Schild an Wäscheleine, Foto: Thomas Merkenich

Bei der angemessenen Förderung des eigenen Kindes ist Gelassenheit angesagt – aber wie ist die Lage bei Kindern, die sich verzögert oder ungewöhnlich entwickelt? Darüber haben wir mit Elisabeth Völker, Ko-Leiterin der Praxis für integrative Lerntherapie „Lernstudio Bensberg“ gesprochen. Sie erläutert, worauf man achten muss – und wo es im Fall der Fälle Hilfe gibt.

Laut Montessori-Pädagogik brauchen Kinder vor allem Raum, um sich selbst zu entfalten. Spezielle Förderung wird als nicht unbedingt nötig betrachtet. Gilt das für alle Kinder?
Elisabeth Völker: Zunächst einmal ist es für mich auch Förderung, wenn ich meinem Kind Aufmerksamkeit schenke. Wenn ich mich intensiv auf mein Kind einlasse und mich frage: Was sind seine besonderen Bedürfnisse, und was kann ich dafür tun? Eine spezielle Förderung ist dann notwendig, wenn ein Kind Auffälligkeiten in der Entwicklung zeigt.

Woher weiß man, ob das Kind Auffälligkeiten hat?
Da möchte ich mich nur vorsichtig äußern, da ich nicht in der frühen Diagnostik tätig bin. Wichtig ist es auf jeden Fall, das eigene Kindes gut zu beobachten. Hat es im Vergleich zu anderen in seinem Alter eine erhöhte Ängstlichkeit, auf Spielgeräte zu klettern? Ist das vielleicht einfach seine Art, erstmal abzuwarten und zu gucken, oder ist das schon eine Auffälligkeit?

Wenn das Kind Laute nicht richtig nachspricht, kann das ein Zeichen sein, dass mit den Ohren etwas nicht stimmt. Hört man Wörter nicht richtig, kann man sie nicht richtig aussprechen – und später auch nicht richtig aufschreiben.

Elisabeth Völker leitet mit Hanna Gjakonovski das „Lernstudio Bensberg“. Foto: Thomas Merkenich

Worauf kann ich besonders achten?
Wenn ein Kind im Vorschulalter noch kein Rhythmusgefühl hat, nicht klatschen kann, Reime nicht erkennt, dann kann das auf spätere Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hindeuten. Deshalb: Viel Singen, Klatschen und Reime sprechen ist für alle Kinder wichtig!

Wenn ein Kind als Baby sehr viel schreit, kann das ein Hinweis auf ADS sein, also Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Das ist vererblich, man sollte sich dann fragen: Hat vielleicht einer von uns Eltern ein Aufmerksamkeitsproblem? Wenn man das so früh feststellt, kann man zum Beispiel in die Schreibaby-Sprechstunde am Frühförderzentrum der Caritas gehen und sich damit sehr viel Sorge ersparen.

Es ist als Eltern schwierig, einen gesunden Mittelweg zu finden, nicht gleich großen Alarm zu schlagen, aber auch nichts zu verpassen. Wenn ich allerdings weiß, dass ich selbst ein Problem wie ADS oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche habe, sollte ich als Elternteil doppelt aufpassen.

Mehr zum thema

„Eltern: Entspannt euch!“

Junge Eltern stehen heute unter einem großen Druck, in der Erziehung alles „richtig“ zu machen. Montessori-Pädagogin Maria Kley-Auerswald rät dazu, sich zu entspannen: Wichtiger als etliche Förderangebote sei es, mit dem Kind Zeit zu verbringen, ihm die Möglichkeit zu geben, sich auszuprobieren und seine Interessen zu entwickeln. Hier gibt sie einige Tipps.

Was macht man, wenn man glaubt, dass das Kind eine Auffälligkeit haben könnte?
Ein guter Kinderarzt kennt die Entwicklungsschritte und hat Vergleichsmöglichkeiten. Bei den Erziehungsberatungsstellen gibt es offene Sprechstunden mit Psychologen, die darauf spezialisiert sind. Eine sehr gute Anlaufstelle ist auch hier das Frühförderzentrum der Caritas.

Wenn sich der Verdacht bestätigt: Wo gibt es frühe Fördermöglichkeiten?
Noch einmal, beim Frühförderzentrum der Caritas. Bei Ergotherapeuten oder Logopäden – wobei es hier leider lange Wartezeiten gibt. Über Bergisch Gladbach hinaus bei der Stiftung Gute Hand in Kürten-Biesfeld und beim Sozialpädiatrischen Zentrum der Uniklinik Köln. Wir im Lernstudio Bensberg bieten Förderung ab dem Vorschulalter.

Was können Kitas zur Unterstützung anbieten?
Laut Studien hat der Stand der sogenannten Vorläuferfertigkeiten im Vorschulalter – also zum Beispiel Sprachverständnis und -produktion, Zählen, Handgeschicklichkeit – einen stärkeren Effekt auf den Erfolg in der Schule als die Intelligenz eines Kindes. Wenn in den Kitas allgemeine Screenings gemacht und flächendeckend frühe Förderung eingesetzt würde, gäbe es vermutlich weniger Kinder mit Problemen beim Lesen, Schreiben und Rechnen.

image_pdfPDFimage_printDrucken

Laura Geyer

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.