Für die Betroffenen sind die Folgen des Hochwassers noch lange nicht bewältigt; entsetzt reagieren daher einige auf die Ankündigung der Stadt Bergisch Gladbach, in der Innenstadt den Grundwasserspiegel ansteigen zu lassen. Auf die Gefahr hin, dass erneut Keller nass werden. Allerdings hat die Stadt dafür einen guten Grund.

„Um Erkenntnisse über das Grundwasserverhalten zu erlangen“ stellt die Stadt Bergisch Gladbach ab Montag (9.8.2021) eine Pumpe in der Innenstadt ab, die bislang Wasser für die Papierproduktion von Zanders aus dem Grundwasser entnommen hat, teilte sie jetzt mit.

Zwar wird gleichzeitig eine neue städtische Pumpe an der Buchmühle in Betrieb genommen – dennoch könnte dieser „Pumpversuch“ dazu führen, dass es „bei Gebäuden in der Stadtmitte zu Vernässungen kommt“, räumt die Stadt ein.

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Kein Wunder, dass einige der Betroffenen des Hochwassers vom 14. Juli allergisch reagieren – und sich zu Versuchskaninchen degradiert fühlen.

Die Stadt räumt ein, dass der Zeitpunkt so kurz nach der Flutkatastrophe „alles andere als optimal“ sei. Es gehe jedoch darum, mögliche Wasserschäden von den Gebäuden fernzuhalten, ein früherer oder späterer Zeitpunkt sei nicht möglich.

Um das zu verstehen muss man ein wenig weiter ausholen.

Sieht aus wie die Rochuskapelle – ist aber ein Pumpenhäuschen, mit dem Zanders auf dem Gelände der Alten Dombach Grundwasser nach oben holte. Foto: Thomas Merkenich

Die Papierfabrik Zanders hatte seit Jahrhunderten riesige Mengen von Grundwasser im Quellbereich der Strunde in Herrenstrunden und in der Stadtmitte hochgepumpt und für die Papierproduktion genutzt. Doch mit der zweiten Insolvenz steht die traditionsreiche Fabrik still, Wasser wird eigentlich nicht mehr benötigt.

Noch wird das Wasser von der Zanders Abwicklungs GmbH genutzt, aber damit soll schon Ende August Schluss sein. Das habe die Abwicklungs GmbH bereits mitgeteilt, erläutert die Stadt auf Nachfrage des Bürgerportals.

Und auch die Stadt darf das Wasser nicht einfach hochpumpen – denn das Recht zur Entnahme von Grundwasser ist eben nur zur Produktion von Papier erlaubt. Auf diese Vorschrift pocht der für das Wasserrecht zuständige Rheinisch-Bergische Kreis.

Das Pumpenhaus an der Schnabelsmühle. Foto: Thomas Merkenich

Was passiert, wenn die Pumpen abgestellt werden, weiß niemand genau. Weil Zanders das Wasser länger abgepumpt hatte, als sich irgendjemand erinnern kann. Die Absenkung des Grundwasserniveaus in der Innenstadt sei „historisch“, so die Stadtverwaltung.

Wer in den letzten 100 Jahren in der Innenstadt gebaut hatte, hatte den natürlichen Wasserstand gar nicht kennen können und auch nicht berücksichtigt. Das wird jetzt zum Problem.

Denn es liegt die Vermutung nahe, dass mit dem Aus von Zanders das Grundwasser steigt, womöglich um mehrere Meter, in die Keller hinein. Schon früher war in der Weihnachtspause, wenn kein Papier produziert worden, das Grundwasser in die Tiefgarage des Bergischen Löwen gelaufen.

Grundwasser in der Tiefgarage des Bergischen Löwen. Foto: Thomas Merkenich

Wer haftete für mögliche Wasserschäden?

Daher sieht sich die Stadtverwaltung jetzt unter einem hohen Zeitdruck, die Lage zu klären. Ab Montag, unter „fachgutachterlicher Aufsicht“, will sie den beschriebenen Pumpversuch sieben bis zehn Tage lang durchführen.

Dabei sollen die Pegelstände laufend kontrolliert werden, um Schäden zu vermeiden. Gleichzeitig fordert die Stadt die Anwohner:innen auf, ihre Keller genau zu beobachten – und sich zu melden, sollte es „zu Vernässungen“ kommen.

Kontaktdaten für Meldungen:
Festnetz: 02202 – 14 2932
Mobil: 0178 – 8450802
Mail: d.reuscher@stadt-gl.de.

Genau das löste bei einigen Betroffenen Protest aus. Sie sollen nun als Versuchskaninchen herhalten? Und wer kommt für mögliche Schäden auf?

Auf jeden Fall nicht die Stadt, sie ist nach eigener Einschätzung nur für die Prävention verantwortlich. „Der Schutz der Gebäude – auch vor eindringendem Grundwasser – ist Sache der Eigentümerinnen und Eigentümer. Für Feuchtigkeitsschäden kann die Stadt daher nicht aufkommen“, bekräftigte sie auf Nachfrage mit.

