Kristina Menninghaus ist Therapeutin für Kinder und Jugendliche. Foto: Thomas Merkenich

Ein falsches Kleidungsstück, und der Nachwuchs geht an die Decke: Klein- und Kindergartenkinder sind für ihre Wutanfälle berüchtigt. Die Kinder- und Jugendlichentherapeutin Kristina Menninghaus sagt: Das ist nicht nur ganz normal – sondern sogar sehr wichtig für die Entwicklung der Autonomie des Kindes. Warum es für viele Eltern so schwierig ist damit umzugehen, und wie sie es schaffen können, der Wut positiv zu begegnen.

Kinder im Kleinkind- und Kindergartenalter befinden sich in einer stetigen Entwicklung. Ab dem zweiten Lebensjahr steht dabei vor allem die Entwicklung der Autonomie im Vordergrund.

Das Kleinkind lernt, neben sprechen und laufen, dass es ein eigenständiges Wesen ist – und dass die eigenen Bedürfnisse und Wünsche von denen seiner Bezugspersonen abweichen können. Wutanfälle gehören zu dieser Zeit dazu. Sie sind sogar wichtig für die Entwicklung der Autonomie.

Diese Zeit wird daher immer öfter wertschätzend als „Autonomiephase“ bezeichnet anstatt als „Trotzphase“. Sie beginnt mit knapp eineinhalb Jahren und flaut mit etwa fünf Jahren deutlich ab.

Autonomie und Selbstbestimmung…

Ein Beispiel, das viele Eltern kennen dürften: Das Kleinkind möchte, mitten im Winter, Sandalen anziehen und wird wütend, wenn es das nicht darf.

Zunächst einmal: Es ist wichtig und gut, dass das (Klein)kind sich selbst anziehen möchte und dies lernt, und es ist ebenso wichtig und wunderbar, dass es eine eigene Vorstellung davon entwickelt, was es anziehen möchte, was ihm gefällt und was nicht.

Das alles hilft dem kleinen Wesen, zu einem selbstbewussten, selbstbestimmten Individuum heranzureifen. Es kann jedoch oft noch keine „realistische“ Einschätzung finden und möchte eben im Winter Sandalen tragen oder ohne Jacke nach draußen gehen.

Genau an diesem Punkt entwickeln sich Interessenkonflikte mit den Bezugspersonen – und das Kind bekommt einen Wutanfall. Es kann kognitiv nicht verstehen, warum es im Winter keine Sandalen anziehen darf und fühlt sich in seinem Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung nicht verstanden.

…versus Zeitdruck und Scham

Die Bezugspersonen sind vielleicht unter Zeitdruck und reagieren genervt, dass das Kind „schon wieder seinen Willen durchsetzen“ möchte. Vielleicht ist es ihnen auch unangenehm, wenn der Wutanfall in der Öffentlichkeit passiert. Sie fühlen sich inkompetent und beschämt, weil sie das Kind „nicht im Griff“ haben.

Es kann helfen, sich in dieser Situation immer wieder vor Augen zu führen, dass das kleine Kind noch keine realistische Vorstellung haben kann und dass der Wutanfall Ausdruck der inneren Not ist, die das Kind in dem Moment wirklich erlebt.

Durfte ich als Kind wütend sein?

Sobald wieder Ruhe eingekehrt ist, sollten Eltern die eigenen Gefühle reflektieren, die der Wutanfall in ihnen auslöst. Warum sind sie genervt oder beschämt? Was hat das mit eigenen Kindheitserfahrungen zu tun? Durften sie als Kind wütend sein? Oder wie wurde mit ihrer kindlichen Wut umgegangen? Durften sie als Kleinkind schon eigene Entscheidungen treffen?

Diese Fragen zu klären ist sehr wichtig, da eine partizipatorische Erziehung noch nicht allzu lange praktiziert wird, und auch der offene und anerkennende Umgang mit sogenannten „negativen“ Gefühlen nicht in jeder Kindheit gelebt werden konnte.

Wenn diese Fragen geklärt sind, gelingt es den Eltern oft, gelassener mit der Wut des Kindes umzugehen, sie auszuhalten und anzuerkennen und dann vielleicht sogar im gemeinsamen Gespräch (unter Berücksichtigung der kognitiven Fähigkeiten des kleinen Kindes) eine Lösung zu finden.

Mögliche Lösungen

Im genannten Beispiel könnte das bedeuten, zunächst einmal anzuerkennen, dass das Kind eine eigene Vorstellung von dem hat, was es tragen möchte.

Bei einem zwei- bis dreijährigen Kind ist es schwierig zu erklären, dass es im Winter zu kalt für Sandalen ist. Aber man kann einen Kompromiss aushandeln: Das Kind darf die Sandalen am Nachmittag in der Wohnung tragen, zieht dafür aber draußen die warmen Schuhe an, genau wie die Bezugsperson.

Einem vier- bis fünfjährigen Kind kann man schon versuchen zu erklären, dass es draußen zu kalt für Sandalen ist. Oder man kann es kurz auf den Balkon schicken, um selbst die Temperatur zu fühlen.

Mittlerweile gibt es auch viele wunderbare Kinderbücher zur trotzigen Wut, die den Kindern und ihren Bezugspersonen wichtige Begleiter durch diese Phase werden können.

Wut ist ein wichtiges Gefühl auf dem Weg zur Autonomie eines Kindes. Es lohnt sich, ihre positive Kraft zu erkennen und zu benennen.


Hintergrund zur kindlichen Entwicklung:

Klein- und Kindergartenkinder haben in regelmäßigen Abständen Entwicklungsschübe und gewinnen dabei neue Fähigkeiten und Fertigkeiten hinzu. Das menschliche Gehirn und die Verbindungen der unterschiedlichen Teile des Gehirns (z.B. der emotionale und der kognitive Bereich) sind erst im frühen Erwachsenenalter vollständig entwickelt.

Ab dem zweiten Lebensjahr steht, wie oben beschrieben, die Autonomieentwicklung des Kleinkindes im Vordergrund.

Nachdem das Kind gelernt hat, dass es ein eigenständiges, von der Bezugsperson getrenntes Wesen mit eigenen Bedürfnisse und Wünsche ist (zweites bis drittes Lebensjahr), beginnt es im Verlauf des dritten bis vierten Lebensjahres von sich als „ich“ zu sprechen.

Außerdem lernt es, kleine Geschichten zu erzählen, das „erzählende“ Selbst entsteht.

In diese Entwicklung ist das Entstehen und Benennen von Gefühlen eingebettet. Einige Gefühle sind angeboren (Freude, Trauer, Wut, Furcht, Ekel). Der Säuglingsforscher Martin Dornes bezeichnet Freude, Interesse-Neugier, Überraschung, Ekel, Ärger, Traurigkeit, Furcht, Scham und Schuld als Basisemotionen (Grundgefühle), die sich im Laufe des Lebens weiter ausdifferenzieren.

Ich bin Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, psychoanalytisch und tiefenpsychologisch fundiert, im ersten Beruf bin ich Diplom-Kunsttherapeutin. Ich arbeite mit Säuglingen, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien im Alter von null bis 21 Jahren, habe eine Weiterbildung als Säuglings-, Kleinkind-,...

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