Das Dietrich-Bonhoefer-Gymnasium. Foto: Thomas Merkenich

Die Stadtverwaltung hatte im Juli gemeldet, dass man Landesmittel nutzen wolle, um Luftfilter für die Schulen zu kaufen. Doch nun rudert sie zurück. Die Bestandsaufnahme habe gezeigt: In Bergisch Gladbach gibt es gar keine Schulräume in der förderungswürdigen Kategorie. Ob die Stadt nun Luftfilter auf eigene Kosten ohne NRW-Förderung kauft, ist offen. Dazu gebe es aus der Politik noch keine klare Haltung, heißt es im Rathaus. Damit bleibt es zum Schulstart bei Maske, Tests und Lüften.

Die Stadt wolle Fördermittel des Landes in Anspruch nehmen, um Luftfilter für die Schulen zu erwerben, hieß es am 20. Juli aus dem Rathaus. Dazu wolle man eine Bestandsaufnahme der Schulräume durchführen.

Diese liegt mittlerweile vor. Auf eine Anfrage des Bürgerportals teilt die Stadt mit, dass es in Bergisch Gladbach keine Schulräume gebe, die unter die geplante Förderung fallen würden. Im Raum steht die Eigenfinanzierung, doch da sei die Meinungslage innerhalb des Stadtrats noch offen.

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Die Anschaffung von weiteren Luftfiltern für die Schulen der Stadt hängt mithin in der Luft. 

Nur Räume mit guter Lüftungsmöglichkeit

Zwar gibt es noch keine verbindliche Förderrichtlinie. Aber die Eckpunkte zur Vergabe der Fördermittel stehen gleichwohl fest. Dazu muss man etwas ausholen:

Grundlage der geplanten Förderung mobiler Luftfilter ist eine Bewertung des Umweltbundesamtes (UBA) für die Bundesregierung. Dieser Empfehlung folgen Bund und Länder.

Demnach seien nur Schulräume der Kategorie zwei bei der Vergabe von Mitteln zur Anschaffung von Luftfiltern förderungswürdig, erklärt das Rathaus. Grob ließen sich dem UBA zufolge die Schulräume in Bergisch Gladbach wie folgt einteilen:

1. Kategorie: Räume mit guter Lüftungsmöglichkeit (Frischluftzufuhr über stationäre raumlufttechnische Anlage und/oder Fensterlüftung). Diese Voraussetzungen sind in der Mehrzahl der Schulräume gegeben.

In Räumen der Kategorie 1 ist der Einsatz mobiler Luftreinigungsgeräte nicht notwendig. Die gleichzeitige Anwendung von Lüftung und der Einhaltung der AHA-Regeln ist aus innenraumhygienischer Sicht umfassend und ausreichend für den Infektionsschutz gegenüber dem Corona-Virus.

2. Kategorie: Räume mit eingeschränkter Lüftungsmöglichkeit (keine raumlufttechnische Anlage mit Frischluftzufuhr im Einsatz, Fenster nur kippbar bzw. Lüftungsklappen mit minimalem Querschnitt). Der Anteil solcher Klassenräume liegt bei rund 15 bis 25 Prozent.

In Räumen der Kategorie 2 kann als technische Maßnahme die Zufuhr von Außenluft durch den Einbau einfach und rasch zu installierender Zu- und Abluftanlagen erhöht werden (z.B. Wand-, Rohr-, Fensterventilator).

Alternativ ist der Einsatz mobiler Luftreiniger sinnvoll, da sie die Virenlast senken können, sofern die Geräte auf ihre Wirksamkeit geprüft wurden sowie fachgerecht positioniert und betrieben werden.

3. Kategorie: Nicht zu belüftende Räume. Räume der Kategorie 3 werden aus innenraumhygienischer Sicht für den Schulunterricht nicht empfohlen. In solchen Räumen reichern sich ausgeatmetes Kohlendioxid und Feuchtigkeit rasch zu hohen Werten an. Auch viele gasförmige chemische Schadstoffe verbleiben im Raum.

