Jakob und Mathilde König im Auto, davor die jüngste Tochter Mathilde. Im Hauseingang: Wilhelm Müller und die König-Tochter Veronika (1923)

Wieso der Kolonialwarenladen Jakob König heute „Mathilde König“ heißen würde, wie der Supermarkt in einer Zeit vor den Einkaufswagen funktionierte und warum 1934 die Jungfrau Maria Schützenkönigin wurde. In Teil 4 der Serie „Schildgen wie es war“ geht es um Geschäfte – und einiges mehr.

Lässig hält Jakob König das Steuer in der Hand, als wäre er gerade mit seiner Frau Mathilde vorgefahren, um sich eben vor seinem Geschäft fotografieren zu lassen. Doch das Bild von 1923 (siehe oben) ist natürlich kein Schnappschuss, sondern ein sorgfältig arrangiertes Familienfoto.

Tatsächlich hatte König wohl gar keinen Führerschein. Der schicke Apollo – ein offener Zweisitzer mit vier Zylindern und 20 PS – gehörte dem Schlossermeister Wilhelm Müller, Patenonkel der jüngsten König-Tochter Mathilde (am Auto stehend).

„Meine Großmutter muss eine tolle Geschäftsfrau gewesen sein“, sagt Hans-Jakob König. „Und würde das Geschäft heute noch stehen, hieße es wohl nicht Jakob, sondern Mathilde König.“ Wir sitzen im Wohnzimmer des 79-Jährigen. Auf dem Tisch liegen Fotos, und König beginnt zu erzählen.

Achim Rieks und Hans-Jakob König

Mathilde König hat das Haus, in dem sich heute die Löwen-Apotheke in Schildgen befindet, im Jahr 1900 gebaut – die rechte Hälfte des Hauses, um genau zu sein. 1902 eröffnete sie den Kolonialwarenladen Jakob König. Ihr Mann war Fabrikarbeiter in Mülheim und wollte dort auch bleiben. Also führte sie das Geschäft. Nebenbei brachte König zwischen 1898 und 1915 neun Kinder zur Welt.

1913 trat König der Edeka-Gruppe bei. „Es gab damals massig Geschäfte in Schildgen“, erzählt Hans-Jakob König, „bestimmt zehn Stück, auch mehrere Lebensmittel-Läden.“ Dennoch schien es dem kleinen Edeka gut zu gehen.

Im Jahr 1928 wurden Jakob und Mathilde König Schützenkönige und feierten vor ihrem Haus.

Anfang der 1930er-Jahre baute die Familie an und vervollständigte damit das heutige Haus Nr. 131 in der Altenberger-Dom-Straße. An der Ecke vor dem Haus gab es sogar eine Tanksäule.

An Führers Geburtstag keine Fahne gehisst

Irgendwann in dieser Zeit kam Jakob König doch mit ins Geschäft. Warum, kann sein Enkel nicht sagen. Aber er kann eine Geschichte dazu erzählen: „Mein Großvater hatte eine Hilfspost übernommen. Die wurde ihm abgenommen, weil er an Führers Geburtstag nicht die Fahne gehisst hatte.“

Dabei hatte die Tochter Mathilde eine gute Erklärung dafür: Es habe geregnet an dem Tag, und die Fahne sollte doch nicht nass werden. König lacht.

Die Hilfspost ging damals übrigens an Peter Kombüchen, der nicht nur engagierter Heimatkundler war (und zum Beispiel über die letzten Kämpfe um Schildgen schrieb), sondern auch ein Blumengeschäft mit Samenhandlung führte.

Peter Kombüchen war von Beruf Gärtner. Auf dem Bild von etwa 1930 steht er auf der Außentreppe seines Geschäftshauses (heute Altenberger-Dom-Straße 150, Modeeck). Sein heimatkundlicher Nachlass ging nach seinem Tod ins Archiv der Gemeinde Odenthal. 

1938 heiratete Hans-Jakob Königs Mutter, Thekla Post, in die Familie ein. Ihr Mann, nach seinem Vater Jakob benannt, übernahm das Geschäft. Im Jahr darauf kam Hans-Jakob auf die Welt.

Er hat viele Erinnerungen an seine Kindheit. Und er kann wunderbar davon erzählen. Witzig, spannend und in einem herrlichen bergischen Singsang.

Hans-Jakobs Vater kam versehrt aus dem Zweiten Weltkrieg nach Hause. Der damalige Pfarrer Carl Giesen wohnte bei den Königs im Haus – die Herz Jesu Kirche war ja erst 1928 gebaut worden; das Pfarrhaus entstand erst viel später unter Pfarrer Joseph Wirtz.

