„LaRa” steht an der Radstation zum Ausleihen bereit und ist mit einem Elektromotor ausgestattet. Doch was passiert, wenn das Lastenrad mit einem großen Familieneinkauf die 12-prozentige Steigung nach Moitzfeld hinauf soll? ProVelo hat das Gefährt gründlich getestet.

Die Stadt Bergisch Gladbach hat Ende 2017 ein e-Lastenrad für den Verleih angeschafft. Ob es um den Transport von Kindern geht, den wöchentlichen Familieneinkauf, alltägliche Fahrten zur Arbeit oder eine mehrtägige Tour mit der Familie: Ein solches Rad kann das private Auto (oder Zweitauto) ersetzen.

Das Lastenrat „LaRa” bietet den Gladbachern die Möglichkeit, so ein Fahrrad im Alltagstest selbst auszuprobieren – als Anregung, den eigenen PKW öfter stehenzulassen, umzudenken und langfristig auf ein Cargobike zu setzen. Auch wird so für viele Gelegenheitstransporte eine günstige logistische Alternative zum PKW zur Verfügung gestellt, quasi statt Carsharing.

Die Fahrrad-Interessengemeinschaft Pro Velo Bergisch Gladbach hat das Lastenrad getestet um zu schauen, was damit möglich ist und wo dessen Grenzen liegen.

Einfache Buchung, rasche Einweisung

Die Buchung ist schnell erledigt, ein kurzer Anruf bei der Radstation GL (Email ist auch möglich) zur Absprache eines Termins genügt. Am Tag der Ausleihe bringt man seinen Personalausweis mit sowie 50 Euro Kaution, bekommt eine kurze Einweisung und es kann losgehen.

Das Rad kann an Wochentagen zwischen 9 und 18 Uhr für mindestens drei Stunden ausgeliehen werden und kostet für diesen Zeitraum acht Euro. Am Sonntag ist die Leihe geschlossen, man kann LaRa aber von Samstag bis Montag bekommen. 

Erster Eindruck: Das Rad eignet sich wunderbar für kleine (1,60) wie für große (1,90) Menschen. Durch die kleinen 20“-Reifen hat man die Möglichkeit, relativ tief zu sitzen, was dem eigenen Sicherheitsgefühl entgegenkommt. Das Rad hat einen tiefen Einstieg. Mit den Schnellspannern an Lenker und Sattel ist eine beliebige Sitzposition in wenigen Augenblicken justiert. Der Touchscreen ist sehr benutzerfreundlich, und die gewünschte e-Unterstützung ist im Nu eingestellt.

Auszuleihen bei:
Radstation Bergisch Gladbach, Stationsstraße 3 (am S-Bahnhof)
Telefon: 02202 – 95 98 978, Email: radstation-gl@invia-koeln.de
Ausleihzeiten: Montag bis Samstag 9 bis 18 Uhr
Kosten: 3 Stunden 8 Euro – ganzer Tag 15 Euro
Mitbringen: Personalausweis, 50 Euro Kaution

Der erste Test war eine Leerfahrt, zunächst über Schotterpisten im Wald, dann durch die Innenstadt. Durch das kernige Reifenprofil sind schlechte Straßenverhältnisse oder Baumwurzeln kein Hindernis, und man hat nicht das Gefühl, dauernd hart aufzusetzen. Auch in engeren Kurven und zwischendurch im schlammigen Terrain blieb das Rad stabil in der Spur. 

Wendemanöver fallen mit dem etwa 2,40 m langem Rad schon etwas schwerer, und ein U-Turn kann in einer 3,00 m breiten Spur schon zum Problem werden – im Zweifelsfall besser kurz absteigen.

Ein Lastesel für die Straße

Im Stadtverkehr möchte man mit einem Lastenrad doch lieber auf der Fahrbahn mit den Autos fahren als auf den schmalen Bürgersteigen mit rotem Radstreifen. Mit e-Unterstützung und 25 km/h ist man dafür auch zu schnell und riskiert Konflikte mit Fußgängern, unangeleinten Haustieren, Kindern oder PKW an den Einfahrten.

