Eine kleine Portion Schwede im deutschen Michel – das wäre doch nicht schlecht? Ein bisschen mehr Gelassenheit und klare Frühlingsluft unter freiem Himmel genießen, ungefiltert. Wirklich mal den lockeren Schweden in sich zulassen?

Da sagen wohl viele: „Nein, danke.“ Schließlich sehen die hiesigen Corona-Zahlen im internationalen Vergleich doch recht gut aus – zugegeben, ein starkes Argument. 

Zug um Zug hat sich die Bereitschaft zu diszipliniertem Verhalten gesteigert: Wer jetzt die Maske beim Einkauf und im Linienbus nicht trägt, bekommt die Leviten gelesen. Und weil von früh bis in die späten Abendstunden hinein eine geballte Ladung Mahnungen, Empfehlungen, Lobeshymnen, Ratschläge, Maßnahmen und immer wieder Zahlen mit bunten Grafiken aus allen Kanälen in die Wohnzimmer prasselt, hat das kritische Denken über die Lage zwar seinen Platz im Kopf, findet aber selten den Ausgang.

So gehorchen wir, besuchen die alten Angehörigen nicht, weil dies ja untersagt ist, grüßen die Enkelkinder nur noch über den Zaun, Knuddeln hat Zwangspause. Der Krisenmodus thront über Allem.

Maske und Mindestabstand

Natürlich will jeder gesund sein und vor allem bleiben. Die Angst vor Krankheiten war immer schon da. Manche Blicke hinter den Schutzmasken spiegeln den Ernst der Lage wider: Deshalb nur rasch im Supermarkt die Regal-Runden drehen, den Mindestabstand garantiert der Einkaufswagen. Alles funktioniert.

Wir braven Folgsamen ernten Lob für das umsichtige Verhalten. Anerkennende Worte von den höchsten Stellen motivieren bekanntlich mehr als Tadel. Und doch rührt sich hier und da  Unbehagen. 

Denn diese Zeit eindringlicher Empfehlungen und neuer Regel ist die Stunde auch der Musterbürger, der Alles-Richtig-Macher, die ihre Korrektheit gerne zur Schau stellen.

Dieser Typus passt sogar mit auf, dass da niemand aus der Reihe tanzt. Als es das Pflichttragen der Maske noch nicht gibt, zeigt eine freiwillige Maskenträgerin am Obststand im Supermarkt mit ihrem Zeigefinger auf ihren Mund-Nasen-Schutz und belehrt die Nichtträgerin: „Am Montag haben Sie das auch an!“ – Alter Schwede, muss das denn sein? 

Im Bus siehst du ein paar wenige Maskenträger(-innen), weit voneinander sitzend. Feucht und unangenehm soll es unter dem selbstgenähten Schutz aus Stoff sein, wie es nicht wenige empfinden. Doch wir halten das alle tapfer aus, um den anderen zu schützen! Neuerdings mehr und mehr auch sich selbst – wird jedenfalls in plakativen Animationen nachgewiesen. Also stimmt das.

Die Idylle der Wahner Heide

Ortswechsel: Endlich frei, eine zweistündige Wanderung durch die Wahner Heide ist der Plan. Kaiserwetter krönt den Tag. Das Unterholz trägt sein frisches Grün. Der Wind weht lau. Kein Grollen startender Jets vom nahen Flughafen. Denn die Fliegerei hat ja auch ihre Zwangspause.

Der Hauptwanderweg ist breit, weil auch Radler hier radeln dürfen. Die Heidelandschaft wirkt jedenfalls beruhigend – und erinnert mich an einen „Bulli“-Trip durch Südschweden in vergangener Zeit. 

Dann drängt sich doch noch das Corona-Thema in die Idylle: Zwei Passantinnen kommen entgegen, durch die Wegbreite ist der Mindestabstand kein Problem. Kaum zu glauben: Aber die eine Wanderin trägt eine dicht schließende Nasen-Mund-Maske, die andere hat ihren Schutz zumindest unters Kinn gezogen.

Gedanke eins: Eine kleine Portion Schwede im Blut – und es gäbe für beide keine Schutzmaske an diesem Ort. Gedanke zwei: Bleib tolerant! Alles hat seinen Grund. Die Angst vor der Pandemie muss hier und da gewaltig sein.

Am Abend nehme ich mir einen Beitrag der Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh vor. Die Überschrift „Grundrechte sind kein Luxus nur für gute Zeiten“ (Magazin Focus, 15/2020) gibt die Richtung vor. Absolut lesenswert!

Die Bestsellerautorin regt zum Nachdenken über die Verhältnismäßigkeiten der Corona-Schutzmaßnahmen an. „Niemand muss aufgrund von Demokratie-Entzug in einer Schockstarre verharren“, empfiehlt sie – und rundet mit ihrer Sicht der Dinge den Tag zwischen Schweden-Erinnerung und Heide-Wanderung ab. Gut für die Seele!

Weitere Beiträge von Jo Schlösser

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.