könnten diese es nicht…

  2. Und dann liest man dieses in der Zeitung und kann nur noch staunen….. „Peters appellierte an Verbraucher, Zahlungen zu verweigern. „Zahlen Sie Ihre Rechnungen nicht“, sagte er zu „Bild“. Die Versorger müssten „im Zweifel einen Nachweis darüber erbringen, dass die Erhöhungen durch die Marktpreise gerechtfertigt sind.“ Bis sie das tun, könnten Verbraucher „die Zahlung zurückhalten“, sagte Peters: „Stehen die Erhöhungen nicht im Verhältnis zu den Börsen-Preisen für Strom, ist die Erhöhung unrechtmäßig.“….. *

    1. Vielleicht einmal statt einer “ Bild“ Zeitung ( Diente schon meinen Großeltern lediglich als Ersatztoilettenpapier)
      eine seriöse Presse lesen die zudem auch gut recherchiert hat und nicht irgendeinen halbgaren Artikel raushaut.

      Das ganze hat etwas mit Energiepreisbremse und Erhöhungen nach eben dieser Energiepreisbremse, wenn sie denn mal kommt, zu tun.

      Ich würde mich hüten, die Zahlungen jetzt zurückzuhalten, weil irgendein Presseschreiberling ohne Sinn und Verstand einen Artikel raushaut oder sogar bewusst versucht „Stimmung“ im Volke zu machen.

  3. Strom- und gaspreise sind im Fallen. war gestern noch der Grundversorger der günstigste, kann das heute ein jahrestarif sein. man kann seinen Tarif auch bis zu 4 monate im Vorraus kündigen und wechseln. Je nach aktuellen kw/h-Preisen macht das schon mal sinn. auf einschlägigen internetseiten läßt sich ein durchschnittspreis und sein trend einsehen. dann kann man sehen, das man diese Preise nicht zahlen muß. Die Belkaw-Preise zu unterbieten, ist auch nicht schwer.

    1. 300%? Wie funktioniert das? Preise können maximal um 100% gesenkt werden, dann sind sie bei 0,00

  4. Schon seit vielen Jahren lese ich jeden Monat meinen Zählerstand ab und gebe diesen auf der Webseite der Belkaw ein. Dann lass ich mir eine Simulationsrechnung erstellen und weiß sofort, ob ich mit meinem Abschlag im Soll bin und kann ihn bei Bedarf anpassen.
    Vor hohe Nachzahlungen muss man dann keine Angst mehr haben.

      1. Genau, einfach wechseln. So wie viele das ja gemacht hatten und dann vom Billiganbieter einfach gekündigt wurden. Und damit wieder bei der Belkaw gelandet sind. Es ist ein Trugschluss, das man irgendwo was geschenkt bekommt. Aber jeder, wie er meint…

      2. Ich bin seit 40 Jahren Kunde bei der Belkaw und bisher mehr als zufrieden. Gespielt hat die Belkaw noch nie mit mir. Warum sollte ich wechseln?
        @Schildgen: ganz genau so ist es nämlich! Ich kenne einige Stromwechsler, die im nachhinein draufgezahlt haben. Aber wenn es dann bei dem Anbieter zu Schwierigkeiten kommt, ist in deren Augen natürlich die Belkaw schuld.