Monika Hiller ist Inklusionsbeauftragte der Stadt Bergisch Gladbach. Fotos: Thomas Merkenich

Nicht nur Treppen sind Barrieren für Menschen mit Behinderung, viele Barrieren verbergen sich im Alltag und in unseren Köpfen. Im 6. Teil unserer Serie schildert Gastautorin Monika Hiller Begegnungen mit vielen hilfsbereiten Menschen. Und warum sie mit ungefragter Hilfe immer mal wieder ein Problem hat.

Von Monika Hiller

Vorweg möchte ich klarstellen, dass ich Hilfsbereitschaft sehr zu schätzen weiß und ebenso dankbar bin, dass es sie gibt. Dennoch sind die Grenzen fließend und Hilfsbereitschaft kann bisweilen in Übergriffigkeit oder Bevormundung übergehen.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht!

Ich bin mit meinem Scooter in einem Kaufhaus in der Abteilung „Damenbekleidung“ unterwegs. Ich nehme mir das ein oder andere Kleidungstück vom Ständer, um es mir genauer anzusehen. Nach einer Weile kommt eine Dame eilenden Schrittes auf mich zu, nimmt mir wortlos den Bügel aus der Hand und hängt das Kleidungsstück wieder auf den Ständer zurück.

„Moment, ich war noch nicht fertig, ich möchte es mir noch ansehen“, wollte ich noch sagen, aber die Dame war bereits in den Weiten des Kaufhauses verschwunden. Ich seufzte, während ich mir das Kleidungsstück zurückholte, wahrscheinlich wollte Sie nur behilflich sein.

Im Supermarkt

Nach dem Aufenthalt im Kaufhaus noch kurz in den benachbarten Supermarkt rein. Ich hatte vorhin eine Sache vergessen und wollte sie noch schnell kaufen. Ich stehe an der Kasse, die Kassiererin bemerkt mich und ruft eilig, fast panisch nach einem Kollegen. „Owei“, denke ich, „habe ich etwas angestellt, wohlmöglich in Gedanken etwas eingesteckt, was wie Diebstahl wirkte“? Ich war an der Reihe, mein Artikel lag auf dem Band.

Der angeforderte Kollege war mittlerweile eingetroffen, die Kassiererin gestikulierte mit dem Kopf in meine Richtung. Es wurde ernst! Jetzt wurde ich überführt!  Sie scannte meinen Artikel ein und guckte mich ganz ungläubig an: „Sie haben nur diesen einen Artikel?“, „Ja“, sagte ich verunsichert. „Ach, dann brauchen Sie ja gar keine Hilfe.“

Jetzt wurde mir klar, dass sie den Kollegen deshalb gerufen hatte, weil er mir beim Einpacken helfen sollte. Wie schon vor einiger Zeit, als meine Waren ungefragt in meinem Korb meines Scooters eingeräumt wurden. Natürlich wollte auch diese Kassiererin nur behilflich sein……

An der Ampel

Ich bin Streckenposten bei einer Fahrradprüfung einer Schule. D.h. ich bin dafür zuständig, zu gucken, dass die Schüler an einer vielbefahrenen Kreuzung in die richtige Richtung fahren. Deshalb stehe ich mit meinem Scooter auf dem Bürgersteig unmittelbar an einer Ampelanlage und harre der Dinge.

Ich habe gar nicht gewusst, dass ich so hilflos aussehe. Der Fahrer des ersten Autos an der Ampel kurbelt die Scheibe runter, fragt, ob er mir helfen könne, der 2., der 3., ……unendlich oft sage ich meine Sätzchen auf: „Es ist alles in Ordnung, vielen Dank der Nachfrage!“. Ein wenig strengt es an, außerdem habe ich ja eigentlichen einen Job und der lautet nicht „gebetsmühlenartig zu erklären, warum ich hier stehe.“ Aber alle diese Autofahrer wollten natürlich nur behilflich sein….

An der Baustelle

London – Westend. Ich stehe auf einem Bürgersteig und warte auf meine Verabredung. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass vor mir eine Baustelle war. Erst als die Maschinen gestoppt wurden und ein Bauarbeiter auf mich zukam, ist es mir aufgefallen. Der englische Bauarbeiter gab mir zu verstehen, ich könne nun sicher die Straße überqueren, was ich aber gar nicht wollte. Ich wartete ja nur.

