Viele der in Deutschland und einigen angrenzenden Länder mit mehr oder weniger originellen Objekten gestalteten Kreisverkehre sind in Verruf geraten – gelten sie doch als unfallverschärfende Straßenkunst. Das trifft auch auf die Pläne für den Turbokreisel Schnabelsmühle zu. Ein Plädoyer für ein Umdenken.

Allein in Baden-Württemberg ereignen sich pro Jahr 2.500 Kreisverkehrsunfälle, etwa 400-mal kommt es dabei zum „Aufprall auf ein Hindernis“… (DER SPIEGEL 28, 2019).

Kreisverkehr in Binzen. Foto: Google Earth

So wird in der kleinen Gemeinde Binzen bei Lörrach um Erhalt bzw. Rückbau eines großen Objektes gerungen, Kreisverkehre in Zerf, Würzbacher Kreuz, Kadelburg und Mahlberg bei Offenburg sind bereits abgeräumt.

Die Stahlskulptur in Binzen bewegt viele Menschen: Mit hohen Kosten für Gutachten und Gegengutachten, mit engagierten Online-Petitionen, mit großem Verwaltungsaufwand. Die Skulptur sollte – da sie nachweislich ein hohes Risiko für die Verkehrssicherheit ist – entfernt werden. Inzwischen wird ihr Bleiben akzeptiert, wenn rigide Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen werden: Schutzplanken, ein spezieller Straßenbelag, ein tiefes Kiesbett rundherum, Markierungen und Reflektoren. Geschätzte Kosten über 150 000 Euro.

In unserem Schnabelsmühlen-Kreisel soll ein mit Texten versehener, nachts leuchtender, meterhoher Aluminium-Ring auf die Papiertradition der Stadt hinweisen. Ein schönes Objekt als potentielles Unfallrisiko.

Das bisher etwas vernachlässigte Problem: Kaum jemand kann während der Fahrt durch den Kreisel – egal ob am Tage oder nachts – die Texte lesen, ohne sich und andere zu gefährden. Lesen kann man die Texte erst, wenn man nach einem Unfall beim Warten auf Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen die nötige Muße hat. Ein Beitrag zur Verkehrsberuhigung ist das nicht.

Modellfoto: Schnabelsmühlen-Kreisel am Tage

Vielleicht helfen die Sommerferien, noch einmal in Ruhe über den Aluminium-Kreisel mit Texten nachzudenken. Vielleicht nehmen sich Mitglieder des Rates, der Verwaltung und die Initiatoren von „Best of Bergisch (BoB) noch einmal die Zeit, mit Psychologen und Verkehrsexperten der hier ansässigen Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) Gespräche über die Risiken zu führen.

Oder muss das Ding jetzt gebaut werden, nur, weil es beschlossen ist?

Modellfoto: Schnabelsmühlen-Kreisel nachts

Der Verzicht auf den Aluminium-Ring hätte viele Vorteile: Die Verkehrssicherheit wäre nicht durch Ablenkung der Autofahrer*innen beeinträchtig, also weniger Unfälle, weniger Leid, weniger Behinderungen und Staus. Bessere Überlebenschancen für Radfahrer. Polizei, Feuerwehr und Unfallretter wären entlastet.

Aktuelles Foto des Kreisverkehrs

Wir hätten freie Sicht auf den Verkehr und die Stadt, BoB könnte das eingesparte Geld in andere – dringendere und sinnvollere – Projekte stecken. Last but not least: Auf dieser Bienenweide hätten viele Insekten einen schönen Tummelplatz und Imker ihre Freude.

Der Nachteil: Unsere Stadt hätte einen ausgefallenen Kreisverkehr weniger.

Aber ich denke: Best for Bergisch.

Weitere Beiträge zum Thema:

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In die Zukunft gedacht – ein Traum

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Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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7 Kommentare

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  1. Hallo Marc Burkhardt,

    das Gras simuliert schon mal den illuminierten Alu-Ring. Das dürfte daher alles mit Absicht so sein.

  2. Die Gräser könnten bitte auch regelmäßig geschnitten werden. Gerade an der Stelle, wenn man von Bensberg abbiegt Richtung Rosengarten. Man kann dort teilweise nur schwer erkennen, ob jemand abbiegt aus dem.Kreisverkehr oder nicht.