Auch der erste Schildgener Pfarrer, Rektor Hubert Kochs, hatte bei der Familie gewohnt. König grinst und erzählt: Kochs war 1934 der erste (und letzte) geistliche Schützenkönig der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Schildgen. Als Königin wählte er die einzig mögliche Frau für diesen Fall: die Jungfrau Maria.

König erinnert sich an den 13. April 1945

Doch zurück zur eigentlichen Geschichte. König erinnert sich gut daran, wie er am 13. April 1945 mit seinem Bruder im Hof spielte. Das Hausmädchen Mina war gerade dabei, die Toilette zu säubern, als eine Kugel in Kopfhöhe durch die Klotür ging. Mina schnappte sich die beiden Jungs und lief mit ihnen in den Keller. Da sah Hans-Jakob seinen Vater schwer verletzt liegen.

Jakob König hatte mit Pfarrer Giesen auf der Bank neben dem Haus – da wo heute das Kaspers-Geschäftshaus steht – gesessen, als die ersten Panzergranaten in Schildgen einschlugen. Giesen war nach wenigen Minuten tot, Jakob König starb noch in der Nacht im Krankenhaus in Schlebusch.

Bei dem Massenbegräbnis wenige Tage später hatte Jakob König einen von drei Särgen. Sein Bruder Wilhelm war Schreiner, und das bedeutete damals auch Sargbauer. Der zweite Sarg war für Carl Giesen, im dritten wurden drei gefallene Kinder gemeinsam bestattet.

Wilhelms Enkel, Jochen König, führt heute übrigens das Bestattungsunternehmen in der Altenberger-Dom-Straße 117.

Wilhelm Müller war nicht nur der Vorsitzende des Kirchbauvereins Schildgen und schuf der ersten Kirche ein Sanctusglöckchen (Folge 1). Der „iserne Müller“, wie er im bergischen Platt genannt wurde, hatte einen Eisenwarenladen und baute 1927 die heutige Autowerkstatt Bosch Müller auf. Sein Sohn Richard lernte KfZ-Elektriker beim Bosch-Dienst im Saal von Haus Billstein (Foto, später Haus Pohle). Dessen Sohn Richard übernahm den Bosch-Dienst und zog mit ihm in die heutige Werkstatt in der Altenberger-Dom-Straße 167. Der jetztige Inhaber ist der dritte Richard in der Müller-Familie. Mit Sohn Moritz sitzt die nächste Generation schon in den Startlöchern.

Thekla König war nach dem Tod ihres Mannes alleine mit zwei Kindern, einem Geschäft und einem kaputten Haus. Wie es damals üblich war, heiratete sie einen Bruder Jakobs, Martin. Doch auch dieser Ehe war kein langes Glück vergönnt, er starb 1956 an einem Herzinfarkt.

Jeden Morgen nach Köln in die Markthalle

Hans-Jakob König war derweil als Drogist in der Lehre. Nachdem die Mutter erneut alleine dastand, machte er bereits mit 17 den Führerschein, fuhr jeden Morgen um 5 Uhr nach Köln in die Markthalle, brachte Obst und Gemüse nach Schildgen und fuhr dann mit dem Mofa zu seiner Lehrstelle nach Bensberg.

„Ich durfte nur Geschäftsfahrten mit dem Auto machen“, erzählt König, „aber ich war ja nicht dumm. Abends lud ich schon mal etwas in den Kofferraum und sagte zu meiner Mutter, ich müsste was ausliefern.“ Er lacht.

Seinen Traum, nach Abschluss der Lehre zu Agfa zu gehen und mit dem brandneuen Farbfilm zu arbeiten, konnte er nicht wahrmachen. Die Mutter brauchte ihn, das Geschäft war für sie alleine zu viel.

Ab 1962 mit dem „Körbchen“ einkaufen

So stieg Hans-Jakob König mit in den Edeka-Markt ein. Und der kleine Laden entwickelte sich: 1962 bauten die Inhaber um; da, wo heute das Labor der Löwen-Apotheke ist, war das Lebensmittel-Geschäft, rechts gab es Textilien, Tapeten, Farben und Schreibwaren.

Die KundInnen konnten jetzt mit dem „Körbchen“ einkaufen gehen, davor waren sie von den Verkäuferinnen am Tresen bedient worden. 1967 folgte ein weiterer Umbau, statt Körbchen konnte man nun „Wägelchen“ durch die Regale schieben.

