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In Ranken der Grisaillefenster
und an den Gewölberippen
hört man noch von bleichen Lippen
Choralgesang der Mönchsgespenster.

Säulen, hoch, mit Kapitellen,
die grüne Blattmotive zeigen,
und in den Gewölbezellen
von Wappenzier ein bunter Reigen.

Der Tabernakel ist mit schlanken
Säulchen und Gezier verschönt
und obendrauf von einem ranken
Nest mit Pelikan bekrönt.

Und in seinen tiefen Schatten
nimmt vorweg das Chorgestühl,
was erst im Barock sie hatten,
heimlich, kraus und gar nicht kühl.

Doch was ist der Geist,
der alles hier durchzieht,
das einzelne zusammenschweißt
zu einer Melodie im Lied?

Sind es die blutbefleckten Hände
der Herzöge, die hier begraben,
die knechteten die Bauernstände,
die selber kaum zum Leben haben

in Hütten, voll von Dreck und Schlamm,
wo Hunger, Tod und Krankheit lauern,
der Grundherr nahm das letzte Lamm,
wenn sie vor Eisesfrost erschauern?

Oder war es Gotteslob,
das frommes Herz im Ordenskleid
in mystischer Entrückung hob
in Klosters Abgeschiedenheit?

Heute ist es die Musik,
die diesem Raum die Einheit gibt
und Ohr und Herz des Publikums,
das Klang und Formen gleichsam liebt.

So wird der Klosterdom heut spät
als Biotop in Sonn und Regen
ein Tepui* der Diversität**,
wo Gegensätze sich bewegen,

wo Heut und Gestern sich versöhnen
Materie und Geist sich einen,
der Freizeitbürger feiert seinen
meditativen Kult des Schönen.

***

Fußnoten:
* Tepuis sind hohe Tafelberge am Rande des Amazonasbeckens mit einer einzigartigen Flora und Fauna.
** Diversität= Artenvielfalt

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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