Mit meinem wenigen Englisch-Kenntnissen bedankte ich mich und erklärte, warum ich hier stehe. Dass die Maschinen meinetwegen gestoppt wurden, war mir irgendwie schon fast unangenehm. Aber auch dieser englische Bauarbeiter wollte behilflich sein.

Hilfsbereitschaft ist wunderbar

Unzählige solcher Situationen kenne und erlebe ich. Immer versuche ich freundlich zu erwidern, dass ich keine Hilfe benötige und höre mich artig für das Angebot bedanken. Ich weiß sehr wohl, dass es immer gut gemeint ist. Es soll auch kein Vorwurf sein. Ich möchte auch keineswegs den Eindruck erwecken, dass ich mich über zu viel Hilfsbereitschaft beklagen möchte. Es ist wunderbar, dass es sie gibt und in vielen Situationen ist sie auch Gold wert. 

Innerlich frage ich mich allerdings schon, warum diese stetigen Hilfsangebote besonders Menschen mit Behinderung zuteilwerden. Ein Grund könnte sein, dass man als gesunder Mensch die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung nicht einschätzen kann. Vielleicht kann sich der gesunde Mensch nicht vorstellen, wie er selbst mit einer Behinderung zurechtkäme.

Expert:innen im Umgang mit den Widrigkeiten des Alltags

Aber Menschen mit Behinderung haben genau das ihr Leben lang gelernt. Sie können Dinge des alltäglichen Lebens auf Ihre Art bewältigen und sollte es einmal nicht funktionieren, sind sie meist durchaus in der Lage, um Hilfe zu bitten.

Welchen Sinn würde es machen, hätte ich tatsächlich ein Problem mit meinen Scooter, mich gut gelaunt auf einer Bürgersteig zu stellen und abzuwarten, ob jemand behilflich ist?

Und glaubt der Mitarbeiter im Supermarkt tatsächlich, ich mache einen Großeinkauf, ohne zu wissen, wie ich Waren bewegen und verstauen könnte?

Menschen mit und ohne Behinderung müssen sich viel besser kennenlernen dürfen, um einander zu verstehen. Dann wüsste der Mensch ohne Behinderung, dass sein Gegenüber um Hilfe bitten würde, wenn es wirklich nötig ist, und der Mensch mit Behinderung wäre nicht genervt von etwas, was eigentlich eine gute Sache ist, nämlich die Hilfsbereitschaft. 

Monika Hiller

ist selbst kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach und als Inklusionsbeauftragte für Inklusion und Abbau von Barrieren im Stadtgebiet zuständig. Die Texte dieser Serie sind reale Geschichten und sollen auf humoristische Weise für das Thema „Barrieren“...

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1 Kommentar

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  1. Hallo, Frau Hiller!
    Ich lese ihre Artikel sehr gerne und ich glaube, auch den Humor dahinter zu spüren. Kann mir aber auch die nervige Komponente gut vorstellen. Trotz meiner kernigen Gesundheit benötige ich manchmal Hilfe, wenn ich mit meiner schweren Einkaufstasche in den Bus will oder wieder raus. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass man nur den Mund aufzumachen und um Hilfe zu bitten braucht und sie wird großzügig gewährt. Ich gewähre sie auch. Ihre Beiträge machen auch sensibel für die alltäglichen Unmöglichkeiten für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. So neulich an der Kasse bei Marktkauf.

    Hinter mit stand eine Frau in einem Scooter und hatte etliche Sachen eingekauft. Mir viel auf, dass alles an der Kasse eigentlich viel zu hoch für sie war und fragte schon vorab, ob sie Hilfe braucht am Band oder beim Einpacken. “Nein, danke, ich komm klar”, war die Antwort.

    Das Problem ist, dass man nicht weiß, ab wann diese Fragen nerven. Aber grundsätzlich ist es vielleicht besser, einmal zu oft, als einmal zu wenig zu fragen. Denn wenn man wirklich auf Hilfe angewiesen wäre und niemand würde fragen, oder sie anbieten, das wäre dann die traurige Kehrseite der Medaille.

    Grundsätzlich kostet Fragen ja nichts. Nur manchmal vielleicht einen Nerv? Ich hoffe, dass sie Ihre gute Laune darüber nicht verlieren. Bleiben sie standhaft. :)