Wenn man den Motor in der Ebene ausschaltet, fährt es sich wie ein schweres Hollandrad und werden lange Strecken auf Dauer anstrengend – vor allem wegen der Stop&Go-Manöver an Ampeln. Mit e-Unterstützung beschleunigt es dafür dank der kleinen Reifen erstaunlich gut aus dem Stand. Beim Warten an Fußgängerampeln muss man darauf achten, nicht mit dem weit vorne liegende Vorderrad auf
die Fahrbahn zu geraten.

Was schafft LaRa am Berg?

Als nächstes standen die hügeligen Strecken Bergisch Gladbachs im beladenen Zustand auf dem Programm. Laut Hersteller darf das Systemgewicht (Rad + lenkende Person + Zuladung) 200 kg
nicht übersteigen; eine 90-kg-Person darf also nicht mehr als 75 kg Last zuladen.

Wir haben das beim Test bis aufs Letzte ausgereizt: Drei Kisten Sprudel (3 x 17,5 kg), zwölf Liter Milch, 10 kg Gemüse – ein wirklich großer Familieneinkauf eben. Die zugehörige Familie wohnt jedoch nicht im flachen Refrath, sondern ganz oben in Moitzfeld. Eingekauft wurde in Bensberg, die Teststrecke ist hin und zurück etwa 8 km lang.

Auf der steilen Wipperfürther Straße erreicht das Lastenrad etwa 35-40 km/h und zeigt sich das Bremssystem als sehr zuverlässig und solide. Die Scheibenbremse verliert im Gegensatz zu Felgenbremsen nicht an Effektivität wenn es regnet.

Ungeübten Cargobikern raten wir davon ab, bei Gefälle Handzeichen zu geben: Bremsen, gleichzeitig lenken, das schwere Rad in der Spur halten und Handzeichen geben kann ganz schön ins Auge gehen.

Beim Beladen vor dem Supermarkt stellten wir fest, dass keine zwei Kisten in die Transportbox
nebeneinander passen – mit etwas Improvisation und (eigenen) Spanngurten konnten wir drei
Stück dennoch ohne Probleme unterbringen. Zur Erweiterung der Ladekapazität hängten wir
noch zwei gut befüllte Fahrradtaschen an den Gepäckträger.

Auf den Berganstieg Richtung Moitzfeld waren wir nun sehr gespannt, und wir müssen sagen: Alle Achtung!

Bei 17 Prozent ist dann doch Schluss

Obwohl Pedelecs mit Heckmotoren gegenüber Rädern mit Mittelmotor oder Vorderradantrieb
am Berg oft den Kürzeren ziehen, verlief die Fahrt ohne Probleme. Die kritischste Stelle mit
über zwölf Prozent Steigung am Bensberger Rathaus wurde ohne Aussetzer passiert. Nun wollten wir an
der Grube Weiß eine der knackigsten Steigungen (etwa 17 Prozent) im Stadtgebiet auszuprobieren.

Das hat der e-Motor jedoch nicht mitgemacht, was uns bei der hohen Zuladung kaum verwunderte.
Zum Glück kann diese Strecke mit einem halben extra-Kilometer leicht umfahren werden.

Den Abschluss des Tages bildete der Kindertest: Ein vier- und ein sechsjähriges Kind passen
nebeneinander auf die Bank, das Gefährt kann also zwei Geschwister zum Kindergarten bringen.
Da die Kinder recht eng nebeneinander sitzen, könnten längere Fahrten allerdings etwas
ungemütlich sein. Mit den beiden war die Transportbox komplett ausgefüllt, weiteres Gepäck
fand keinen Platz.

Sicherheitsgurte für Passagiere fehlen noch

Auf einen Ausflug wurde jedoch verzichtet, da die Sicherheitsgurte für die kleinen Passagiere noch fehlten. Diese sind nach Aussage der Radstation bereits in der Pipeline, neben einer Regenplane für die Transportbox. Wir würden uns als Zubehör außerdem noch Spanngurte und Winterreifen für die kalten, glatteisigen Monate wünschen.