  3. Lieber Herr Hansen
    Ich unterstütze ihre Meinung

    Zu den Contras von NichtSeneca möchte ich noch ergänzen:
    * der Ring soll aus Aluminium sein. Wir denken bitte alle mal kurz an die roten Schlammlawinen und wie Aluminum abgebaut wird.
    * Kleine Autos haben jetzt schon eine schlechte Sicht
    * Lichtverschmutzung und dadurch sterbende Nachtfalter
    * Die Idee kommt schon einmal im Bergischen vor. Einzigartig ist der Ring nicht.

    Tun wir unserer Umwelt und dem Geldbeutel einen Gefallen!

  4. Pro:
    * Nette Idee, sieht interessant aus. Das wär’s aber auch schon.

    Contra:
    * Kreisel nicht mehr einsehbar
    * Nettes kleines Biotop, das dort gewachsen ist, wird zerstört.
    * Hohe Anschaffungskosten
    * Hohe Folgekosten: Wartung & Strom für Beleuchtung
    * Bei Dunkelheit Risiko durch abgelenkte Fahrer
    * Eine weitere Quelle von Lichtsmog

    Noch Fragen?

  5. Hallo Herr Hansen,

    Danke für den Artikel!

    Zu den politischen Hintergründen:

    Wir – Die Grünen Bergisch Gladbach – haben im Verkehrsausschuss seinerzeit beantragt, dass bei der Planung / Wettbewerb eine „Ökologische Zielsetzung“ hinzuzufügen sei. Unter die Überschrift sollen die Erläuterungen „Keine Versiegelung, Bepflanzung mit heimischen standortgerechten Gewächsen – insbesondere im Hinblick auf Klimawandel und Insektenfreundlichkeit“ hinzugefügt werden.

    CDU und SPD haben seinerzeit dagegen gestimmt.

    Siehe Protokoll zur Sitzung am 5.12.2017, TOP7:
    https://mandatsinfo.bergischgladbach.de/bi/getfile.asp?id=527006&type=do

    Im Moment ist der Kreisel doch ganz hübsch – die Natur hat sich hier ein Stück Land zurückerobert. Lassen wir es doch dabei.

    Viele Grüße
    Maik Außendorf

  6. Lieber Herr Hansen,
    vielen Dank für die sehr aufschlussreichen Beispiele. Sie sprechen mir aus der Seele und Ihre Worte bedürfen keinerlei Ergänzung. Auch ich unterstütze Ihr deutliches Plädoyer gegen die Stahlskulptur. Vor allem unterstütze ich aber die Idee der Naturfläche bzw. Bienenweide. Ich würde mich freuen wenn BoB die eingesparten Finanzmittel z.B. in den Ausbau von fehlenden OGS Plätzen oder in ähnliche gemeinnützige und nachhaltige Projekte stecken würde. Vielleicht kann man damit aber auch das ein oder andere Schlagloch auf den Gladbacher Radwegen instandsetzen oder gleich an notwendiger Stelle in einen neuen investieren. Eine “Fahrradstadt” Bergisch Gladbach wäre für mich ein “leuchtendes” Aushängeschild mit Außenwirkung und Vorbildcharakter und bestimmt für viele andere fahrradfahrende Bürger “Best of Bergisch” ebenso. Ich brauche keinen beleuchteten Aluminiumring.

  7. Hallo Herr Hansen,

    genau das war auch mein erster Gedanke! Hinzu kommt noch, dass die Kunstwerke das Blickfeld ggfs. einschränken, da man nicht durch sie hindurchsehen kann um z.B. nahende Autos im Kreisverkehr zu erkennen. Das würde bei unserem Alu-Ring extrem ausfallen.

    Bereits jetzt fällt es teilweise schwer Lücken zu erkennen und korrekt abzuschätzen ob sich ein Start von der Polepostion lohnt. Das senkt natürlich den Durchsatz.

    PS: Und wenn schon Messingdüsen geklaut werden, kommt bestimmt auch irgendwer auf die Idee Alu zu demontieren. Da ist Ärger durch Vandalismus schon vorprogrammiert.