Der Einsatz von Luftreinigern in solchen Räumen ist nicht sinnvoll, da keine Frischluft zugeführt wird und kein Luftaustausch stattfinden kann.“

Warum wird nur Kategorie zwei gefördert? Laut UBA könnten mobile Luftreiniger zwar grundsätzlich einen Beitrag leisten, kontaminierte Raumluft – je nach Filtergüte – von Viren zu befreien, allerdings führten sie keine Frischluft zu, schreibt das Rathaus in seiner Antwort auf die Anfrage des Bürgerportals.

Eine wirksame und nachhaltige Virenreduktion in Innenräumen sei aber am besten durch die Zuführung von Frischluft (Austausch der Raumluft und Reduktion der Luftfeuchte) erreichbar. Daher werde der Einsatz von mobilen Luftreinigungsgeräten vom Umweltbundesamt (UBA) nur für die Kategorie 2 empfohlen.

Die GL Service gGmbH liefert Pakete mit den Selbsttests an die Schulen aus (Schuljahr 2020/2021): Andere Maßnahmen als Tests und Einhaltung der AHA-Regeln sind nicht in Sicht

Festlegung im NRW-Ministerium

Verbindliche Förderrichtlinien sind auf Basis dieser Bewertung noch nicht festgelegt worden. Festgelegt hat sich jedoch bereits Ina Scharrenbach, NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung (MHKBG). In einer Videokonferenz vom 28. Juli habe sie den Kommunen laut Rathaus mitgeteilt: „Gegenstand des zur Zeit in der finalen Abstimmung befindlichen Förderprogramms werden definitiv nur Räume der Kategorie 2 sein. Es besteht keine Aussicht darauf, dass sich daran noch etwas ändert.“ Für die Stadt nahm Bürgermeister Frank Stein an der Konferenz teil.

Dass die Verhandlungen zur entsprechenden Bund-Länder-Verwaltungsvereinbarung noch nicht abgeschlossen sind ist angesichts der Konsequenz für Bergisch Gladbach dann schon zweitrangig. Die Vereinbarung werde noch im August erwartet, anschließend gebe es die NRW-Förderrichtlinie.

Sieben Millionen Euro bei Eigenfinanzierung

Nun könnte die Stadt mobile Luftfilter für ihre Klassenräume der Kategorie 1 aus eigenen Mitteln besorgen. Wie gesagt: Ohne Fördermittel, finanziert aus dem städtischen Haushalt.

Das würde jedoch teuer: „Eine flächendeckende Beschaffung würde Investitionskosten von circa sieben Millionen Euro sowie erhebliche laufende Kosten auslösen. Die hierfür notwendigen Deckungsmittel müssten durch Streichungen an anderer Stelle im investiven Kernhaushalt mobilisiert werden“, erklärt das Rathaus dazu dem Bürgerportal. 

Die Frage, ob nun für die nicht geförderten Raumkategorien mobile Luftreinigungsgeräte angeschafft werden, werde aktuell zwischen Verwaltung und Politik erörtert. „Sie ist noch nicht abschließend politisch entschieden“, erklärt ein Sprecher der Verwaltung.

Die Ratsfraktionen seien mit Schreiben vom 30. Juli 2021 über die Zusammenhänge ausführlich informiert und um Rückmeldung gebeten worden, aber „ein belastbares Meinungsbild des Rates dazu liegt der Verwaltung bisher nicht vor.“

Keine neuen Schutzmaßnahmen zum Schulstart

Heißt konkret: Zum Schulstart sind die Kinder ohne mobile Luftfilter in den Klassenräumen unterwegs. Von neuen Schutzmaßnahmen keine Spur.

„Es gelten weiter die bisherigen Regeln zur Maskenpflicht im Gebäude, Abstand, Hygiene, Lüften etc.“, heißt es im Rathaus. Hinzu kämen zweimal wöchentlich entsprechende Tests, die kostenfrei bleiben. Weitere Maßnahmen seien nicht geplant. 

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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8 Kommentare

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  1. @Kickuth
    Autsch. Sie sehen anscheinend schon überall Fahrrad-Gespenster. Wenn Sie wirklich wissen wollen, warum in jetzt fast 1,5 Jahren Pandemie so wenig für „Schüler und Lehrer in den Schulen“ getan worden ist, sitzen die richtigen Adressaten in Landes- und Bundesregierung. Die kommunale „Ampel“ kann da höchstes noch Schadensbegrenzung betreiben.

