Flechtenblüten, die wie rote Schalen

sich auf schlanke Stängel wagen,

und ein Perspektivenwechsel

lässt sie palmenartig ragen.

Wie Geschwüre gleich daneben

kohlkopfartig blasses Leben,

das auf Muskeln längsgestreift

auf feuchten Buchen Himmel greift.

Versunken in das Winzigkleine,

suchst du auch das große Eine.

Sternenhimmel über Wüste,

weite Brust und kühle Luft,

wo dein Geist das Eine grüßte,

nichts mehr schreit und nichts mehr ruft,

wo die Klarheit fast beklemmte,

nichts mehr Blick und Ohren hemmte.

Suchst du auch das große Eine,

niemals bleibst du gern alleine.

Schicksale, die dir erzählten

tausend menschliche Gesichter,

tausend Hände, die dich wählten,

deine Augen zu verpflichten,

sie dem Leben zu bewahren

in des Seins endlosen Scharen.

Brüder in der Einsamkeit,

jedoch von dem Einen weit.

Nur im liebenden Umarmen

des andern weichen Leibs, des  warmen,

hast du häufig es besessen:

glückliches vereint Vergessen

gemeinsamen Verlorenseins.

In Milliarden Galaxien eins

fühltet ihr euch winzigklein

und zugleich als Ein-zig-sein.

————–

Den Gedichtband “Flechtenblüten” und weitere Bände mit Gedichten, Erzählungen und mit einem Roman  von Engelbert Manfred Müller kann man in unserer Stadtbücherei ausleihen. Hier finden Sie einen Link zum Onlinekatalog, in dem Sie nur den Verfassernamen einzugeben brauchen.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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2 Kommentare

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  1. Man muß das Gedicht schon einige Male in Ruhe lesen und sich in den Text vertiefen, um alles zu begreifen, was darin angesprochen wird und ausgedrückt werden soll. Schaffen wir Normalbürger das eigentlich noch?

  2. Dein Gedicht „Flechtenblüten“ hat mir sehr gut gefallen, lieber Manfred.
    Es ist der platonische Weg, der Weg von den Dingen zu dem, was dahinter ist, der hier beschrieben wird. Auch Goethe fällt mir dazu ein: „So seh ich in allen die ewige Zier…“
    Und der ewige Wunsch des Menschen, aufzugehen in dem Einen- in Gott?
    Ja, aber der Dichter bleibt auf der Erde und das finde ich auch gut, dass die Leibes- und Liebesvereinigung als eine Möglichkeit dargestellt wird, hier auf Erden und zu Lebzeiten dieses Aufgehen in dem Einen zu erleben.
    Auch die Ahnung der Transzendenz unterm Sternenhimmel der Wüste: Wer einmal in der Stille der Atacama des Nachts emporgeschaut hat, kennt dieses Gefühl.
    Eine schöne poetische Darstellung einer alten und bleibenden menschlichen Sehnsucht!
    Glückwunsch!
    Alfons