Doch wie kommt jemand damit zurecht, der vorher noch nie mit einem Lastenrad gefahren ist?

Kein Problem für Lastrad-Einsteiger

Um das zu testen, hat ein Bekannter (1,75 m) das Rad ausgeliehen. Bei der Einweisung wurde ihm geraten, nicht auf das Vorderrad zu schauen und zunächst eine kleine Runde vor der Radstation zu drehen. Die erste Unsicherheit verflog nach wenigen Minuten, und los ging’s zum Großeinkauf: Bier und Blumenerde.

Das Fazit des Testers nach drei Stunden:

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so schnell daran gewöhnen würde. Nach ein paar Kilometern habe ich mich in die Kurven gelegt wie mit meinem eigenen Rad, und auch an Engstellen fuhr es sich völlig sicher und entspannt. Aus dem Stand anfahren mit vier kleinen Bierkästen und weiteren Einkäufen – das fühlte sich anfangs schon etwas unheimlich an. Aber spätestens beim vierten Mal war es Routine, so dass ich mir den Spaß gemacht habe, mit fünf Säcken Blumenerde die steile Kölner Straße hochzufahren. Hier konnte der Elektromotor mal zeigen, was er draufhat. Überhaupt der Antrieb: Absolut leicht und intuitiv zu bedienen, passt sich wunderbar der eigenen Tretleistung an – toll!“

Auch berichtet der Testfahrer, dass viele Menschen das Lastenrad bestaunt und sich nach den Ausleih-
Modalitäten erkundigt hätten. Der Frühling steht vor der Tür, da werden wir „LaRa” wohl künftig öfter auf den Straßen und Waldwegen der Stadt begegnen.

Auch der Lastenrad-Neuling mahnt jedoch ein Gurtsystem an, um voll Familienausflugs- und Einkaufs-tauglich zu werden: „Vor der Rückgabe mussten noch die leeren Bierkästen zum Supermarkt zurück. Zum Glück habe ich sie mit einer Kordel zusammengebunden – die Bremsen funktionieren so gut, es hätte sonst vor dem Geschäft eine Menge Scherben gegeben…!“

Technische Eckdaten: Hersteller Hartje/I:SY, einspuriger Lastenrad-Stahlrahmen, 180er Tektro-Scheibenbremsen, Shimano Sora-Kettenschaltung mit 9-Gang, zwei breite Schwalbe 20“-Reifen mit Ballontechnik und kernigem Profil, integrierte Schnellspanner zum Verstellen der Lenkerhöhe und des Sattels, eine Transportbox aus Multiplex-Platten mit ausklappbarer Sitzbank für Kinder, Go Swiss-Drive
250 W-Heckmotor und eine solide B&M-Lichtanlage mit Nabendynamo. Das Rad wiegt etwas unter 40 kg, maximales Gewicht mit Zuladung ist 200 kg.

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ProVelo BGL

ist eine Interessengemeinschaft, die sich für Verbesserungen im Bereich Radverkehr einsetzt.

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3 Kommentare

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  1. Lieber Herr Meier,

    Ich denke, dass dieses Spezialrad von der Stadt in erster Linie dafür angeschafft wurde, damit die Gladbacher eine Möglichkeit bekommen sich mit so einem Fahrzeug vertraut zu machen und den Einsatz im eigenen Alltag simulieren zu können. Es gibt in dieser Stadt mittlerweile einige Leute, die das Zweit-KFZ abgeschafft haben und dafür nun auf ein Cargobike setzen um Platz, Geld, Autofahrten und Stress zu sparen. Und es funktioniert!
    Dazu gibt es wieder jede Menge Leute, die gerne weniger Auto fahren würden und sich nach Alternativen umschauen. Da die Stadt Bergisch Gladbach dieses Potential erkannt hat, möchte sie den Unschlüssigen Einwohnern dieser Stadt eine Möglichkeit bieten so ein Rad selbst mal Probe zufahren. Es gibt in dieser Stadt leider kein einziges Radgeschäft, in welchem eine Probefahrt mit einem Lastenrad möglich wäre. Dafür müsste man erstmal nach Köln fahren, was schon mal umständlich ist. Viele Leute wissen gar nicht, dass es solche Autoalternativen gibt.