  2. Warum ist das Dreierbündnis nicht in der Lage, mehr für die Schüler und Lehrer in den Schulen einzusetzen. Die Gesundheit und das Wohlergehen wird zu Gunsten ihrer schwachsinnigen Fahrradüolitik zurück gestellt. Idiologie vor Vernunft. So sieht die Politik es in unserer Stadt nach den Wahlen aus. Die Iddee mit den Lastenfahrrädern ist übrigens auch einen Schuss in den Ofen. Es gibt bessere und effektivere Alternativen. Es wäre ganz gut sich auch einmal in den Nachbarstädten umzuhören. Siehe Köln!!!

  3. An Kim van Keulen:
    Eine endgülte Bewertung der Studie aus Stuttgart steht noch aus.

    Die Studie besagt übrigens, dass Laumluftreiniger als Einzelmaßnahme den besten Schutz bieten. Die sind nicht mit RLT-Anlagen (Raumlufttechnischen Anlagen) zu verwechseln. RLT-Anlagen schnitten in der Tat nicht besser als Stoßlüften ab. Am besten schnitt offenbar die Kombination von Raumluftreiniger und Stoßlüften ab, wobei den Autoren der Zusatznutzen der Raumluftreiniger offenbar zu gering ist.

    Ein Schwachpunkt der Studie könnte sein, dass offenbar das Infektionsrisiko für die Basisvariante von SARS-CoV-2 bewertet wurde. Nun ist SARS-CoV-2 aber mutiert und viel ansteckender.

  4. Wenn ich den Artikel richtig verstehe, gibt es Fördergelder des Landes nur für Räume der Kategorie 2 – also solche mit eingeschränkten Lüftungsmöglichkeiten. Die Gladbacher Schulen haben solche Räume nicht, und das werte ich als sehr positiv, heißt es doch, dass alle Schulräume sich gut mit Frischluft versorgen lassen.

    Offenbar ist das Land der Ansicht, dass in Schulräumen der Kategorie 1 (mit guten Lüftungsmöglichkeiten) Lüftungsgeräte nicht erforderlich sind. Auch das ist eine gute Nachricht – unter anderem, weil diese Geräte mit ihrem Betriebsgeräusch einen konzentrierten Lehr- und Lernbetrieb erschweren.

    Zudem belegt eine aktuelle Studie aus Stuttgart, dass die Virenlast vor allem durch ordnungsgemäßes Lüften sinkt und zusätzlich getragene Masken einen sehr guten Infektionsschutz bieten. Der positive Effekt von Lüftungs- bzw. Luftfiltergeräten ist als marginal zu bezeichnen.

    Daher wäre eine Anschaffung von Hunderten von Lüftungsgeräten für die Gladbacher Schulen schlichtweg überflüssig.

  5. Mal wieder sieht man, welchen Stellenwert die Kinder und Jugendlichen in der Politik haben, keinen!
    Für ein E-Lastenfahrrad kann man eben mal das Geld zum Fenster raushauen, aber für Luftfilter?
    Leistungsstarke Mobile Luftfilter kosten nicht die Welt, aber sicherlich werden unsere Politiker solange damit warten, bis alle auf einmal die Geräte anschaffen wollen und sich dann wundern, warum keine auf dem Markt verfügbar sind.

  6. Wenn für Räume der 1. Kategorie die genannten Maßnahmen umfassend und ausreichend (diese beiden Adjektive widersprechen sich bereits in gewisser Weise) sind, warum ist mit Quarantänemaßnahmen für die gesamte Klasse beim Auftreten eines einzigen Falls zu rechnen?

  7. Großartig: Seit 1,5 Jahren leben wir in pandemischen Verhältnissen, es ist abzusehen, das Kinder und Jugendliche zum großen Teil noch längere Zeit ungeimpft bleiben, und was hat die öffentliche Hand in 1,5 Jahren bzgl. der Thematik Breitbandanschluss der Schulen, Digitalisierung der Lehrer und Schüler und verbesserte Luftreinhaltekonzepte in den Schulen gemacht? Ohne weitere Worte…