Öffentliche Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Holocausts zum 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, sind zur Zeit nicht möglich. Daher bittet der Freundeskreis Ganey Tikva darum, mit Hilfe von zwei Texten das Gedenken privat zu gestalten. Und über Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus in unseren Tagen nachzudenken.

Corona zwingt auch dem traditionellen Gedenken an die Opfer des Holocaust Veränderungen auf. Der Freundeskreis Ganey Tikva hatte zunächst gemeinsam mit Heinz-D. Haun und Petra Christine Schiefer eine Lesung geplant.

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Als es sich abzeichnete, dass eine Präsenzveranstaltung nicht möglich sein würde, haben wir eine Liveübertragung über den YouTube-Kanal der Kirche zum Heilsbrunnen vorbereitet. Neben Begrüßung und Moderation durch Pfarrer Achim Dehmel und einem Grußwort von Bürgermeister Frank Stein waren Texte und Musikstücke geplant.

Skulptur auf dem Areal der Gedenkstätte Yad Vashem

Nun stellte sich heraus, dass auch das unter den aktuellen Bedingungen nicht möglich ist. Das bedauern wir sehr, da der Gedenktag am 27. Januar zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz der wichtigste der deutsch-jüdischen Geschichte ist.

Wir werden die geplante Veranstaltung im nächsten Jahr durchführen. Die Mitglieder des Freundeskreises – und alle anderen Interessierten – bitten wir, mit den beiden folgenden Texten das Gedenken an die Opfer des Holocaust am 27. Januar privat zu gestalten.

Es sind zwei Texte, die zum Nachdenken zwingen. Auch vor dem Hintergrund, dass Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus auch in unserer heutigen Zeit ein gesellschaftlich bedeutsames Thema ist.

Jean El-Mouhob Amrouche: Nacht

(Auszug)

Gestern. Nacht war es
Die schwarze Dunstmasse der Schwermut
stützte sich auf die dürren Bäume
Entlang einer Allee, in der fröstelnde Sterne zitterten.

Wirbel grauer Vögel
Der Fledermäuse gedämpfte Schwingen des
Lebensüberdrusses
Einzige Liebkosung auf meiner Stirn!

Und ich schritt niedergedrückt
Zwischen schweren Häusern
Häuser, Menschenhäuser:
Warum sind eure Türen verschlossen?

Der Tod streift draußen umher
Und die Schneefälle von den hohen Gipfeln der Wünsche
sind weit, sehr weit
in der Tiefe der Erinnerung, die erwacht und stirbt.

Häuser, Häuser der Menschen:
Warum öffnet ihr eure Türen nicht bei meinem Vorbeigehen?

“Tritt ein, Kind,
Hier ist dein Platz am Tisch
Es gibt Blumen
Die deine Mutter gepflückt hat für dich.

Lange bist du gewandert.
Tritt ein: Es tut gut bei uns zu sein,
Wir werden Dir ein blütenweißes Bett geben
Wo du deine Beine ausstrecken kannst.

Bald wir aus der Tiefe einer blühenden Zukunft
Die Verlobte, die versprochen ist
Deinem zerrütteten Herzen,
Dir den Frieden geben mit ihrem schwesterlichen Arm.

Walter Wehner: Das Vergangene ist nicht tot

Bearbeitung: Heinz-D. Haun

Ja, das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.

Es geht durch unsere Familiengeschichten,
es läuft galgen- und fahnenschwingend durch Dortmund und Dresden,
es jagt fremdländisch aussehende Menschen durch Chemnitz,
es zündet Flüchtlingsheime an,
es ermordet am 9. September 2000 in Nürnberg den Blumenhändler Enver Şimşek,
es ermordet am 13. Juni 2001 in Nürnberg den Änderungsschneider Abdurrahim Özüdoğru,
es ermordet am 27. Juni 2001 in Hamburg den Obst- und Gemüsehändler Süleyman Taşköprü,
es ermordet am 29. August 2001 in München den Obst- und Gemüsehändler Habil Kılıç,
es ermordet am 25. Februar 2004 in Rostock den Döner-Verkäufer Mehmet Turgut,
es verletzt 22 Menschen, vier davon schwer, bei einem Nagelbombenanschlag im Zentrum des türkischen Geschäftslebens in Köln-Mülheim,
es ermordet am 9. Juni 2005 in Nürnberg den Inhaber eines Dönerimbisses İsmail Yaşar,
es ermordet am 15. Juni 2005 in München den Inhaber eines Schlüsseldienstes Theodoros Boulgarides,
es ermordet am 4. April 2006 in Dortmund den Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık,
es ermordet am 6. April 2006 in Kassel – in Anwesenheit des Verfassungsschützers Andreas Temme – den Inhaber eines Internetcafés Halit Yozgat.

Es ermordet am 25. April 2007 die 22-jährige Bereitschaftspolizistin Michèle Kiesewetter in ihrem Dienstfahrzeug in Heilbronn,
es ermordet am 2. Juni 2019 den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor seinem Wohnhaus mit einem Pistolenschuss aus nächster Nähe,
es versucht am 9. Oktober 2019 in Halle an der Saale ein Massaker an jüdischen Besuchern einer Synagoge und erschießt zwei Personen,
es wählt am 5. Februar 2020 mit den Stimmen von Faschisten einen deutschen Ministerpräsidenten,
es ermordet am 19. Februar 2020 in der hessischen Stadt Hanau zehn Personen aus rassistischen Motiven.

Es dominiert gewaltgeladen viele Straßen in unseren Städten.

Es skandiert ungeniert Nazi-Parolen und zeigt den Hitler-Gruß.

Es steht in unseren Zeitungen.

Es steht in den Gerichtsakten.

Es steht auf unseren Straßenschildern,
auf Gedenksteinen,
in den Totenbüchern von Hadamar,
auf den Grabtafeln der jüdischen und islamischen Friedhöfe –
wir müssen nur hinschauen und es lesen.

Walter Wehner, Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.

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