Nach dem Neustart der Critical Mass in Bergisch Gladbach in diesem Frühjahr ziehen die Teilnehmer eine positive Bilanz. „Bei der Teilnehmerzahl ist sicherlich noch Luft nach oben, aber worauf es ja vor allem ankommt ist die Stimmung unter den Fahrradfahrern, und von der war ich immer begeistert“, sagt Henning Schmitz, regelmäßiger Mitfahrer bei der spontanen Fahrradfahrt.

Text Henning Schmitz
Fotos Bernhard Werheid (ADFC)

Durchschnittlich rund 50 Teilnehmer trafen sich bei den bisher drei Terminen in diesem Jahr am zweiten Freitag des Monats am S-Bahnhof in Bergisch Gladbach, um von dort aus ihre etwa einstündige Fahrradtour mit ungeplantem Verlauf zu starten.

Ein helles Klingelkonzert läutet zum Aufbruch, dann reiht sich der Tross in den Straßenverkehr ein und fährt in eine spontane Richtung los, entschieden immer vom gerade Führenden. Zwischen dem üblichen Autoverkehr gibt der Fahrrad-Zug ein buntes Bild ab, manche Fahrradanhänger, Liege- oder Lastenräder sind echte Hingucker und von jung bis alt ist jeder vertreten.

Hier und da verbreitet Musik aus portablen Lautsprechern gute Laune, weiter hinten tauscht man sich engagiert über die Fahrradpolitik in Bergisch Gladbach aus. Der Flashmob bewegt sich dabei im Rahmen der Straßenverkehrsordnung, wo im Verband fahrenden Fahrradgruppen erlaubt wird, nebeneinander zu fahren und Kreuzungen auch nach dem Ende der Grün-Phase einer Ampel weiter zu queren, um die Gruppe nicht teilen zu müssen.

„Die Autos müssen halt mal warten. Aber die meisten Autofahrer begegnen dem mit Geduld oder sogar Unterstützung, auch wenn sie erstmal etwas verblüfft sind“ berichtet Bernhard Werheid, ebenfalls regelmäßig bei der Tour dabei und nebenbei noch Vorsitzender des ADFC Bergisch Gladbach.

„Die Critical Mass ist wirklich eine tolle Möglichkeit für Fahrradfahrer, auf sich aufmerksam zu machen und ein Zeichen zu setzen für ihre Bedürfnisse im Straßenverkehr.“

Das Event ist aus den umliegenden Großstädten nach Bergisch Gladbach gekommen, in Köln, Leverkusen, Düsseldorf oder Wuppertal ist die Critical Mass schon seit Jahren etabliert. Bei schönem Wetter fahren dort bis zu tausend Fahrradfahrer mit und nehmen die sonst autobeherrschten Straßen für sich ein, um für die Mobilitätswende zu kämpfen.

Das Konzept ist dabei immer das gleiche: einmal im Monat an einem festen Termin und Treffpunkt kommen möglichst viele Fahrradfahrer*innen zusammen und fahren eine nicht vorgegebene Rundfahrt durch ihre Stadt, um sich als relevante Masse im Straßenverkehr zu zeigen und für die Verbesserung der Fahrradbedingungen einzustehen. M

an versteht sich dabei als Teil des Verkehrs und will als dieser auch von Politik und Verwaltung wahrgenommen werden, gleichberechtigt zum Autoverkehr. „Der Autoverkehr genießt in Deutschland seit Jahrzehnten Privilegien, zu denen nur schwer aufzuschließen ist. Dabei entspricht das lange nicht mehr dem Zeitgeist.

Den Bedarf an Fahrradwegen kann man eben nicht an den Menschen messen, die heute schon Radfahren, sondern vor allem an denen, die gerne Radfahren wollen, sich aber bei der derzeitigen Infrastruktur nicht trauen“, erklärt Gabi, die eigentlich aus Köln kommt und heute einen Ausflug in die Nachbarstadt macht.

Ob die etwas kuriose Veranstaltung auch in der Politik als das Zeichen erkannt wird, das die Teilnehmenden gerne setzen würden, bleibt abzuwarten. „Politik ist schwerfällig und Veränderungen lassen sich nur langsam erreichen.

