Mit einer gewissen Skepsis schaute uns der Verkäufer bei Saturn entgegen, als er uns auf sich zukommen sah. Offensichtlich hatte er Fahed wiedererkannt. Der war ja schon vor ein paar Tagen bei ihm gewesen, um sich über den erhöhten Tarif für sein Smartphone zu beschweren. Fahed hatte nicht verstanden, was der Handyverkäufer ihm erklärte. Deshalb bat er mich, noch einmal mit ihm zusammen dort vorzusprechen.

Statt, wie im Vertrag festgelegt, 35 Euro, sollte Fahed nun über 70 Euro monatlich bezahlen. Und er hatte von vielen Syrern gehört, dass ihnen das Gleiche passiert sei.

Nachdem der Verkäufer Faheds Handynummer in seinen Computer eingegeben hatte, ließ er einen Redeschwall über ihn ergehen, aus dem nicht einmal ich schlau wurde. Mein erster Gedanke war, dass sowohl die Firma Vodafone als auch Saturn, wo das Handy gekauft wurde, bewusst die landesfremden Flüchtlinge übers Ohr hauen wollten.

Also bat ich den Verkäufer, langsam zu sprechen, sonst könne der Syrer, der noch keine großartigen Deutschkenntnisse habe, ihn nicht verstehen. Nun gab der Verkäufer sich tatsächlich Mühe, und auch ich, der ich selber überhaupt kein Handy besitze, konnte ihm einigermaßen folgen. Aber ich begann erst so richtig durchzublicken, als das Schlüsselwort „Drittanbieter“ fiel.

Die 70 Euro, erklärte der Angestellte, hätten schon als „Folgebeitrag“ ihre Berechtigung, weil Fahed, der Besitzer des Smartphones, eine Zusatzrechnung von einem Drittanbieter, einer Firma, die ihren Sitz in Irland hatte, bekommen hatte. Und der gesamte Betrag würde nun von Vodafone eingezogen.

„Und was wird da von diesem Drittanbieter in Rechnung gestellt?“ fragte ich.
„Das kann alles Mögliche sein. Meistens handelt es sich um Abos, zum Beispiel für Spiele.“
„Das heißt, Herr Fahed hat so ein Abo auf seinem Handy bestellt?“
„Das muss er gar nicht unbedingt bemerkt haben. Da genügt manchmal einfach ein Klick auf das entsprechende Logo.“
„Aber das ist ja unglaublich. Wie kann denn so etwas erlaubt sein?“
„Deshalb hat der Gesetzgeber vor kurzem die Anbieter verpflichtet, eine sogenannte Drittanbietersperre zu ermöglichen. Wollen Sie die einrichten?“

Ich versuchte, Fahed den komplizierten Sachverhalt auf die Schnelle auf Englisch zu erklären, und als er merkte, dass er dadurch vor ähnlichen Reinfällen in Zukunft geschützt sei, war er natürlich sofort einverstanden.

„Warum richten Sie diese Sperre denn nicht automatisch ein?“ fragte ich den Verkäufer.
„Das geht nur auf Wunsch des Kunden. Da wird ja alles Mögliche gesperrt, was er vielleicht sonst benutzen möchte.“

Das leuchtete mir ein. Und Fahed hatte dieses Mal den Betrag von 70 Euro zu berappen, würde aber in Zukunft wieder seine vertragsgemäßen 35 Euro bezahlen. Er konnte also getrost weiter mit seiner Frau und seinem Kind in Syrien kommunizieren, die auf Familiennachzug warteten. Seine Frau war schwer herzkrank, wie er mir auf einem ärztlichen Attest gezeigt hatte.

Bei Wikipedia fand ich zu Hause einen Artikel über „Drittanbieter“, aus dem hervorging, dass es sich um eine –wie im IT-Bereich häufig- falsche Übersetzung aus dem Englischen handelte, eine falsche Übersetzung des Ausdrucks „Third- Party Vendor“, was man besser mit Fremdanbieter übersetzt.

Es gibt also keinen dritten Anbieter, wie der Ausdruck suggeriert, sondern neben dem Anbieter –in diesem Fall Vodafone – nur einen zweiten Anbieter. Den betrügerischen eben, dessen man aber kaum habhaft werden kann. Der Verkäufer meinte, man könne gegen einen solchen mit einem Rechtsanwalt vorgehen, habe aber kaum eine Chance auf Erfolg, könne höchstens noch mehr Geld verlieren.

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Mein Gott, dachte ich, welche Schwierigkeiten wir schon haben, uns in dieser Welt zurechtzufinden! Wie sollen sich da erst Flüchtlinge mit geringen Deutschkenntnissen durchwurschteln? Selbst wenn sie einen relativ hohen Bildungsstand haben wie Fahed, der in Syrien in der Verwaltung der Firma seines Bruders gearbeitet hatte. Auf jeden Fall, auch nach der Einrichtung der Drittanbietersperre, gibt es nun wenigstens einen neuen Millionär – vielleicht in Irland.

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Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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