    Dazu kommt noch der touristische Aspekt des Lastenrads: das Teil hat eine enorme Reichweite durch den E-Motor, auch für Leute die nicht fit sind. Man kann sein Kind oder sein Haustier einladen (gesichert natürlich), Gepäck und sonstige Utensilien nehmen und einfach eine schöne mehrtägige Tour machen zB am Rhein oder im Bergischen. Eine Strecke mit 80-100km am Tag ist da völlig realistisch.

    Was Platzbedarf für die Cargobikes angeht: ich selbst besitze so ein “Ungetüm” seit mehreren Jahren und hatte noch nie ein Problem gehabt eine Abstellmöglichkeit für das Rad zu finden wenn ich einkaufen wollte.

    Das Problem der Unterstellmöglichkeit des Lastenrads in der Nähe der eigenen Wohnung ist ein nicht unwichtiger Aspekt, lässt sich jedoch mit etwas Kreativität und Kommunikation im nahen Umfeld der Wohnsituation jedoch lösen.

    Und was den Preis von 5.000€ angeht: dieser ist relativ – es ist je nach dem was man haben möchte und für welche Anwendungen ist das Rad gedacht – es gibt auch Lastenräder für 1.500€ oder auch für 15.000€. Die Frage ist, wieviel Budget hat man selbst und wie soll das Teil ausgestattet sein – genau wie beim Autokauf.

  2. Die kritischen Anmerkungen von Herrn Meier hinsichtlich Kosten und (Park-)Platzbedarf kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ein Lastenrad ist billiger und braucht deutlich weniger Platz als ein PKW – und wer sich dieses für Einkäufe oder einen Ausflug mit Kindern leiht, wird vermutlich nicht mit dem Bus zum S-Bahnhof fahren.

    Richtig ist natürlich, dass die Radstation von Moitzfeld oder Herkenrath aus nicht gerade ‘um die Ecke’ liegt, die Ausleihe also für BewohnerInnen dieser Stadtteile mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden ist. Aber wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, bei der irgendwann jeder Bau- oder Supermarkt Lastenräder bereitstellen wird. Das ist zumindest meine Hoffnung bzw. Prognose.

  3. Ein schöner Testbericht. Aber leider etwas einseitig.

    Der logistische Aufwand der Moitzfelder Familie erscheint mir aber recht hoch. Zuerst muss man ja von Moitzfeld nach Bergisch Gladbach. Mit dem Bus macht das ca. 36 Minuten und kostet 2,40€. Fahrrad leihen und dann zum Einkaufen nach Bensberg fahren. Dauer ca. 25 Minuten und 8€. Einkaufen in Bensberg. Probleme könnte es hier ggfs. mit den Parkmöglichkeiten des großen Lastesels geben. Heimatfahrt nach Moitzfeld macht ca. 15 Minuten. Einkäufe ausladen und das Fahrrad zurück zur Leihstation bringen. Macht für die reine Fahrzeit ca. 30 Minuten. Rad abgeben macht vielleicht nochmal 5 Minuten. Heimfahrt nach Moitzfeld mit dem Bus da kommen ohne Wartezeiten noch mal mind. 36 Minuten und 2,40€ an Kosten dazu.

    Resümee:

    2h 30 Minuten zzgl. Zeit für den Einkauf und Wartzezeite auf den Bus.
    2,80€ an Kosten

    Für 5€ bieten manche Gesschäfte einen Lieferservice an. Die gesparte Zeit kann man dann lieber mit der Familie verbringen, anstatt sich mit dem Lastenrad durch den Verkehr zu trauen.

    Alternativ muss man sich ein Lastenrad kaufen. Aber die 5.000€ hat auch nicht jeder auf der hohen Kante. Je nach Wohnart hat man dann ja auch das Problem das Ungetüm unterzubringen.