Viele Flüchtlinge bringen unserer Gesellschaft ein großes Vertrauen entgegen. Enttäuschungen, vor allem mit Institutionen, bleiben ihnen dabei nicht erspart, wie der folgende Bericht zeigt.

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Elias

Jedes Mal hatte dieses friedliche Lächeln in seinem Gesicht gestanden. Khalil, Khaldoun und Khalim kannte ich schon näher. Ihn noch nicht. Er hatte immer nur bescheiden neben den anderen gestanden und freundlich gelächelt. Dann, beim Rauchen der Wasserpfeife, hörte ich zum ersten Mal seinen Namen: Elias.

„Ach, Elias, der in den Himmel auffuhr“, entfuhr es mir spontan, ohne dass ich wusste, ob der alttestamentliche Prophet Moslems genauso bekannt war wie Juden und Christen. Doch verstand Elias meine Worte und meine himmelweisende Gebärde offensichtlich sofort und lachte. Ich hatte eine Eselsbrücke gefunden, die es mir erleichterte, mir einen weiteren Namen zu merken, neben den anderen Namen, die ich oft nicht so leicht auseinanderhalten konnte.

Beim rituellen Rauchen der Wasserpfeife kamen wir auch auf die Gretchenfrage zu sprechen. „Wie hältst du’s mit der Religion?“ Nachdem sie meine für sie wenig befriedigende Antwort geschluckt hatten, redeten sie mir von ihren Besuchen in der Moschee und ihren Gebetsbräuchen, der eine häufig, der andere selten, der dritte nie.

„Wir müssen ja jeden Tag zum Deutschunterricht.“

Vielleicht musste der nun dazu herhalten, dass sie wie viele Christen auch nicht ihren religiösen Pflichten so nachkamen, wie es ihnen ihr Gewissen eigentlich vorschrieb.

„Und du?“ fragte ich Elias, als er an der Reihe war. „Wie oft besuchst du die Moschee?“
„Ich gehe zur Laurentiuskirche. Jeden Sonntag.“
Die Antwort verblüffte mich.
„Ach, bist du Katholik?“
„Ja, und Bshara auch.”

Bshara schlief in dem Zimmer, in dem wir saßen, in dem unteren der beiden Etagenbetten, auf die wir von unserem Sofa aus blickten. Seinen Namen hatte ich mir gemerkt, weil der syrische Präsident Assad den gleichen Vornamen trug.

Für die anderen war das nicht neu, dass zwei Katholiken unter ihnen waren. Wie das auch wohl in Syrien nichts Außergewöhnliches war, Katholiken als Nachbarn zu haben.

Nun warf Ahmad, der gerade einmal die Stöpsel aus seinen Ohren genommen hatte, von seinem Etagenbett eine Frage in den Raum, mit der die anderen wohl nicht gerechnet hatten: „Seid ihr eigentlich beschnitten?“

Das bescheidene und selbstverständliche „Nein“ von Elias löste bei den anderen eine unerwartete Reaktion aus: Ein wieherndes Gelächter. Die Vorstellung, nicht beschnitten zu sein, kam ihnen äußerst kurios vor. Und so plätschterte das Gespräch noch lange und munter weiter über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Religionen und Kulturen.

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Elias, der besonders eifrig seinen Deutschunterricht besuchte, begegnete ich ein paar Tage später bei einer Veranstaltung, in der Flüchtlinge und Deutsche zum gegenseitigen Kennenlernen zusammentrafen. Es kam aber nicht zu der Verabredung weiterer gemeinsamer Aktionen, so dass Elias wohl feststellen musste, dass die Veranstaltung ihn irgendwie nicht weiter gebracht hatte. Trotzdem blieb seine Miene heiter und gelassen, wie sie mir stets erschien.

Was er hinter sich hatte, und was ihn genau zur Flucht veranlasst hatte, wusste ich nicht. Mit ihm hatte ich noch kein Interview durchgeführt. Vielleicht war die Heiterkeit seiner Miene ja auch auf Kontakte in der katholischen Pfarrei zurückzuführen oder auf eine Zufriedenheit, die ihm das Gefühl brachte, er könne im Gottesdienst auf der ganzen Welt so etwas wie eine Heimat finden. Ich wusste das nicht. Aber es konnte ja sein.