Aber sie betont gleichzeitig, dass es ihr ja gerade darum geht, Schaden von den Anwohner:innen abzuwenden – und appelliert, auch die Alternative zu betrachten:

„Würde kein Pumpversuch durchgeführt und keine langfristige Absenkung des Grundwassers durch die Stadt angestrebt (wozu sie nicht verpflichtet ist), so würde sich ab dem 1.9.21 der natürliche Wasserstand einstellen. Dies würde aller Voraussicht nach zu einem sehr viel größeren Schadensausmaß führen, als die Folgen des kontrollierten Pumpversuches. Die Stadt möchte sich durch den Pumpversuch folglich in die Lage versetzen, das Hab und Gut der Bergisch Gladbacherinnen und Gladbacher in bestmöglicher Weise zu schützen.“

Der Weg dafür ist vorgezeichnet: mit guten Argumenten kann die Stadt beim Kreis womöglich eine Ausnahme erwirken, und das Recht erhalten, den Grundwasserspiegel weiterhin niedrig zu halten. Dafür benötigt die Stadt jedoch Daten – und genau die sollen beim kontrollierten Pumpversuch ab Montag gesammelt werden.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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6 Kommentare

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  1. @Klaus Wagner: Ja, es gibt eine Art Grundwasserkataster im Kreis. Darin werden die Messwerte der verschiedenen Messbrunnen und die anderer Bohrungen ausgewertet. Als ich vor einiger Zeit eine Brunnenbohrung für einen Bewässerungsbrunnen beim Kreis angezeigt habe, konnte mir die Fachabteilung etwa auf den halben Meter genau sagen, ab welcher Tiefe ich mit Wasser rechnen könne.

  2. Entweder in der Apotheke oder im Restmüll. Auf der Seite des Abfallwirtschaftsbetriebs heißt es dazu:

    „Der richtige Weg ist, dass Reste von Arzneimitteln über die Restmülltonne zu entsorgen sind, weil sie dann regelmäßig in Müllverbrennungsanlagen beseitigt werden. Insbesondere ist es kein Umweltschutz, wenn z. B. kleine Glasflaschen mit Resten eines Antibiotikums im Waschbecken ausgespült werden, um diese kleinen Glasflaschen in den Glascontainer werfen zu können oder nicht benutzte Tabletten in der Toilette schlichtweg herunter gespült werden. Die Kläranlagen sind grundsätzlich nicht darauf ausgelegt, die Reste von nicht eingenommenen oder ungebrauchten Medikamenten vollständig aus dem Abwasser zu entfernen. Der Entsorgungsweg über das Restmüllgefäß ist daher eindeutig der richtige und umweltgerechte Entsorgungsweg.“

    https://www.bergischgladbach.de/schadstoffe.aspx

  3. Mir ist unverständlich, warum sich der Kreis gegen ein gesteuertes Abpumpen sträubt. Man hat doch einen massiven Eingriff in den Grundwasserhaushalt für die industrielle Entnahme zugelassen und ist dadurch jetzt auch mitverantwortlich für einen gesteuerten, möglichst schadenfreien Rückbau. Nach Wegfall solch massiver langjähriger Eingriffe ist wohl ein dauerhaftes Grundwassermanagement im Entnahmegebiet erforderlich um Schäden an Statik von Gebäuden und deren Durchnässung zu verhindern. Was geschieht aber mit abgepumptem Grundwasser bei dauerhaftem Abpumpen? Dies wertvolle Wasser sollte nicht einfach in das Abwassersystem geleitet werden, sondern nach Möglichkeit in Waldgebiete und Feuchtbiotope, zB im Refrather Forst. Nach den zurückliegenden Dürrejahren würde die Natur sicher von einem Grundwasseranstieg profitieren. Gibt es eigentlich so etwas wie ein Grundwasser-Kataster in Bergisch Gladbach ? Wenn ausreichend Messstellen vorhanden sind sollte man doch durch Regelung Schäden vermeiden können. Die gelegentlichen Wassereinbrüche in der Tiefgarage könnten auch auf die unmittelbare Nähe zur Strunde und Baufehler zurückzuführen sein. In manchen Teilen des Ruhrgebietes werden solche Probleme als „Ewigkeitslasten“ des Bergbaues betrachtet. Hat man hinsichtlich Zanders-Insolvenz-Masse-Verwertung ähnliche Überlegungen für Rücklagen ?

  4. Armes Deutschland, wir ersticken in Verwaltungsvorschriften.
    Wir brauchen eine Rechtsreform, das muss alles viel direkter und schlanker werden.

    Der Bürgermeister kann nix machen, weil der Landrat zuständig ist?
    Und so geht das immer weiter, Verwaltungsgerichte brauchen Jahre um die Sachverhalte zu klären.