Das Ensemble am THEAS macht aus der Not eine Tugend: Wenn Bühnenproduktionen mit mehrköpfiger Besetzung nicht machbar sind schaltet man sich per Zoom zur Videokonferenz zusammen, um neue Ideen zu entwickeln. Heraus kommt ein höchst gelungener Theaterfilm, als hintergründige Auseinandersetzung mit dem Phänomen dieser Zeit: Der Videokonferenz.

„Zoom und andere Katastrophen– lautet der Titel des Theaterfilms, der am Samstag seine Premiere im Internet feiert. Die Technik der Videokonferenz ist dabei der einzige Verweis auf die Pandemie. Denn „Corona sollte nicht das Thema sein”, erklärt Stephan Grösche die Richtung. Theatergänger kennen ihn seit 2011 als Regisseur und Dramaturgen am THEAS.

Ausschnitt aus der THEAS-Produktion “Zoom und andere Katastrophen”

Theater im Home-Office

Worum geht es im Film? Um Theater im „Home-Office“, das etwas anders abläuft als gewohnt. Die Akteur:innen sitzen vor ihren Bildschirmen, sehen die anderen Protagonisten in kleinen Video-Fenstern, mühen sich mit der Videotechnik ab.

Auf den ersten Blick geht es um die Absurdität der Videokonferenz. Um übliche Fragen wie „KÖNNT IHR MICH SEHEN? – JA WIR SEHEN DICH!” Um die wunderbaren Echos der Audio-Schleifen, die durch Rückkopplung entstehen.

Gezeigt wird das klaustrophobisch wirkende Zusammenrücken auf dem Bildschirm. Der Einblick in fremde Wohnungen. Die abstruse Nähe, die durch Videokonferenzen entsteht. In der Pandemie, die doch so sehr auf Distanz setzt.

Die charakteristische Anordnung der Videobilder im Chat wird dabei gekonnt variiert und neu montiert, sie spielt mit der Omnipräsenz des Gegenübers. Die Artefakte der Videokonferenz werden als Teufel im Technikdetail lebendig, fungieren aber auch als Stilmittel auf der Bühne. Das sind feine Zitate, ironische Streicheleinheiten für die geplagte Zoom-Seele.

Theaterfilm: Zoom und andere Katastrophen
Premiere: Samstag. 6. März
Verfügbar: 14 Tage ab Premiere
Anmeldung: Mailversand des Zugangs-Link über die THEAS Webseite

Zugang zur Welt der Darsteller

Die Zoom-Technik ist aber mehr als eine reine Blaupause über den kuriosen Kampf des Menschen mit einer widerspenstigen Technik. Denn Zoom wird zugleich als Schnittstelle zu Alltags-Szenen der Ensemble-Mitglieder eingesetzt. Untersucht wird die Frage: Was geschieht eigentlich hinter der Oberfläche der Videokonferenz?

Und so blendet der Film der Reihe nach in die Welt seiner sechs Protagonisten, flankiert durch einen ironischen, teils charmant-frechen Erzähler. Der Film beantwortet in Theaterszenen Fragen, die sich mitunter jeder schon einmal während einer Zoom-Sitzung gestellt hat: „Wo kommt der gerade her?”, „Welches Zimmer ist das?”, „Warum ist die oder der schon wieder unpünktlich?”

Ausschnitt aus der THEAS-Produktion “Zoom und andere Katastrophen”

Anregung zur Selbstreflexion

Inspiriert sind die Texte u.a. von Dürrenmatt, Shakespeare, Christian Dietrich Grabbe und anderen. Regisseur Grösche hat die Versatzstücke gekonnt zu einem rasanten Stück verwoben, das mehr Tiefgang bietet, als der Titel der Produktion vielleicht vermuten lässt.