Dann zeigte er mir eine Nachricht von DHL. Der Briefträger hatte ihn nicht vorgefunden, als er zum Deutschunterricht gefahren war, und er sollte die Post, ein Päckchen, wie ich dachte, bei der Post in der Hauptstraße abholen. Dort hatte man ihm aber gesagt, die Post sei nicht da. Und er solle stattdessen eine bestimmte Telefonnummer anrufen, die er mir zeigte. Ob ich nicht für ihn dort anrufen könnte.

Ich kannte ja selber die Schwierigkeiten, in einer Fremsprache zu telefonieren, zur Genüge, zumal wenn es sich um den Anruf bei einer Behörde handelte. Oder bei einem unserer beliebten Konzerne wie Telekom oder der Deutschen Bahn. Nun war es die Deutsche Post. Oder DHL?

Nachdem ich mich durch die obligate nervtötende Musik und diverse Vorsortierungen gequält hatte, geriet ich an eine Person, die das Formular, welches Elias erhalten hatte, offensichtlich nicht kannte und immer eine andere Nummer wollte, aber nicht die Nummer, die auf der Benachrichtigung unter dem Begriff „Benachrichtigungscode“ erschien. Und weiterhelfen konnte sie dann natürlich nicht.

Ungelöstes Problem, inkompetente Person, war mein Resümee. Wobei ich mich fragte, ob das vielleicht eine beabsichtigte Wirkung war, um eventuelle Fragen oder Beschwerden ins Leere laufen zu lassen. Das alles erzeugte in mir ein Gefühl wie bei Kafka in seinem Roman „Das Schloss“, ein kafkaeskes Gefühl halt. Wie sollte mit so etwas ein Fremder, der dazu kaum der deutschen Sprache mächtig war, zurechtkommen?

Zu Hause versuchte ich das Ganze noch einmal, bei einem anderen Mitarbeiter des Call-Centers, mit dem gleichen frustrierenden Ergebnis. Telefonnummern bei der Postverteilung in Bergisch Gladbach brachten ähnliche Ergebnisse, bzw. dort konnte man überhaupt niemanden sprechen.

Elias wusste ja nicht, wer der Absender der unauffindbaren Postsendung war. Bekam er seinen Pass aus Syrien oder aus der Türkei geschickt, war es Post von seinen Verwandten in Syrien, oder handelte es sich sogar um Post von einer deutschen Behörde, mit einer wichtigen Mitteilung, die das Vorantreiben seines Asylantrags betraf?

Am nächsten Tag wurde ich noch einmal bei der Post in der Hauptstraße vorstellig. Ah, eine andere Angestellte an Schalter zwei!

Ich machte mir Hoffnungen. Tatsächlich war sie viel freundlicher als die vorige Angestellte, in der Sache änderte sich allerdings nichts.

„Da können wir nichts machen.“

Keine Kontakmöglichkeit zu DHL. Immerhin stellte sie nun anhand des Formulars fest, dass es sich um einen Brief handeln musste, nicht ein Päckchen. Dann bot sie an, ein Fax an DHL zu senden, mit einer Kopie der Benachrichtigung. Sie war sogar bereit, diese Kopie für mich anzufertigen.

Dem folgen Tage des Wartens. Und schließlich, nachdem ich auch noch eine Mail an DHL verfasst hatte, eine Antwort: Man bedankte sich herzlich für meine Mail, ich müsse aber damit rechnen, dass die Bearbeitung etwas dauern könne.

Und dann nach weiteren 10 Tagen die Nachricht: Eine Entschuldigung, doch bedauerlicherweise fertige man keine Aufzeichnungen über den Verbleib der Post an, wenn der Empfänger nicht zu Hause war. Eventuell war die Sendung also schon an den Absender zurückgegangen.

Beim nächsten Besuch in der Unterkunft der Syrer zeigte mir Elias eine Nachricht, die er mittlerweile ebenfalls von der Post erhalten hatte: Ein Entschuldigungsschreiben und – die großzügige Wiedergutmachung: 4 Briefmarken zu 70 Cent!

Das Gesicht von Elias hatte sich geändert: Der Optimismus und das Zutrauen in seinen Augen waren einem gewissen Ernst gewichen, der zwischen Enttäuschung und Unverständnis schwankte. Ich spürte in mir ein leichtes Gefühl der Beschämung aufsteigen.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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