Willi Broich eröffnete das Fachgeschäft für Uhren und Schmuck zusammen mit seiner Frau Margret 1953. Nach seiner Prüfung zum Augenoptikermeister erweiterte er den Laden 1965 um eine Optik-Abteilung. Seit 1996 führen die Geschwister Sabine Meuten und Klaus Broich das Unternehmen. Leni Hamacher, die Tochter der Besitzer des Geschäftshauses, lebt bis heute über dem Geschäft. Die 89-Jährige führt seit ihrem 8. Lebensjahr ein ausführliches Schildgen-Tagebuch.

1973 begann die Familie, direkt nebenan zu bauen, ein Jahr später zog der Edeka-Markt in die Altenberger-Dom-Straße 129 (heute Kaspers). Nach einem weiteren Anbau 1985 wurde die Fleischabteilung eröffnet und König stellte einen Metzger ein.

„Nur Sie, Chef!“

Das Abschiedsfoto, das er 1996 von seinen MitarbeiterInnen geschenkt bekam, zeigt 23 Frauen und vier Männer. Der ehemalige Kolonialwarenladen war zu einem der größten Lebensmittelgeschäfte in der Gegend herangewachsen. Zum 1.1.1997 vermietete Hans-Jakob König an die Edeka Genossenschaft.

Doch das Geschäft lief nicht gut unter der neuen Führung. Der Mietvertrag wurde aufgelöst, und König verkaufte an Kaspers.

Der heutige Edeka in Schildgen war übrigens lange ein Spar-Markt, bis zum Bankrott der Gruppe.

Das Abschiedsfoto mit seinen ehemaligen Angestellten hängt, groß ausgedruckt und gerahmt, in Königs Küche. Bis heute trifft er sich dreimal im Jahr mit „den Damen“, wie er sagt. „Ich bin der einzige Mann“, erzählt König sichtlich stolz. „Die anderen Männer wollen sie nicht dabeihaben, sie sagen immer, ‚Nur Sie, Chef‘.“

Hinweis der Redaktion: Die Serie „Schildgen wie es war” erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd, das für 2019 den gleichnamigen Nostalgiekalender herausgegeben hat. Der Kalender zeigt eine Auswahl aus den über 100 Fotos, die Schildgener BürgerInnen dafür eingereicht haben. Wir erzählen jeden Monat die spannendsten Geschichten hinter den Bildern.

Quellenhinweise

Dem Hauptartikel liegt im Wesentlichen das Gespräch mit Hans-Jakob König zugrunde. Die Infos zu den anderen drei Geschäften stammen aus dem Pfarrarchiv der Herz Jesu Gemeinde Schildgen sowie aus verschiedenen Gesprächen, die Achim Rieks vom Himmel & Ääd mit alteingesessenen Schildgenern geführt hat. Die Fotos von der Familie König hat Hans-Jakob König zur Verfügung gestellt. Die Kalenderbilder und Fotos der anderen Geschäfte stammen von Richard Müller, Klaus Broich, dem Schützenverein Schildgen und aus dem Pfarrarchiv der Herz Jesu Gemeinde Schildgen.

Weitere Beiträge aus der Serie:

Von zähen Katholiken und der Vereinigung Schildgens

Die Kämpfe um Schildgen: ein reales Drama

„Jot esse un drenke hält Liev un Siel zesamme“

Von Steinzeit-Siedlern und mittelalterlichen Straftätern

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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2 Kommentare

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  1. Vielen Dank für diese sehr interessante Serie. Eine Frage an die (noch) älteren Schildgener/-innen: waren die Autos damals Rechtslenker? Jakob König scheint in einem Rechtslenker zu sitzen. Dass das Foto seitenverkehrt ist, scheidet durch die Schrift ja aus.

    Frank Werner

  2. Als alter Schildgener, seit 38 Jahren im Oberbergischen lebend, bin ich begeistert über die Aufarbeitung vom alten Schildgen und verfolge jeden Bericht mit Spannung.

    Nun eine Frage: Oben ist ein Bild mit einer Menschenmenge vor dem Uhrenhaus Broich. Ich erkenne meinen Vater mit einem kleinen Jungen und daneben wahrscheinlich meine Mutter. Kann man sagen, wann und zu welchen Anlass das Bild gemacht wurde? Wir sind zu 3 Brüder, 1. geb. 1944, 2. geb. 1946, 3. geb. 1951. Wir können uns nicht erklären, wer von uns Brüdern der kleine Junge sein könnte.

    Vieleicht gelingt es Ihnen, das heraus zu finden. Im voraus herzlichen Dank.