Es ist entlarvend, wenn der Film hintergründig an die Alltagssituationen anknüpft, die jeder kennt: Weiße Lügen bei Unpünktlichkeit. Die kleine verbale Entgleisung in der Beziehung, die tiefere, zwischenmenschliche Risse offenbart als man sich selbst eingestehen mag. Das Gewohnheitstrinken.

Selbstbetrug und Selbstzweifel. Schönheitswahn und Selbstoptimierung, koste es was es wolle. Isolation und Einsamkeit, trotz scheinbarer Nähe im Netz. Aus dem Alltag ausbrechen – um ein Glas Wein in einem Land zu trinken, wo die Trauben wachsen.

Damit wird nicht zuletzt die Leistung des Films offenbar: Sie regt den Betrachter über ein vertrautes Setting zur Selbstbetrachtung an. Zur Reflexion über den eigenen Alltag. Sehr assoziativ und tiefgründig. Und letztlich wird klar: Je mehr sich die Gesellschaft in virtuelle Räume zurückzieht, desto mehr verrät das Individuum über sich selbst.

Zoom und andere Katastrophen – Theaterfilm des THEAS

Darsteller:innen THEAS Ensemble: Frank Albrecht, Christoph Breuer, Silvia Gimbel, Kornelia Eng-Huniar, Christa Hansen, Helena Rheda, Susanne Rosenbaum 

Idee, Bühne, Kamera, Filmschnitt, Text, Regie: Stephan Grösche

Hybrid-Theater

Spannend ist das Format: Der Theaterfilm ist eine Hybridproduktion. Während die Videokonferenzen per Zoom gespielt und aufzeichnet wurden, sind die eingeblendeten Szenen größtenteils auf der Bühne des THEAS entstanden. „Unter Einhaltung der AHA-Regeln, mit maximal zwei Darsteller:innen”, sagt Grösche.

Gefilmt wurde dabei als One Take, also als ungeschnittene Aufnahme. Produziert mit drei Kameras, entsteht im Schnitt ein filmischer Eindruck, der dennoch Theater-Feeling rüberbringt. Das ist ästhetisch klug konzipiert. Der etwas schwache Ton der szenischen Einspielungen wird damit schnell zur Nebensache.

„Es ist etwas anderes, auf der Bühne zu inszenieren als mit der Kamera. Die Bühne ist ein Bild, im Film muss ich dies anders auflösen. Eine völlig neue Erfahrung für mich”, beschreibt Grösche die Produktion seines ersten Theaterfilms rückblickend.

Ausschnitt aus der THEAS-Produktion “Zoom und andere Katastrophen”

Digitales Theater benötigt digitalisiertes Theater

„Zoom und andere Katastrophen” ist die erste Produktion unter der neuen Intendantin Claudia Timpner. „Es war klasse zu erleben, wie das THEAS Ensemble diesen inneren Zug entwickelte, den Film auf die Beine zu stellen”, freut sich Timpner. „Auf der Bühne eine Rolle zu entwickeln, das ist schon nicht ohne. Während der Pandemie aber umzuswitchen und in so kurzer Zeit eine neue Produktion zu realisieren – das steht für das Engagement des gesamten Ensembles.”

Claudia Timpner hatte bereits angekündigt, verstärkt auf die Digitalisierung zu setzen. Das hapere jedoch zuweilen an banalen Dingen wie langsamem Internet, gibt Timpner einen kleinen Einblick in die Produktionsbedingungen am THEAS.

Die Produktion „Zoom und andere Katastrophen” zeigt auf hohem künstlerischen Niveau, was Kunst und Kultur, was das Theater leistet, wenn das Digitale spielerisch einbezogen wird. Es an schnellem Internet scheitern zu lassen, das wäre eine weitere Katastrophe, zusätzlich zu Zoom.

Fotos: Stephan Grösche / THEAS Theater

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Das ist eine super Idee! Danke für die kreative Umplanung. Das Theater bietet den Film kostenlos an – hat aber ein Spenden-Konto – auch eine gute Idee.