Sigrid Quest mit Natalia, Anna, Dmytro und deren Großcousin Micha. Foto: privat

Sigrid Quest hat eine ukrainische Familie aufgenommen. Seither hat sich in ihrem Alltag einiges verändert. Über eine Refrather Wohngemeinschaft der besonderen Art.

Seit zwei Wochen ist Sigrid Quests Leben nicht mehr so, wie es einmal war. Seit zwei Wochen lebt eine ukrainische Familie in ihrem Haus: Natalia und ihre Kinder Anna, 12, und Dmytro, 17 Jahre.

Dmytro kam hier schon einmal selbst zu Wort. Jetzt möchte ich wissen: Wie geht es seiner Gastmutter mit der neuen Situation?

Sigrid Quest klingt gestresst am Telefon. Es ist 16.30, sie muss noch ihre Arbeit im Homeoffice beenden und dann einiges für die Geflüchteten erledigen. „Ich komme eigentlich keinen Abend vor 11, 12 Uhr ins Bett“, erzählt sie.

Es gibt viel zu tun: Registrierung, Anmeldung bei der Stadt und bei der Schule, Impfen, Geld beantragen, Konto eröffnen – die Liste ist lang. Und sie wird immer länger: „Wenn man eine Sache erledigt hat, kommen drei neue dazu.“  

Die einzelnen Aufgaben seien an sich nicht schwierig, aber es seien viele – und alles sei neu. Die Refrather Flüchtlingshelfer:innen tauschten sich zwar untereinander aus. Doch letztendlich sei jede Familie auf einem anderen Stand, sodass man am Ende doch viel alleine herausfinden und erledigen müsse.

„Man kriegt viel zurück“

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: „Man kriegt unheimlich viel zurück.“

Als die Familie gerade erst ein paar Tage bei ihr war, hatte Sigrid Quest mir erzählt, wie schön es sei, jeden Mittag mit allen zusammen am Tisch zu sitzen und zu essen. Sie hat selbst einen 18-jährigen Sohn und eine 21-jährige Tochter. Schon lange hätten die beiden ihre eigenen Leben, gemeinsame Mahlzeiten seien die Ausnahme geworden.

Mittlerweile macht Natalia meistens das Essen für alle. Quest sieht es als Arbeitsteilung: Natalia kocht, sie erledigt die Schreibtisch-Arbeit.

Überhaupt sei die ganze Familie sehr hilfsbereit. Neulich habe sie im Garten gearbeitet. Erst kam Anna, dann Dmytro und schließlich auch Natalia dazu, und alle packten mit an. Gestern, als Quest zum Einkaufen aufbrach, schloss Dmytro sich spontan an.

Quest lacht und sagt: „Es ist schon richtig Leben hier momentan.“

WG – oder sogar Familie?

Die drei wohnen zusammen im Zimmer ihrer Tochter, die, nach den Corona-Semestern zu Hause, gerade wieder nach Karlsruhe gezogen ist. Aber die Familie dürfte das ganze Haus nutzen. Wie in einer WG. Wie lange das so funktioniert, kann Quest nicht sagen. Jahre vielleicht nicht. Aber: „Von vier bis sechs Monaten bin ich schon ausgegangen. Wo sollten sie in nächster Zeit sonst hin?“

Die Frage kam in der Refrather Helfer-Gruppe schon auf. Es hieß dann: Wer seine Familie nicht mehr beherbergen kann, müsse sie in eine Sammelunterkunft bringen. Und das wolle keiner: „Die Menschen sind einem doch ans Herz gewachsen.“

Man nimmt sich inzwischen auch schon mal in den Arm. Spielt gemeinsam mit dem Nachbarshund. Als Quest erzählt, wie sie neulich Anna helfen musste, sagt sie „meine Tochter – also meine Gasttochter“.

Immer selbstständiger

Gleichzeitig freut sie sich, dass ihre neuen Mitbewohner immer selbstständiger werden. Das war schon bei unserem ersten Gespräch ein Thema gewesen: Sie wollte Natalia nicht bemuttern, schließlich hätte sie es alleine mit ihren Kindern hierher geschafft und könne offensichtlich sehr gut Verantwortung übernehmen.

Seit Anfang der Woche gehen die Kinder nun aufs Albertus-Magnus-Gymnasium, Natalia besucht einen ehrenamtlich organisierten Sprachkurs. Sie hat sich auch schon beworben, bei einem Friseurgeschäft in der Stadt.

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Die Ukrainer:innen in der Nachbarschaft haben sich untereinander vernetzt, genau wie die Gastfamilien. Neulich, erzählt Quest, haben sie einige der Jugendlichen zusammen losgeschickt, um SIM-Karten zu besorgen. „Wir haben mit ihnen gegoogelt, wo die Handy-Shops sind und wie man dahin kommt. Die Bahnstation kannten sie schon. Hat alles geklappt.“

Nicht alle sprächen so gut Englisch wie Dmytro, aber auch die anderen lernten immer mehr Wörter. Und wo die Sprachkenntnisse nicht ausreichten, benutzten sie eine Übersetzer-App.

Noch viel zu tun

Trotzdem: Im Moment brauchen die Geflüchteten noch viel, sehr viel Hilfe. Sigrid Quest kommt immer wieder darauf zurück. Mitten im Gespräch fällt ihr ein, dass sie noch einen Anruf tätigen muss, bevor es zu spät wird.

Ihre Tochter fragt inzwischen, wenn sie abends miteinander telefonieren, ob sie mal über was anderes sprechen könnten.

Sigrid Quest lacht: „Ich will die Familie einfach schnell in die Spur kriegen, ich will ja auch selbst wieder etwas mehr Normalität haben.“ Und jede erledigte Aufgabe sei auch ein kleines Erfolgserlebnis. So viel kriege man sonst selten in seinem Leben in so kurzer Zeit geschafft.

Sie achtet aber auch darauf, zwischendurch Pausen zu machen. Denn sie weiß: Wenn die Helfer:innen ausbrennen, können sie den Geflüchteten auch keine Hilfe mehr sein.

Als wir das Telefonat um 17 Uhr beenden, will Sigrid Quest nur noch im Fitnessstudio ihres Sohnes anrufen und aufschreiben, was sie heute gelernt und erledigt hat, für die anderen Gastgeber:innen in der Gruppe. Vielleicht schafft sie es, an diesem Abend nicht erst um 11 oder 12 Uhr ins Bett zu kommen.

Laura Geyer

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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