Die Critical Mass kann dabei nur ein Mittel von vielen sein. Aber je mehr Menschen teilnehmen, desto größer die öffentliche Wahrnehmung. In anderen Städten hat sich schon viel bewegt, Bergisch Gladbach hat da noch Nachholbedarf“, so Bernhard Werheid vom ADFC.

Die Critical Mass Bergisch Gladbach findet jeden zweiten Freitag im Monat statt. Treffpunkt ist jeweils um 18 Uhr am S-Bahnhof Bergisch Gladbach. Die nächsten Termine sind 12. Juli, 9. August und 13. September. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, alle Fahrradfahrer*innen sind willkommen. Weitere Informationen auf www.criticalmass.de

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Der ADFC ist ein Verband von RadlerInnen, die das Ziel verfolgen, den Verkehr fahrrad- und fußgängerfreundlicher zu gestalten. Neben seinem Engagement für eine umweltbewusste und damit nachhaltige Mobilität berät der ADFC in allen Fragen rund ums Fahrrad. Eine Vielzahl von geführten Radtouren läßt...

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2 Kommentare

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  1. Nur weiter so!

    Für mich war es eine Bereicherung, am 2. Freitag im Juni zum ersten Male am „Critical Mass“ teilgenommen zu haben – und wie ich heute schon weiß, nicht zum letzte Mal. Mein Fazit: Zur fahrradgerechten Stadt Bergisch Gladbach fehlt uns noch eine ganze Menge.

    Deshalb war es auch gut, in diesem großen Pulk von Radfahrern die Straße und eben nicht die Alibiradwege nutzen zu dürfen – für eine kurze Zeit zum Leidwesen der Autofahrer, denn mit 50 gemeinsam fahrenden Radfahrern ist man auf einen Schlag ein starker Verkehrsteilnehmer. Derweil mussten sich die Autofahrer für einige Minuten geduldig hinter uns einreihen. Denn ein Überholen unserer Gruppe war schlicht unmöglich. Auf der Kempener Straße in Paffrath hat es trotzdem einer versucht. Nur gut, dass sich einer unserer Radfahrer ihm in den Weg stellte und damit eine mögliche Kollision mit dem Gegenverkehr und Radfahrern verhinderte. Fast schon amüsant war die Situation, als sich plötzlich ein geschwindigkeitslimitierter Rollerfahrer in unseren Reihen einschlich und uns mit unsagbar stinkendem Auspuff und lautem Motorengeräusch einseifte. Ansonsten, und das fand ich wirklich bemerkenswert, drückten die Reaktionen der wartentenden Autofahrer ein überaus positives Verständnis für unser Anliegen aus.

    Mein Wunsch: Beim nächsten „Critical Mass“ am 12. Juli sollte sich unsere Teilnehmerzahl mindestens verdoppeln. Vielleicht radeln dann auch einige Ratsvertreter mit, um live zu erleben, wo der Schuh drückt, und um sich davon zu überzeugen, dass es lohnt, sich für einen innerstädtischen Umstieg vom Auto aufs Fahrrad einzusetzen … unserer Stadt zu Liebe.

  2. Danke, für den netten Text und die Fotos.
    Es sind wirklich alle Fahrradfahrer willkommen und man trifft andere nette Leute. Bei der letzten CM saß der Jüngste in einem Anhänger mit seinem Comicbuch. Aber letzten Monat war eine 9-jährige mit ihrem Vater dabei und hat ganz toll als Selbstfahrerin durchgehalten. Respekt.
    Ich mache diese Anmerkungen, damit eine vielleicht noch bessere Selbsteinschätzung möglich ist. Es ist nämlich nicht so, dass man einen Motor braucht, um mitzuhalten. Es reicht, wenn die Reifen prall gepumpt und die Kette geschmiert ist. ;-)
    Die Durchtrainierten sind recht fürsorglich und kümmern sich bei Querverkehr, dass die CM die Vorfahrtsrechte ohne unnötige Verzögerungen wahrnehmen kann.